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"Chaoskuss" von Teresa Sporrer

Chaoskuss | Die Chaos-Reihe #1 | Impress, 2016 | 978-3-646-60253-1 | 310 Seiten | Deutsch | eBook

Das Leben der 17-jährigen May wäre so viel einfacher, wenn sie sich nur mit den typischen Teenie-Problemen herumschlagen müsste. Doch May ist nicht wie die anderen – sie ist eine Hexe. Und trotzdem muss sie an ihrer Schule das normale Mädchen spielen. Immerhin ist sie nicht das einzige übernatürliche Wesen dort, weshalb es neben dem alltäglichen Highschoolwahnsinn auch Stress mit nervigen Vampiren, streitlustigen Walküren oder unzufriedenen Dämonen gibt. Aber dann lädt Noah – ein Mensch! – sie auf eine Halloweenparty ein und plötzlich scheint doch ein bisschen Normalität in Mays Leben einzukehren. Aber nicht für lange… (x)

MEINE GEDANKEN

„Chaoskuss“ ist mein erster Roman von Teresa Sporrer, die bereits mit ihrer „Rockstar“-Reihe Erfolge feiern konnte. Da das Thema der „Rockstar“-Bücher mich jedoch nicht so sehr anspricht, habe ich erst über ihre neue Fantasyreihe zur Autorin gefunden – und bleibe leider mit gemischten Gefühlen zurück. Die Prämisse, mit der „Chaoskuss“ aufwartet, gefällt mir wirklich gut: Ein Hexenklan sorgt in einer verschlafenen neuenglischen Kleinstadt dafür, dass den dort lebenden übernatürlichen Wesen nichts geschieht. Dann aber geschieht ein Mord und May, die siebzehnjährige Protagonistin, sieht sich plötzlich allerlei Veränderungen und Gefahren gegenüber gestellt. Eigentlich ist „Chaoskuss“ ein typisches Buch aus dem Impressverlag: Fantasievoll, gut zu lesen, unterhaltsam. Aber leider gab es einige Punkte, die mir den Spaß verdorben haben.

„Chaoskuss“ hat sehr viel Potential, das jedoch leider oft ungenutzt bleibt. Das Setting zum Beispiel hätte so atmosphärisch daherkommen können: Die kleine, düstere Stadt in Neuengland ist immer ein gutes Setting für Fantasy, doch leider lässt Teresa Sporrer die Chancen hier großteils ungenutzt, die Geschichte könnte eigentlich überall spielen, was ich schade finde, da Hexen und Neuengland schließlich irgendwie zusammengehören und das Setting deshalb wirklich gut gewählt war. Ein paar mehr Beschreibungen wären hier wirklich angebracht gewesen. Vom Setting gibt es allerdings so gut wie gar keine Beschreibungen, alles bleibt sehr vage und undeutlich, man kann es sich kaum vorstellen. Dafür wird aber fast jedes Outfit, das May anzieht im Detail wiedergegeben, was mir leider sehr schnell auf die Nerven gegangen ist. Ich finde es gut, wenn man einen Überblick über den Geschmack der Hauptfigur bekommt, aber ich muss nicht jedes Mal wissen, welche Schuhe May zu welchem T-Shirt anzieht.

ANDERS ALS DIE ANDEREN?

May als Ich-Erzählerin ist sowieso ein Fall für sich. Sie war mir im Großen und Ganzen sympathisch. Ihre Erzählstimme ist lustig, ich habe mehrmals lachen müssen und man kann ihre Handlungen und Gedanken oft gut nachvollziehen. Allerdings ging sie mir viel zu viel auf die „Anders als die anderen Mädchen“-Schiene, was ich besonders schade fand, weil sie eigentlich gar nicht so anders ist. Sie mag 90er-Jahre-Style, Grunge, Nirvana und Alternative und das wird so dargestellt, als wäre es etwas total Außergewöhnliches zwischen den ganzen anderen Mädchen in Pink und kurzen Röcken. Das fand ich ehrlich gesagt fast ein bisschen peinlich: Es ist 2016 und die Klischees aus den frühen 2000ern funktionieren einfach nicht mehr. Besonders, weil der Grungestil aus den 1990er Jahren im Moment total in ist. Es läuft doch gerade jeder in karierten Hemden und zerrissenen Jeans rum – May rennt also eigentlich nur dem momentanen Trend hinterher, die Autorin versucht es aber so aussehen zu lassen, als wäre sie vollkommen individuell und originell.

Dass es überhaupt wieder eine abgrundtief böse, arrogante Schulzicke geben muss war auch nur noch zum Augenrollen. Besonders, weil ich persönlich mit Larissa einfach nur Mitleid hatte. Ihr geschehen im Roman mehrmals furchtbare Dinge und May findet durchgängig, dass Larissa das alles verdient hat, weil sie so gemein ist – als May aber die Sachen aufzählt, die Larissa ihr angetan hat, da wurde ich das Gefühl nicht los, dass sie maßlos übertreibt. Larissa hat zum Beispiel mal das Gerücht verbreitet, May hätte Sex gehabt. Und ich denke mir nur so: Na und? Das ist kindisch von Larissa, aber wer findet so ein Gerücht unter 17-jährigen den heute noch schlimm? Die anderen zucken doch nur müde mit den Achseln. Als Rache hext May Larissa Lippenherpes, was ich sehr viel schlimmer finde, als ein blödes Gerücht zu verbreiten. May stellt Larissa durchgängig als absolut verachtenswert dar und während Larissa tatsächlich arrogant und ichbezogen wirkt, ist sie keinesfalls so schlimm, wie May behauptet – ich fand May selbst leider sehr viel schlimmer und arroganter mit ihrer „Ich bin anders und viel besser als die anderen Mädchen“ Tour.

KULTUR UND KITSCH

Dass May und ihre beste Freundin Vivienne nicht weiß sind, fand ich hingegen sehr schön. Es gibt meiner Meinung nach viel zu wenige Jugendbücher mit Heldinnen, die aus anderen Kulturkreisen stammen oder andere Hautfarben haben. May stammt aus einer ägyptischen Familie und ihre Freundin Vivienne ist schwarz. Darüber hinaus gibt es natürlich durch Mays und Viviennes große Familien noch viele andere wichtige nichtweiße Figuren im Roman, was ich sehr schön fand. Allerdings hat mir die Darstellung der Mädchen und ihrer Kulturen nur in Ansätzen gefallen, da sie oft dazu benutzt werden, um die Mädchen als besonders und anders darzustellen und auch nur eine Rolle spielen, weil beide Mädchen Hexen sind und deshalb natürlich aus „mystischen“ Kulturen stammen müssen: Ägypten mit seiner komplexen Mythologie und New Orleans, dem übernatürlichen Zentrum der USA (denkt an Voodoo, düstere Sümpfe und dergleichen). Das fand ich sehr einseitig und leider auch wieder sehr stereotyp dargestellt.

Es wird zwar viel auf die mystischen, rätselhaften Seiten der Kulturen eingegangen, aber darüber, was es wirklich bedeutet, in den USA schwarz oder arabischstämmig zu sein, erfährt man kaum etwas. Gerade im Moment, wo gegen diese beiden Gruppen in den USA so viel Diskriminierung und Vorurteile kursieren, hätte ich es gut gefunden, wenn die Kulturen nicht einfach nur als mythischer Hintergrund benutzt würden, sondern man auch ein bisschen darüber erfahren würde, was die Kulturen sonst noch ausmacht. So wirkt es leider sehr klischeehaft und kitschig, wie aus alten Hollywoodfilmen. Jedes Klischee wird bedient. Vivienne zaubert mit Voodoopuppen herum und hat eine Schlange als Haustier, Mays Familie glaubt an die ägyptischen Götter. Natürlich sind das, besonders bei Vivienne, Aspekte der echten Kultur, aus der die Mädchen stammen, mir hätte es nur sehr viel besser gefallen, ein differenziertes Bild davon zu bekommen und nicht die (oft auch schädlichen) Klischees, die Hollywood eh schon am laufenden Band bedient.

Der Eindruck, dass Mays ägyptische Abstammung für die Autorin etwas Rätselhaftes ist, das May besonders macht, verschärft sich leider dadurch, dass May auf fast jeder Seite wiederholt, dass sie ägyptischer Abstammung ist. Das wirkt sehr oft einfach total unpassend. Dass May sich dann an Halloween als „Ägypterin“ verkleidet, ist auch so eine Sache, wo ich wieder einmal die Augen verdrehen musste. Eine Kultur ist doch kein Kostüm, besonders für jemanden wie May, die ja wirklich Ägypterin ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Teresa Sporrer sich an Halloween auch nicht als Österreicherin mit Dirndl und Strudel in der Hand verkleiden würde. Also wieso verkleidet May sich als ägyptische Klischeeschönheit? Die Darstellung von Mays Abstammung war mir einfach viel zu klischeebelastet, kitschig und auf die mythischen, romantischen Aspekte reduziert. Über ihre eigentliche Kultur oder auch die von Vivienne erfährt man sehr wenig, viel mehr liefert die Autorin nur alte Klischees, die man schon in tausenden anderen Romanen davor gelesen hat.

MEHR IST NICHT IMMER BESSER

Leider bleibt der Roman auch handwerklich unterdurchschnittlich. Der Schreibstil ist oft hölzern. Mal spricht May, wie man sich das von einem Mädchen in ihrem Alter vorstellt, mal klingt sie aber plötzlich mindestens vierzig Jahre alt, benutzt im gleichen Satz komplizierte Satzstellungen und Jugendsprache, was einfach nicht zusammen passen will. Was mich sehr gestört hat, war die Flut von Informationen, die einfach plump und trocken in den Text gehämmert wurde. Auf fast jeder Seite gibt es absatzweise Informationen dazu, wie diese Welt funktioniert, wie Mays Familie ist, wie ihre Hexenkräfte und die übernatürlichen Kräfte ihrer Freunde funktionieren und so weiter und so fort. Anstatt solche Informationen flüssig in die Narrative einzufügen, werden sie einfach runter erzählt, was mal in Ordnung ist, aber doch nicht so oft. Ganz besonders, weil sich vieles auch wiederholt und mehrmals erzählt wird.

Ein weiterer großer Störfaktor war für mich, dass sich die „Romanze“ zwischen May und ihrem Auserwählten einfach nicht entwickelt. Zuerst hasst sie ihn abgrundtief, dann, als er Interesse an ihr zu zeigen scheint, entscheidet sie sich plötzlich anders, drei Seiten später ist sie verliebt. So funktioniert das doch nicht. Wo ist die Entwicklung dieser Romanze? Wieso bekommt May nicht genug Zeit, realitätsnah Gefühle für den Jungen zu entwickeln, das Buch ist doch lang genug? Was mich aber am Ende wirklich am allermeisten gestört hat war, wie vorhersehbar „Chaoskuss“ ist. Ich habe sofort gewusst, wer der mysteriöse Fremde ist, der bei May zuhause auftaucht. Nicht, weil ich so toll und schlau bin, sondern, weil May und ihre Mutter so viele Hinweise fallen lassen, dass man selbst zusammenzählen kann, wer der Fremde ist, wenn man das Buch im Schlaf liest. Das ist kein Wink mit dem Zaunpfahl mehr, da wird einem der Zaunpfahl mit leuchtend roter Aufschrift direkt vor die Stirn geknallt. Es bringt doch nichts, wenn man als Autor Hinweise streut und versucht ein Rätsel aufzubauen, wenn man im nächsten Moment praktisch verrät, was Sache ist – nur May selbst merkt es natürlich erst dutzende Seiten später. Ich fand das auch schade, weil das Rätsel an sich eine wirklich gute Idee war, man aber dadurch einfach sofort wusste, was die Lösung war.

Außerdem wird einfach so viel zusammengeworfen, dass man gar nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht. Hexen, ein Sukkubus, Vampire, Geister, Banshees und Zombies spielen eine Rolle, dann kommen ägyptische Götter hinzu, die Hexenprozesse von Salem und Voodoopriesterinnen aus New Orleans. Wenn dann jemand anfängt von Atlantis zu schwärmen, was mit keinem dieser sowieso schon komplexen Themen zu tun hat, ist es auch nicht mehr verwunderlich, wenn für die Behandlung all dieser Themen nur Zeit und Platz für gängige Klischees ohne Tiefgang bleibt. Als dann der Sukkubus auch noch seine sob story über Sex mit Jack the Ripper in London 1888 erzählt, wurde es mir langsam aber sicher zu viel. Weniger ist manchmal einfach wirklich mehr und mir hätte es sehr viel besser gefallen, wenn Teresa Sporrer sich auf ihre Hexen und die ägyptische Komponente konzentriert und das dafür ausführlich und interessant gestaltet hätte, als ein dutzend Themen vorzustellen, die dann alle nur als billige Klischees aufgearbeitet werden.

Leider muss ich deshalb sagen, dass „Chaoskuss“ ein sehr durchschnittliches Leseerlebnis war. Die Autorin hatte viele tolle Ideen, die auch durchaus Potential gehabt hätten, nutzt dieses aber viel zu selten. Fremde Kulturen, Folklore, magische Wesen und dergleichen werden immer nur angeschnitten und es werden die Klischees serviert, die jeder schon aus dem Kino kennt, anstatt etwas wirklich Neues zu entwickeln. Die Geschichte ist schwammig und durch zu viele Informationen und zu viel Nebensächliches verwässert, Gefühle haben keinen Raum sich zu entwickeln und der Schreibstil ist oft hölzern und inkonsistent. Generell kann man mit „Chaoskuss“ eine Menge Spaß haben, das Problem ist nur, dass es sich liest, wie einer der tausend anderen paranormalen Jugendromane, die zwischen 2000 und 2010 erschienen sind. Der Roman wirkt altmodisch und unoriginell und hätte dies auch schon 2010 getan, da ist es nicht hilfreich, dass er sechs Jahre jünger ist. Unterhaltsam? Ja. Originell? Nicht wirklich. Da helfen auch keine ägyptischen Götter, Hexen, Geister, Sukkubi oder Vampire mehr. Von mir gibt es daher drei Tassen für durchaus solide Unterhaltung, die aber einfach nichts Neues bereithält.

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