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"Solange wir lügen" von E. Lockhart

Solange wir lügen | Ravensburger, 2015 | 978-3-473-40130-7 | 320 Seiten | Deutsch | Amerikanische OA: We Were Liars, 2014

Eine wohlhabende und angesehene Familie. Eine Privatinsel vor der Küste Massachusetts. Ein Mädchen ohne Erinnerungen. Vier Jugendliche, deren Freundschaft in einer Katastrophe endet. Ein Unfall. Ein schreckliches Geheimnis. Nichts als Lügen. Wahre Liebe. Die Wahrheit. (x

MEINE GEDANKEN

„Solange wir lügen“ war das beste Buch, das ich in der ersten Hälfte von 2017 gelesen habe. Ich mag E. Lockhart sowieso sehr gern. Ihre Romane „Dramarama“ und „Die unrühmliche Geschichte der Frankie Landau-Banks“ habe ich ebenfalls sehr gern gelesen, aber "Solange wir lügen" übertrifft beide noch um Längen. Der Roman ist bewegend und gleichzeitig düster, er spielt mit den Erwartungen des Lesers und am Ende haut er einem richtig gemein ins Gesicht, aber dazu will und kann ich nicht zu viel sagen, was es mir jetzt wahrscheinlich auch schwer machen wird, den Roman überhaupt zu besprechen, aber probieren geht über studieren, ne?

"Solange wir lügen" wird aus der Ich-Perspektive der siebzehnjährigen Cadence erzählt, einerseits im Hier und Heute und andererseits in Erinnerungsfetzen an die Zeit vor ihrem Unfall. Cady gehört zur angesehenen Sinclair-Familie: Alter neuenglischer Geldadel, dem eine eigene Privatinsel vor Massachusetts gehört. Hier verbringt Cadys Familie seit sie denken kann ihre Sommerferien. Cadys Mutter und ihre Tanten, ihr Großvater und Cadys "Lügner": Ihre Cousine Mirren, ihr Cousin Johnny und Gatwick, kurz Gat, in den Cady unsterblich verliebt ist. Die Sinclairs scheinen alles zu haben, was man sich vorstellen kann: Geld, gutes Aussehen, Ansehen... doch dann hat Cady den Unfall, der die Familie zerbrechen lässt, denn Cady kann sich an nichts erinnern, hat ständig Kopfschmerzen, ist stark traumatisiert. Als Cady auf die Insel zurückkommt, ist alles anders, selbst ihre Freundschaft zu ihren Lügnern scheint einen Knacks bekommen zu haben.

DIE LÜGNER

Cadys Erzählstimme ist sehr eigen. Sie beschreibt zum Beispiel ihre starken Kopfschmerzen sehr bildlich und mitreißend, Gefühle werden zu kleinen Gemälden, Erinnerungen zu abstrakten düsteren Geschichten. E. Lockhart ist nicht grundlos meine Lieblingsjugendbuchautorin, denn sie schreibt so intensiv und spannend, dass man gar nicht anders kann, als sich mitreißen zu lassen. Ganz langsam dekonstruiert sie die Fassade, die sie aufgebaut hat, gibt kleine Einblicke in die Probleme der Familie und lässt Cadys Erinnerungen langsam zurückkommen, auf eine Art und Weise, dass man sich nie wirklich sicher sein kann, ob man endlich die Wahrheit erfahren hat oder nur einen Teil davon oder ob es sich um eine weitere Lüge handelt. Cady ist keine Ich-Erzählerin, der man vertrauen darf, und genau das macht den Roman so spannend. Ihre Gedächtnislücken sind groß und ihre Verzweiflung darüber ist immer spürbar. Genau wie Cady will man einfach endlich wissen, was sie alles vergessen hat und wie es zu ihrem Unfall gekommen ist.

Die Figuren sind nicht unbedingt sympathisch, aber interessant. Cady selbst kann oberflächlich wirken, scheint alles, was sie hat, als selbstverständlich anzusehen. Ihre Cousine Mirren ist ein bisschen flatterhaft und wirkt jünger, als sie ist, Johnny ist ein Angeber und Gat gibt den gequälten Außenseiter. Cadys Mutter und ihre Tanten streiten ständig, ihr Großvater ist ein verbissener alter Mann, der über sozialen Status nicht hinwegsehen kann. Ich mochte eigentlich keine der Figuren wirklich, aber Cady mag sie und deshalb habe ich mich für sie interessiert. Sie lesen sich auch einfach wie echte Menschen, das kommt noch hinzu. Sie haben Wünsche und Ziele und Fehler. "Solange wir lügen" ist ein bisschen Jugenddrama, ein bisschen Thriller, ein bisschen Charakterstudie und das macht eine Mischung, die einen Sog entwickelt, der nicht mehr loslässt, bis man das Buch durchgelesen hat und danach möchte man es eigentlich direkt noch einmal lesen, um alles richtig zu verstehen, was ich bisher noch nicht gemacht habe, weil "Solange wir lügen" so emotional ist, dass ich mich nicht bereit gefühlt habe, da noch einmal reinzugehen. Das ist aber keinesfalls als Kritik gemeint. Der Roman nimmt mit und das sollte er auch.

DIE LIEBE

Interessant und gelungen fand ich die Einbindung von Themen wie Klassengesellschaft und Rassismus. Cady ist ganz oben: Ihre Familie ist weiß, reich und hat einen guten Ruf. Gat aber steht auf der anderen Seite des Systems. Sein Onkel hat eine von Cadys Tanten geheiratet und deshalb ist er mit auf der Insel, aber das gefällt Cadys Großvater nicht, denn Gats Familie ist weder besonders wohlhabend, noch ist sie weiß. Seine Abneigung gegen Gat wird nicht mit dem Holzhammer in den Roman geknallt, sondern ist subtil zwischen die Zeilen gefädelt und verdammt realistisch. Cady bemerkt gar nicht, was Gat natürlich bemerkt und es fällt ihr schwer, zu verstehen, was das Problem ist. Hier beweist Lockhart einmal mehr, was für eine geniale Schriftstellerin sie ist, denn obwohl Cady als Ich-Erzählerin nicht alles versteht, tut der Leser es sehr wohl und das gilt für viele Situationen im Roman.

Die Liebesgeschichte zwischen Gat und Cady hätte ich jetzt persönlich nicht unbedingt gebraucht. "Solange wir lügen" ist ein Roman, der von beinahe zerstörerischer Freundschaft handelt und das hätte auch gereicht. Diese enge Freundschaft, die die Lügner verbindet, meine ich. Dass sich zwischen Cady und Gat eine Romanze entwickeln musste, war irgendwie abzusehen, nimmt dem Roman aber finde ich mehr, als dass sie ihm etwas gibt. Cady redet sehr schnell von wahrer Liebe, was ich einerseits verstehen kann: Zu diesem Zeitpunkt ist sie vierzehn und war noch nie zuvor verliebt. Andererseits stört mich das aber auch, weil der Roman bis zu diesem Zeitpunkt so schön realistisch war und ohne Jugendbuchklischees wie eben der ersten großen unsterblichen Liebe auskam. Aber nun gut, es stört jetzt auch nicht so sehr, dass es mir den Roman verdorben hätte. Ich hätte es denke ich einfach besser gefunden, wenn der Roman auf der freundschaftlichen Ebene geblieben wäre, denn genau davon handelt er ja, Freundschaft. Die Romanze soll vielleicht alles einfach noch intensiver machen, weiß ich nicht, aber mir hat das nicht viel gegeben, denn die Verbindung zwischen den Lügnern war auch ohne Liebesgeschichte schon verdammt intensiv und interessant.

DIE WAHRHEIT

"Solange wir lügen" bleibt trotzdem der intensivste und emotional mitnehmenste Roman, den ich seit langem gelesen habe. Er wühlt auf und er bricht einem immer wieder das Herz. Die Geschichte selbst kommt sommerlich leicht daher: Freundschaft, Sommerferien, Privatinsel, erste Liebe. Aber der Unterton ist durchgehend düster, während sich die Abgründe auftun und einfach nicht ignorieren lassen. Lockhart macht das alles sehr subtil, sie verteilt Hinweise und Andeutungen und am Ende ergibt alles auf ganz schreckliche Weise Sinn und das ist das wirklich Geniale an "Solange wir lügen". Du weißt, etwas ist falsch und du hast deine Vermutungen, aber ob sie stimmen oder nicht, am Ende lässt der Roman dich endlich verstehen, wieso du dich die ganze Zeit so bedrückt gefühlt hast. Und mehr kann und will ich jetzt eigentlich gar nicht sagen, denn der Reiz von "Solange wir lügen" liegt in seinen Überraschungen und seinen Wendungen und in den Abgründen von Cadys Psyche.

"Solange wir lügen" ist ein interessanter Jugendroman, voller Geheimnisse und Rätsel, so wunderbar dicht geschrieben, dass er einen einfach nicht mehr loslassen will, einem das Herz bricht und einen richtig durchschüttelt, bevor er einen verstehen lässt, was man von Seite eins an wissen will. Es ist ein Roman über Freundschaft, Familiengeheimnisse und auch über die Abgründe der menschlichen Seele, über Klassengesellschaft und Wünsche und Träume. Wer auf der Suche nach dem etwas anderen Jugendroman ist, sollte unbedingt zu "Solange wir lügen" greifen und alle anderen natürlich auch. Ich denke, Jugendliche und Erwachsene ab 14 Jahren dürfte der Roman gefallen. Er arbeitet mit einigen schwierigen Themen und kommt etwas verschachtelt daher, weshalb er für jüngere Jugendliche eher noch nichts sein dürfte. Fans von subtilen ungewöhnlichen Dramen und Thrillern dürften begeistert sein, denke ich, und generell Leser von Jugendbüchern, die nach der etwas anderen Geschichte suchen. Von mir bekommt "Solange wir lügen" die volle Punktzahl und die Lieblingstasse, da er trotz kleiner Macken mitnimmt und aufwühlt und einfach mal etwas anderes ist.

Kommentare

  1. Hallo liebe Kat Charlotte,
    vielen vielen Dank für diese tolle Rezension! Ich hatte das Buch vor ein paar Wochen mal kurz auf dem Schirm und dann aber doch nicht weiter beachtet, weil ich dachte, dass es nichts für mich wäre. Jetzt, nach deiner Rezension, muss ich allerdings sagen, dass dieses Buch sehr wohl was für mich wäre und damit wandert es nun direkt auf die Wunschliste!

    Ganz liebe Grüße,
    Maike

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    1. Danke! Dann hoffe ich, dass es dir auch wirklich gefällt! <3 Bin gespannt auf deine Rezi, falls du eine schreiben wirst.

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