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"Stranwyne Castle: Das trügerische Flüstern des Windes" von Sharon Cameron

Das trügerische Flüstern des Windes | Stranwyne Castle #1 | Egmont Ink, 2014 | 9783863960094 | 352 Seiten | Deutsch | Amerikanische OA: The Dark Unwinding, 2012

Intrigen, Ränkespiele, Gerüchte - bei den Tulmans geht man nicht zimperlich miteinander um. Schon gar nicht mit einer vorlauten jungen Frau, von der man kaum noch hoffen kann, sie zumindest gewinnbringend zu verheiraten. Also wird Katharine vor die Wahl gestellt: Armenhaus oder sie erbringt den Beweis, dass ihr reicher Onkel, Frederick Tulman, verrückt geworden ist und das Familienvermögen zum Fenster hinauswirft. Was sie vorfindet, ist jedoch kein seniler alter Mann, sondern ein Exzentriker, der wahre Wunder vollbringt und eine surreale Welt geschaffen hat, die Katharine immer mehr in ihren Bann zieht. Wie die sturmgrauen Augen seines Assistenten Lane. Doch das Schicksal ist so trügerisch wie das Flüstern des "Stranwyne", und plötzlich ist es Katharine, die um ihr Leben fürchten muss.

MEINE GEDANKEN

Ich glaube, "Stranwyne Castle" ist genau das richtige Buch für alle, die schon immer nach einer Mischung aus Charlotte Brontës "Jane Eyre" und Emily Brontës "Sturmhöhe" mit ein paar netten Steampunkanklängen gesucht haben. Das klingt jetzt fieser, als es gemeint ist, denn "Stranwyne Castle" ist eine großartige moderne Gothic Novel, die alles hat, was ich von dem Genre erwarte. Aber der Roman ist tatsächlich sehr brontësque (falls das noch kein Wort ist, bin ich dafür, es ab jetzt in den alltäglichen Sprachgebrauch einzugliedern). Heldin Katharine Tulman ist eine klassische Jane Eyre: Sie ist die ungeliebte Nichte, die man am liebsten schnell verheiraten oder eben ins Armenhaus abschieben möchte, hat aber trotzdem - oder vielleicht gerade deswegen - ein gesundes Selbstbewusstsein und eine Art an sich, die sie dem Leser durchaus sympathisch macht, aber sie mit den Personen um sie herum immer wieder aneinandergeraten lässt. Das beste an Katharine ist aber, dass sie sich original 1850er liest. Ja, sie weiß sich durchzusetzen. Aber gleichzeitig ist sie keine von diesen modernen Heldinnen im historischen Gewand. Sie ist eine viktorianische Lady und verhält sich auch so, gibt viel darauf den Anstand zu bewahren, vernünftig angezogen zu sein und ihren Ruf nicht zu gefährden.

Das hat mir einfach so gut gefallen, weil es einerseits für die Epoche realistisch ist und andererseits einfach eine Freude ist, weil die meisten historischen Romane dieser Art die selbstbewusste Frau lieber als hosentragend und ihre Gesellschaft ablehnend, kurz gesagt komplett unrealistisch, darstellen. Dass Katharine gleichzeitig ihren eigenen Kopf und immer eine schlagfertige Antwort auf der Zunge haben kann, aber es ihr gleichzeitig wichtig ist, dass ihr Haar vernünftig frisiert ist, fand ich einfach schön zu lesen. Auch, weil es beweist, dass das geht. Man kann authentische Viktorianerinnen schreiben, die trotzdem für moderne Leser zugänglich sind. Es erfordert nur ein bisschen mehr Mühe. So. Unsere Jane Eyre Katharine reist nun also auf den Familiensitz "Stranwyne Castle", denn ihre Tante befürchtet, dass Katharines "verrückter" Onkel Frederick Tullman, kurz Tully, der dort lebt, das Familienvermögen verballert. Natürlich ist Stranwyne alles, was ein altes Herrenhaus in einer Gothic Novel sein muss: Uralt, feucht, dunkel, schaurig. Also rundum wunderbar und sehr gut geeignet zum Gruseln. Es kann mit Wuthering Heights, Thornfield Hall und all den anderen Gemäuern aus der Schauerromangeschichte absolut mithalten und Camerons Beschreibungen des zugigen alten Anwesens sind so atmosphärisch, dass es einfach Spaß macht, es gemeinsam mit Katharine zu erkunden. 

SUBTILER GRUSEL IM BLAUEN KLEID

Bald treffen wir auch auf den Heathcliff der Geschichte: Lane, Onkel Tullys verschlossenen und etwas griesgrämigen Assistenten, den man aber auch sehr bald lieb gewinnt, wenn er anfängt, mehr Zeit mit Katharine zu verbringen und seine anderen Seiten zu zeigen. Es gibt eine zarte Liebesgeschichte, aber die steht nicht im Fokus, denn dafür hat Katharine gar keine Zeit. Denn in Stranwyne geschehen merkwürdige Dinge. Katharine hat unheimliche Träume, beginnt zu schlafwandeln, hat mit einem Mal Gedächtnislücken, die sie sich nicht erklären kann. Dazu kommt, dass sie in dem Zimmer lebt, in dem früher ihre mittlerweile verstorbene Mutter gelebt hat. Und hier wird es dann richtig unheimlich. "Stranwyne Castle" gruselt eher subtil und überlässt sehr viel der Fantasie des Lesers, anstatt mit Schockeffekten um sich zu werfen. Ich mag das ziemlich gern, weshalb "Stranwyne Castle" für mich in dieser Hinsicht sehr gut funktioniert hat. In der zweiten Hälfte des Romans kommen dann auch tatsächlich die Intrigen und Verschwörungen aus dem Klappentext hinzu und es wird richtig spannend. Die Auflösung fand ich persönlich sehr weit hergeholt, aber sie ist so gut präsentiert, dass ich mich trotzdem darauf einlassen konnte, alles kein Problem.

Was diesen Roman aber wirklich besonders macht, sind seine Figuren. Einerseits natürlich Katharine und Lane, aber andererseits eben auch Onkel Tully, der allen anderen einfach die Show stielt. Kaum auf Stranwyne Castle angekommen, stellt Katharine fest, dass ihr Onkel Tully keinesfalls verrückt ist., wie ihre Tante behauptet hatte. Er ist Autist und hat sich in Stranwyne seine eigene Welt erschaffen. In seiner Werkstatt baut er raffiniertes mechanisches Spielzeug. Die Entwicklung der Beziehung zwischen Katharine und ihrem Onkel habe ich einfach sehr gern gelesen, denn Katharine lernt nach und nach zu verstehen, weshalb ihr Onkel so ist, wie er ist, und Onkel Tully beginnt nach und nach seiner Nichte zu vertrauen, was zu einigen herzerweichenden Momenten zwischen den beiden führt. Überhaupt kann der Roman das gut: Die zwischenmenschlichen Momente, die aufkeimenden Freundschaften zwischen Katharine und den Menschen von Stranwyne, sind ganz und gar gelungen. "Stranwyne Castle" lebt von seinen interessanten lebensnahen Figuren und von seinen unheimlichen Rätseln, die dem Leser die Chance geben, selbst zu überlegen, was dahinter stecken könnte. Auch das Setting ist ein Traum. Wer gruselige Herrenhäuser in der englischen Provinz mag, der sollte sich Stranwyne nicht entgehen lassen, so viel ist klar.  

Dazu muss aber gesagt werden, dass "Stranwyne Castle" ein historischer Roman ist, und wirklich kein Steampunk, wie man manchmal liest. Onkel Tullys Erfindungen gehen ein bisschen in die Richtung, aber darüber hinaus ist der Roman sehr sicher und historisch authentisch in der Mitte des viktorianischen Zeitalters verankert. Und das ist auch gut so, denn Sharon Cameron erschafft wunderbaren viktorianischen Gothic. Mühelos beschreibt sie die Gesellschaft, in der Katharine aufgewachsen ist und die Traditionen und Gepflogenheiten in Stranwyne und im nahen Dorf. Nicht nur Katharines 1850er-Mode wird lebendig beschrieben, auch die Kleider ihrer Mutter, die Jahrzehnte lang in ihrem alten Schlafzimmer gelegen haben und auch hier, bei etwas, das andere Romane meist einfach unter den Tisch fallen lassen, brilliert der Roman. Eine meiner liebsten Szenen ist tatsächlich eine Szene ganz zu Anfang, in der Katherine das hellblaue Kleid ihrer Mutter im Schrank findet, denn mit wenigen Worten beschwört Cameron die Unterschiede zwischen Katharines Zeit in Stranwyne und der ihrer Mutter hinauf, was der Handlung etwas Dreidimensionales, Echtes gibt. Stranwyne fühlt sich echt an, hat eine Geschichte. Die Szene ist außerdem emotional, unheimlich und wunderschön geschrieben und das blaue Kleid hat natürlich eine tiefere Bedeutung, auf die ich jetzt nicht zu sehr eingehen will. Katharine trägt es allerdings auf dem amerikanischen Originalcover, also kann man sich natürlich bereits denken, dass es nicht nur ein Accessoire ist. 

ALTE MAUERN, EIGENE REGELN

Und wo wir gerade dabei sind: Ich finde das deutsche Marketing irgendwie irreführend. Das Cover ist hübsch, aber etwas nichtssagend und der Titel lang und romantisch, aber er passt nicht wirklich zu dieser Geschichte. Die Originalausgabe heißt "The Dark Unwinding" und dieser Titel ist perfekt. Das nur am Rande. Auch trifft das Originalcover die Atmosphäre des Romans sehr viel besser. Natürlich ist "Stranwyne Castle" auch hier und da ein bisschen romantisch verklärt, aber keinesfalls so sehr, wie es das deutsche Cover andeutet. Also falls euch die romantische Aufmachung der deutschen Ausgabe abschreckt: Dafür gibt es wirklich keinen Grund. "Stranwyne Castle" ist sehr viel mehr Grusel und Intrige als romantische Liebesgeschichte und vor allem ist der Roman sehr eigen. Einen typischen historischen Mysteryroman darf man sich hier nicht erwarten, auch keine epische Liebesgeschichte und schon gar keinen 0815-Steampunk. 

Viel mehr bleibt mir dann auch gar nicht mehr zu sagen. "Stranwyne Castle" ist eine wunderbar erzählte und subtil gruselige Gothic Novel voller spannender Wendungen, die einen von den ersten Seiten an in ihren Bann zieht. Der Roman ist wunderbar recherchiert und bietet eine liebenswerte und gleichzeitig historisch überzeugende Ich-Erzählerin, sowie viele weitere tolle Figuren, allen voran Onkel Tully, dessen Autismus nicht verklärt oder verteufelt wird, sondern einfach ein Teil seiner Persönlichkeit ist, den die Figuren um ihn herum akzeptieren. Genau das macht "Stranwyne Castle" so wunderbar, finde ich. Das alte Herrenhaus ist ein Ort, an dem andere Regeln gelten und während seine vielen Zimmer und Gänge wunderlich und manchmal unheimlich wirken, verbirgt sich im Herzen des alten Gemäuers etwas sehr Warmherziges, Positives, das auch in den gruseligsten Momenten des Romans durchscheint und das lässt sich auf den ganzen Roman übertragen. Sharon Cameron erschafft hier eine Welt mit eigentümlicher und einnehmender Atmosphäre, die so schnell nicht wieder loslässt. Für mich ist "Stranwyne Castle" eigentlich der perfekte historische Schauerroman. Noch perfekter wird er nur in Kombination mit einem stürmischen Herbsttag und einer Tasse Darjeeling. Und genau so und nicht anders will ich viktorianischen Grusel haben. 

Fans von klassischem viktorianischen Grusel und spannenden Mysteries dürften mit "Stranwyne Castle" ihre wahre Freude haben. Wer gut recherchierte historische Romane mit dem besonderen Etwas mag, wird auch auf seine Kosten kommen. An sich würde ich den Roman einfach gern jedem empfehlen, der dem Genre nicht vollkommen abgeneigt ist. Es gibt übrigens einen zweiten (und letzten) Teil, der jedoch nie auf Deutsch erschienen ist. "A Spark Unseen" ist allerdings genauso lesenswert, wie dieser erste Band. Aber keine Angst. Man kann "Stranwyne Castle" auch problemlos als Einzelband lesen. Von mir gibt es 4.5 Tassen und die Lieblingstasse. Einen Teering ziehe ich ab, da das Ende ein bisschen over the top wirkt, und, weil mir Teil zwei noch einen Deut besser gefallen hat. Trotzdem ist das hier ein absolutes Lieblingsbuch.


1 Kommentar

  1. Hallo,
    danke für deine auführliche Rezension, das Buch klingt nach einem Buch für mich. Ich hatte es auch schonmal in der Hand, war dann aber nicht wirklich sicher und dann ist es wieder aus meinen Gedanken verschwunden. Ein Buch das ich mir mal für Halloween vormerke ;)

    LG

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