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"Der Lügner" von Stephen Fry

Der Lügner | Aufbau, 2012 | 978-3-7466-1950-7 | 399 Seiten | Deutsch | Britische OA: The Liar, 1991

Der fünfzehnjährige Schüler Adrian Healey ist ein sympathischer Taugenichts, der sich am liebsten selbst in Schwierigkeiten bringt. Er mag Bücher und sexuelle Perversionen und hegt einen aufrichtigen Haß gegen jede Art von Wahrheit. Diese Abneigung wird ihm zum Verhängnis, als er mit dem Cambridge-Professor Trefusis in eine Kriminalaffäre gerät, die ihren Anfang mit dem Mord an einem ungarischen Geiger nimmt und sich rasch zu einer haarsträubenden Verfolgungsjagd steigert. (x)

MEINE GEDANKEN

Wenn sie nichts zu rezensieren hat, dann rezensiert Kat Lieblingsbücher. Wir kennen das ja schon. An der deutschen Ausgabe von Stephen Frys Debütroman "Der Lügner" gefällt mir besonders gut der Satz "Er mag Bücher und sexuelle Perversionen" aus dem Klappentext, denn das trifft es ganz gut. Spaß beiseite: Diese Rezension könnte sehr kurz sein, denn ich könnte einfach sagen: Wer Stephen Fry und seinen speziellen Humor mag, der wird auch seine Romane mögen und wer ihn nicht mag, der nicht. Aber wir mögen es auf Teesalon ja gern ausführlich, deshalb lasse ich das jetzt nicht einfach so stehen, obwohl genau das der Kern der Sache ist. "Der Lügner" ist Stephen Fry durch und durch und, weil Stephen Fry ein sehr intelligenter, sehr humorvoller Mensch ist, ist "Der Lügner" ein beinahe irritierend intelligenter Roman voller britischem Humor. Als ich den Roman als Teenager zum ersten Mal gelesen habe, wusste ich nicht, was ich von ihm halten sollte, ehrlich. Damals mochte ich aber auch keinen Tee und was soll ich sagen, ich bin heute einfach ein anderer und wie ich finde coolerer Mensch und ich habe "Der Lügner" noch ein paar Mal gelesen und mit jedem Mal habe ich den Roman lieber gewonnen.

WILDE, WORTWITZ & DURCH UND DURCH FRY

Protagonist ist der zu Beginn des Romans fünfzehnjährige Adrian Healey und er ist, wie viele fünfzehnjährige Jungen, ein neunmalkluges, von sich selbst begeistertes Ekel. Adrian ist das perfekte Beispiel für den privilegierten englischen Internatsschüler, der sich für schlauer, intellektueller und besser als seine Mitschüler hält und deshalb lauter dumme Sachen macht. Ich mag Adrian nicht, aber ich muss ihn auch nicht mögen um ihn zu verstehen und das ist das Schöne an "Der Lügner". Adrian ist außerdem queer. Bisexuell, um genau zu sein, auch wenn Fry das Wort leider nie benutzt. Er identifiziert sich stark mit Oscar Wilde und er ist bis über beide Ohren in seinen Mitschüler Hugo verliebt. Was mir an Adrian so gefallen hat ist, dass er sich für mich wie ein echter Jugendlicher las, obwohl viele seiner Aktionen absolut unglaublich und realitätsfern sind (dazu später mehr). Adrian hat ein bestimmtes Bild von sich und er will, dass andere ihn ebenfalls so sehen - im Kern ist er aber eigentlich nur ein unsicherer Junge, der gemocht werden will und das zieht sich durch alle drei Lebensabschnitte, in denen wir Adrian begleiten: Als Internatsschüler, als Student in Cambridge und nach Cambridge, als sein ehemaliger Professor Donald Trefusis und Adrian gemeinsam in eine Spionagegeschichte verwickelt werden. Klingt abstrus und isses auch.

Der Titel sagt ja schon sehr viel: Adrian ist ein pathologischer Lügner, der sich selbst Wirklichkeiten erschafft, die so nicht der Realität entsprechen. Er ist ein Erzähler, dem man keinesfalls vertrauen darf, denn der ganze Spaß an "Der Lügner" ist, sich zusammenzupuzzeln, ob man gerade die Wahrheit gelesen hat oder eine von Adrians Lügen. Die Sache ist, dass man den echten Adrian gar nicht kennenlernt und das macht Fry wirklich clever. Ich weiß nicht, in den Händen eines anderen Autors wäre "Der Lügner" vielleicht eine lustige Spionagestory rund um Lügen und Wahrheiten geworden, mit einer tollen Botschaft am Ende. Fry macht aus dem Stoff jedoch noch sehr viel mehr. Er konstruiert mit Adrian eine Figur, in die man sich hineinversetzen kann, egal wie wenig man ihn mag, gerade weil dieses Gefühl, einfach gemocht werden zu wollen, sicherlich jeder kennt. Adrian treibt das halt total auf die Spitze: Es ist ihm so wichtig, die Aufmerksamkeit immer auf sich selbst zu lenken, dass er nicht nur lügt wie gedruckt, sondern auch verdammt dumme Sachen macht, die meistens schlimme Konsequenzen haben. "Der Lügner" ist oft absurd-lustig, schlägt aber auch nicht selten dunklere Töne an, die einem das Lachen im Halse stecken bleiben lassen. 

Interessant finde ich auch die vielen autobiographischen Anleihen, die ziemlich deutlich werden, wenn man Frys Biographien gelesen hat, besonders "Columbus war ein Engländer" und "Ich bin so Fry". Fry bedient sich stark in seiner eigenen Jugend was Adrians Jugend angeht und vielleicht ist Adrian als von sich selbst überzeugter, aber innen drin unsicherer Teenager gerade deshalb so überzeugend. Und das alles natürlich in Stephen Frys wunderschön eloquentem Schreibstil, angereichert mit cleveren Wortspielen, Gedanken und Sprachexperimenten, die besonders im englischen Original einfach nur Spaß machen. Das alles macht "Der Lügner" einfach zu einem ganz besonderen Buch und ich kann mit Überzeugung sagen, dass ich noch nie ein Buch gelesen habe, das wie "Der Lügner" war. Für mich ist das positiv. Für andere mag es negativ sein, wie gesagt: Das muss man mögen. Aber ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass "Der Lügner" nur etwas für Fry-Fans ist, weil das diesem genialen Buch einfach nicht gerecht wird. Aber wer mit Frys Art zu denken, seinem Humor und seiner ganzen Art nichts anfangen kann, der wird "Der Lügner" wahrscheinlich nicht genießen. 

WAHRHEIT, LÜGE ODER IRGENDWO DAZWISCHEN?

Der Roman ist zudem anachronistisch erzählt und für viele ist auch das ein absolutes No-Go. Ich fand es hier sehr gut gemacht, weil es den Puzzlecharakter des Romans noch unterstreicht. Man bekommt von Fry eigentlich nichts einfach so erklärt, man muss sich alles selbst zusammenreimen und das Schöne ist, das mehrere Interpretationen des Romans möglich sind. Wenn ich etwas bemängeln würde, würde ich anmerken, dass mir im Roman einfach zu wenige Frauenfiguren vorhanden sind und das ist richtig schade, weil die Frau, die vorkommt - Adrians spätere Freundin, Jenny de Woolf - großartig ist. Sie ist das krasse Gegenteil zu Adrian, zukunftsorientiert, ein richtiger Freigeist und nicht nur buchschlau, sondern wirklich intelligent, und sie hält ihm und dem Leser immer mal wieder den Spiegel vor, was mir sehr gefallen hat, weil es einen zwingt krittischer über Adrian und seine Weisheiten nachzudenken. Ich hätte gern mehr Jennys in diesem Buch gehabt, aber die, die wir bekommen, ist eine großartige Figur und deshalb kann ich damit ganz gut umgehen, auch, weil es trotz all der verschiedenen Stationen in Adrians Leben, die wir mit ihm durchleben, nicht wirklich viele wichtige Figuren neben ihm und seinem Mentor Donald Trefusis gibt.

Die Sache ist halt, dass "Der Lügner" sehr viel Aussage und Weisheit und clevere Ideen hat, aber sehr wenig richtigen Plot und schon gar keinen durchgehenden. Und das ist okay. Aber, wie immer, man muss das mögen. "Der Lügner" wird von vorn bis hinten von seinen Figuren getragen und ist auch irgendwo, unter all den Lügen, ein klassischer coming-of-age-Roman. Man bekommt sehr viel Figurenentwicklung, aber sehr wenig eigentliche Geschichte. Ich mag das, wenn es so wie hier gemacht ist und ich hinterher das Gefühl habe, der Roman hat mir etwas gegeben. Wovon man sich bei "Der Lügner" aber wirklich verabschieden muss, ist die Hoffnung, herauszufinden, was wahr ist und was nicht, denn das ist natürlich die Frage, die über allem schwebt. Manchmal kennzeichnet Fry Adrians Lügen und manchmal muss man sich dazu denken, dass etwas nur ausgedacht ist und manchmal sagt Fry, Adrian hat mal wieder gelogen und man fragt sich, ob das nicht auch wieder eine Lüge und eigentlich alles wahr ist... Ja, darauf muss man sich einlassen wollen und als ich den Roman das erste Mal gelesen habe, konnte ich das nicht wirklich. Beim zweiten Mal hat es für mich aber umso besser funktioniert.

Last but not least möchte ich auch noch darüber sprechen, dass der Roman sehr sexuell ist. Ich kann damit eigentlich nicht viel anfangen. Nicht, weil ich total prüde bin, sondern, weil mir das Interesse an smut einfach komplett fehlt. "Der Lügner" ist an einigen Stellen aber durchaus sehr smutty, ist so. Aber, weil Fry auch hier seinen Wortwitz und seine Spracheleganz nicht verliert, hat das für mich gut funktioniert. Interessant fand ich auch, dass Adrian teilweise sehr manipulativ sein kann, auch sexuell (siehe Klappentext), was ich sicherlich nicht gutheiße, aber interessant umgesetzt fand. Es ist auch etwas, das im Verlauf des Romans angesprochen wird und, wenn auch nicht ausführlich, zumindest im Ansatz besprochen wird. Darüber hinaus ist ganz klar zu sagen, dass Fry einfach erleichternd offen über Adrians Queerness und seine queere Sexualität schreibt. Für einen 1991 erschienenen Roman ist das sowieso erstaunlich, aber auch heute sind viele Romane nicht so frei, offen und authentisch in ihrem Umgang mit queerer Sexualität wie "Der Lügner" es ist und das finde ich schade. Allein dafür bewundere ich Fry und diesen Roman. 

Zur eigentlichen Geschichte aus dem Klappentext habe ich jetzt nicht viel gesagt und das liegt daran, dass dieser Teil des Romans zwar ebenfalls sehr amüsant ist und sich ein bisschen wie eine Spionagethrillerpastiche liest, aber eben einfach nicht das Hauptaugenmerk des Romans. Alles in allem ist "Der Lügner" halt irgendwie ein Gesamtkunstwerk. Es ist kein Roman im herkömmlichen Sinne, sondern eine aus verschiedenen Geschichten zusammengebastelte Collage, die den Leser nicht nur zusammen mit Adrian verschiedene Stationen seines Lebens durchleben lässt, sondern ihm auch die vielen verschiedenen konstruierten Persönlichkeiten nahebringt, die Adrian im Verlauf des Romans entwickelt. Zusammen mit den clever eingebauten Lügen, der Frage danach, was jetzt wahr ist und was nicht, den teilweise bittersüßen Weisheiten, die der Roman zu bieten hat, dem eloquenten Schreibstil und natürlich dem sehr offenen positiven Umgang mit Queerness, ergibt das einfach einen Roman, der Spaß macht, wenn man sich darauf einlassen kann. Ich denke, wer sich mit Stephen Fry, Oscar Wilde, britischem Humor, glitzernder Campness und viel cleverem Wortwitz identifizieren kann, für den ist "Der Lügner" wie gemacht. Für mich ist er ein besonderes Buch, das ich immer wieder gern lese. Von mir gibt es daher 4.5 Tassen und die Lieblingstasse.


Kommentare

  1. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher! Muss es bald mal wiederlesen, bis dahin habe ich mich sehr über deine ausführliche Rezension gefreut und natürlich darüber, dass ich mit meiner positiven Meinung nicht alleine dastehe!

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