Ich bin umgezogen! Ihr findet mich und mein Blog ab jetzt unter Stürmische Seiten. Ich hoffe, wir sehen uns dort!

[Blogtour] Wo noch Licht brennt - Worte zwischen den Welten


Ich dachte immer, ich würde es nicht mögen, wenn Romane im Präsens erzählt sind. Die Betonung liegt hier auf dachte, Vergangenheitsform. "Wo noch Licht brennt", der neue Roman von Selim Özdogan, hat mich davon überzeugt, dass es unbedingt etwas Gutes sein kann, nicht nur was die Thematiken des Romans angeht etwas experimentierfreudiger zu sein, sondern auch beim Erzählstil selbst. Worte sind schließlich die Werkzeuge eines jeden Autoren und wie man sie einsetzt bestimmt, wie der Text am Ende vom Leser aufgenommen wird. Wie er wirkt. "Wo noch Licht brennt" wirkt ein wenig nostalgisch, sehnsuchstvoll, melancholisch, und Selim Özdogans wunderschöner Erzählstil trägt so einiges zu dieser mitreißenden Atmosphäre bei. 

HAUTNAH UND MITTEN DRIN
Unter der Tür schimmert Licht durch. Gül zögert und horcht. In der Stille der Nacht glaubt sie zu hören, wie jemand raucht, und öffnet die Tür, ohne vorher anzuklopfen. 
Seite 5, Romananfang

"Wo noch Licht brennt" ist also im Präsens erzählt. Wir haben es hier, um genau zu sein, mit einem personalen Erzähler zu tun, im Präsens. Und das gelingt. "Wo noch Licht brennt" ist meiner Meinung nach ein wichtiger Roman. Er erzählt über Grenzen hinweg die Geschichte von Gül, die die Türkei verlassen und noch einmal nach Deutschland gehen will, wo ihr Mann arbeitet. "Wo noch Licht brennt" ist gleichzeitig eine Geschichte über gesellschaftliche Konventionen und Grenzen und ein Portrait einer interessanten Frau, die ihren eigenen Weg zu finden versucht. Natürlich hätte man den Roman ganz klassisch erzählen können, doch ich bin froh, dass Selim Özdogan das nicht getan hat. "Wo noch Licht brennt" ist ein besonderer Roman und er ist besonders erzählt. An das Präsens muss man sich natürlich erst einmal gewöhnen, doch nach ein paar Seiten ist man mitten drin in Güls Geschichte und dann wirkt alles unglaublich nah, so nah, wie einem ein Roman eben nur durch das Präsens kommen kann. 

Man kann Gül, ihrer Familie und ihren Freunden, ihren Zielen und Träumen, Ängsten und den Schatten, die ihr folgen, einfach nicht entkommen und bald will man das auch nicht mehr. Güls Geschichte wirkt beinahe sachlich erzählt: Dinge passieren, Gül reagiert. Aber trotzdem, oder gerade deshalb, ist der Roman oft aufwühlend, nimmt einen richtig mit. Er liest sich ein wenig wie ein langer Stream of Consciousness. Man kann Güls Ängste und Sorgen, all ihre Emotionen hautnah miterleben, ist immer ganz nah bei ihr, eben weil das Präsens alle Grenzen zwischen uns, den Lesern, und Gül, der Romanheldin, einfach einreißt. Und doch bleibt etwas Fremdheit da, nur ein kleines bisschen, durch den personalen Erzähler. Es ist nicht Gül selbst, die uns erzählt, was ihr passiert, es ist jemand anderes, unsichtbares, jemand, den wir nicht kennenlernen. Diese Fremdheit steht aber nicht unbedingt zwischen Gül und dem Leser, macht Gül keinesfalls unnahbarer. Sie schwingt eher im Hintergrund mit und irgendwie passt das sehr gut zu einem Roman über das Fremdsein, sich verändern und zu sich finden. Ich glaube, es ist genau das, was den Erzählstil so besonders macht. 

Personale Erzähler im Präsens sind selten. Wahrscheinlich, weil es ungewohnt ist für den Leser, und schwer umsetzbar. Selim Özdogans Umsetzung ist allerdings rundum gelungen und es ist nicht nur die Seltenheit dieser Erzählform, die dafür sorgt, dass "Wo noch Licht brennt" durch und durch eigen ist. Die Ich-Perspektive ist wohl das beliebteste Mittel, um den Leser direkt in die Gedankenwelt des Protagonisten zu werfen, doch die braucht es in "Wo noch Licht brennt" überhaupt nicht, um uns Gül nahe zu bringen, um uns zumindest in Ansätzen nachvollziehen und verstehen zu lassen, was in ihr vorgeht, als sie beschließt, die Türkei ein zweites Mal zu verlassen und nach Deutschland zu gehen. Güls Erfahrungen und Erlebnisse werden von vielen Menschen in Deutschland und der ganzen Welt geteilt: Man steht zwischen zwei Welten, vielleicht für immer, wenn man sich zu einem solchen Schritt entscheidet. Selim Özdogan zieht einen mit Worten ein Stück weit ebenfalls zwischen die Welten und obwohl man wohl niemals komplett verstehen kann, was es bedeutet, fremd zu sein, wenn man es nie war, so zeigt "Wo noch Licht brennt" durch die unglaubliche Nähe zwischen Protagonistin und Leser doch neue Horizonte auf, macht empfänglicher für die Perspektiven und Geschichten von Menschen, die andere Erfahrungen gemacht haben, als man selbst.

EIN STÜCK WEITER DENKEN

Doch das ist nicht die einzige Besonderheit am Erzählstil in "Wo noch Licht brennt". Selim Özdogan verzichtet vollständig auf Anführungszeichen, schreibt die Dialoge manchmal beinahe drehbuchartig herunter. Das ist auch eine Technik, die ich lange nicht gemocht habe und auch in vielen anderen Romanen bis heute nicht mag. Aber in "Wo noch Licht brennt" funktioniert es. Sehr gut sogar. Es liest sich, als säße einem da jemand gegenüber, der einem Güls Geschichte erzählt und die Gespräche aus dem Gedächtnis wiedergibt und das gefällt mir. Der Text sieht ein wenig "roh" aus, so ganz ohne Anführungszeichen, die Dialoge markieren, und gleichzeitig ist da eben auch nichts, das den Lesefluss vor der wörtlichen Rede ausbremsen oder ins Stocken geraten lassen könnte. Die Geschichte rückt noch ein ganzes Stück näher so. Irgendwann ist man so tief drin im Roman, dass man beinahe vergisst, dass es überhaupt ein Roman ist, dass da nicht wirklich jemand ist, der einem gerade die Geschichte dieser unglaublich interessanten Frau und ihrer Familie erzählt.

"Wo noch Licht brennt" ist ein Roman, der einen nach dem Lesen nicht direkt wieder loslässt. Er regt nicht nur zum Nachdenken an, er sprengt auch Grenzen. Das ist natürlich einerseits der feinfühlig und eindringlich geschilderten Thematik zu verdanken, aber eben auch dem ungewöhnlichen Erzählstil, der einen so nah ranzieht an Gül und ihr Leben und ihre Erlebnisse. Man kann einfach gar nicht anders, als ein Stück weiter zu denken, sich zu überlegen, wie es sich anfühlen muss, Güls Realität zu leben und das schafft nicht jeder Roman. "Wo noch Licht brennt" erzählt eben nicht nur, es zeigt auch und es macht verständlich und das ganz unaufdringlich, ohne große Melodramatik oder zu viel Pathos und dafür mit ganz viel Eindringlichkeit, Nähe, Weisheit und hoffnungsvoller Melancholie. Der Roman zwingt einen förmlich sich mit seinen Themen wirklich zu beschäftigen und nicht wegzusehen, er bewegt auf beinahe persönlicher Ebene, eben weil der Erzählstil alles so nah heran holt und die Grenzen zwischen Roman und Leser einfach einfallen lässt. 

EIN BISSCHEN MEHR VERSTÄNDNIS
Es wird schwer werden, sagt sie, machen wir uns nichts vor. [...] Aber man stirbt nicht. Man bricht auch nicht zusammen. Man geht eine Zeit gebückt.
Seite 59 - 60

"Wo noch Licht brennt" ist nicht der erste Roman über Gül und ihre Familie, es ist bereits der dritte und der Abschluss einer Trilogie. Ich habe die ersten beiden Romane noch nicht gelesen und werde das bald nachholen, doch man kann "Wo noch Licht brennt" sehr gut als eigenständige Geschichte lesen. "Wo noch Licht brennt" präsentiert dem Leser also bloß einen Ausschnitt aus Güls Leben, aber nicht unbedingt einen kleinen: Der Roman umfasst auf 344 Seiten Güls Leben von den 90er Jahren bis heute. Auch das ist, verglichen mit anderen Romanen des Genres, eine interessante und keinesfalls alltägliche erzählerische Entscheidung, die mir sehr gefällt. Gül bekommt Zeit, sich zu entwickeln und die Welt verändert sich mit ihr. Güls Blick auf Deutschland und die Türkei, auf ihre Kinder, ihren Mann und ihre Bekannten wandelt sich und das zu verfolgen ist spannend. Gleichzeitig kann man die gesellschaftlichen Ereignisse und Veränderungen gut einordnen und verstehen, was sie für Gül und ihre Familie bedeuten. 

Auch die Metaphern sitzen. Das Licht spielt eine große Rolle in "Wo noch Licht brennt" und ich denke, jeder Leser wird für sich persönlich anders interpretieren, was es bedeutet. In "Wo noch Licht brennt" ist die Zeit im Fluss, verändert Dinge und Menschen, und genauso liest sich der Roman: Fließend. Selim Özdogan schreibt sachlich und gleichzeitig poetisch, findet immer genau die richtigen Worte, niemals zu viele oder zu wenige. Es gibt hier keine Floskeln oder leeren Worte. Güls Geschichte steckt voller Weisheiten und Wahrheiten, voller Gelegenheiten weiter zu denken, als zuvor, sich ein neues Bild zu machen, ein vollständigeres. 

"Wo noch Licht brennt" ist ein besonderer Roman. Besonders erzählt und deshalb besonders nahegehend, besonders greifbar. Er gibt nicht nur wieder, was es bedeutet ein Land zu verlassen, um seiner Familie eine bessere Zukunft zu ermöglichen und dafür die eigenen Wurzeln ein Stück weit aufzugeben. Er hilft, zu verstehen, zumindest ein Stück weit, auch, wenn man solche Erfahrungen niemals selbst gemacht hat, und darin liegt die rohe Stärke dieser Geschichte. Über Migration haben bereits einige geschrieben, auch oft sehr gut. Aber so nah gekommen ist mir bisher keiner dieser Romane und das liegt an Selim Özdogans schriftstellerischem Talent und an diesem ungewöhnlichen, aber wunderschön poetischen und eindringlichen Erzählstil. Wenn man den Roman nach der letzten Seite weglegt, hat man nicht nur ein Buch gelesen, man hat jemanden kennengelernt. Ich habe nicht nur eine Geschichte über Gül gelesen, ich habe sie liebgewonnen und einen bewegenden Einblick in eine Lebensrealität bekommen, die mir selbst fremd ist. Ich habe das Gefühl, ich habe ein Stück mehr verstanden, was es bedeutet, einen Schritt zu tun, wie Gül und ihre Familie ihn tun, ich habe ein anderes Leben kennengelernt. Und das ist mir in Zeiten wie diesen sehr viel wert. 

DAS BUCH

Wo noch Licht brennt | Haymon, 2017 | 978-3-7099-7299-1 | 344 Seiten | Deutsch 

Es gibt drei Möglichkeiten, dem Leben zu begegnen: dulden, kämpfen, fliehen. Nach acht Jahren in der Türkei verlässt Gül zum zweiten Mal ihre anatolische Heimat in Richtung Deutschland: Um wieder bei ihrem Mann Fuat zu sein, der in Bremen arbeitet, und um noch einmal Fuß zu fassen in einem Land, das ihr eine bessere Zukunft verspricht, obwohl es ihr stets fremd geblieben ist. Heimweh und Sehnsucht hat sie gelernt zu erdulden, indem sie ihrer Umwelt immer liebevoll und voller Akzeptanz begegnet. Mit ihrer Herzlichkeit und Wärme berührt Gül jeden - über die Grenzen kultureller und sozialer Konventionen hinweg.

GEWINNSPIEL

An dieser Stelle möchte ich mich gern beim Haymon-Verlag und bei Literaturschock bedanken, dass ich ein Exemplar von "Wo noch Licht brennt" von Selim Özdogan verlosen darf. Um teilzunehmen müsst ihr über 18 Jahre alt sein und mir eine einfache Frage beantworten: Was sind eure liebsten Stilmittel in Romanen und Erzählungen? Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Doppelte Gewinne sind nicht möglich.

DIE BLOGTOUR

Dieser Artikel ist im Rahmen der von Literaturschock organisierten Blogtour zu Selim Özdogans "Wo noch Licht brennt" erschienen. Weitere tolle Artikel zum Roman findet ihr auf: 

16.08.: Bücherstadtkurier: Selim Özdogan im Interview

17.08.: 54Books: Selim Özdogan – Wo noch Licht brennt. Oder: Cash rules everything around me

18.08.: Schreibtrieb: Die Sucht am Sehnen – Sehnsucht in Selim Özdogans „Wo noch Licht brennt“

19.08.: Hier! 

20.08.: Literaturschock: Ein weiteres Interview mit Selim Özdogan 

Ich wünsche euch noch ganz viel Spaß mit den anderen Artikeln zum Roman und natürlich mit dem Roman selbst und möchte mich an dieser Stelle bei Literaturschock, Selim Özdogan, dem Haymon-Verlag und den anderen teilnehmenden Blogs für das Möglichmachen dieser Blogtour bedanken. 

Kommentare

  1. HaLLo Charlotte:-)

    Eine tolle Rezension hast du geschrieben :-)) Sehr ausführlich und was mir besonders viel Spaß gemacht hat, war die sehr genaue Beschreibung der Stilmittel! Bei den anderen werde ich direkt mal vorbei schauen - du hast mich total angefixt!

    LG Momkki
    www.zeilenfuchs.com

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    1. Danke und viel Spaß mit den anderen Artikeln! <3

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    2. Ach ja: Möchtest Du denn am Gewinnspiel teilnehmen? Da bin ich mir im Moment nicht sicher. :D

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