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"And the Trees Crept In" von Dawn Kurtagich

And the Trees Crept In | Little, Brown, 2016 | 9780316298704 | 352 Seiten | Englisch | Britischer Titel: The Creeper Man, 2016

When Silla and Nori arrive at their aunt’s home, it’s immediately clear that the “blood manor” is cursed. The creaking of the house and the stillness of the woods surrounding them would be enough of a sign, but there are secrets too–the questions that Silla can’t ignore: Who is the beautiful boy that’s appeared from the woods? Who is the man that her little sister sees, but no one else? And why does it seem that, ever since they arrived, the trees have been creeping closer? (x)

MEINE GEDANKEN

Dass man von Dawn Kurtagich keinen Kuschelgrusel, wie ich ihn eigentlich mag, erwarten darf, wusste ich vorher, denn ich habe dieses Jahr bereits ihren Debutroman "The Dead House" gelesen. Dawn Kurtagich schreibt keinen Grusel, sie schreibt richtigen Horror und auch ihr zweiter Roman, "And the Trees Crept In" (In Großbritannien als "The Creeper Man" veröffentlicht) ist da keine Ausnahme. Ich bin nicht unbedingt eine langsame Leserin, aber für Bücher mit über 300 Seiten lasse ich mir für gewöhnlich ein bisschen Zeit. Bei Dawn Kurtagich geht das aber einfach nicht und so habe ich "And the Trees Crept In" in einer Nacht durchgelesen, wie auch schon "The Dead House" vor ein paar Monaten. Ich muss ehrlich sagen: Für empfindliche Leser sind Kurtagichs Romane nichts. Sie sind gruselig und zwar auf die Weise, die nicht durch Schockeffekte und Ekelzeugs provoziert wird, sondern von innen kommt. Kurtagich kann psychologischen Grusel so gut, dass ich mich durchaus manchmal gefragt habe, wieso ich mir das Buch überhaupt antue - aber dann habe ich doch weiter gelesen, weil es unglaublich faszinierend war.

LA BAUME, DAS BLUTROTE HERRENHAUS

"And the Trees Crept In" ist die Geschichte der siebzehnjährigen Silla, die mit ihrer kleinen Schwester Nori vor ihrem gewalttätigen Vater aus London flieht, um bei ihrer Tante Catherine in La Baume zu leben: Dem Herrenhaus, in dem auch ihre Mutter aufgewachsen ist. Zu Anfang ist La Baume ein Paradies für die Schwestern. Es gibt immer genug zu essen, Tante Cath liebt die Mädchen und Silla blüht auf - doch drei Jahre später ist Tante Cath so verrückt geworden, dass sie nicht mehr vom Dachboden herunterkommen will, die Mädchen müssen sich um sich selbst kümmern und hungern und sie können La Baume nicht verlassen: Denn im Wald, der das Haus umgibt und einschließt, haust der gefürchtete Creeper Man, der sie holen wird, wenn sie den Wald betreten. Silla glaubt, die Situation händeln und Nori beschützen zu können, doch dann bemerkt sie, dass der Wald näher zu kommen scheint. Und mit ihm auch der Creeper Man...

"And the Trees Crept In" ist eine Mischung aus zwei ziemlich beliebten Untergenres der Horrorliteratur: Einmal eben die berühmte Haunted-House-Fiction, die sich um alte Herrenhäuser dreht, in denen es spukt, und dann natürlich das beinahe noch berühmtere Bogeyman-Trope. Der Creeper Man ist ein Bogeyman, wie er im Buche steht, aber trotz der Klischees, mit denen Dawn Kurtagich arbeitet, ist "And the Trees Crept In" ganz sicherlich keine herkömmliche Horrorgeschichte und schon gar nicht vorhersehbar. Der Roman steckt voller unerwarteter Wendungen und Überraschungen, die einem nicht selten einen Schock versetzen und ich konnte nichts davon vorhersehen, weil Dawn Kurtagich eine Meisterin auf dem Gebiet ist. Ihre Ich-Erzählerin Silla ist eine klassische unzuverlässige Erzählerin, denn man kann sich nie sicher sein, ob das, was sie sieht tatsächlich passiert oder nur in ihrem Kopf stattfindet. Silla ist ganz sicherlich keine angenehme Ich-Erzählerin. Man möchte nicht in ihrem Kopf stecken, denn manchmal sind ihre Gedanken so dunkel, dass man beinahe das Gefühl hat, sie greifen auf einen selbst über. Aber man liest trotzdem weiter, weil Silla gleichzeitig eine faszinierende Person ist und die Geschichte rund um La Baume und Sillas Familie noch faszinierender.

SO FUNKTIONIERT GRUSEL!

Kurtagichs Stil ist sehr experimentell, hier beinahe noch mehr als in "The Dead House". Der Roman ist in Kapitel aus Sillas Sicht und in Rückblenden in die 1980er, als ihre Mutter und Cath Kinder waren und in La Baume aufgewachsen sind, aufgeteilt. Dazu gibt es Tagebucheinträge von Silla, die zu Anfang keinen Sinn zu machen scheinen und Notizen, ebenfalls von Silla. Der Roman ist anachronistisch erzählt: Die Notizen und Tagebucheinträge greifen manchmal der Handlung voraus oder geben einen besseren Einblick in Dinge, die schon geschehen sind und das alles macht den Roman noch sehr viel gruseliger, als er sowieso bereits ist. Man sieht Silla praktisch dabei zu, wie sie sich aufgrund der gruseligen Ereignisse in ihrem eigenen Kopf verliert und Kurtagich macht das einfach sehr gut, selbst dann, wenn man Sillas Gedankengängen nicht mehr folgen kann. Dazu kommt, dass Kurtagich viel mit sprachlichen Experimenten arbeitet. Sie schreibt oft Geräusche aus oder zieht Wörter lang, um nachzuempfinden, wie sich etwas anhört oder auch, wie Silla sich fühlt. Das Knarren des Bodens unter Catherines Füßen, die auf dem Dachboden hin und her läuft, ist oft ein creeeaaaaking für Silla, manche Wörter in ihren Tagebüchern sind fett gedruckt, was ihrem Geschriebenen eine merkwürdige Betonung gibt, wodurch ihre Tagebucheinträge sich merkwürdig unbequem lesen.

Kurtagich nutzt Sprache und sprachliche Experimente, um gewisse Reaktionen beim Leser hervorzurufen und für mich hat das richtig gut funktioniert. "And the Trees Crept In" ist gerade durch den eigentümlichen Stil richtiges Kopfkino, weil man gezwungen wird, sich Geräusche, aber auch Gefühle im Detail vorzustellen, was alles noch viel gruseliger macht. Handlungstechnisch passiert gar nicht so viel in diesem Roman. Das Buch zieht einen sehr viel eher in Sillas Kopf, zwingt einen dort zu bleiben und zuzusehen, wie sie am Spuk in La Baume und dem nahen Wald beinahe zerbricht - es zwingt einen außerdem, das ganze selbst mitzufühlen. Man sieht Silla nicht nur zu, man ist selbst da, in La Baume, und das ist das wirklich Unheimliche daran. Diese Art von Horror macht mir eigentlich selten was aus, denn mein horrorgeprüftes Hirn denkt sich: "Aha, der Creeper Man spukt also nur in England im Herrenhaus La Baume, vor dem muss ich keine Angst haben, weil da bin ich ja nicht!" Das Problem mit "And the Trees Crept In" ist aber, dass man im Kopf während des Lesens eben doch da ist, wirklich da. Der Roman stellt Silla und ihre von Panik und Sorge verzerrten Gedanken in den Vordergrund und irgendwann werden das die eigenen Gedanken und daher rührt der Grusel. Man fragt sich unweigerlich, ob man auch wie Silla reagieren würde. Ob man sich von La Baume in den Wahnsinn treiben lassen würde. Ob man versuchen würde zu fliehen oder so wie Silla zu viel Angst hätte.

Dazu kommt, dass "And the Trees Crept In" einfach sehr damit spielt, dass wir als Leser alles nur durch Sillas Augen sehen. Ist das, was sie beschreibt wirklich da? Erinnert sie sich richtig an ihre Zeit in London? Was, wenn nicht? Während das meistens vortrefflich funktioniert, hatte ich aber auch manchmal leider das Gefühl, dass Kurtagich sich vielleicht doch hin und wieder übernommen hat. Die Auflösung am Ende ist genial. Ich habe sie nicht erwartet, aber ich habe sie geliebt, weil so viel plötzlich Sinn ergeben hat - allerdings nicht alles. Ein paar der Ereignisse im Roman sind mit dieser Auflösung einfach unmöglich und beinahe schon irreführend, weil sie so gar nicht passiert sein können. Vielleicht bin ich da nicht kreativ genug, um zu verstehen, wie das zusammenhängt, oder vielleicht war ich zu dem Zeitpunkt bereits zu müde, um alles richtig zu begreifen, aber ich habe noch lange darüber nachgedacht und ich finde persönlich keine Lösung. Das finde ich schade, weil es die richtig tolle Auflösung und das Ende etwas untergräbt. Man wünscht sich ja bei solchen Büchern einfach, dass am Ende alles irgendwie Sinn ergibt. Wenn dann sagen wir 10% weiterhin völlig unklar oder sogar unlogisch bleiben, ist das ein bisschen unbefriedigend.

2016 UND DER DRITTE WELTKRIEG

Es gab noch ein paar Dinge, die mich persönlich gestört haben und das war zum einen die Liebesgeschichte. Ich fand sie unnötig und für einen Roman wie "And the Trees Crept In" auch viel zu kitschig. Dass sich Silla in Gowan verliebt, der eines Tages einfach auftaucht und den Mädchen helfen will, ergibt schon Sinn und es liegt auch nicht zu viel Fokus auf der Romanze, aber am Ende fand ich sie einfach doch zu viel des Guten. Ich will nicht spoilern, deshalb belasse ich das hier mal dabei, aber wer auf Liebesgeschichten Marke "für immer und ewig, obwohl wir erst siebzehn sind" nicht steht, wird diese hier auch nicht mögen. Die andere Sache, mit der ich größere Probleme hatte, waren die Zeitebenen. "And the Trees Crept In" spielt 2016, ist aber leicht dystopisch angehaucht. Die Leute reden vom dritten Weltkrieg, der bald beginnen soll und die Leute aus dem Dorf in der Nähe von La Baume fliehen deswegen bereits, weshalb Silla und Nori dann ganz allein sind. Klar leben wir im Moment in unsicheren Zeiten, aber das hat mich einfach gestört, weil das 2016 eben nicht so war und sonst auch keine Bewandnis für den Roman hat, außer, dass deshalb eben niemand mehr im Dorf ist, als Silla Hilfe holen will - aber das hätte man ja auch anders regeln können.

Mich hat der Dystopieanteil einfach öfter rausgerissen, weil es den Roman, der sonst so eindringlich ist, ein bisschen weniger zugänglich macht. Er rückt "And the Trees Crept In" ein Stück weit in eine alternative Realität und ich habe mich gefragt, weshalb das nötig war. Hätte Kurtagich ihn einfach in der Realität, die wir kennen, spielen lassen, hätte das ganze für mich noch besser funktioniert. Gott sei Dank wurde das aber alles nur angedeutet, weshalb ich es vernachlässigen und am Ende auch einfach ignorieren konnte. Komisch und merkwürdig fehl am Platz blieb es aber trotzdem. Darüber hinaus ist "And the Trees Crept In" aber ein sehr atmosphärischer Horrorroman, der mit den Gedanken der Protagonistin, mit Sprache, mit Horrorklischees und nicht zuletzt mit den Erwartungen und Gefühlen des Lesers spielt. Der Roman steckt voller unerwarteter Wendungen und schauriger Momente und zieht einen so tief in die Handlung, dass man das Buch nicht weglegen kann, bevor man es ausgelesen hat. Kurtagich hat mit diesem Roman und mit ihrem Debüt bewiesen, dass sie weiß, wie man psychologischen Horror schreibt und ich bin sehr gespannt, was in den nächsten Jahren noch von ihr erscheinen wird. Wer sich diesen Herbst richtig gruseln möchte, sollte "And the Trees Crept In" auf keinen Fall auslassen!

Kommentare

  1. Okay, din näher rückenden Bäume haben mich dann jetzt auch... das klingt echt verdammt gruselig und ich liebe irgendwie auch gruselige Sachen, auch wenn ich meist danach das Licht zum Schlafen anlassen muss. ^^ Ich mag deine Rezension sehr! Sie ist richtig gut geschrieben und vermittelt mir einen guten Eindruck von dem Buch, sodass ich es mir in den Herbstferien mit einer Tasse Kakao wohl zu Gemüte ziehen werde XD

    LG
    Hanna

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    1. Viel Spaß! Aber sag hinterher nicht, dich hat keiner gewarnt! :D

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