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"Das Lied der Krähen" von Leigh Bardugo

Das Lied der Krähen | Glory or Grave #1 | Knaur, 2017 | 978-3-426-65443-9 | 592 Seiten | Deutsch | Amerikanische OA: Six of Crows, 2014

Ketterdam – pulsierende Hafenstadt, Handelsmetropole, Tummelplatz zwielichtiger Gestalten: Hier hat sich Kaz Brekker zur gerissenen und skrupellosen rechten Hand eines Bandenchefs hochgearbeitet. Als er eines Tages ein Jobangebot erhält, das ihm unermesslichen Reichtum bescheren würde, weiß Kaz zwei Dinge: Erstens wird dieses Geld den Tod seines Bruders rächen. Zweitens kann er den Job unmöglich allein erledigen … Mit fünf Gefährten, die höchst unterschiedliche Motive antreiben, macht Kaz sich auf in den Norden, um einen gefährlichen Magier aus dem bestgesicherten Gefängnis der Welt zu befreien. Die sechs Krähen sind professionell, clever, und Kaz fühlt sich jeder Herausforderung gewachsen – außer in Gegenwart der schönen Inej... (x

MEINE GEDANKEN

"Das Lied der Krähen" ist eins der besten Bücher, die ich jemals gelesen habe, wirklich. Ich mochte bereits Leigh Bardugos "Grischa"-Reihe sehr gern und habe mich daher am allermeisten darauf gefreut, nochmal in die Grischawelt eintauchen zu dürfen, denn "Das Lied der Krähen" spielt im selben Universum. Doch "Das Lied der Krähen" ist sehr viel mehr als das. Sehr viel mehr, wirklich. Ich habe mir das englische Original direkt 2014 vorbestellt und das Buch seitdem so einige Male gelesen, so sehr liebe ich es. Erwartet jetzt also keine allzu koherente Rezension von mir, denn ich werde mich wahrscheinlich sowieso nur zehn Minuten lang in Lobeshymnen ergehen. Wer sich das sparen will, kann das Fenster jetzt eigentlich schließen und sich "Das Lied der Krähen" direkt bestellen. Wer wissen will, warum ich dieses Buch so liebe, kann aber natürlich auch gern dranbleiben. Zuerst aber mal die Frage, die sich jetzt vielleicht einige stellen: Muss man die Grischabücher gelesen haben, um "Das Lied der Krähen" zu lesen? Ich denke nicht, nein. Ich finde zwar, dass die Bücher absolut lesenswert sind, aber man kann "Das Lied der Krähen" sehr gut als eigenständigen Roman lesen. Man verpasst dann ein paar Anspielungen auf die Grischa-Bücher, aber es ist nichts unverständlich oder so.

DAS ALTER IST HALT DOCH NICHT NUR EINE ZAHL

Ich würde trotzdem raten, "Grischa" zu lesen, einfach, weil auch die Bücher rund um Alina Starkova ein wahrer Genuss sind und, weil Leigh Bardugo dieses Universum stetig ausweitet und das Gesamtergebnis "Grishaverse", wie sie es nennt, ein kleines Buchkunstwerk ist. Da wären zum einen die Novellen aus Ravka, dem Land in dem "Grischa" spielt, aber eben auch die für 2019 angekündtige Duologie rund um Nikolai Lantsov, der in "Grischa" eine große Rolle spielt, auf die ich mich schon wie Bolle freue. Aber zurück zu "Das Lied der Krähen". Wo "Grischa" ganz klar YA-Fantasy ist, verschwimmen die Grenzen zwischen Young Adult und Erwachsenenliteratur bei "Das Lied der Krähen" schon sehr viel mehr, weshalb ich es vom Knaur-Verlag auch sehr passend finde, dass sie den Roman nicht als Jugendbuch vermarkten. Ehrlich, alles was an "Das Lied der Krähen" YA ist, ist das Alter der Protagonisten - und das wäre dann direkt auch mein erster und einziger Kritikpunkt, denn die sechs Krähen verhalten sich nicht wie Siebzehnjährige, sondern wie junge Erwachsene in ihren Zwanzigern. Sie haben alle viel erlebt und viel gesehen und, dass sie keine normalen Jugendlichen sind, ist da natürlich vollkommen realistisch, aber besonders, dass Hauptfigur Kaz Brekker sich mit siebzehn Jahren bereits ein Gaunerimperium aufgebaut haben soll, habe ich Bardugo nicht abgenommen. Das Alter der Figuren hat mich tatsächlich öfter aus der Geschichte gerissen, weil mein Gehirn sie einfach ständig älter gemacht hat, als sie eigentlich sind.

Ich weiß nicht genau, warum Leigh Bardugo ihre Protagonisten so jung gemacht hat, denn zur Geschichte will es einfach nicht richtig passen. "Das Lied der Krähen" ist ein gewiefter Heistroman voller Action, riskanter Pläne und Manöver und auch haufenweise Gewalt. Es ist kein typischer Young-Adult-Roman, wirklich nicht. Bis auf diesen doch eher zu vernachlässigenden Punkt hat der Roman mich aber vollständig überzeugt und das liegt großteils an seinen Figuren. Was ich an den sechs Krähen so faszinierend finde ist, dass keine von ihnen eigentlich ein guter Mensch ist. Kaz selbst ist ein korrupter kaltherziger Gauner, der für Geld alles tun würde. Inej ist seine zweite Hand, die für ihn spioniert, Jesper ein spielsüchtiger Scharfschütze, Nina eine vorlaute Exsoldatin, die mit einer einzigen Handbewegung töten kann und der verurteilte Verbrecher Matthias ist eh ein Fall für sich. Der einzige, den man wirklich liebgewinnen kann, ist der naive Wylan und der ist auch der einzige, dem ich sein Alter abgenommen habe. Dass alle anderen Figuren genauso alt sein sollen wie er, hat mir wirklich einen Knoten ins Hirn gemacht, weshalb ich diesen Fakt einfach geflissentlich ignoriert habe. 

Was diese sechs Figuren so besonders und, ja, am Ende auch liebenswert macht, sind aber nicht etwa ihr hartes Auftreten, sondern ihre Schwächen. Bardugo erschafft hier sechs sehr lebendige, sehr real wirkende Helden, die man nicht wegen ihrer harten Schale ins Herz schließt, sondern trotz... denn das hier keiner auch nur ansatzweise irgendwie ein guter Mensch ist, außer vielleicht Wylan, der aber auch seine Schattenseiten mitbringt, macht Leigh Bardugo sehr klar. Es gelingt ihr aber die Hintergrundgeschichten der Figuren, ihre Ängste und Schwächen, so gekonnt in die Handlung zu weben, dass man nachvollziehen kann, wieso die Krähen so sind, wie sie sind und am Ende mochte ich sogar Kaz, den ich am Anfang eher schütteln wollte. Deshalb finde ich es übrigens auch ein bisschen schade, dass der Klappentext von der "schönen" Inej spricht, denn Inej ist hier keinesfalls nur ein Love Interest und ihre Beziehung zu Kaz ist auch sehr viel komplizierter als das. Inej ist großartig, auch ohne besonders schön sein zu müssen: Sie ist eine aus der Zwangsprostitution entkommene Spionin, die zur tödlichen Falle wird, wenn man ihr ein Messer in die Hand gibt, und ich habe sie geliebt.

SPRECHEN SIE NIEDERLÄNDISCH?

Auch das Setting ist eine wahre Freude: Leigh Bardugo nimmt uns mit nach Ketterdam, einer multikulturellen Hafenstadt voller dunkler Winkel, Gauner und finsterer Machenschaften. Während wir in "Grischa" das an Russland angelehnte Königreich Ravka kennengelernt haben, ist Ketterdam klar an die Niederlande angelehnt, was Sprache und Kultur angeht. Es wirkt aber niemals wie eine bloße Kopie, denn Leigh Bardugo schmückt es mit tausenden kleinen Details aus, bis es sich so echt anfühlt, wie sich für mich bisher keine High-Fantasy-Welt angefühlt hat. Bei "Grischa", dessen Welt mir auch schon extrem gut gefallen hat, habe ich mich oft gefragt, ob mir die russisch anmutenden Begriffe und Namen albern vorkommen würden, wenn ich Russisch spräche - bei "Das Lied der Krähen" kann ich aber sagen, dass Leigh Bardugo sehr gut weiß, was sie macht. Die Namen muten niederländisch an, sind es aber nie wirklich und für mich, die ich 30 Minuten von den Niederlanden wegwohne, hat sich hier nichts albern oder faul geplottet angefühlt. Ganz im Gegenteil. Bardugo sagt, Ketterdam ist unter anderem angelehnt an die Niederlande im achtzehnten Jahrhundert, und die Betonung liegt auf angelehnt. Der Weltenbau ist umwerfend, detailreich und einfach gelungen. Nur, dass die reichen Kaufmänner ausgerechnet auf der Geldstraat wohnen fand ich ein bisschen lustig. Gestört haben mich solche Momente aber keinesfalls. 

Was ich auch einfach nur schön finde ist, wie multikulturell Ketterdam wirklich ist. "Das Lied der Krähen" ist voller Figuren verschiedenster ethnischer Hintergründe, Sexualitäten und Hautfarben und auch die sechs Krähen selbst setzen sich aus ganz verschiedenen Menschen zusammen. Darüber habe ich mich gefreut, seit ich das offizielle Charakterdesign von Kevin Wada gesehen habe, cooler geht es wirklich nicht mehr. Dass mit Nina auch eine Figur dabei ist, die im Buch als korpulent und trotzdem als sehr attraktiv und fähige Gaunerin beschrieben wird, hat mich wirklich gefreut, weil dickere Hauptfiguren besonders in der Fantasy ja doch sehr rar gesäht sind. Nina ist sowieso mein Liebling, deshalb, und weil sie einfach großartig ist. Ihre Kapitel haben mir dank ihres Wortwitzes, ihrer Schlagfertigkeit und ihrer Cleverness am besten gefallen, doch alle Krähen bekommen in ihren Kapiteln eine ganz eigene interessante Stimme und am Ende lassen sich die vielen Erzählperspektiven auch problemlos auseinanderhalten, was mir oft nicht so gut gelingt, wenn ein Roman aus mehr als zwei Perspektiven erzählt wird. Die sechs Krähen sind jedoch alle so eigene spannende Persönlichkeiten, dass man keine Probleme hat, sich ihre Eigenheiten zu merken und sie auseinanderzuhalten.

Und dann natürlich die Handlung... wow. Einfach nur wow. Ich muss ehrlich sagen, wenn Leigh Bardugo wollte, könnte sie wahrscheinlich selbst das perfekte Verbrechen planen und durchführen, denn der Heist in "Das Lied der Krähen" ist lückenfrei geplottet und überzeugt auf ganzer Linie. Ich kann und will darüber jetzt gar nicht zu viel sagen, denn der Ablauf von Kaz' großem Heist ist voller Twists und Überraschungen, die man nicht kommen sieht und die Spannung bleibt über fast 600 Seiten ohne Abriss bis zum Anschlag aufgedreht. Ich habe dieses Buch in einer einzigen Nacht gelesen, von acht Uhr Abends bis ungefähr sechs Uhr Morgens, weil ich wissen musste, wie das ganze ausgeht, ob die sechs Krähen unbeschadet aus der Sache herauskommen und was wirklich hinter all den mysteriösen Geheimnissen steckte. Dazu kommt dann natürlich noch Leigh Bardugos wunderbarer Schreibstil mit seinen farbenfrohen Beschreibungen und den unschlagbar witzigen Dialogen, der "Das Lied der Krähen" perfekt abrundet. Bis auf ein paar winzige Kleinigkeiten ist "Das Lied der Krähen" für mich ein perfektes Fantasyabenteuer und einfach auch ein besonderes Buch, das anders ist, als alles, was ich zuvor gelesen habe.

Ich würde "Das Lied der Krähen" daher nicht nur allen Fantasyfans wärmstens empfehlen, sondern auch allen, die gern spannende Heist- und Gaunergeschichten lesen, denn "Das Lied der Krähen" vereint diese Genres nahezu perfekt. Es ist eine mitreißende Abenteuergeschichte voller eigener und interessanter Figuren und einem Fantasysetting, das einfach nur zum Niederknien ist. Wer Leigh Bardugos "Grischa" mochte, wird "Das Lied der Krähen" wahrscheinlich lieben, aber auch, wer "Grischa" noch nicht gelesen hat, kann problemlos in die Welt von Ketterdam und der sechs Krähen einsteigen. Ich würde sogar soweit gehen und den Roman ein Muss für Fantasyfans nennen, besonders für solche, denen Diversity in der Fantasy am Herzen liegt und die einfach mal einen Fantasyroman lesen möchten, der anders ist. Von mir gibt's volle Punktzahl für ein neues Lieblingsbuch, das ich sicherlich noch ein paar Mal lesen werde.


Kommentare

  1. Wäre es nicht schon auf meiner WuLi, hätte deine Rezension das Buch direkt rauf katapultiert! Du machst nochmals richtig Lust auf die Geschichte und das lesen (=

    Liebe Grüße
    Janna

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