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"Sommer am Abgrund" von Jane Casey

Sommer am Abgrund | Jess Tennant #1 | dtv, 2015 | 978-3-423-71629-1 | 368 Seiten | Deutsch | Britische OA: How to Fall, 2013

Die Sommerferien beginnen nicht unbedingt vielversprechend für die sechzehnjährige Jess: Statt den Sommer in London zu verbringen, schleppt ihre Mutter sie in den kleinen, idyllischen Küstenort, aus dem sie stammt. Als wäre das nicht schon schlimm genug, reagieren die Leute in Port Sentinel äußerst seltsam auf Jess. Wo sie geht und steht – jeder starrt sie an, als hätte er gerade einen Geist gesehen. Und irgendwie haben sie das auch, denn Jess sieht ihrer vor Kurzem verstorbenen Cousine Freya zum Verwechseln ähnlich. Sie beschließt, mehr über ihre Cousine herauszufinden, und stößt auf ein lebensgefährliches Geheimnis. (x

MEINE GEDANKEN

Leider war „Sommer am Abgrund“ für mich eine Enttäuschung auf ganzer Linie. Eigentlich liebe ich britische Jugendbuchthriller. Sie haben oft etwas gemütlich-düsteres, das ich sehr gern lese und von „Sommer am Abgrund“ versprach ich mir einen schönen Sommerthriller für laue Abende auf dem Balkon. Aber nichts da. Die Bezeichnung „Thriller“ hat der Roman meiner Meinung nach nicht wirklich verdient, denn da thrillt nicht viel. Der Roman fing allerdings recht vielversprechend an. Die sechzehnjährige Jess will eigentlich lieber zu Hause in London bleiben, muss jedoch mit ihrer Mutter ans Meer fahren, in die kleine südenglische Stadt, aus der ihre Mutter kommt und in der sie sich nicht mehr hat blicken lassen, seit sie sich mit ihrer Zwillingsschwester zerstritten hat. Jess’ Erzählstimme hat mir gut gefallen. Sie war sehr bissig, aber gerade deshalb unterhaltsam zu lesen und die Beschreibungen von Südengland waren wunderschön.

ES IST MORD, WEIL ICH ES SAGE!

Dabei blieb es dann allerdings auch. Der Thrillerplot hat für mich einfach nicht funktioniert. Am Anfang fand ich „Sommer am Abgrund“ noch ganz spannend. Jess kommt in der Stadt an und bemerkt, dass alle Einheimischen sie ansehen, als hätten sie einen Geist gesehen. Kurz darauf findet sie heraus, dass sie ihrer Cousine Freya, die vor einem Jahr von einer Klippe in den Tod gestürzt ist, bis aufs Haar gleicht. Spannend! Aber da hört es dann leider auf. Jess will dann natürlich herausfinden, wieso Freya umgebracht wurde und… Moment? Umgebracht? Ja, so saß ich dann auch vor dem Buch. Jess geht direkt am Anfang einfach ohne Anhaltspunkte davon aus, dass Freya nicht etwa einen Unfall hatte oder vielleicht sogar gesprungen ist, sondern ermordet wurde. Und was ist ihre Begründung? „Jemand wie Freya hätte sich nicht umgebracht, es muss mehr dahinterstecken!“ Wir erinnern uns daran, dass Jess Freya überhaupt nicht kannte, ja?

In der Manier geht der „Thriller“ dann weiter. Jess reimt sich meist ohne Auslöser oder auch nur irgendwelche Anhaltspunkte zu finden zusammen, was mit Freya passiert ist und wieso. Und das ist wirklich schnarchlangweilig. Wenn ich einen Thriller lese, dann möchte ich ja durchaus auch mal mitraten können. Aber dazu muss die Protagonistin Spuren finden, über die man nachgrübeln kann, und es muss versteckte Hinweise geben. Gibt’s hier aber nicht. Es gibt nur eine sechzehnjährige Protagonistin, der alle paar Seiten die Lösungen auf die Rätsel, die sich ihr auftun, aus heiterem Himmel einfallen. So schreibt man doch keinen Krimi, wirklich mal! Jess rät sich dann so durch die Handlung und ich habe mich von Anfang bis Ende gefragt, wieso sie das überhaupt tut. Wie kommt sie darauf, dass hier überhaupt ein Verbrechen vorliegt? Ist das am Ende vielleicht ein Fantasyroman und Jess kann Gedanken lesen? (Spoiler, natürlich nicht.)

Die Handlung lässt also wirklich einiges zu Wünschen übrig und ist auch unglaublich vorhersehbar. Jess und Freya sehen genau gleich aus, das wird direkt am Anfang etabliert. Sie sehen sich so ähnlich, dass die Leute im Dorf denken, Freya sei von den Toten zurückgekehrt, als sie Jess sehen. Praktischerweise haben sich Jess’ Mutter und die von Freya, Zwillingsschwestern, kurz nach Jess’ Geburt zerstritten und sich in all den Jahren nicht einmal gesehen. Na? Klingelt da was? Was könnte hier wohl die Lösung sein? Ich weiß ja nicht, wie ich es euch geht, aber ich komme einfach nicht drauf. Ein wirklich sehr kompliziertes Rätsel ist das! Ich hab’s kaum ausgehalten vor Spannung! Okay, wenn ich den Sarkasmus mal zurückfahren würde, würde ich sagen, dass die Lösung des Rätsels von Seite eins aus auf der Hand liegt und ich das nicht gut finde. Ja, „Sommer am Abgrund“ ist ein Jugendbuch, aber Jugendliche sind auch nicht dumm.

NICHT WIE DIE ANDEREN MÄDCHEN!

Dazu kommt, dass das Buch erschreckend sexistisch ist. Jess wird uns immer wieder als vollkommene Naturschönheit präsentiert: Sie sieht hübsch aus, ohne sich schminken zu müssen, sie hat von Natur aus hellblonde Haare, die sich perfekt wellen. Daraus wird am Anfang ein Riesenaufriss gemacht, als Jess Darcy kennenlernt, denn Darcy ist richtig begeistert von Jess’ Haaren, weil sie selbst ja immer Stunden braucht, um so eine Frisur hinzukriegen und Jess hat’s der liebe Gott einfach so im Schlaf gegeben! Jess findet Darcy dann total lächerlich, weil Darcy es wagt sich darum zu scheren, wie sie aussieht und Zeit und Geld in ihr Äußeres steckt, anstatt einfach jeden Morgen so perfekt aus dem Bett zu springen, wie Jess es tut.

Was lernen wir hier? Nur natürliche Schönheit ist gute Schönheit! Lass dir bloß nicht einfallen, dich für dein Aussehen zu interessieren, denn dann bist du dumm, aber hübsch sein musst du natürlich trotzdem, sonst bist du auch dumm und wertlos! Ehrlich, um es mal mit harschen Worten auszudrücken, ich könnte kotzen. Wie oft wollen wir jungen Mädchen denn noch erzählen, dass sie super bescheiden sein müssen und sich nicht um ihr Aussehen scheren dürfen, aber gleichzeitig müssen sie natürlich jeden Tag perfekt aussehen und hübsch sein. Und wer, anders als Jess, nicht mit natürlichen Topmodelqualitäten gesegnet ist, der hat halt Pech gehabt und ist nichts wert, oder was. Verdammt eklig. Nochmal zum Mitschreiben: Es ist okay, sich als Frau nicht drum zu scheren, wie man aussieht. Es ist aber auch okay, Zeit ins eigene Aussehen zu investieren, weil einem etwas daran liegt. Ist jetzt nicht so schwer, oder?

Es wird dann aber noch schlimmer. Jess und Darcy gehen dann zum Strand runter, wo sie Darcys Freunde treffen und Jess stempelt die alle direkt als Klone und „Bimbos“ ab. Da sind mir dann die Augen aus dem Kopf gerollt und ich hab lange gebraucht, um sie wieder zu finden. Jess sieht eine Gruppe Mädchen, findet die sehen alle gleich aus und sind deshalb von vorne herein doof. Kennenlernen? Schauen, wofür sie sich interessieren, was sie in ihrer Freizeit machen, ob man vielleicht Gemeinsamkeiten hat? Absolut nicht notwendig, denn Jess weiß sofort: Das sind alles oberflächliche Schlampen. Ehrlich gesagt finde ich Jess in dieser Situation viel oberflächlicher, denn sie ist ja hier diejenige, die Leute innerhalb von Sekunden als ihre Zeit nicht wert und sowieso doof abstempelt, aber mit Logik muss man hier wahrscheinlich gar nicht erst kommen.

Reicht dann auch mit dem sexistischen Müll, oder? Nein, anscheinend nicht. Jess, weil sie so cool und anders ist, flirtet dann mit dem Freund eines der Mädchen, einfach, weil sie es lustig findet, wie das Mädchen davon verletzt wird. Und da war Jess für mich gestorben. Jess wird uns hier als Heldin präsentiert, als schlaues Mädchen, das hinter die Fassade blickt. Das ist sie aber nicht. Sie ist eine gemeine arrogante Kuh, die sich für etwas Besseres hält. Freya war natürlich in ihren Augen auch besser als die anderen doofen Mädchen, weil Freya gemalt hat und sowieso anders und was Besonderes war. Deshalb kann sie sich ja auch nicht umgebracht haben, ne, weil sowas machen wirklich besondere Menschen nicht. Ich mag mich gar nicht mehr so sehr damit beschäftigen, was an diesen Botschaften alles falsch und eklig ist, deshalb lasse ich das mal. Es wird dann auch nicht mehr besser.

Ehrlich gesagt möchte ich das Buch niemandem empfehlen. Es könnte höchstens etwas für Leser sein, die ein paar schnell zu lesende Strandkrimis suchen und sich dabei an den oben genannten Problematiken nicht stören. Ich mag es ja eigentlich nicht, eine Anti-Empfehlung auszusprechen, aber wenn in einem einzigen Roman so viel beisammen kommt, kann ich das Buch auch nicht mit gutem Gewissen weiterempfehlen, besonders nicht, wenn es sich um ein Jugendbuch handelt. Bildet euch eure eigene Meinung, wenn ihr gern möchtet, aber ihr habt dann nicht von mir von diesem Buch gehört. Was kann ich abschließend noch sagen… Ich dachte, ich lese einen atmosphärischen englischen Strandthriller, aber es war dann eben eigentlich ein Jugendroman ohne große Überraschungen und mit einer absolut unsympathischen Heldin. Daher reicht es leider wirklich nur für 1.5 Punkte. Einen für die Mühe, die es macht, ein Buch zu schreiben und die ich gern anerkennen möchte, und einen halben für den netten Schreibstil und die Idee, die in meinen Augen leider nicht allzu gut umgesetzt war. Schade.

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