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"Wir wollten nichts. Wir wollten alles." von Sanne Munk Jensen & Glenn Ringtved

Wir wollten nichts. Wir wollten alles. | Oetinger, 2015 | 978-3-86274-381-0 | 336 Seiten | Deutsch | Dänische OA: Dig og mig ved daggry, 2013

Lässt nicht los: Liebe, die absoluter nicht sein kann. Zwei Leichen werden aus dem Limfjord gezogen: Liam und Louise. Ihre Hände sind mit Handschellen aneinandergekettet. Alle Indizien weisen auf Selbstmord hin. Louises Eltern zerbrechen fast am Tod ihrer Tochter, doch ihr Vater klammert sich daran, die Wahrheit herauszufinden. Als er Louises Tagebuch findet, eröffnet sich ihm das Leben, das seine Tochter und Liam in den vergangenen Monaten geführt haben. Ein Roman, der unter die Haut geht: gewaltig und voller Sehnsucht mit einer Heldin voller Hingabe und einem Protagonist voller Widersprüche. In der Tradition der großen skandinavischen Autoren. (x

MEINE GEDANKEN

Die siebzehnjährige Louise ist tot. Sie sieht zu, wie ihre Leiche an die ihres Freundes Liam gekettet aus dem Limfjord gezogen und obduziert wird, wie ihr Vater nach Antworten sucht und ihre Mutter zusammenbricht. Aus der Ich-Perspektive erzählt Louise abwechselnd, was vor ihrem Selbstmord geschehen ist und wie er die Menschen, die in ihrem Leben eine Rolle gespielt haben, beeinflusst. Was für ein absolut geniales Konzept. Ich habe solche Bücher schon immer gemocht, Bücher darüber, was Verlust mit Menschen machen kann und  ganz besonders Geschichten, in denen es möglich ist, nach dem eigenen Tod noch einen Blick auf das eigene Leben zu werfen und darauf, wie sich die Welt ohne einen weiterdreht. Ich weiß nicht, warum mich das so sehr fasziniert, aber es war tatsächlich schon immer so. Mit "Wir wollten nichts. Wir wollten alles." legt das dänische Autorenduo Sanne Munk Jensen und Glenn Ringtved genau so eine Geschichte vor. 

DAS IST KEINE LIEBE, DAS IST BESESSENHEIT

Naja, was soll ich sagen. In seinen Grundzügen ist das Buch ziemlich stark. Diese Art zu erzählen ist originell und auf beste Art und Weise unheimlich, aber man hätte mehr draus machen können. Die Sache ist halt, dass Louise als Hauptperson in so einer krassen Rolle nicht viel hermacht. Sie sagt von sich selbst, dass sie praktisch nicht existiert hat, bevor sie Liam getroffen hat, und das ist alles, was man über sie wissen muss. Louise ist eine leere Figur. Sie hat anscheinend sechzehn Jahre ihres Lebens im Stand-By verbracht, um dann nur noch für Liam zu leben und das gefällt mir nicht. Gar nicht. Manchmal deutet der Roman durchaus an, dass Louises Selbsteinschätzung als Ich-Erzählerin vielleicht von der Wahrheit abweicht. Sie erzählt vom Batmintonspielen mit ihrem Vater, davon, dass sie ihren Vater früher als ihren besten Freund angesehen hat, davon, was sie und ihre beste Freundin unternommen haben, bevor Liam in Louises Leben getreten ist.

Das waren für mich tatsächlich die tragischsten Momente dieses Romans. Ich habe das Gefühl bekommen, dass Louise sich selbst vergessen hat, dass sie so verliebt war, dass sie vergessen hat, wer sie eigentlich als eigenständige Person war. Falls das das Ziel des Romans war, kommt es mir aber nicht stark genug raus. Louises aufopfernde, fast schon krankhafte Liebe zu Liam wird selten reflektiert, zumindest nicht von ihr. Die Figuren um sie herum sehen schon, wie Louise an Liam zerbricht, aber sie selbst versteht das einfach nicht. Ich würde jetzt nicht sagen, dass Louises Verhalten als etwas Positives gezeigt wird. Zwischen den Zeilen schwingt mit, dass Liam Louises Leben ruiniert, dass er aus einem Mädchen mit liebenden Eltern und einer glänzenden Zukunft eine bekiffte Schulabbrecherin macht und am Ende - oder eher gesagt am Anfang - sind schließlich beide tot. Aber Louise ist hier als Ich-Erzählerin vielleicht nicht wirklich geeignet, denn durch ihre Augen betrachtet ist Liam dieser coole Freigeist, den sie über alles liebt und der ihr ein Leben ermöglicht, das aufregend und anders ist. Dass er Schuld an allem ist, was schief geht, sieht sie einfach nicht.

Ich habe die rund 330 regelrecht verschlungen, da das Buch einen Sog entwickelt, den nicht viele Geschichten haben, aber jetzt sitze ich hier trotzdem und weiß nicht, was ich denken soll, weiß nicht, was die Autoren mir hier jetzt sagen wollten. Dass komplette Aufopferung nichts Positives ist und keine guten Folgen haben kann? Oder, dass Louises Verhalten romantisch ist und die Welt sie und Liam einfach nicht verstanden hat? Ich weiß es einfach wirklich nicht und das ist ein Problem, ganz besonders in einem Jugendbuch. Ich habe mich mal ein wenig umgesehen und ich bin mit meiner Ratlosigkeit anscheinend nicht allein. Deshalb sage ich es hier mal ganz deutlich: Das was Louise im Buch da macht, wie sie ihr ganzes Leben, ihre Zukunft, ihre Familie und ihre Freunde für Liam einfach wegschmeißt, ist nicht romantisch. Es ist scheißgefährlich. So. "Wir wollten nichts. Wir wollten alles." hat mich hier wirklich ein bisschen mit Magengrummeln zurückgelassen, einfach, weil ich keine klare Aussage der Autoren bekomme, was genau sie mir hier jetzt eigentlich verklickern wollten. Aber so ein Buch hätte eine klare Aussage durchaus nötig gehabt. Mir hätte da der kleinste Zweifel von Louise gereicht, das kleinste "Hey, vielleicht war es das doch nicht wert."

Denn das war es nicht. Louise ist tot, wird niemals erwachsen werden und einsehen, dass die große Liebe, die man als Teenager verspührt, vielleicht nicht für immer ist. Dass es ein Leben nach der ersten großen Liebe geben kann und geben wird, dass sich nicht alles um den einen Jungen drehen muss, in den man verliebt ist. Wie gesagt, ein bisschen schwingt das durchaus alles mit. Wir bekommen ja über Louises Geisterperspektive mit, was sie zurücklässt, was ihr Tod wirklich bedeutet. Nur hier kam mir Louise beinahe gefühllos vor. Sie erzählt meistens vollkommen kalt, wie ihre Mutter zusammenbricht und wie ihr Vater verzweifelt versucht, sich einen Reim auf den Suizid seiner geliebten Tochter zu machen. Nur ganz selten fühlt sie etwas dabei, ganz selten scheint sie zu begreifen, was sie sich angetan hat und den Menschen um sich herum. Das finde ich schade. Lässt es Louise wirklich kalt, ihre Familie trauern zu sehen? War Liam wirklich das einzige, das ihr wichtig war? Falls die Antwort ja lautet, wäre das wirklich traurig.

Die Sache ist halt, dass das Buch mir Louises Ride-or-Die-Einstellung als wahre Liebe verkaufen will, irgendwie schon, auch wenn sie ungesund ist. Louise opfert sich für Liam auf, weil sie ihn wirklich liebt. Sie bleibt bei ihm, obwohl er sie teilweise wie Müll behandelt, ihre Aufopferung als selbstverständlich ansieht und sie in Ansätzen körperlich und seelisch missbraucht, weil sie ihn wirklich liebt. Als sie sich entscheidet, mit einem absolut widerwärtigen Ekel zu schlafen, um Liam zu helfen, sagt dieser auch ganz klar: Hey, du musst deinen Freund ja wirklich lieben. Und wie gesagt, ich bin mir nicht sicher, ob die Autoren hier etwas anprangern wollen, oder diese Art der Aufopferung am Ende wirklich als positiv und richtig empfinden, aber dass ich mir da nicht sicher bin, ist wohl kein gutes Zeichen. Hey, das ist keine Liebe, das ist knallharte ungesunde Obsession bis zum bitteren Ende. Louise teilt nicht ihr Leben mit jemandem, den sie liebt, wie es eigentlich sein sollte, sie gibt es komplett für ihn auf. Sie verschwindet, löst sich selbst in Liams Leben auf, bis sie absolut abhängig von ihm ist, bis sie niemanden mehr hat, außer ihn. Wer das romantisch oder in Ordnung findet, bitte einmal hier lang zum Reality Check, danke.  

HART, HÄRTER, ÄH, WAR DA WAS?

Darüber hinaus... tja. Der Roman ist harter Tobak. Drogen, Prostitution und knallharte Gewalt spielen eine große Rolle, weshalb ich die vom Verlag empfohlene Altersbeschränkung auch sinnvoll finde. Oetinger empfielt den Roman ab sechzehn Jahren und ich denke das passt ganz gut, früher muss das hier keiner lesen, wirklich nicht. Ich bin bald zehn Jahre älter als die Altersempfehlung vorschlägt und ich habe schon ganz andere Romane gelesen, aber "Wir wollten nichts. Wir wollten alles." war trotzdem stellenweise hart zu lesen, vielleicht, weil die Gewalt und all dieses Furchtbare, das hier passiert, durch Louises Geisterperspektive beinahe trocken und nebenbei geschildert wird. Louise wird über Liam in eine verdammt düstere Welt gezogen und ich finde es eigentlich gar nicht so verkehrt, darüber auch für Jugendliche zu schreiben, aber vielleicht dann nicht so wie es hier geschehen ist, ich weiß nicht. Vielleicht ein bisschen einfühlsamer. Vielleicht ein bisschen klarer.

Es hätte dem Roman, so wie er jetzt halt ist, denke ich gut getan, ihn nicht für Jugendliche zu vermarkten, auch, wenn seine Heldin siebzehn Jahre alt ist. Louises Alter ist hier eigentlich das einzige, das "Wir wollten nichts. Wir wollten alles." zu einem Jugendroman macht, denn vom Erzählstil her, von den angeschnittenen Themen und wie sie präsentiert werden und ganz besonders, was den doch recht wichtigen Plotstrang rund um die Eheprobleme von Louises Eltern angeht, ähnelt der Roman sehr viel eher Erwachsenenbüchern, als einem Young-Adult-Roman. Für einen richtigen Jugendroman fehlt mir hier einfach die Reflektion der angeschnittenen problematischen Themen. Sie werden halt in die Handlung eingebunden, sicherlich realistisch rübergebracht und auch nicht romantisiert, meistens jedenfalls, aber es fehlt halt die Verarbeitung, das Begreifbarmachen dessen, was da schief läuft, für junge Menschen. Mit sechzehn haben die meisten Menschen einfach noch nicht die Lebenserfahrung, um Liams Verhalten und Louises Abhängigkeit von ihm wirklich richtig einzuschätzen und das ist ganz normal. Aber deshalb braucht so ein Buch halt eine klare Aussage. Deshalb gibt es ja Jugendbücher und Erwachsenenbücher, weil man Bücher für Jugendliche anders schreiben sollte.

Darüber hinaus wird viel geflucht und Louises Ausdrucksweise ist ziemlich derbe, was mich ein bisschen genervt hat. Es wirkt dann irgendwann schon aufgesetzt cool und lässig und liest sich nicht mehr ganz so organisch, auch, wenn der Erzählstil natürlich zu den härteren Tönen, den der Roman anschlägt, passt. Aber je weiter man liest, umso mehr häufen sich die Tragödien und Albträume und irgendwann zieht es irgendwie nicht mehr. Man stumpft schnell ab hier. Das kann natürlich auch damit zusammenhängen, wie Louise von den Dingen, die ihr passieren, erzählt. Es ist halt so, dass sie jetzt tot ist und sich fast schon distanziert an alles erinnert und manchmal wirkt sie deshalb gefühlskalt, als wäre es gar nicht so schlimm gewesen. Das funktioniert für mich manchmal, aber meistens nicht. Wenn Liam Louises Grenzen überschreitet, zum Beispiel nicht, denn durch Louises distanziertes Erzählen wirken seine Übergriffe beinahe verharmlost, wie etwas, das in Beziehungen halt passiert, und da schrillen bei mir alle Alarmglocken, denn das sollte keinesfalls so sein.

TRAURIG OHNE ENDE

Was der Roman aber wirklich gut macht, ist Tragik. Es ist halt einfach verdammt tragisch, was da abgeht und, weil wir von Anfang an genau wissen, wie es ausgehen wird, ist es noch eine ganze Spur tragischer. Der Roman erzählt seine Geschichte wirklich gut. Die Handlung fliegt durcheinander, anachronistisch erinnert sich Louise immer wieder an Fetzen aus ihrem Leben, die zu ihrem Tod geführt haben, und ganz langsam wird klar, was passiert ist. "Wir wollten nichts. Wir wollten alles." geht ans Herz, ob man will oder nicht, und zwingt einen darüber nachzudenken, was man da liest, ob man will oder eben nicht und das hat mir gefallen. Es ist, rein handwerklich betrachtet, ein verdammt guter Roman. Nur der Inhalt, der stimmt nicht immer und ist in Teilen sogar einfach regelrecht problematisch, besonders, da es sich um ein Jugendbuch handelt. Mir fehlt hier am Ende wirklich die Aussage. Nicht jeder Roman muss eine große wichtige Ansage am Ende haben, aber ein Roman wie dieser hier schon. Wir können keine Jugendbücher über siebzehnjährige Mädchen schreiben, die aus krankhafter Obsession, die sie für Liebe halten, ihr gesamtes Leben einfach wegschmeißen, ohne eine Botschaft am Ende, die besonders jugendlichen Lesern ein Abschließen mit dem Gelesenen möglich macht.

Da scheiden sich die Geister, klar, aber für mich geht das einfach nicht. Liam ist kein positiver Charakter, Leute. Er will ohne großen Aufwand an Geld kommen, also dealt er Drogen, gerät in unglaubliche Schwierigkeiten deswegen und zieht Louise mit rein. Louise aber vergöttert ihn auf eine Weise, die über Liebe weit hinausgeht und sehr viel mehr mit Besessenheit zu tun hat. Ich finde diese Thematik wirklich, wirklich spannend, ganz besonders im Zusammenhang mit der Rahmenhandlung. Aber ich will dann auch, dass das Buch irgendwie rausarbeitet, was es da präsentiert. Und das ist nicht zu viel verlangt. Klar kann man sagen: "Jugendliche werden schon wissen, dass die Figuren nicht vernünftig handeln und total kaputt sind", aber so leicht ist das nicht und ich glaube, die meisten von uns wissen das auch. Und jetzt? Jetzt tut mir Louise Leid, weil sie so wenig an sich selbst geglaubt hat, dass sie sich nur als Liams Freundin als ganze Person wahrnehmen konnte. Und ich bin scheißsauer auf Liam, weil er Louise ausgenutzt und kaputt gemacht hat, weil er dumme Entscheidungen getroffen hat, die sie ausbaden musste, weil er sie behandelt hat, als wäre es selbstverständlich, dass sie da ist und alles mitmacht und am Ende mit ihm dafür in den Tod geht.

Es ist halt so, dass es Mädchen wie Louise wirklich gibt, und das macht mich traurig. Die ihre erste Liebe für die einzig wahre halten, die für immer andauern wird, die im Namen von Liebe alles mit sich machen lassen. Am Ende hat "Wir wollten nichts. Wir wollten alles." mich traurig gemacht. Louise ist tot. Sie wird nicht zwanzig werden und lernen, dass sie auch ohne einen Mann in ihrem Leben eine ganze Person ist. Sie wird auch nicht fünfundzwanzig werden und lernen, dass ihre erste Liebe zwar intensiv war, aber nicht das Nonplusultra gewesen ist, dass sie sich wieder verlieben wird, dass die Welt sich weiterdreht, auch ohne Liam in ihrem Leben. Am Ende ist "Wir wollten nichts. Wir wollten alles." eine verdammte Tragödie, wenn man ihn auf diese Art liest. Wenn man weiß, was Louise alles hätte haben können, hätte sie nicht ihr Leben für ihren ersten Freund einfach weggeworfen. Es gibt eine Stelle, an der Cille, Louises beste Freundin sich fragt, was passiert wäre, wer Louise geworden wäre, wenn sie an diesem Abend nicht den Bus genommen und Liam niemals kennengelernt hätten und das ist denke ich der springende Punkt und eine interessante Frage. Das ist nicht die Botschaft, die der Roman vermitteln wollte, aber es ist irgendwie die, die ich mitnehme.

Ich würde den Roman durchaus weiterempfehlen, allerdings eher an Leser, die reif genug sind, Louises Verhalten als obsessiv und ungesund zu erkennen und eher an Erwachsene, als an Jugendliche. Der Roman ist denke ich was für Fans von skandinavischen Thrillern, da er auf ähnliche Art erzählt ist, oder für Leser, die vor harten Themen nicht zurückschrecken. Ich bereue es nicht, den Roman gelesen zu haben, einfach, weil er verdammt spannend und die Geschichte rund um den Selbstmord und wie er aufgedröselt wird, sehr originell aufgebaut war. Gleichzeitig habe ich mich ständig über Louise und Liam geärgert, über ihre Blindheit und ihre Besessenheit voneinander, ihre dummen Entscheidungen und ihr selbstgemachtes Leid und ganz besonders darüber, dass die Autoren nicht genug Fingerspitzengefühl beweisen konnten, um all das genauso negativ darzustellen, wie es wirklich ist. Leute, Liam und Louise sind kein Traumpaar, das auf tragische Weise in die Verzweiflung getrieben wird. Sie sind zwei dumme geblendete Teenager, die sich selbst grundlos ins Elend stürzen. Gefallen hat mir der Roman aber trotzdem irgendwie. Meine Gedanken sind im Moment genauso widersprüchlich, wie dieser Roman. Von mir bekommt er daher vorsichtige 2.5 Punkte für eine großartige Idee und eine in Teilen gelungene Umsetzung, die von zu viel Gewalt, Luises abhängigem Verhalten und der Romantisierung von Liam kaputt gemacht wird.

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