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"Das Geheimnis des Frühlings" von Marina Fiorato

Das Geheimnis des Frühlings | Blanvalet, 2012 | 978-3-442-37480-9 | 608 Seiten | Deutsch | Britische OA: The Botticelli Secret, 2010

Florenz um 1481. In einer Zeit, in der die Kunst der Renaissance ihren Höhepunkt erreicht, verdingt sich die bezaubernde Luciana Vetra als Straßenmädchen. Der Ruf ihrer ungewöhnlichen Schönheit kommt auch Botticelli zu Ohren, und er lässt sie für sein Bild „Primavera” Modell stehen. Als der Maler sie nicht entlohnen will, entwendet Luciana kurzerhand eine Miniatur des Bildes, nur um daraufhin entsetzt festzustellen, dass jemand dafür über Leichen geht. Doch was hat es mit diesem Gemälde auf sich? (x)

MEINE GEDANKEN

Okay, ich bin glaube ich komplett falsch an dieses Buch rangegangen. "Das Geheimnis des Frühlings" ist halt nicht der historische Thriller, den ich erwartet habe, sondern sehr viel mehr eine einzige große Verschwörungstheorie im Stil von Dan Brown. Und sowas mag ich nicht, wenn es nicht wirklich gut gemacht ist. Und "Das Geheimnis des Frühlings" ist leider nicht gut gemacht. Überhaupt nicht. Es ist billig recherchiert und geplottet und da geht der ganze Spaß an Verschwörungen, Verfolgungsjagden und der flapsigen Heldin sehr schnell über Bord. Sehr, sehr schnell. Mir hat der Schreibstil gefallen, damit wir das Positive gleich erstmal aus dem Weg haben. Marina Fiorato lässt Luciana wunderbar derb und lustig aus der Ich-Perspektive erzählen und sie hat ein besonderes Talent für lebendige Details und Beschreibungen. Die italienische Renaissance erwacht zwischen den Seiten durchaus zum Leben, aber ein schöner Stil reicht mir leider nicht in einem Roman, der sich etwas Großes vorgenommen hat und daran einfach auf ganzer Linie scheitert.

SCHÖN, SCHÖNER, LUCIANA

Aber erst einmal zu Luciana selbst, denn das Mädel ist mir trotz Wortwitz und erfrischend offenem Erzählstil direkt von Anfang an auf die Nerven gegangen. Ehrlich, Luciana muss einem immer wieder aufs Brot schmieren, wie schön sie ist und wie toll alle um sie herum sie finden. Ich bin aus dem Augenverdrehen kaum noch rausgekommen und ich fand es einfach sowas von unnötig. Luciana ist schön, das habe ich dann auch verstanden. Können wir jetzt weiterma- ah ja, okay, sie muss noch einmal betonen, wie schön sie ist. Und nochmal. Und... Ja doch! Ich hab's kapiert! Ganz ehrlich, ich weiß nicht, wem das nicht mindestens nach dem dritten Mal auf die Nerven geht. Der Trend zu unfassbar schönen Heldinnen im historischen Roman nervt mich ja sowieso ziemlich, aber aus der Ich-Perspektive ist das irgendwie noch viel nervenaufreibender. Es passte aber wenigstens zu Lucianas Arroganz, denn sie hält sich tatsächlich für ein Geschenk Gottes an die Menschen von Florenz und leider rütteln auch die Ereignisse der nächsten 600 Seiten nicht wirklich an ihrer himmelschreienden Selbstüberschätzung. Marina Fiorato fand ihre Luciana eindeutig ziemlich toll und wollte wohl mit uns teilen, wie toll sie ist. Na gut.

Was mich an Luciana aber wirklich am allermeisten angekotzt hat, ist die Romantisierung von Prostitution, die sich ebenfalls durch den gesamten Roman zieht. Luciana ist sechzehn Jahre alt, als die Handlung beginnt, und muss Tag für Tag mit mehreren älteren Männern schlafen, um genug Geld zu verdienen, um zu überleben. Ganz ehrlich? Das ist abartig, egal zu welcher Zeit. Luciana findet ihren Lebensstil als arme Prostituierte aber wirklich knorke. Sie hat total gern Sex, wogegen ich ehrlich nichts habe, aber dass Marina Fiorato es so darstellt, als könnte sich diese Sechzehnjährige nichts Schöneres vorstellen, als Tag ein und Tag aus mit irgendwelchen fremden Kerlen für ein bisschen Geld ins Bett zu steigen, finde ich absolut eklig. Luciana wohnt in einem baufälligen Schuppen, hat wirklich so gut wie überhaupt kein Geld, gehört zur ärmsten Bevölkerungsschicht in Florenz, muss ihren Kolleginnen beim langsamen Dahinsiechen zusehen... und findet das aber total super. Es macht ihr Spaß. Das geht für mich gar nicht. Das Leben einer armen Prostituierten im ausgehenden fünfzehnten Jahrhundert war sicherlich alles andere als lustig und eine romantisierte und mit haufenweise Zuckerguss überzogene Version davon will ich nicht lesen. 

Fiorato beschreibt Lucianas Leben als wäre sie eine reiche Mätresse, anstatt ein armes Mädchen, das wahrscheinlich zehn verschiedene STIs hat und nicht über dreißig Jahre alt werden wird, und das geht einfach gar nicht. Eine realistische Geschichte über eine jugendliche Prostiuierte, die ein großes Abenteuer erlebt, hätte ich wahrscheinlich sehr viel lieber gelesen, auch, wenn es hart gewesen wäre, als diesen romantisierten Blödsinn. Dazu kommt natürlich, dass die schöne Luciana von ganz mysteriöser Abstammung ist. Sie ist als Baby in einem kostbaren venezianischen Gefäß gefunden worden und hat überhaupt keine Idee, wer ihre Eltern denn sein könnten - jetzt darf jeder Mal raten, was die naheliegenste Auflösung dafür ist und ich kann euch sagen, dass ihr sehr wahrscheinlich richtig liegt. Das große Geheimnis um Lucianas Herkunft hatte zumindest ich direkt am Anfang bereits erraten und mir dann für den Rest des Romans eingeredet, dass es nicht so einfach sein kann. Es war dann aber so einfach und das weist auch schon drauf hin, wie der Roman geplottet ist: Oberflächlich, komplett ohne clever versteckte Hinweise und dafür mit ganz viel Holzhammer.

DAS "GEHEIMNIS" DES FRÜHLINGS?

Die eigentliche Handlung fand ich am Anfang echt richtig cool. Über einen ihrer reicheren Kunden wird Luciana mit keinem geringeren als Sandro Botticelli bekannt gemacht, der gerade an seinem berühmten Gemälde "Primavera" arbeitet. Sandro lässt Luciana die Flora modeln, aber er weigert sich, sie dafür zu bezahlen, also stiehlt Luciana aus Trotz eine Skizze des Gemäldes und läuft weg. Dass die Skizze anscheinend wertvoller war als gedacht, wird ihr klar, als sie plötzlich verfolgt wird und jemand sogar bereit wäre sie zu töten, um die Skizze zurückzubekommen. Eine richtig interessante Idee, wirklich! Ich habe so sehr auf einen spannenden historischen Thriller gehofft, auf schön viele Plottwists und spannende Geheimnisse, alles verknüpft mit Botticelli und dem berühmten Gemälde. Aber dieser Roman ist "Das Geheimnis des Frühlings" nicht. Nicht einmal im Ansatz. Es hat mir einfach zu viel keinen Sinn ergeben. Und deshalb hat die Geschichte nicht funktioniert. 

Primavera - Sandro Botticelli, ca. 1482, Öl auf Leinwand, 202cm x 314cm, Uffizien, Florenz
Zu aller erst liefert Fiorato einfach überhaupt keinen Grund, warum Botticelli ausgerechnet eine Prostituierte von der Straße für sich modeln lässt. Die einzige Erklärung ist, dass Luciana eben einfach so schön ist. Aber das reicht mir halt nicht. "Primavera" ist sehr wahrscheinlich im Auftrag der Medicis entstanden, der einflussreichsten Familie der italienischen Renaissance, und da nimmt Botticelli einfach irgendein Straßenmädchen als Modell her? Glaube ich nicht. Dazu kommt, dass das Modell für Flora (die dritte Figur von rechts, im geblümten Kleid) wahrscheinlich Simonetta Vespucci war, eine italienische Adelige. Selbst, wenn es nicht Simonetta war, wir können glaube ich davon ausgehen, dass Botticelli respektable Frauen für sich hat Modell stehen lassen und nicht einfach irgendein dahergelaufenes Mädchen, das ein entfernter Kumpel ihm mitgebracht hat. Hey, ich hätte das akzeptieren können, wenn Fiorato sich einfach die Mühe gemacht hätte, mir eine gute Erklärung dafür zu geben, wieso Botticelli sich Luciana als Modell aussucht. Macht sie aber nicht. Und dann geht die ganze Basis für diesen Roman eben einfach mal dezent flöten.

Und dann halt natürlich die große "Verschwörungstheorie". Fiorato hat sich eine Theorie ausgesucht, die von so ungefähr allen Kunsthistorikern, die mit "Primavera" gearbeitet haben als gelinde gesagt unwahrscheinlich eingestuft wurde. Natürlich kann man in einem historischen Roman trotzdem sagen: "Okay, aber was, wenn es doch so war?" Das ist ja genau das spannende an historischen Romanen. Wenn man gut plottet, sich eine historisch authentisch wirkende Erklärung zurechtlegt und den Leser dann überzeugt, dass es genau so hätte passiert sein können, dann kann man einen verdammt guten historischen Thriller schreiben. Macht Fiorato aber nicht. Die Verschwörungstheorie ist folgende: Angeblich ist "Primavera" eine Karte und jede Figur ist ein Hinweis auf einen Ort in Italien, an dem weitere Hinweise versteckt sind. Das ist jetzt echt kein Spoiler, keine Sorge. Es kommt im Roman sehr früh zur Sprache und die Theorie ist wie gesagt eine echte Verschwörungstheorie. Eine sehr schwache natürlich und auch in "Das Geheimnis des Frühlings" ist sie schwach. Und einfach auch total langweilig.

Mitraten ist hier nicht angesagt, Leute. Hinweise, die man selbst auszuknobeln versuchen könnte gibt's hier nicht. Luciana entschlüsselt Figur nach Figur einfach mal so, weil sie anscheinend nicht nur total schön, sondern auch total schlau ist. Sie guckt sich die geklaute Skizze von "Primavera" an und weiß einfach, was die Figuren bedeuten sollen. Und die Sache ist eben: Luciana ist eine arme Prostituierte, die nicht lesen und schreiben kann und von der italienischen Oberschicht in der Renaissance ungefähr so viel Ahnung hat, wie ich, also so gut wie gar keine. Trotzdem kann sie einfach so nebenbei diese Codes entschlüsseln. Sie guckt sich die drei tanzenden Mädchen an und denkt sich: "Aha, so tanzen Frauen bei Hof aber gar nicht, da ist was falsch!" und ich frage mich, woher dieses Mädchen jetzt wissen will, wie Frauen der Oberschicht tanzen oder nicht tanzen. Mal ganz ehrlich: Moderne Kunsthistoriker haben jahrzehntelang versucht die Symbolik von "Primavera" zu entschlüsseln und wir wissen bis heute nicht genau, was genau die einzelnen Figuren symbolisieren sollen. Aber Luciana, schön, sechzehn Jahre alt, entschlüsselt das Bild mal so nebenbei an einem Nachmittag. Nee. Einfach nee. Glaube ich nicht und finde ich auch nicht spannend. Ein bisschen schwerer hätte Fiorato es ihr - und dem Leser - doch machen sollen.

Ich finde das einfach so schade, ehrlich. Die Idee hinter dem Roman ist so interessant und anders, aber die Umsetzung ist dann leider doch ein Flop. "Das Geheimnis des Frühlings" ist schön erzählt, mit einer witzigen Ich-Erzählerin und tollen Beschreibungen von Italien in der Renaissance, aber wenn darüber hinaus nichts funktioniert, reicht das einfach nicht. Die Verschwörungstheorie wirkt billig und ergibt wenig Sinn, es kommt einfach null Spannung auf, weil Fiorato Luciana alle Rätsel sofort lösen lässt und, da die Autorin uns auch keinen glaubhaften Hintergrund dafür liefert, wie Luciana überhaupt dazu kommt, für Botticelli Modell zu stehen, fallen auch die Pfähle, auf denen die Geschichte aufgebaut ist, nach und nach einfach um. Dazu dann noch dieses nervige Herumreiten darauf, wie schön und geheimnisvoll Luciana ist und die unmögliche Romantisierung von Prostitution im fünfzehnten Jahrhundert und es bleibt einfach nicht viel übrig, das Spaß macht. Ich finde die italienische Renaissance unglaublich spannend, aber es ist eine der historischen Epochen, über die ich nicht viel weiß. Aber hier habe selbst ich gemerkt, dass vieles einfach nicht passt und mit ein bisschen googeln zu Botticelli und "Primavera" wusste ich dann auch, was. 

Fiorato hatte die Chance aus ihrer coolen Prämisse einen richtig coolen Renaissanceroman zu machen, aber es bleibt leider alles wirklich oberflächlich. Wen das nicht stört, der kann es gern mal mit "Das Geheimnis des Frühlings" versuchen, aber wer einen cleveren historischen Thriller oder meinetwegen eine mitreißende Verschwörungstheorie, egal wie weit hergeholt, erwartet, wird das in diesem Roman nicht finden. Wer einfach einen guten Roman über die Renaissance in Italien lesen möchte, sollte vielleicht eher zu Charlotte Thomas greifen oder zu Guiseppe Furnos "Die Feuer von Murano". "Das Geheimnis des Frühlings" ist in dieser Hinsicht einfach nicht überzeugend. Ich habe von Fiorato noch "Das Herz von Siena" ungelesen zuhause und ich hoffe wirklich, dass ihr Adelsintrigen im achtzehnten Jahrhundert mehr liegen, als Renaissance-Verschwörungstheorien, denn ihr Schreibstil ist wirklich schön. Dafür, für das überzeugende Setting und den Witz der Geschichte vergebe ich 2.5 Tassen, auch, wenn mich die eigentliche Geschichte gar nicht überzeugen konnte.

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