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"Auge um Auge" von Jenny Han & Siobhan Vivian

Auge um Auge | Burn for Burn #1 | Carl Hanser Verlag, 2014 | ISBN 9783446245082 | 304 Seiten | Deutsch | Amerikanische OA: Burn for Burn, 2012

Große Mädchen weinen nicht, sie nehmen ihr Schicksal in die Hand. Das ist das Credo von Mary, Kat und Lillia. Als sie in der Schule aufeinandertreffen, sind sie sich einig: Sie wollen es ihren falschen Freunden heimzahlen. Mary ist bereit, sich gegen Reeve aufzulehnen, der sie wegen ihres Übergewichts gemobbt hat. Kat will mit der verlogenen Rennie abrechnen. Und Lillia will Alex zur Rechenschaft ziehen, der eine Partynacht mit ihrer kleinen Schwester verbracht hat. Doch wie weit können die drei bei ihrem Rachefeldzug gehen? Ein packendes Jugendbuch, das Fragen stellt: zu wahrer Freundschaft, Loyalität und Liebe. (x

MEINE GEDANKEN

Ich hatte mir etwas ganz anderes vorgestellt, als ich den Klappentext von „Auge um Auge“ gelesen habe. Irgendwie habe ich mit einem Thriller gerechnet und mit etwas mehr düsterer Rache und etwas weniger realistischem Jugendbuch, aber „Auge um Auge“ hat mich positiv überrascht. Es war dann nicht wirklich ein Jugendbuchthriller, sondern ein packendes Drama, das sich erst zum Ende hin (und ganz besonders in den beiden Fortsetzungen) voll entfaltet und das ist auch gut so. Die Düsternis liegt hier nicht im Racheplan der drei Mädchen, sondern viel eher in den Umständen, die dazu geführt haben. Der Roman schneidet recht harte Themen an und behandelt sie im Großen und Ganzen sehr gut. 

ECKEN, KANTEN UND RACHEGEDANKEN

„Auge um Auge“ ist die Geschichte von gleich drei Mädchen: Kat, Lillia und Mary. Verschiedener könnten sie wirklich nicht sein. Kat kommt aus ärmlichen Verhältnissen und kümmert sich seit ihre Mutter an Krebs gestorben ist mehr oder weniger um ihren Vater und ihren Bruder. Lillia ist die Tochter reicher Eltern und hat eigentlich alles, was man sich wünschen kann. Mary kehrt nach Jahren auf die Insel zurück, um Reeve, der sie früher gemobbt hat, zu zeigen, dass sie sich nicht von ihm hat unterkriegen lassen. Der Roman wird aus den drei Ich-Perspektiven der Mädchen im Präsenz erzählt und eigentlich mag ich das nicht. Ich komme mit mehreren Ich-Perspektiven zu gern durcheinander und verliere den Faden, weil ich nicht mehr weiß, wer gerade erzählt. 

Das Problem hatte ich hier überhaupt nicht. Kat, Lillia und Mary haben alle drei eigene Stimmen, die sich gut voneinander unterscheiden ließen. Kat ist sehr taff und selbstständig, trägt fast nur schwarz und steht auf Indiebands und so klingt auch ihre Stimme. Sie flucht viel und klingt viel frecher, als die anderen beiden. Mary ist eine Träumerin und Lillia mag Mode und ist Cheerleader, was sich ebenfalls in ihren Erzählstimmen niederschlägt. Die multiple Ich-Perspektive ist hier einfach wunderbar gelungen und ich habe sie tatsächlich gern gelesen. Auch die Figuren an sich haben mir sehr gut gefallen. Auf den ersten Blick sind sie alle drei Klischees: Das Bad Girl, der Cheerleader und die schüchterne graue Maus. Aber es dauert nicht lang, bis man mehr über sie herausfindet und alle drei aus den Klischees ausbrechen. Am Ende des Romans habe ich alle drei Erzählerinnen gern gemocht.

Meine Lieblingsfigur dürfte Kat sein, nicht nur, weil sie so heißt wie ich (aber natürlich auch deshalb, ich bin da oberflächlich). Sie mag unnahbar und stachlig wirken, hat aber auch eine weichere Seite, die sie einfach sehr echt wirken lässt. Es gibt vieles in ihrem Leben, das ihr etwas bedeutet und besonders der Tod ihrer Mutter hat ihr schwer zugesetzt. Lillia mochte ich auch sehr gern, obwohl sich ihre Realität von meiner kaum mehr unterscheiden könnte. Ihre Eltern sind reich, sie hat viele Freunde und gute Noten und bekommt eigentlich alles, was sie sich wünscht… allerdings ist ihr im letzten Sommer etwas Furchtbares zugestoßen, an dem sie stark zu knabbern hat. Das hat mir ziemlich gut gefallen. Den Autorinnen gelingt es wunderbar, den Leser zu zwingen seine Vorurteile über bestimmte Mädchentypen einfach mal über Bord zu werfen und genauer hinzusehen.

Das tun auch Lillia, Mary und Kat, als sie sich zufällig auf dem Schulklo treffen und Rache schwören. Rache an Alex, Rennie und Reeve, die allen drei Mädchen übel mitgespielt haben. Das stürzt natürlich besonders Lillia in Gewissensbisse, denn Rennie und Alex sind ihre besten Freunde. Von hier aus ist die Handlung sehr rasant und clever. Die Mädchen rächen sich und man fragt sich die ganze Zeit, wie weit sie gehen werden und ob sie am Ende überhaupt das richtige tun. Besonders Rennie fand ich eine spannende Antagonistin, weil sie eigentlich keine ist. Sie ist keine sympathische Figur, aber sie ist auch nicht durch und durch negativ gezeichnet und man kann gut nachvollziehen, weshalb Lillia sie trotz allem nicht verlieren will. Es gibt in „Auge um Auge“ keine klar gezogenen Linien. Hier ist niemand böse oder gut, es ist nicht wirklich viel als richtig oder falsch eingeordnet. Leute machen Fehler und es passieren schlimme Dinge, aber das Buch gibt nicht vor, was man darüber zu denken hat.

MEHR IST MANCHMAL HALT DOCH MEHR

Einerseits hat mir das gut gefallen. Man wird als Leser einfach gezwungen, selbst mitzudenken und sich nicht darauf zu verlassen, dass der Roman einem schon vorbuchstabieren wird, was man von den Geschehnissen zu halten hat. Das funktioniert meist auch ziemlich genial. Manchmal aber eben nicht, zum Beispiel in Marys Fall. Mary hat mich als Figur durchaus überzeugt: Sie war mal sehr dick, hat jetzt abgenommen und möchte mit dem Mobbing, dass sie mit zwölf Jahren durch Reeve erfahren hat, abschließen. Deshalb kehrt sie auf die Insel zurück. Mary hat kein großes Selbstbewusstsein: Sie denkt, ihr dicker Körper sei hässlich gewesen und nur deshalb sei sie gemobbt worden. Das ergibt für Mary auch Sinn, denn so denken viele Teenager in ihrer Situation. Was mir hier aber fehlt ist einfach irgendwie die Erkenntnis oder zumindest ein Hinweis darauf, dass mit Marys Körper nichts falsch war und, dass das Problem nicht bei ihrer Figur lag, sondern bei Reeve, der es anscheinend nötig hatte, ein dickes Mädchen zu mobben.

Den meisten Lesern wird wohl klar werden, dass Mary nicht verdient hat, was ihr passiert ist und, dass einfach abnehmen hier nicht die Lösung ist oder sein sollte, aber gerade Mobbing ist ein heikles Thema, bei dem ich mir schon gern gewünscht hätte, dass besser herauskommt, dass das Opfer nicht Schuld daran ist, was ihr passiert ist, auch, wenn sie das durch ihr Trauma denken mag. Noch viel krasser hatte ich dieses Problem mit Lillia. Hier muss ich leider ein bisschen spoilern. Wer den Roman noch nicht kennt, darf jetzt zum nächsten Absatz springen. Wer ihn bereits gelesen hat oder kein Problem mit milden Spoilern hat, markiert die nächste Zeile einfach mal mit der Maus: Es ist so, dass Lillia betrunken vergewaltigt wird, aber glaubt, sie sei selbst Schuld. Auch das ist leider sehr realistisch, aber hier fehlt mir wirklich irgendwie ein Hinweis darauf, dass es nicht Lillias Schuld ist, was ihr passiert ist. So, Spoiler vorbei, weiter im Text.

Davon ab ist „Auge um Auge“ aber ein sehr intelligentes und spannendes Jugenddrama, das sich viel damit auseinandersetzt, was hinter den Fassaden vor sich geht und was Gerechtigkeit überhaupt ist oder bedeutet. Die Figuren sind alle schön gezeichnet und haben mehrere Seiten und auch das Setting ist ungewöhnlich und hat mich voll überzeugt: Der Roman spielt auf der fiktiven Insel Jar Island, die vor der Küste Neu Englands liegt und mich stark an echte Inseln wie Nantucket oder Martha’s Vineyard erinnert hat. Sie ist ein Urlaubsziel für reiche Amerikaner und auch die Leute, die das ganze Jahr dort leben, sind zum großen Teil wohlhabend, was es für Leute wie Kat, aber auch Rennie, schwer macht, sich dazugehörig zu fühlen, auch, wenn Kat und Rennie damit ganz verschieden umgehen.

Ich würde den Roman jedem Jugendbuchfan ab 13 oder 14 ans Herz legen. „Auge um Auge“ ist mehr Drama als Thriller, aber gerade deshalb lesenswert. Der Roman regt zum Nachdenken an und bleibt von Anfang bis Ende spannend, die Figuren sind interessant und die drei Erzählerinnen sympathisch. „Auge um Auge“ ist ein etwas anderes Jugendbuch und hat mir gerade deshalb sehr gut gefallen. Aber Achtung: Wer die Trilogie einmal angefangen hat, kann nicht mehr aufhören, bis er alle drei Teile gelesen hat. So ging es mir zumindest und ich habe die drei Bücher in weniger als einer Woche weggesuchtet. Der erste Teil bekommt daher von mir 4.5 Punkte für beinahe perfekte Jugendbuchunterhaltung. Und damit wünsche ich dann viel Spaß mit dem Roman!

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