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"One of Us Is Lying" von Karen M. McManus

One of Us Is Lying | cbj, 2018 | 978-3-570-16512-6 | 448 Seiten | Deutsch | Amerikanische OA: One of Us Is Lying, 2017

An einem Nachmittag sind fünf Schüler in der Bayview High zum Nachsitzen versammelt. Bronwyn, das Superhirn auf dem Weg nach Yale, bricht niemals die Regeln. Klassenschönheit Addy ist die perfekte Homecoming-Queen. Nate hat seinen Ruf als Drogendealer weg. Cooper glänzt als Baseball-Spieler. Und Simon hat die berüchtigte Gossip-App der Schule unter seiner Kontrolle. Als Simon plötzlich zusammenbricht und kurz darauf im Krankenhaus stirbt, ermittelt die Polizei wegen Mordes. Simon wollte am Folgetag einen Skandalpost absetzen. Im Schlaglicht: Bronwyn, Addy, Nate und Cooper. Jeder der vier hat etwas zu verbergen – und damit ein Motiv...

MEINE MEINUNG

"One of Us Is Lying" war das Buch, auf das ich mich dieses Jahr am allermeisten gefreut habe. Leider war es auch direkt die größte Enttäuschung des Jahres. Enttäuschender noch, als "And I Darken", weil es mir eben schon gefallen hat, aber einfach überhaupt nicht das war, was ich erwartet habe. Das liegt einerseits natürlich an mir, aber eben auch am Roman selbst. Ich liebe YA-Thriller. Ich kann von Jugendlichen, die als Amateurermittler rätselhafte Fälle lösen müssen, nicht genug bekommen. Aber "One of Us Is Lying" ist halt leider durch und durch durchschnittlich und sticht einfach nicht aus der Masse an YA-Thrillern heraus. Im Gegenteil, es bleibt hinter vielen ähnlichen Romanen sogar einfach zurück. Was ich richtig gut finde ist, dass Karen M. McManus sehr divers schreibt. Viele ihrer Figuren, Hauptfiguren und Nebenfiguren, sind nicht weiß und ich fand, dass sie das auch sehr gut gemacht hat, besonders, was Bronwyn und ihre Familie angeht. Bronwyn ist einerseits die typische Tochter aus gutem Hause, andererseits schreibt McManus aber auch darüber, wie schwer es ihrem Vater als Latino fällt, diesen Ruf aufrecht zu erhalten, weil die Leute um ihn herum einfach ihre Vorurteile haben. Das hat mir gefallen, keine Frage.

DER BREAKFAST CLUB AUF ABWEGEN

Auch mochte ich die Anspielungen auf "The Breakfast Club", diesen Kultfilm aus den 80er Jahren, sehr. "One of Us Is Lying" ist sehr selbstironisch erzählt. Das Buch nimmt sich nicht allzu ernst, was ihm wirklich gut tut, denn nur deshalb nimmt man hin, dass Schultratschonkel Simon mithilfe von Erdnussöl vergiftet wird. An sich ist das einfach eine verdammt alberne Mordmethode und im ersten Moment habe ich auch ein bisschen die Augen verdreht, aber es passt irgendwie zur Atmosphäre von "One of Us Is Lying". Generell ist alles einfach ein bisschen überdreht und die Figuren auch stark überzeichnet, was für mich manchmal funktioniert hat, manchmal aber auch nicht. Störend fand ich, dass die Hauptfiguren alle ein wandelndes Klischee waren. Bronwyn ist das schlaue brave Mädchen, Nate ist der jugendliche Drogendealer (komplett mit Motorrad natürlich), Cooper der beliebte Sportler und Addy die schöne Schulprinzessin. Hier und da versucht McManus die Klischees am Ende auf den Kopf zu stellen, aber das funktioniert mehr schlecht als recht. Addy zum Beispiel stellt sich als sehr schüchtern heraus, was ich interessant fand, aber weil die Figuren nicht wirklich ausgearbeitet sind, funktioniert leider oft ihre Figurenentwicklung nicht richtig.

Was mir auch gar nicht gefallen hat, war McManus' Versuch eine queere Figur zu schreiben. Ich kann euch nicht sagen, um welche Figur es geht, weil das ein Spoiler wäre - und das ist auch direkt schon das Problem. McManus benutzt die Queerness einer Figur als großen schockierenden Plottwist gegen Ende des Romans und das finde ich ziemlich bescheiden. Queere Figuren, von denen man erst gegen Ende erfährt, dass sie queer sind, sind keine gute Repräsentation, echt nicht. Wenn man gar nicht weiß, dass die Figur queer ist, dann kann man sich mit ihrem Queersein eben auch nicht identifizieren. Und die Sexualität eines Menschen als "schmutziges Geheimnis" herzunehmen, das aufgedeckt werden muss so wie Nates Drogenvergangenheit und ein Seitensprung einer anderen Figur... irgendwie geschmacklos, oder? Besonders, da die Figur eine Ich-Perspektive im Roman hat und selbst seit Jahren weiß, dass sie queer ist. Nur dem Leser wird nichts verraten, weil man die Sexualität der Figur dann ja nicht mehr als große schockierende Enthüllung ranziehen könnte. Dazu kommt, dass die queere Beziehung nach der Enthüllung dann kaum page time bekommt, auch wieder trotz Ich-Perspektive der Figur. Es gibt zwei kurze Kussszenen und ansonsten wird keusch Händchen gehalten, während die Heteropärchen seitenlang am Rummachen sein dürfen. Also gute Repräsentation geht anders und nur, weil eine queere Figur im Buch ist, heißt das leider nicht, dass die auch respektvoll geschrieben ist, denn das ist hier eindeutig nicht der Fall.

Dass die Romanze zwischen Bronwyn und Nate so ausgewalzt ist, hat mir auch überhaupt nicht gefallen, ehrlich gesagt. Dass die beiden anbändeln werden ist ab den ersten Seiten ganz klar und das ist ja auch okay, aber wenn ich einen YA-Thriller lese, dann will ich nicht kapitelweise lesen, wie das brave Mädchen und der Rebell (auch so ein Klischee, oder?) sich missverstehen, sich wieder vertragen, rumturteln, zusammen Filme gucken und dann halt eben wie gesagt seitenweise rummachen. Die Romanze zwischen Bronwyn und Nate ist einfach sehr nullachtfünfzehn und uninteressant, drängt aber nicht nur die queere Romanze total an den Rand, sondern auch Addys sehr viel interessanteren Ausbruch aus einer toxischen Beziehung. Generell hat mir Addy am besten gefallen, doch leider bleibt sie irgendwie hinter Nate und ganz besonders Bronwyn zurück. Man merkt einfach, dass Bronwyn die Lieblingsfigur der Autorin sein muss, denn sie ist ganz klar die eigentliche Hauptfigur. Leider ist das Buch aber aus den Ich-Perspektiven mehrerer Figuren erzählt, was unglücklich ist, weil eben alle hinter Bronwyn total verblassen. Mir hätte es wahrscheinlich persönlich besser gefallen, nur Bronwyns Sicht auf die Dinge zu lesen, dafür aber einen tieferen Einblick in ihre Probleme und ganz besonders ihr Herangehen an den Fall zu bekommen.

PRETTY LITTLE MURDER CLUB

Der Fall selbst ist leider nämlich enttäuschend ereignislos und einfach gelöst. Simon stirbt beim Nachsitzen, weil ihm jemand Erdnussöl ins Wasser gemischt hat und er darauf allergisch ist. Nun erwartet man, dass die vier Jugendlichen, die sich alsbald als "Murder Club" bezeichnen, weil alle aus mir unerfindlichen Gründen annehmen, sie hätten Simon getötet, sich beeilen würden, den Fall zu lösen. Aber nichts ist. Viel eher werden die vier immer wieder von der Polizei befragt und geraten irgendwie landesweit in die Nachrichten und ab da hat das Buch mich erstmal vollkommen verloren, weil das alles so unrealistisch war. Erstmal ist mir die Polizei in diesem Roman mal wieder viel zu dilettantisch. Nicht nur verdächtigen sie die vier Jugendlichen ohne irgendwelche Beweise zu haben, sie geben den Stand der Ermittlungen auch an die Presse raus und das geht gar nicht. Die vier Teenager sind zwar "Personen von besonderem Interesse", aber eben, weil es überhaupt keine Beweise gibt, kann es nicht zu einer Festnahme oder gar Anklage kommen. Dass die Polizei die Namen der vier dann an die Medien weitergibt, ist überhaupt nicht logisch und hat mich massiv gestört.

Auch blieb mir durchgehend schleierhaft, wieso sich plötzlich ganz Amerika für den "Murder Club" ineressiert. Ich denke mal, McManus wollte hier mit der Sensationsgeilheit der Menschen arbeiten, aber irgendwie kommt gar nicht rüber, wie sowas wirklich funktioniert. Es geht ja nicht jeder Mord direkt in die Presse und wird vom ganzen Land verfolgt. Leider wollen die Leute sowas nur lesen, wenn das Verbrechen besonders brutal und grauenvoll daherkommt. Finde ich auch scheiße, ist aber so. Teenager mit Erdnussöl umgebracht ist einfach nicht die Schlagzeile, die so einen Medienrummel auslösen würde. Und ganz besonders würde es die vier Teens doch nicht zu nationalen Superstars machen, mal ehrlich. Wenn man das ganze mit echten Fällen, wie zum Beispiel dem von Shanda Sharer oder auch Meredith Kercher vergleicht, dann wird einfach total klar, dass McManus nicht so wirklich gelungen ist, überzeugend darzustellen, wie genau so ein Medienspektakel funktioniert und was einen Mordfall ausmachen muss, damit nicht nur ganz Amerika sich dafür interessiert, sondern sogar eine national ausgestrahlte True-Crime-Fernsehsendung (im Stil von Aktenzeichen XY Ungelöst), die den Fall plötzlich behandelt. Es gibt einen Grund, dass Fälle wie dieser nicht in True-Crime-Podcasts auftauchen, aber McManus tut so, als würde es vier Jugendliche national berühmt machen, ihren Mitschüler ermordet zu haben. Und deshalb bin ich so enttäuscht von "One of Us Is Lying".

Da wäre so viel Potential gewesen, die amerikanische Medienlandschaft, die Sensationsgeilheit der Leute und die Hintergründe von kaltblütigen Morden unter Teenagern zu beleuchten, auseinanderzunehmen und vor allem kritisch zu hinterfragen, was hier einfach gar nicht passiert. So ein Buch wollte ich lesen. Aber so ein Buch ist "One of Us Is Lying" einfach nicht und ich glaube, es will auch nicht so ein Buch sein. Mit allem wird irgendwie total locker umgegangen, es ist noch Zeit für Witze nebenbei und während die Jugendlichen ständig von der Polizei verhört werden, ermittelt hier einfach mal keiner der vier selbst. Ehrlich, das ergibt für mich alles keinen Sinn. Vier Jugendliche, die genau wissen, dass sie unschuldig sind, werden von der Polizei zu Unrecht beschuldigt, einen Mord begangen zu haben, aber keiner von denen bemüht sich mal, etwas zu tun, um zu beweisen, dass sie unschuldig sind. Die Lösung fällt den Jugendlichen nach sehr viel Drama, Herzschmerz und Hin und Her dann am Ende einfach in den Schoß. Kein Witz. Und sie ist unbefriedigend, das kann ich dazu sagen. Es gibt keine Möglichkeit für den Leser mitzuraten und selbst zu versuchen, den Fall zu lösen, die Lösung kommt aus heiterem Himmel und das fand ich einfach enttäuschend. 

Generell hat mir an "One of Us Is Lying" einiges gefallen. Der Fall an sich war gar nicht so schlecht, wenn auch etwas albern, was aber zum selbstironischen Stil der Geschichte gepasst hat. Ich mochte Addy sehr und ich mochte, mit wie viel Fingerspitzengefühl McManus sie einen Weg aus ihrer ungesunden Beziehung und der Abhängigkeit von ihrem Partner finden lässt. Der Roman war auch durchaus spannend, keine Frage, ein Pageturner ist "One of Us Is Lying" dank der spannenden Polizeibefragungen, der nach und nach ans Licht kommenden Geheimnisse und der Frage danach, wer Simon jetzt wirklich ermordet hat, auf jeden Fall, aber er war am Ende einfach enttäuschend. Den Umgang mit Queerness fand ich einfach nicht gut, die Figuren waren eine Spur zu oberflächlich gestaltet und während sich McManus einen spannenden Mordfall ausgedacht hat, ist es ihr meiner Meinung nach nicht gelungen, ihn auch zu einer überzeugenden Auflösung zu bringen. Was auch total fehlt ist die Eigeninitiative der vier Jugendlichen. Ich hatte erwartet, dass der Roman im Stil von "Pretty Little Liars" (mit dem der Roman links und rechts verglichen wird) seine Figuren selbst ermitteln lässt, auch mal dabei in Gefahr bringt, einfach ein bisschen Action entstehen lässt, aber nichts da. Am Ende ist "One of Us Is Lying" eben eher "Gossip Girl" als "Pretty Little Liars". Ein durchaus schnell wegzulesender und unterhaltsamer Jugendroman, aber eben kein spannender Jugendthriller. Von mir gibt es 2.5 Punkte.


Weitere Meinungen:

Lovely Mix | Kritische Auseinandersetzung

Tapsis Bücherblog | "One of us is lying and one of us is bored. Schade!"


Edit, 26.02.2018: Ich hatte zuerst die englische Ausgabe rezensiert und die Rezension heute an die deutsche Ausgabe angepasst.

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