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"Der geheime Zirkel: Gemmas Visionen" von Libba Bray

Gemmas Visionen | Der geheime Zirkel #1 | dtv, 2016 | 978-3-423-71683-3 | 480 Seiten | Deutsch | Amerikanische OA: A Great and Terrible Beauty, 2003

England,1895: Die 16-jährige Gemma wird auf einem Internat für höhere Töchter, der ›Spence-Akademie‹, zur heiratsfähigen jungen Dame erzogen. Hier sollen ihr die Aufsässigkeit und sonstiges unziemliches Betragen ausgetrieben werden. Gemeinsam mit drei anderen Mädchen gründet Gemma, den strengen Regeln der Akademie zum Trotz, einen geheimen Zirkel. Das neu entstandene Kleeblatt Felicity, Pippa, Gemma und Ann trifft sich heimlich nachts, um dem Schulalltag zu entkommen, verbotenen Alkohol zu probieren und über Übersinnliches zu spekulieren. Dann entdeckt Gemma das Tagebuch eines Mädchens, das 20 Jahre zuvor auch Schülerin von Spence war...

MEINE GEDANKEN

Das Problem mit „Gemmas Visionen“ liegt nicht an der Geschichte selbst, sondern am gesamten Drumherum. Ich kann euch gleich von Anfang an sagen, dass mir der Roman nicht besonders gut gefallen hat und das wohl großteils damit zusammenhängt, dass er in einer Epoche spielt, über die ich sehr viel weiß. Ich habe öfter Probleme mit Romanen, die in England um 1900 angesiedelt sind, einfach, weil mir historische Fehler sehr viel eher auffallen, als anderen. Wenn ein Buch gut ist, dann sehe ich darüber einfach hinweg. Wenn es kleine Fehler sind sowieso, denn diese lassen sich einfach nicht vermeiden. Aber „Gemmas Visionen“ war von Anfang bis Ende so unrund, dass ich Probleme damit hatte, das auszublenden.

EINE VIKTORIANERIN BETREIBT GENDERSTUDIEN

Gemma ist eine Feministin, wie sie im Buche steht, was ich natürlich eigentlich begrüße. Allerdings ist sie außerdem im Jahr 1895 sechzehn Jahre alt und nicht 1995, was man vielleicht annehmen könnte, wenn man liest, wie sie über Frauenrechte spricht. Gemma findet ihre gesamte Gesellschaft albern und bemitleidenswert. Das Internat für junge Damen, auf das sie geschickt wird, ist doof, die strenge viktorianische Moral ist doof und, dass Mädchen nicht alles dürfen, was Männer dürfen, ist überhaupt total doof. Was mir daran nicht gefällt ist, dass Gemma sich für mich wie jemand las, der nicht im neunzehnten Jahrhundert geboren ist, sondern wie jemand, der in unserer modernen Zeit lebt und mit Schrecken auf die 1890er zurückblickt. 

Der Autorin ist es ganz eindeutig einfach nicht gelungen, ihre sicherlich ausschweifende Recherche, ihr Wissen aus Fachbüchern und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen zum Thema Frausein im viktorianischen England, in eine glaubhafte historische Erzählung umzuwandeln. Gemma klingt wie eine junge Frau, die sich im Geschichtsunterricht ereifert, wie schrecklich doch das Leben für Frauen vor hundert Jahren war. Und das ist für mich ein ziemlicher Logikbruck, denn Gemma kennt doch nichts anderes als das Leben um 1900. Sie erlebt die Erfolge der Frauenrechtlerinnen doch aktiv mit und lebt so gesehen eigentlich in einem sehr fortschrittlichen Zeitalter, wenn man nur das vorangegangene neunzehnte Jahrhundert zum Vergleichen hat, redet über ihre Zeit und ihre Zeitgenossen allerdings trotzdem, als wäre jeder Aspekt ihres Lebens von Unterdrückung gezeichnet, was so einfach nicht stimmt. Da hat die Autorin wohl einfach den Sprung von der Fachliteratur in den Roman nicht geschafft, was schade ist, weil sich das durch die gesamte Geschichte zieht.

Gemmas Geschichte ist ein unterhaltsamer Fantasyroman, schön gruselig und atmosphärisch erzählt, aber, wenn man sich mit dem fin de siècle ein wenig auskennt, ist sie ein Graus. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt gefühlt, als würde der Roman wirklich 1895 spielen. Gemma trifft sich mit ihren Freundinnen heimlich zum Alkoholtrinken und feiern, widersetzt sich ständig ohne größere Konsequenzen ihren Lehrerinnen und benimmt sich einfach durchgängig wie ein moderner Teenager. Sicherlich haben auch viktorianische Schülerinnen rebelliert, aber doch nicht so! Als es dann darum geht, Séancen durchzuführen, zeigt Gemma wieder, dass sie wohl eigentlich eine Zeitreisende ist, die aus Versehen ins neunzehnte Jahrhundert gestolpert ist. Sie findet Okkultismus total blöd und lächerlich und weiß natürlich, dass das alles nicht echt ist. Das finde ich für einen Roman, der 1895 spielt schon gewagt, denn damals war Okkultismus der letzte Schrei und die Auseinandersetzung zwischen Aberglaube und Wissenschaft noch im vollen Gange. Sogar Leute wie Sir Arthur Conan Doyle haben daran geglaubt, dass es etwas Übersinnliches geben könnte, aber die sechzehnjährige Schülerin Gemma weiß natürlich, dass es keine Geister gibt.

KLISCHEES, KLISCHEES, KLISCHEES

Der historische Teil des Romans ist also für jeden Leser, der sich in der Epoche ganz gut auskennt, kein Genuss. Gemma denkt und handelt viel zu modern, hat einen Überblick über die Ungerechtigkeiten und sozialen Missstände ihrer Gesellschaft, wie man ihn eigentlich nur haben kann, wenn man sich intensiv mit historischer Genderforschung beschäftigt hat und benimmt sich zudem einfach für ihre Epoche total unrealistisch. Dazu kommt, dass Libba Bray die 1890er einfach nicht gut darstellt. Der historische Hintergrund wirkt recht trocken und von der schillernden Extravaganz, die dem Jahrzehnt den Spitznamen „Naughty Nineties“ eingebracht hat, ist nichts zu spüren. Stattdessen hackt Bray immer mal wieder auf der angeblich so einschränkenden viktorianischen Moral rum. Direkt am Anfang gibt es eine klischeebelastete Szene, in der Gemma sich darüber lustig macht, dass der Anblick eines Frauenknöchels anstößig sei. Nur schade, dass das ein Klischee ist und nie so passiert, wie in „Gemmas Visionen“ geschildert. 

Brays Darstellung der viktorianischen Zeit ist sehr klischeebelastet und geht einfach nicht in die Tiefe. Sie kratzt an der Oberfläche und macht es sich so gesehen ziemlich einfach, zeigt die Viktorianer als prüde und humorlos, weil das leichter ist, als alle Facetten der Epoche zu beleuchten. Finde ich einfach wirklich schade und habe ich im historischen Roman auch selten so extrem gesehen, wie hier, wo es nur schwarz und weiß gibt. Entweder man ist total prüde und fügt sich schweigend in die Unterdrückung ein, oder man ist wie Gemma, lehnt die gesamte Gesellschaft ab und bricht mit einem lauten Knall aus ihr aus. Ein Dazwischen, das für viele viktorianische Frauen realistisch gewesen wäre, gibt es einfach nicht. Jetzt habe ich darüber viel länger gesprochen, als ich eigentlich wollte. Dabei wollte ich doch noch was zur eigentlichen Geschichte sagen.

Die Story an sich hat mir schon ganz gut gefallen, wurde nur durch Gemmas zu fortschrittliches Verhalten oft überschattet. Leider war es mir auch alles ein bisschen zu viel. Der Roman ist auf der einen Seite ein klassischer Gruselroman, bei dem Gemma und ihre Mitschülerinnen herausfinden müssen, was vor zwanzig Jahren an der Schule geschehen ist. Dann kommt aber eine Parallelwelt hinzu, in der die Mädchen reisen können, eine groß aufgezogene Verfolgungsgeschichte und natürlich noch eine Liebesgeschichte und irgendwo dazwischen verliert sich die Handlung des Romans ein bisschen. An sich war alles ganz spannend, aber kaum etwas davon bekam genug Raum um sich richtig aufzubauen und zu entfalten. „Gemmas Visionen“ ist mindestens zwei Romane in einem. Viktorianischer Gruselroman mit altem Geheimnis, das gelüftet werden muss und eine Geschichte über ein paar Internatsmädchen, die eine magische Parallelwelt vor der Antagonistin schützen müssen. Natürlich sind die beiden Plots ineinander verwoben, reiben sich aber trotzdem aneinander. Auch sehr schade.

Auch erwähnen möchte ich gern, dass ich das Einbringen von indischen Figuren und Sinti und Roma wirklich unglücklich umgesetzt fand. Die Sinti und Roma sind ebenfalls reine Klischees. Sie campen im Wald neben dem Internat, klauen ständig und belästigen die Schülerinnen sexuell. Die indischen Figuren sind entweder zwielichtig und böse oder Kartik. Kartik ist Gemmas Love Interest und wird die ganze Zeit als geheimnisvoll, exotisch und einfach sehr stereotyp dargestellt. Das wäre sicherlich besser gegangen. Mein Verdacht ist, dass der Roman Lesern, die sich mit dem späten viktorianischen Zeitalter noch nicht so viel auseinandergesetzt haben, gut gefallen könnte. Besonders die Gruselgeschichte fand ich doch ganz gelungen und obwohl die Figuren alle ihre Macken haben, sind sie im Großen und Ganzen interessant gestaltet. Ich würde "Gemmas Visionen" daher Leserinnen und Lesern von Urban Fantasy empfehlen, Fans von Internatsgeschichten und Gruselromanen. Wer sich für "Gemmas Visionen" hauptsächlich wegen der historischen Komponente interessiert, sollte sich vielleicht zweimal überlegen, ob der Roman der Richtige ist oder zumindest seine Erwartungen an die Darstellungen des späten viktorianischen Englands herunterschrauben. Von mir gibt es daher 2.5 Punkte.

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