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"Das Bootshaus" von Patrick McGinley

Das Bootshaus | script5, 2009 | 978-3-8390-0113-4 | 212 Seiten | Deutsch

Alma verbringt ihren Urlaub auf dem Land, sie will ausspannen, abschalten, vergessen. Doch was als märchenhafter Sommer beginnt, entwickelt sich zu einem beklemmenden Albtraum. Eines Nachts wird Alma an das Bootshaus am nahe gelegenen See gelockt – ein unheimlicher Ort, an dem vergangenes Jahr eine junge Frau tot aufgefunden wurde. Alma will fliehen, doch die Tür zum Bootshaus ist verriegelt. Und da taucht sie aus dem dunklen Wasser auf: die Leiche der Verstorbenen. Bleich und hohläugig kommt sie auf Alma zu und drückt ihr einen kalten Kuss auf die Lippen. Als Alma aus ihrer Ohnmacht erwacht, spürt sie eine Veränderung. Etwas hat von ihr Besitz ergriffen. Der Geist der Verstorbenen, der nach Rache verlangt ... (x)

MEINE GEDANKEN

„Das Bootshaus“, das Jugendbuchdebüt des irisch-deutschen Autors Patrick McGinley, ist vor sage und schreibe sieben Jahren erschienen und genauso lange habe ich auch überlegt, ob ich mir das Buch kaufen will oder nicht. Vor sieben Jahren gehörte ich noch ganz klar zur vom Verlag angesetzten Zielgruppe (Jugendliche ab 16), heute nicht mehr, doch trotzdem habe ich jetzt erst zugegriffen. Ich wünschte ich könnte auch aus vollem Herzen sagen, es hätte sich gelohnt, doch eine Empfehlung kann ich leider nur eingeschränkt aussprechen. „Das Bootshaus“ ist nicht schlecht. So ganz allgemein hat es mir gefallen. So ganz allgemein hat es mich aber leider auch kalt gelassen. Begonnen hat der nur 212 Seiten schwache Roman sogar sehr vielversprechend: Die achtzehnjährige Alma fährt nach dem Tod ihres kleinen Bruders und der Scheidung ihrer Eltern mit ihrer Mutter auf einen Bauernhof in Bayern in den Urlaub. Sie ist Schwimmerin und verbringt ihre Tage am hiesigen Weiher – in dem vor einem Jahr auf rätselhafte Weise eine junge Frau ertrunken ist.

SCHRECK KOMM RAUS?

Ich mag klassische Gruselgeschichten sehr gern und „Das Bootshaus“ schien mir eine solche zu sein. Oder eher: Sein zu wollen? Ein rachsüchtiger Geist, ein zerfallenes Bootshaus und ein abgeschiedenes Dorf in Bayern sind eigentlich wunderbare Zutaten für einen schönen Gruselabend im Sommer. Dann natürlich die Einschätzung der Zielgruppe auf der Verlagsseite von Script5: „Horror der Extraklasse! Der Mystery-Thriller von Patrick McGinley bietet Lesern ab 16 Jahren schaurige Unterhaltung und unheimlichen Nervenkitzel.“ Horror, das klingt gut. Ab 16? Dann muss es ja wirklich gruselig sein. Ja, dachte ich. Ich bin eigentlich zart besaitet. Ich lese gern Grusel und Horror, aber ich vertrage das Genre gar nicht mal so gut. Nach Juno Dawsons „Sag nie ihren Namen“ konnte ich nicht schlafen. Bei „Long Lankin“ von Lindsey Barraclough musste ich alle paar Seiten nachschauen, ob der titelgebende Gruselkerl nicht vielleicht in meinem Schlafzimmer steht.

Ich grusele mich gern und schnell. „Das Bootshaus“ bietet auch tatsächlich einige nette Schauermomente, aber dazwischen leider keinen richtigen Grusel. Der Roman beginnt überzeugend: Alma und ihre Mutter kommen auf dem Bauernhof an. Im Weiher hat Alma ein erstes unheimliches Erlebnis: Ihr kleiner Bruder, der vor einem Jahr bei einem Autounfall gestorben ist, ruft aus den Fluten zu ihr. Man schaudert, man will mehr – aber mehr kommt dann leider nicht, der Grusel steigert sich nicht. Den Höhepunkt der Unheimlichkeit erreicht der Roman dann auch knapp um die 30-Prozent-Marke, als die Wasserleiche aus dem Weiher steigt, wie im Klappentext auch schon erwähnt. Und das ist so schade. Ab diesem Augenblick will „Das Bootshaus“ dann viel mehr Jugendbuchthriller sein. Alma investigiert den Todesfall vor einem Jahr, befragt hier Leute, sucht dort nach Spuren. Ein paar tolle Ansätze sind da: Rumänische Märchen, gruselige Käfer, die gesamte Figur des Gabor, der im Wald nach Insekten sucht, der merkwürdige Förster Brasse. Sie treten aber zugunsten von langen Jugendbuchszenen in den Hintergrund.

Unter „Extraklassehorror ab 16“ habe ich mir nicht unbedingt Flirtszenen zwischen Alma und Bauernsohn Peter vorgestellt. Versteht mich nicht falsch, das waren tolle Szenen. Peter ist sympathisch und lustig, Alma ist eine selbstbewusste, schroffe Heldin. Das hat mir schon gefallen. Auf nur knapp 200 Seiten war es aber zu viel des Guten und zu wenig des Gruseligen. Gegen Ende kehrt der Roman zu seinen Wurzeln zurück und möchte wieder Horror sein, aber die Mischung geht einfach nicht auf und ich suche den Schuldigen hier einerseits in der geringen Seitenzahl. 200 Seiten mehr „Bootshaus“, das wäre was gewesen. Man hätte hier so viel machen können, so viel besser ausarbeiten, wenn man sich mehr Raum genommen hätte. Die Thriller- und Jugendbuchelemente hätten dann auch gar nicht mehr fehl am Platz gewirkt, sondern mir sicherlich noch viel besser gefallen. Das ist hier aber leider nicht das einzige Problem.

KLISCHEEFALLE UND ENTTÄUSCHUNG AM ENDE

Patrick McGinley verlässt sich leider sehr viel auf gängige Horror- und Gruselklischees – die man aber eben schon kennt. Ich hatte meinen Verdacht, seit die Wasserleiche zum ersten Mal aufgetaucht ist und ich dachte die ganze Zeit: „Das ist viel zu einfach, das kann es nicht sein, das ist in jedem zweiten Thriller so.“ Es war dann aber doch so und das war enttäuschend. Ich habe immer darauf gewartet, dass der große Twist kommt, dass es am Ende ganz anders und spannend und unvorhersehbar ist, aber das ist nicht passiert. Es kam wirklich die 0815-Enthüllung und mit ihr kam die große Enttäuschung. Leider setzt „Das Bootshaus“ noch eins drauf und enttäuschte mich mit dem ebenfalls Horrorklischeeende gleich nochmal. Ich verrate natürlich nicht, was am Ende passiert, aber ich sage so viel: Viele Horrorromane enden ähnlich. Man kann das ganz gut umsetzen, es gehört zum Genre ja auch irgendwie dazu. Bei „Das Bootshaus“ aber wirkt es ein wenig hinterher geschoben, wie ein nachträglicher Gedanke. Ich kann leider aufgrund von Spoilern nicht erklären, was genau ich meine, doch ich kann sagen, dass ich es nicht überzeugend fand, nach den Ereignissen im Roman sogar unlogisch und nicht glaubwürdig. Und das finde ich schade. Es hatte doch so gut angefangen.

Während die erste Hälfte durchaus zu überzeugen weiß, wirkt die zweite Hälfte ungar, geht mal in diese, dann in die andere Richtung und eiert ein bisschen herum. Auf 200 Seiten wirkt es, als würde „Das Bootshaus“ verschiedene Genres anprobieren und sich nie richtig entscheiden können. Zu Anfang ein bisschen Gruselmystery, dann Jugendthriller, dann Horror, ohne, dass sich die Genres wirklich vermischen dürfen oder richtig miteinander agieren. Am allerbesten hat mir dabei dann tatsächlich Almas Umgang mit dem Tod ihres kleinen Bruders Roberto gefallen. Sehr einfühlsam und realistisch beschreibt Patrick McGinley Almas Trauer aber auch den Prozess der Heilung. Überhaupt wartet er mit tollen, interessanten Figuren wie Alma, Peter und auch Gabor auf, über die ich gern mehr erfahren hätte, als auf 200 Seiten möglich war. So bleibt man mit vielen nur halb aufgeklärten Handlungsfäden zurück, besonders zu den Hintergründen der einzelnen Figuren bleibt viel auf der Strecke. Doch auch die rumänische Märchenwelt, die angeschnitten wird, hätte noch viel mehr hergeben können. So bekommt man zwar das „So ist das halt“ geliefert, aber selten das „Deshalb ist das so.“ Und deshalb bleibt "Das Bootshaus" am Ende leider ein durchschnittliches Leseerlebnis. 

„Das Bootshaus“ ist ein durchaus lesenswerter, aber mit rund 200 Seiten viel zu kurzer Jugendthriller, der hier und da Abstecher in Horror und Grusel macht, aber nirgendwo so richtig in die Tiefe geht. Die schön erzählte Geschichte, die sich besonders durch die tollen Figuren auszeichnet, ist spannend und lässt einen Seite um Seite lesen, enttäuscht aber im Großen und Ganzen durch alte Horrorklischees, 0815-Enthüllungen und das Fehlen von interessanten und originellen Twists. Da wäre mehr gegangen, denn die unheimlichen Glühwürmchen, die Hintergrundgeschichten der Figuren und die rumänische Märchenwelt verbergen interessante Geschichten, die jedoch leider nur angeschnitten werden. Am Ende hätten dem Roman ein paar mehr Seiten sicherlich gut getan. So bleibe ich leider enttäuscht zurück. „Das Bootshaus“ ist ein netter Mysterythriller für Leser ab 14 oder 15, die noch kaum etwas Vergleichbares gelesen haben. Für Fans von Horrorromanen hält er leider nichts Neues parat. Ich bin um „Das Bootshaus“ sieben Jahre lang immer mal wieder herumgeschlichen und jetzt ist mein Endfazit „Ja, kann man lesen“. Aber mehr nicht. Leider. Von mir gibt es daher 2.5 Tassen für okaye Horrorunterhaltung für Jugendliche, die sehr viel mehr hätte sein können.

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