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"Die kalten Wasser von Donegal" von Andrea Carter

Die kalten Wasser von Donegal | Inishowen #1 | Goldmann, 2017 | 978-3-442-48547-5 | 416 Seiten | Deutsch | Britische OA: Death at Whitewater Church, 2015

An der Küste Donegals führt die junge Notarin Ben O'Keeffe ein zurückgezogenes Leben. Bis sie den Verkauf der alten Kirche abwickeln soll und dort auf ein Skelett stößt. Handelt es sich bei dem Toten um den ortsansässigen Conor Devitt, der vor sechs Jahren an seinem Hochzeitstag spurlos verschwand? Conors Bruder will Ben gegenüber sein Gewissen erleichtern – und rast kurz nach dem Treffen mit seinem Auto in den Tod. Gemeinsam mit Sergeant Tom Molloy versucht Ben, den rätselhaften Mordfall aufzuklären. Doch die Küstenbewohner bilden eine Mauer des Schweigens ... (x

MEINE GEDANKEN

Ich mag Dorfkrimis, besonders britische und irische, was wahrscheinlich daher rührt, wie viel "Inspector Barnaby" ich als Kind gesehen und geliebt habe. Trotz Mord, Totschlag und Gewalt haben sie oft etwas sehr gemütliches, das ich typischen Thrillern vorziehe. Ich brauche es nicht immer psychologisch und unheimlich, schon gar nicht im Krimi - Phantastischer Horror und Grusel sind eine Sache, aber sobald der Grusel zu real wird, bin ich raus. Nein, ich mag meine Krimis lieber rätselhaft, cozy und vielleicht ein bisschen makaber. Deshalb war "Die kalten Wasser von Donegal" auch ein richtiger Glücksgriff für mich. Ein Skelettfund in einer alten Kirche? Ein Jahre alter Fall, der wieder aufgerollt werden muss? Kalte irische Winteratmosphäre, die gleichzeitig gemütlich und bedrückend ist? Ja, bitte doch! Andrea Carter entführt ihre Leser in diesem ersten Teil einer Reihe also nach Donegal, ganz an der Nordspitze Irlands, auf die Halbinsel Inishowen, eine Gegend, über die ich vor dem Lesen so gut wie gar nichts wusste. Ich mag extreme Settings und den nördlichsten Punkt Irlands mit seinem kalten Meer und den steilen Klippen kann man sicherlich so bezeichnen.

DAS SKELETT IN DER KIRCHE

Hier hat die Notarin Ben O'Keefe ihre Praxis und ist somit, wie sie selbst sagt, die letzte Chance auf Rechtsberatung vor Island. Ben hat mich als Ich-Erzählerin positiv überrascht. Ihre Stimme klingt sehr frisch und ungewohnt für einen Krimi und ich mochte besonders den leisen Humor, der sich immer mal wieder hinein geschlichen hat. An sich haben mir die Figuren richtig gut gefallen. Ben ist eine runde Protagonistin, die einiges an interessanter Backstory mitbringt und die Amateurdetektivin habe ich ihr sofort abgenommen. Ihr Interesse an dem Fall wird leider nicht wirklich erklärt, sodass man sich manchmal fragt, warum sie überhaupt ermittelt anstatt den Fall der durchaus fähigen Garda zu überlassen, was ich ein bisschen schade fand. Ich konnte es dem Roman jedoch schnell verzeihen, weil ich Bens Nachforschungen wunderbar realistisch fand. Ich habe mit Amateurdetektiven in Krimis oft Probleme, nicht zuletzt, weil sie oft als schlauer als die Polizei erlaubt (hihi) dargestellt werden, aber Andrea Carter liefert mit Ben sehr viel eher eine clevere junge Notarin, die der Polizei aushilft und nicht komplett ihre Arbeit übernimmt.

Die Garda selbst, Tom Molloy und sein Kollege Andy McFadden, haben mir auch richtig gut gefallen. Tom ist ein Freund von Ben und man mag meinen sie wäre durchaus ein bisschen in ihn verliebt. Ich habe seine schroffe, aber offene Art sehr gemocht. Tom ist ein fähiger Polizist und in diesem ersten Band ein sehr guter Freund für Ben. Falls es in der Reihe eine Liebesgeschichte geben wird, so entwickelt Andrea Carter diese angenehm langsam, lässt Ben und Tom erst einmal gute Freunde werden, was mir sehr gefallen hat. Die Chemie zwischen den beiden stimmt einfach und ich habe ihre gemeinsamen Szenen sehr gern gelesen. Darüber hinaus gibt es aber noch viele andere tolle Figuren. Bens Freundin Phyllis zum Beispiel, die Besitzerin des Buchladens, fand ich super und ich hoffe, dass sie in den Folgebänden auch wieder mitspielen wird. Phyllis ist eine sehr positiv dargestellte dicke Figur, was leider nach wie vor sehr selten vorkommt, und obendrein ist sie schwarz. Es gibt auch eine lesbische Figur, auch wenn ihre Darstellung leider etwas weniger gut gelungen ist. Aber ganz generell finde ich schön, wie lebendig und echt Andrea Carters Figuren wirken. Das fiktive Dorf Glendara kommt einem sofort vor, als würde es wirklich existieren, die Dorfgemeinschaft ist schön atmosphärisch beschrieben, manchmal gemütlich und manchmal beinahe düster, denn jeder hat so seine Geheimnisse.

Auch Ben verschweigt etwas, nicht nur ihren Freunden und Kollegen, sondern auch dem Leser und das hat mich manchmal ein bisschen genervt. Ich-Erzähler, die ständig andeuten, dass sie etwas ganz Schreckliches getan haben, aber bis zum Ende des Romans nicht damit rausrücken, was, finde ich immer ein bisschen unglücklich, wenn mir keine Erklärung dafür geliefert wird. Natürlich kann man so Spannung erzeugen, aber ein bisschen billig ist es schon und Andrea Carter hat das auch eigentlich nicht nötig, denn "Die kalten Wasser von Donegal" ist auch so schon spannend genug, auf ganz subtile Weise: Der Fall des Skeletts in der Kirchenruine ist sehr komplex aufgezogen, mit vielen Wendungen, die ich nicht erraten hätte, und auch Bens Ermittlungen mögen zwar nicht zu Nerven zerreißender Action führen, aber die Spannung bleibt durchgehend erhalten. Carter baut sehr viel eher auf emotionaler Nähe zu den Figuren, als auf Schockeffekten auf, was mir sehr gefallen hat. Ich wollte wissen, wieso Ben selten mit ihren Eltern redet, ich wollte wissen, wer das Skelett in der Kirche ist, weil ich mit den Familien in Glendara sehr gut mitfühlen konnte und sie auch lieb gewonnen habe. Man möchte das Dorf am Ende gar nicht mehr verlassen.

ZWISCHEN STEILEN KLIPPEN & ECHTEN KONFLIKTEN

Gestört haben mich wenn, dann die vielen Wiederholungen. Ich weiß nicht, wie oft Ben uns wissen lässt, dass das Skelett in eine Decke gewickelt war. Natürlich kann man den Leser hin und wieder mal subtil an einen Fakt erinnern, aber ich hatte manchmal das Gefühl, Ben würde mir "Weißt du das noch!?" ins Gesicht schreien wollen. Und ja, ich weiß das noch. Ich kann mir Fakten länger als dreißig Seiten merken. Solche stilistischen Holpereien sind mir öfter aufgefallen, auch manche Dialoge sitzen nicht ganz, aber im ersten Teil einer Reihe, der noch dazu ein Debut ist, kann ich das verschmerzen, da sonst eigentlich alles stimmt. "Die kalten Wasser von Donegal" erzeugt einfach Kopfkino. Der Roman läuft im Kopf ab wie eine Folge einer britischen Krimiserie und wer die mag, wird auch dieses Buch mögen, da bin ich mir ziemlich sicher. Wer Irland mag, besonders seine Nordküste, der wird mit "Die kalten Wasser von Donegal" auch seinen Spaß haben, denn die Autorin beschreibt die lokalen Gepflogen- und Eigenheiten sehr liebevoll und erschafft somit ein Setting, in das man nicht nur wegen der spannenden Kriminalfälle zurückkehren will, sondern auch wegen des Settings selbst.

Last aber nicht least möchte ich noch hervorheben, wie gut es mir gefallen hat, dass Andrea Carter den Nordirlandkonflikt in ihrem Roman eingebunden und auch ein Stück weit aufgearbeitet hat. Sie zeigt sehr anschaulich, wie The Troubles Nordirland bis heute beeinflussen und obwohl die Ereignisse, die sie hier schildert fiktiv sind, weist sie im Nachwort darauf hin, dass sie auf wahren Begebenheiten aus der Region beruhen. Auch die irische Finanzkrise findet einen Weg in die Handlung und während Inishowen durchaus als wunderschöner Ort beschrieben wird, wird auch vor den dunklen Seiten der jüngeren irischen Geschichte nicht die Augen verschlossen. Ich fand Carters Verwebung von Fiktion und echter irischer Geschichte sehr gelungen. Carter gibt einen Einblick in irisches Alltagsleben und romantisiert ihr Setting nicht, was mir viel wert ist. Stattdessen zeigt sie echte Konflikte, die die Gegend geprägt haben, und stellt mit Glendara und der aufgelösten Gemeinde Whitewater ein Setting vor, das Substanz hat, sich so anfühlt, als könnte es genauso auch außerhalb der Seiten von "Die kalten Wasser von Donegal" existieren.

"Die kalten Wasser von Donegal" ist ein starkes Krimidebut, ein cozy mystery wie es im Buche steht, das aber auch seine dunklen Seiten hat. Ein komplexer Fall, dessen Wendungen man nicht erraten kann, eine tolle Ich-Erzählerin, wunderbar lebensechte Figuren und ein bildgewaltig beschriebenes, düster-atmosphärisches Setting verwoben mit viel Lokalkolorit und -geschichte machen "Die kalten Wasser von Donegal" zu einer wahren Freude für Fans von gemütlichen britischen und irischen Krimis. Ich werde die Reihe auf jeden Fall gespannt weiterverfolgen und gebe dem ersten Band gern fünf Tassen. Ganz zum Lieblingsbuch hat es noch nicht gereicht, aber ich bin zuversichtlich, dass ich Ben, Tom, Phyllis und Glendara wirklich ins Herz schließen werde, wenn ich noch ein bisschen Zeit mit ihnen verbringe. Für mich ist "Die kalten Wasser von Donegal" auf jeden Fall ein unerwartetes Highlight von 2017 und ich würde das Buch jedem, der das Genre auch nur ein bisschen mag, wärmstens empfehlen.

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