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"Zeitreisende küsst man nicht" von Kirsten John

Zeitreisende küsst man nicht | Ariadne #2 | Arena, 2014 | 978-3-401-50612-8 | 312 Seiten | Deutsch

Ariadnes kleine Schwester wurde entführt! Bei dem Versuch, sie zu retten, gerät Ariadne nicht nur mitten in die Biedermeierzeit, sondern auch in die Fänge zweier düsterer Damen. Moritz und Pluvius müssen alles daran setzen, dass Ariadne nicht in einer Zeitschleife endet. Ein aufregendes, spannendes, witziges Zeitreiseabenteuer beginnt… (x)

MEINE GEDANKEN

Okay. Ich habe einige Fragen. Ganz vorne weg: Aber warum? Ich lese ganz gern mal Romane, die man im Englischen middle grade books nennt, also Geschichten, die irgendwo zwischen Kinder- und Jugendbuch stecken. Das Genre ist voller magischer und wunderschöner Geschichten und besonders zum Entspannen, wenn ich nichts allzu Düsteres oder Kompliziertes lesen möchte, greife ich gern mal zu middle grade. In diese Schublade würde ich auch Kirsten Johns "Ariadne"-Reihe stecken, auch, wenn die Bücher eher in Richtung Jugendbuch gehen. Ariadne ist dreizehn, aber es gibt schon eine Liebesgeschichte, die Kinder sicherlich nicht so wirklich interessiert und die Geschichte hat einen recht eigenen skurrilen Charme, der schon ganz schön an Kerstin Giers "Rubinrot" erinnert, nur eben für etwas jüngere Jugendliche. Das alles, was mir im ersten Teil so gut gefallen hat, hat Kirsten John auch im zweiten Teil wieder richtig gemacht. Aber darüber hinaus... Ach du meine Güte.

RECHERCHE IST FÜR ANFÄNGER?

Dieses Buch ist historisch gesehen ein totaler Unfall. Ist einfach so. Und da muss mir jetzt auch keiner mit "Aber es ist ein Kinderbuch!" kommen, weil das ist ja gerade das Schlimme daran. Ich erwarte von einem Fantasyroman für Kinder und Jugendliche nicht unbedingt eine komplett akkurate Schilderung des Lebens im Biedermeier. Aber ich erwarte von einer Autorin, die Geschichte studiert hat zumindest, dass die Eckdaten stimmen. Dass sie sich die Mühe macht, die Zeit, über die sie schreibt, zumindest im Ansatz authentisch zu schildern. Gerade für Kinder. Gerade für solche, die zwar gern lesen, aber keinen Draht zu Geschichte haben. Ein Roman wie "Zeitreisende küsst man nicht" kann genau solchen Kindern und Jugendlichen ein ungefähres Gefühl für eine Epoche, in diesem Fall den frühen Biedermeier, mitgeben, während es großartig unterhält. Es kann sogar ein Interesse an Geschichte wecken. Bei mir war das so. Mein Interesse an Geschichte ist durch Bücher und Filme entstanden. Ein Roman kann das Verständnis für die Epoche aber auch komplett verzerren. Jetzt raten wir alle mal, welche der beiden Optionen auf "Zeitreisende küsst man nicht" zutrifft.

Ariadne und ihre Freunde verschlägt es in diesem zweiten Band in den Biedermeier, genau genommen ins Jahr 1823. Jedenfalls wird das behauptet. Was dem Leser präsentiert wird, ist aber sowas von überhaupt nicht das Jahr 1823. Es ist eine pseudohistorische Welt voller Klischees und Unstimmigkeiten. Es ist ganz vage neunzehntes Jahrhundert und dann alles zusammengeschmissen und kräftig umgerührt. Ich finde es immer wieder erschreckend, dass man das noch dazu sagen muss, aber das neunzehnte Jahrhundert ist doch nicht gleich das neunzehnte Jahrhundert. In diesen hundert Jahren hat sich die Welt rigoros verändert. Und das ist ja auch normal, es ist ja heute schließlich auch nicht mehr alles genauso, wie vor 100 Jahren - oder auch nur wie vor zwanzig Jahren. Aber Kirsten Johns Idee hinter "Zeitreisende küsst man nicht" scheint eben eher "Irgendwie halt neunzehntes Jahrhundert" als wirklich Biedermeier gewesen zu sein, denn hier passt nichts. Absolut gar nichts, Leute. Und das lässt mich einfach sprachlos zurück. Ich frage mich, wie das passiert ist. Ich meine, wie schafft man das? 

Es fängt mit etwas so Banalem wie der Mode an, die Kirsten John uns in "Zeitreisende küsst man nicht" auftischt. Kaum im Jahr 1823 angekommen, wird Ariadne in weite Reifröcke gestopft, mit denen sie im Türrahmen stecken bleibt. Ariadne beschwert sich am laufenden Band über die bekloppte Mode, die ja so unpraktisch und doof ist und ich sitze dann halt da und denke mir: Ja, nur schade, dass das nicht die Mode von 1823 ist, aber netter Versuch. Bia, auf die Ariadne in diesem Pseudo-1823 trifft, trägt angeblich ein totaaaal eng geschnürtes Stundenglaskorsett. In einer Zeit, in der es keine Korsettmode gab. Das sind so Sachen, die mich ärgern. Nicht, weil Kinder unbedingt wissen müssen, was man im Jahr 1823 so getragen hat. Das ist Nischenwissen, interessant für Leute wie mich, die historische Mode spannend finden. Nein, es ärgert mich, weil man in fünf Minuten googeln kann, wie die Kleidung 1823 ausgesehen hat. Und anscheinend ist es zu viel verlangt, dass die Autorin oder irgendwer beim Arenaverlag mal fünf Minuten googelt. Die Bildersuche allein spuckt genug Informationen aus, um die Mode der 1820er im Ansatz korrekt zu beschreiben. Aber anscheinend war dafür keine Zeit mehr oder so. 

Kleid von 1823 (Philadelphia Museum of Art) & Kleid von ca. 1855 (Met Museum)
Was Ariadne anhaben sollte & was Kirsten John Ariadne anzieht 
Ich illustriere diesen Punkt hier mal mit zwei Fotos, einfach, damit sich jeder vorstellen kann, wieso mich das so aufregt. Seht ihr jetzt, was ich meine? Die Kleider von 1823 sind komplett anders, als das was Kirsten John beschreibt. Was sie beschreibt, ist beinahe eins zu eins die Mode der 1840er oder sogar 1850er Jahre. Und das stört mich, weil es verdammt lieblos wirkt. Entweder Kirsten John wusste, was sie da macht und hat sich aus Gründen, die ich nicht nachvollziehen kann, entschieden, alles falsch zu beschreiben. Mut zum Anachronismus, Leute! Oder sie wusste es eben nicht und es war ihr einfach scheißegal, was ich bei dem Ausmaß an falschen Beschreibungen für sehr viel wahrscheinlicher halte. Denn mal ehrlich, wenn John so versessen auf die angeblich so unpraktische Mode der 1850er war, dann hätte sie das Buch auch in den 1850er Jahren spielen lassen können. Da spricht absolut nichts gegen, es hätte an der Handlung nichts verändert. Da steht aber halt 1823 und das ist dann eben einfach nur noch falsch. Finde ich traurig, besonders, wenn es von jemandem kommt, der Geschichte studiert hat. Besonders, wenn es von jemandem kommt, der ein Buch für Kinder und Jugendliche schreibt. 

Und es bleibt halt nicht bei der Mode. Johns gesamtes 1823 ist voll von Anachronismen und eben von Mythen und Klischees, von Halbwissen. Moritz, Pluvius und Ariadne, dreizehn bis vierzehn Jahre alt, werden im Jahr 1823 angekommen wie Erwachsene behandelt. Da hat Kirsten John wohl gelesen, dass das Verständnis von Kindheit vor knapp zweihundert Jahren ein anderes war, als heute, was auch so stimmt. Das dann aber so weit zu treiben, dass ein Vierzehnjähriger als voll geschäftsfähig und wie ein erwachsener Mann behandelt wird, ist einfach nur lächerlich. Ich weiß halt einfach nicht, ob John sich hier kreative Freiheiten genommen hat, damit ihre Geschichte funktioniert, oder ob es ihr wirklich zu viel Arbeit war, einfach mal zu googeln, wie genau das Verständnis von Kindheit im Biedermeier denn jetzt aussah. Das Zeug steht mittlerweile im Internet, man muss sich nicht einmal in eine Bibliothek schleppen. Es geht dann halt munter so weiter. Die Leute haben zum Beispiel auch Rollstühle, die es nur leider 1823 noch nicht gab und und und... Und ja, micht stört das. Andere Leute stört das nicht. Aber ich find's halt sehr, sehr lieblos, wenn man einem Roman so dermaßen heftig anmerkt, dass die Recherche auf der Strecke geblieben ist. Und ja, klar stört es mich auch als Historikerin. Tut es Kindern weh, dass der frühe Biedermeier hier komplett falsch beschrieben wird? Wahrscheinlich nicht, klar. Aber hätte es jetzt so viel gekostet, es einfach richtig zu machen?

VIELLEICHT IST JA DIE ZEITSCHLEIFE SCHULD

Mich stört daran halt auch, dass Kirsten John hier dasselbe macht, wie im ersten Teil auch schon: Die Vergangenheit ist grundsätzlich irgendwie doof. Ariadne meckert in einer Tour über die ach so komplizierte Mode und die ach so lächerliche Etikette und in der Zukunft ist alles so viel besser. In Band eins wurden die Menschen des Mittelalters auch schon als schmutzige strohdoofe Dorftrampel dargestellt, die nichts kapieren. Finde ich doof. Ich meine, man kann Zeitreise- und historische Romane auf zwei Arten angehen: Entweder man liest sich in die Epoche ein und versucht nachzuempfinden, warum der Biedermeier andere gesellschaftliche Normen hatte, als unsere moderne Zeit... oder man lässt die Heldin oder den Helden halt am laufenden Band darüber herziehen, wie albern, dumm und unbequem die Vergangenheit doch war. Ich mag Option eins einfach sehr viel lieber. Klar wird eine moderne Dreizehnjährige sich im Biedermeier erst einmal zurechtfinden müssen und auch vieles antiquiert und blöd finden. Aber das kann man anders erzählen. Ich muss denke ich auch nicht dazu sagen, dass die ach so steife Etikette, die hier beschrieben wird, ungefähr gar nichts mit echter Biedermeiergesellschaft zu tun hat.

So richtig die Geduld verloren habe ich dann, als Alex sich als Junge verkleiden muss, weil sie kurze Haare hat. Die Menschen des Biedermeier werden hier als so bekloppt dargestellt, dass sie eine Frau nicht als Frau erkennen können, nur weil sie keine langen Haare hat. Besonders bescheuert ist das übrigens, weil Kurzhaarfrisuren im frühen Biedermeier für Frauen durchaus angesagt waren, aber das weiß man natürlich nicht, wenn man Google nicht bedienen kann, ne? Ja, das war jetzt vielleicht etwas böse, aber meine Geduld ist im Moment sehr, sehr strapaziert. Kirsten Johns Herangehensweise an ihre historischen Stoffe scheint geprägt von einer Abneigung gegen tiefer greifende Recherche, dem Irrglauben, dass vor dem modernen Zeitalter alle Menschen blöd und mit dem Intelligenzquotienten eines Stück Brots gesegnet waren und, dass es reicht eben alles irgendwie vage als altmodisch und so halbwegs neunzehntes Jahrhundert zu beschreiben, um einen historischen Roman zu schreiben und zufällig sind das genau die drei Punkte, die ich an historischen Romanen am allermeisten hasse. Klar, es ist sehr viel einfacher so. Aber Leute, die es sich leicht machen wollen, schreiben für gewöhnlich keine guten Romane.

John versammelt hier einfach alle Klischees, die einem so in den Kopf kommen, wenn man an das neunzehnte Jahrhundert denkt und das kann ich einfach nicht haben. Wer keinen Bock hat, den frühen Biedermeier ordentlich zu recherchieren, soll halt kein Buch über den frühen Biedermeier schreiben. Wer sowieso alles so beschreibt, wie im späten Biedermeier, der kann das Buch dann auch einfach zwanzig oder dreißig Jahre später spielen lassen. Ist das denn so schwer? Echt mal. Ich kapiere einfach nicht, was AutorInnen durch den Kopf geht, wenn sie sowas verbrechen. Ist es ihnen wirklich einfach egal, oder steckt irgendein schlauer Gedanke dahinter, den ich nicht nachvollziehen kann? Ich begreife es einfach nicht. Und ja, ich weiß, dass die meisten Leser diese Sachen gar nicht bemerken werden und das finde ich auch vollkommen okay. Wenn ich einen Sci-Fi-Roman lese, kriege ich auch nicht mit, ob die vorgestellte Technik überhaupt so funktionieren würde. Aber ich bin nun einmal leidenschaftliche Histoleserin und ich erwarte von den AutorInnen historischer Romane - und das gilt auch für Zeitreiseromane - ein Mindestmaß an Verständnis für die Epoche, über die geschrieben wird.

HISTORISCH FLOP, STORY... OKAY

Okay, das hätten wir dann abgehakt. Und was ist mit der Story? Die war... okay. Sie hat mir nicht so gut gefallen, wie die Geschichte im ersten Teil. Ariadnes kleine Schwester wird entführt und bei dem Versuch sie zu retten, fällt Ariadne einmal mehr durch die Zeit und landet im Jahr 1855 1823. Da sie droht in eine Zeitschleife zu rutschen, sind natürlich auch Pluvius und Moritz wieder dabei, um ihr unter die Arme zu greifen. Ja, ich weiß halt auch nicht. Keine Frage, der Schreibstil war genauso schön zu lesen, wie im ersten Teil und die leicht skurrile Atmosphäre hat John auch erneut heraufbeschwören können, aber irgendwie war dieser zweite Band dann einfach nicht ganz so spannend, wie der erste und mir ist auch zu viel auf einmal passiert. Biedermeier, Mittelalter, Sammler, Aella retten, Tante Pandoras Geheimnis lüften, Zeitschleife und dann noch was mit Pluvius... Irgendwie schien der Roman nicht so recht zu wissen, wo er hinwollte. An sich fand ich alle Versatzstücke interessant, es waren mir nur einfach zu viele auf einmal.

Ich muss auch ehrlich sagen, dass mir der Roman wahrscheinlich nicht wegen der Story im Gedächtnis bleiben wird, sondern wegen der katastrophalen historischen Patzer, weshalb ich mich jetzt auch auf diese konzentriert habe. Und ich möchte das noch einmal betonen: Mir geht es hier gar nicht so sehr darum, dass ich finde, dass ein Kinder- und Jugendroman von vorn bis hinten historisch korrekt sein muss. Es geht mir darum, dass es auf mich einfach nur lieblos und hingeschludert wirkt, wenn ein Roman sich liest, als hätte kaum Recherche stattgefunden. Wenn mit unserer Geschichte und den Menschen, die vor uns gelebt haben, so respektlos umgegangen wird, wenn sie als dumm dargestellt werden und die Vergangenheit als blöd und unbequem... damit kann ich gar nicht. Auch in einem Jugendbuch kann man ein differenziertes Bild einer historischen Epoche schaffen, mit guten und schlechten Seiten und vor allem, mit Verständnis dafür, wieso eine Zeit so war, wie sie war. Aber wenn ich einen Zeitreiseroman für Kinder und Jugendliche schreibe und den Biedermeier und seine Menschen darin als total steif, lächerlich und dumm darstelle, dann muss ich mich hinterher auch nicht wundern, warum die Leser das dann so im Kopf behalten.

Aber okay: Wenn man sich einfach vorstellt, dass der sehr prominente Biedermeieranteil der Handlung so schlecht recherchiert und eben einfach falsch daherkommt, weil Kirsten John zwischendurch auch in eine Zeitschleife gefallen ist, dann ist "Zeitreisende küsst man nicht" eine fast ebenso nette Zeitreisegeschichte, wie der Vorgängerband, teilweise wirklich lustig, mit liebenswerten Figuren und interessanten Ansätzen in der Handlung. Die Geschichte kommt nicht ganz so spannend daher, wie in Band eins, aber die Geschichte rund um die Zeitschleife und Aellas Entführung birgt einige schöne Lesemomente. Wenn man aber mit dem Anspruch zumindest ein bisschen richtigen Biedermeier zwischen den Seiten vorzufinden, an den Roman herangeht, dann macht die Geschichte einfach keinen Spaß und das kann dann auch die Handlung nicht mehr rausreißen. Besonders, wenn man sich als Histoleser mit der Zeit ein bisschen auskennt (oder einfach mal eine Jane-Austen-Verfilmung gesehen hat), stolpert man viel zu oft über offensichtliche Fehler, um die Geschichte genießen zu können.

Fans vom ersten Teil sollten dennoch zugreifen, denke ich, besonders solche, die sich um den historischen Aspekt sowieso nicht kümmern. Wer überlegt, die Reihe zu lesen, weil er an Zeitreiseromanen die historischen Teile spannend findet, sollte sich das denke ich aber nochmal überlegen. Der Verlag empfiehlt den Roman ab elf Jahren und ich denke, das passt auch ganz gut. Für die Zielgruppe sind die Romane sicherlich ganz lustig. Älteren Lesern, die gern mal zu middle grade greifen, können sie auch Spaß machen - wenn man eben über den historischen Blödsinn hinwegsehen kann. Daher vergebe ich 3.5 Punkte für eine lustige, charmante und manchmal skurrile Geschichte, die leider durch ihren saloppen Umgang mit Geschichte sehr viel verliert.

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