Ich bin umgezogen! Ihr findet mich und mein Blog ab jetzt unter Stürmische Seiten. Ich hoffe, wir sehen uns dort!

"Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen" von Ulla Scheler

Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen | Heyne fliegt, 2016 | 978-3-453-27043-5 | 368 Seiten | deutsch

Ben ist seit Ewigkeiten Hannas bester Freund. Er ist anders. Wild, tollkühn, ein Graffiti-Künstler, ein Geschichtenerzähler. Und keiner versteht Hanna so wie er. Nach dem Abi packen die beiden Bens klappriges Auto voll und fahren zum Meer. An einen verwunschenen Strand, um den sich eine düstere Legende rankt. Sie erzählen sich Geschichten. Bauen Lagerfeuer. Kommen einander dort nahe wie nie zuvor. Und Hanna hofft, endlich hinter das Geheimnis zu kommen, das Ben oft so unberechenbar und verzweifelt werden lässt. Doch dann passiert etwas Schreckliches … (x)

MEINE GEDANKEN

Naja, es ist halt ein Debutroman. Ulla Schelers erster Roman „Es ist gefährlich bei Sturm zu schwimmen“ hat mir durchaus gefallen, hier und da mehr als an anderen Stellen, aber er hat ganz deutliche Schwächen, über die ich gern hinweggesehen hätte, aber dafür waren es dann einfach doch zu viele. Es ist kein schlechter Roman, wirklich nicht. Wer sich für ihn interessiert, sollte ihm auf jeden Fall eine Chance einräumen. Aber er wird auch nicht mein neuer Lieblingsroman und ob ich Schelers zweiten Roman, der im Herbst veröffentlicht werden wird, lesen werde, weiß ich noch nicht.

Die Sache ist, der Roman zieht sich. Er hat nur rund 370 Seiten, aber die kamen mir wie mindestens 500 Seiten vor und das liegt großteils an Ulla Schelers Schreibstil. Ihre Sprache ist schön klar und oft poetisch, schreiben kann sie wirklich, aber ich hatte immer wieder das Gefühl, dass sie über Dinge schreibt, die den Leser gar nicht so sehr interessieren, während die wirklich spannenden Dinge kurz abgehandelt werden. Es gibt viele Beschreibungen. Ich mag das, besonders, wenn mir das Setting sowieso gut gefällt, aber hier war die Balance zwischen Beschreibungen, Gedanken der Protagonistin und richtiger Handlung einfach nicht ausgeglichen genug. Hannah denkt sehr viel und das ist okay. „Es ist gefährlich bei Sturm zu schwimmen“ ist ein langsamer Roman, der sehr stark von Hannahs Innenleben lebt und nicht wirklich davon, was so passiert. Aber selbst so ein Roman kann einfach auch zu viel Innenleben und zu wenig Handlung haben und das genau ist hier das Problem.

Versteht mich nicht falsch, der Roman ist nicht langweilig. Ich habe jede Seite gern gelesen. Er zieht sich einfach und das kommt nicht immer gut. Hannah denkt und denkt und denkt und beschreibt und denkt und manchmal tut sie etwas. Die Handlung ist schnell erzählt: Nach ihrem achtzehnten Geburtstag fährt Hannah mit ihrem besten Freund Ben ans Meer, doch Ben verheimlicht etwas vor ihr. Klingt dünn und ist auch einfach dünn. Hannah und Ben gehen schwimmen, treffen andere Jugendliche, gehen feiern, machen dies und machen das und die ganze Zeit habe ich mich gefragt: Warum? Obwohl es durchaus Spaß gemacht hat das zu lesen, aber das Warum war irgendwie immer da.

UND WIESO MUSSTE ICH DAS JETZT LESEN?

Wieso endlos lange Szenen, die sich darum drehen, wie Hannah und Ben schwimmen gehen, im Zelt liegen, sich missverstehen und näher kommen? Klar kann man das machen, aber wieso so ausufernd und immer und immer wieder? Zu viel des Guten trifft es eigentlich perfekt. Die Sache ist ja, die eigentliche Handlung beginnt erst ein Viertel, bevor der Roman auch schon vorbei ist und das ist einfach zu spät. Vorher passiert halt nichts außer sehr ausführlicher, sich ziehender Exposition. Dann darf Hannah rätseln und handeln und aktiv sein, davor eben halt nicht. Das Pacing ist einfach nicht gut und als ich gelesen habe, dass Scheler diesen Teil des Romans mit nur sechzehn Jahren geschrieben hat, konnte ich mir auch denken, wieso.

Nicht, dass Sechzehnjährige keine guten Geschichten schreiben könnten, aber den allermeisten fehlt in dem Alter einfach noch die Übung und das merkt man unter anderem daran, wenn das Pacing – das Tempo der Geschichte – nicht passt. So wie hier. So gesehen ist „Es ist gefährlich bei Sturm zu schwimmen“ eine Charakterstudie von Ben und das wäre auch vollkommen okay gewesen, wenn der Roman nicht gleichzeitig ein halber Fantasyroman und ein Thriller hätte sein wollen. Die Thrillerhandlung knallt im letzten Viertel des Romans dann voll rein und mir hat die Geschichte und Hannahs Weg zu den Antworten auch wirklich gut gefallen, aber es kam mir einfach viel zu kurz. Wenn das die Richtung ist, in die der Roman gehen sollte, dann ist die gesamte Exposition davor eigentlich vollkommen unnötig und dann fragt man sich einfach an einem bestimmten Punkt im Roman, wieso man das jetzt alles lesen musste, wenn es danach um was komplett anderes geht.

Die Geschichte mit der Meerjungfrau fand ich auch reichlich suspekt. Ben und Hannah treffen an der Nordsee eine junge Frau, die ihnen eine Geschichte von einer Meerjungfrau erzählt, die nach mehreren Warnungen einen jungen Mann zu sich ins Meer holt und dann passiert alles, was in der Geschichte passiert ist, plötzlich auch Hannah und Ben. Auch eine spannende Handlung, kommt aber eben auch zu kurz und wird sehr fadenscheinig und teilweise gar nicht aufgelöst. Das Problem ist einfach, dass „Es ist gefährlich bei Sturm zu schwimmen“ drei Sachen auf einmal sein will und so wie es hier gemacht wurde, geht das einfach nicht. Mysterythriller, gruselige Meerjungfrauen und ausufernde Liebesgeschichten passen eigentlich ganz gut zusammen, aber dann muss man das auch vereinen und nicht irgendwie so nebeneinanderher plätschern und die Hälfte ungelöst lassen.

Ich habe mich einfach zu oft nach dem Warum fragen müssen. Wieso die endlos lange Exposition? Wieso diese halbgare Meerjungfrauenkiste? Wieso die Hälfte dieser Figuren? Hannah und Ben treffen am Meer zwei andere Jugendliche, die aber ungefähr so wichtig für die Handlung sind, wie die Verpackung der Tütensuppen, die Hannah und Ben ständig essen, aber trotzdem viel Platz einnehmen. Dass ich ihre Namen bereits vergessen habe, obwohl ich das Buch erst letzten Monat gelesen habe, spricht da auch irgendwie für sich. So ein bisschen wird versucht die Geschichten der beiden mit der von Hannah und Ben zu vereinen, aber so richtig klappt das nicht. Die beiden sind halt da und dann nicht mehr. Ja, tschüss, ich geh jetzt wieder, danke für’s im Hintergrund rumstehen, war nett. 

BESONDERS? JA, BESONDERS WELTFREMD

Ich weiß nicht, ob ich am Ende einfach zu alt dafür war, aber die Romanze an sich, die wirklich den größten Teil der Handlung einnimmt, war mir viel zu abgehoben und das hat mich schon ein bisschen genervt. Hannah und Ben sind beste Freunde seit sie Kinder waren und kommen sich während ihres Nordseeabenteuers langsam näher. Ich mag Liebesgeschichten, aber diese hier war mir einfach eine Spur zu dick aufgetragen. Ben und Hannah sind beide ziemliche Hipster, aber das gilt für Ben mehr als für Hannah. Ben ist zu cool um wahr zu sein. Er ist sowas von cool und edgy und besonders, dass es beinahe ein bisschen lachhaft ist. Ein Stück weit war „Es ist gefährlich bei Sturm zu schwimmen“ eine Art Dekonstruktion von Hannahs Idolisierung von Ben. Ein Blick hinter die Fassade und hinter die Coolness, wo ein ziemlich kaputter Jugendlicher wartet, der Hilfe braucht.

Aber eben nur ein Stück weit und deshalb war ich am Ende enttäuscht davon – als hätte Scheler sich am Ende nochmal umentschieden, denn am Ende ist Ben wieder total cool, total edgy und so besonders, dass es beinahe ein bisschen lachhaft ist. Und Hannah vergöttert ihn, tut alles für ihn, verzeiht ihm jeden Fehltritt. Und deshalb mochte ich das Ende nicht. Ich wollte Hannah schütteln, wollte ihr klar machen, dass sie sich von Ben nicht wie Müll behandeln lassen muss, egal was ihm passiert ist, egal, wie sehr er gelitten hat. Ich wollte, dass Hannah über sich hinauswächst, dass hier eine Entwicklung stattfindet, dass sie Ben durchschaut und lernt, ihn zu vergessen. Aber ohne wirklich zu spoilern kann ich sagen, dass das nicht passiert. Hannah bleibt an Ben kleben, sie lebt für Ben, ob er da ist oder nicht, und das ist eigentlich sehr, sehr traurig. Und es hat mich geärgert, wie schwach Hannah bleiben musste. Wie viel sie durchmachen muss, aber alles, das zählt, ist Ben. Naja. 

Und da war dann auch das letzte Warum, denn ich habe mich gefragt, wofür ich „Es ist gefährlich bei Sturm zu schwimmen“ jetzt überhaupt gelesen habe. Hannahs Entwicklung als Figur findet durchaus statt, spult gegen Ende aber komplett zurück und steht wieder am Anfang. Die Botschaft, die der Roman inne hat, finde ich traurig und auch sehr kindisch, denn laut Ben und Hannah lohnt es sich nicht ein durchschnittliches Leben zu leben und das ist einfach nicht wahr, was man im Laufe seiner Zwanziger auch langsam realisiert. Es ist scheißegal, als wie durchschnittlich andere einen wahrnehmen, wenn man selbst glücklich ist und seine Ziele verfolgt und saucooles, grenzgefährliches Verhalten macht einen nicht zu etwas Besonderem. Ich dachte irgendwie, Hannah hätte das am Ende kapiert. Hat sie aber nicht. Studieren, sich eine Zukunft aufbauen, einfach mal weiter als morgen denken, das ist ihr alles zu gewöhnlich und somit schlecht. Schade, wirklich. 

„Es ist gefährlich bei Sturm zu schwimmen“ ist ein atmosphärischer, sehr schön erzählter Jugendroman, der aber einfach an vielen Stellen nicht funktioniert. Wer langsame Geschichten mag, die sich auf die Figuren konzentrieren, wird den Roman sicherlich mögen. Wer wegen des versprochenes Geheimnisses aus dem Klappentext nach dem Roman greift, könnte allerdings enttäuscht werden. „Es ist gefährlich bei Sturm zu schwimmen“ möchte zwar am Ende gern ein Thriller sein, aber das klappt dann doch nicht so ganz. Als Charakterstudie funktioniert der Roman bis zum enttäuschenden Ende allerdings gut. Schelers nächster Roman "Und wenn die Welt verbrennt" kommt im Oktober, klingt aber ähnlich abgehoben und weltfremd wie "Es ist gefährlich bei Sturm zu schwimmen". Mal schauen, ob ich den lese. Meins ist das nämlich nicht, wie ich jetzt weiß.

Keine Kommentare