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"Die Seele meiner Schwester" von Trisha Leaver

Die Seele meiner Schwester | Kosmos, 2017 | 9783440149133 | 288 Seiten | Deutsch | Amerikanische OA: The Secrets We Keep, 2015

Die Zwillinge Ella und Maddy ähneln sich äußerlich wie ein Ei dem andern. Doch während die beliebte Maddy überall um Anerkennung kämpft, sucht sich Ella lieber ein stilles Plätzchen, wo sie in Ruhe zeichnen kann. Eines Tages kommt es durch einen Streit der beiden zu einem tragischen Autounfall, bei dem Maddy ihr Leben verliert. Ella erwacht im Krankenhaus und wird von allen für Maddy gehalten. Aus Angst, ihre Eltern zu enttäuschen, übernimmt sie kurzerhand die Identität ihrer Schwester – und stellt bald fest, dass deren Leben voller dunkler Geheimnisse steckt. Ella muss sich entscheiden: soll sie die Lüge zugeben oder ihre eigenen Träume opfern? (x)

MEINE GEDANKEN

Wow. Sehr viel mehr fällt mir zu "Die Seele meiner Schwester" erst einmal gar nicht ein. Was für ein Buch. Ich habe es per Zufall in einer kleinen Indiebuchhandlung ausliegen sehen und mich spontan entschieden, ihm eine Chance zu geben, obwohl ich von Trisha Leaver noch nie zuvor gehört hatte, da mich Cover und Klappentext direkt überzeugt haben. Als ich dann einmal angefangen hatte zu lesen, konnte ich erstmal nicht wieder aufhören und musste mich um zwei Uhr morgens nach rund der Hälfte des Buches förmlich losreißen, weil ich am nächsten Tag in die Uni musste - und es wäre mir dann doch zu viel Slapstick gewesen, wegen guter Literatur meinen Literaturkurs zu verschlafen. Aber ja, so ein Buch ist "Die Seele meiner Schwester". Es nimmt gefangen, lässt nicht los, wringt einen aus und lässt viele Fragen zurück. Man merkt, dass Trisha Leaver eigentlich Horrorautorin ist. "Die Seele meiner Schwester" ist ein realistisches Jugenddrama, aber Leaver weiß zu gut, wie man Spannung erzeugt und authentische zerbrochene Figuren schreibt, mischt dieser Tragödie hin und wieder etwas sehr Dunkles bei, das gut zur Geschichte passt und ihr etwas sehr eigenes gibt. Und, das ist für mich das wichtigste, sie bringt die emotionale Reife mit, um so eine Geschichte angemessen zu erzählen.

TRAURIGE GESCHICHTE MIT INTERESSANTEN FIGUREN

Die eineiigen Zwillinge Ella und Maddy sind siebzehn Jahre alt, als Maddy bei einem von Ella verursachten Autounfall ums Leben kommt. Als Ella im Krankenhaus aufwacht, stellt sie fest, dass sie mit Maddy verwechselt wurde. Ella, von Schuldgefühlen und Trauer zerfressen, setzt es sich in den Kopf, dass alle insgeheim froh sind, dass die beliebte Maddy überlebt hat, dass die stille merkwürdige Ella sowieso niemand vermissen wird. Sie beschließt deshalb, als Maddy weiterzuleben. Einerseits, um ihre Eltern nicht zu enttäuschen, andererseits, weil sie glaubt, dass sie es Maddy schuldet ihr ein schönes Leben zu geben, weil sie sie umgebracht hat. Harter Tobak. Absolut. Und Trisha Leaver behandelt dieses Thema auch mit sehr viel Fingerspitzengefühl. Warum Ella sich entscheidet, zu Maddy zu werden fand ich - aus Ellas Sicht heraus betrachtet - nachvollziehbar. Die Sache ist, Ella ist kaputt. Sie glaubt, ihre geliebte Schwester getötet zu haben, sie glaubt, weniger wert zu sein als Maddy, sie ist voll und ganz davon überzeugt, dass sie das Richtige tut. Klar hätte ich sie gern geschüttelt, klar habe ich immer wieder gehofft, dass sie aufwacht, klar habe ich geahnt, dass sie einen großen Fehler macht. Aber die Sache ist halt, Ella ist vollkommen am Ende und sie denkt, sie tut das Richtige. Und ich hab's ihr abgenommen.

Ich kann bei diesem Buch einfach nicht verstehen, wie man Ella böse sein sollte für das, was sie tut, denn sie tut es, weil sie vollkommen davon überzeugt ist, dass es für alle am Besten so ist. Sie opfert ihr eigenes Leben, weil sie sich für Maddys Tod schuldig fühlt. Manchmal hat es mich sauer gemacht, wie wenig sie von sich selbst hält, aber nicht wirklich auf sie, sondern auf ihre Umgebung, die es ihr - manchmal bewusst und manchmal ganz unbewusst - seit Jahren vorgelebt hat. Es tut weh darüber zu lesen, dass es im Haus mehr Bilder von Maddy gibt, als von Ella. Dass ihre Eltern auf Maddy stolzer sind, als auf Ella, dass Maddy selbst Ella aus Angst vor sozialen Folgen in der Schule meidet. Man kann einfach so gut nachvollziehen, weshalb beide Schwestern so sind, wie sie sind und ganz besonders, wieso Ella glaubt, sie sei weniger wert, als Maddy. Ich wollte gleichzeitig eine Runde Watschen verteilen und habe aber auch irgendwie verstanden, dass besonders Ellas Eltern sich ihres Verhaltens gar nicht bewusst waren. Trisha Leaver zeigt hier auch gar nicht mit dem Finger auf irgendwen, sie spart sich das ganze "Die sind Schuld!" beinahe komplett, sie zeigt eher subtil, wie unbedachte Handlungen Menschen beeinflussen können.

Nicht so gut gefallen hat mir allerdings Ellas Einstellung zu Maddy vor dem Unfall. Ich konnte verstehen, weshalb sie sauer ist: Sie tut eine Menge für Maddy und bekommt dafür nichts zurück. Doch ich hatte immer wieder das Gefühl, dass Ella Maddy dafür wertet, dass sie gern hohe Schuhe und Röcke trägt, auf ihr Make-Up achtet und Sex hat. Ella ist der typische Jeans-und-T-Shirt-Typ und in einer Zwillingsgeschichte fand ich den Kontrast sehr interessant, aber Ellas subtile Andeutungen, dass Maddy ohne Make-Up natürlicher aussieht, dass sie nur so viel auf ihr Äußeres achtet, weil sie zu wenig Selbstbewusstsein hat und, dass sie eben kurz gesagt totaaaal oberflächlich ist, haben mir nicht gefallen. Den eigentlichen Konflikt zwischen den Mädchen, dass sie sich auseinander gelebt haben und einander nicht verstehen können, fand ich großartig, doch Ellas teils leicht abwertende Sicht auf Maddy fand ich ein bisschen unsympathisch. Das Ganze ist halt so aufgebaut, dass Maddy sich nur so gibt, um in die In-Clique ihrer Schule aufgenommen zu werden und, dass sie sich ohne diesen Druck anders kleiden und geben würde und meh. Ich möchte einmal ein Jugendbuch lesen, in denen Mädchen in kurzen Röcken und Eyeliner zugestanden wird, dass sie einfach gern so aussehen und sich den Look nicht wegen irgendwelcher sozialer Gründe aufzwingen.

KLEINE MACKEN UND ÄRGERNISSE

Davon ab fand ich Trisha Leavers Darstellung der In-Clique aber sehr interessant und auch authentisch. Ella muss sich als Maddy natürlich mit Maddys Freunden abgeben, was ihr schwer fällt, weil das genau die Leute sind, die sie zuvor immer ausgeschlossen haben. Besonders interessant fand ich den Blick auf Jenna, Maddys beste Freundin, die ein typisches mean girl ist, allerdings ist der mir am Ende doch zu kurz gekommen. Leaver hätte hier schön aufzeigen können, warum manche Teenager gemein sind, andere mobben und wie Jenna verhalten und am Anfang ist der Ansatz auch da, verliert sich in der zweiten Hälfte des Romans aber total. Jenna wird auf den Posten der gemeinen Zicke verbannt und fertig. Da sie Maddys beste Freundin war, hätte ich gern einen besseren Blick darauf bekommen, was Maddy in ihr gesehen hat. Auch Maddys Freund, Alex, kam mir ein bisschen zu undurchschaubar daher. Immer wieder betont Ella, dass er Maddy wirklich geliebt haben muss, aber Alex' Verhalten ist oft schon ziemlich grenzwertig. Er sagt Maddy, was sie zu tun hat, behandelt sie teilweise wie ein Kind und kam mir auch oft vor, als würde er sie auf ihren Körper reduzieren. Kurz nach dem Unfall will er mit Ella, die er ja für Maddy hält, schlafen. Ella erklärt ihm, dass sie das jetzt nicht kann, weil sie ein Trauma hat, weil sie gerade erst ihre Schwester verloren hat. Und anstatt das mal so hinzunehmen und seiner Freundin Zeit zu geben, sagt Alex praktisch: "Okay, aber nächste Woche dann wieder, ja?" Ähm, gut. Toller Typ.

Alex' Verhalten hätte ich gern ein bisschen mehr kritisiert gesehen, das macht Leaver aber so gut wie gar nicht, was ich schade fand. Sie schießt sich auf die böse Jenna ein und auch auf Kim, die angeblich ach so flache Freundin von Ellas bestem Freund Josh, was ich besonders in Kims Fall nicht gelungen fand. Ella muss Kim nicht mögen, sie haben auch nichts gemeinsam, aber nur, weil Kim andere Interessen hat und hin und wieder auch mal Zeit mit Josh verbringen will, der seine meiste Zeit Ella schenkt, ist Kim noch lange nicht die dumme Zicke, als die Ella sie hinstellt. Diese kleinen Details sind der Grund, warum ich dem Roman etwas zurückhaltend gegenüberstehe. Die Geschichte selbst ist spannend und in meinen Augen auch authentisch erzählt, Ellas Trauer, ihre Minderwertigkeitskomplexe und Schuldgefühle fand ich nachvollziehbar und ihre wahnwizige Entscheidung als ihre Schwester weiterzuleben war aus der Figur und ihren Problemen heraus auf bedrückende Weise verständlich. Nur Ellas Sicht auf die anderen Mädchen um sie herum und, dass sie Alex so viel im Namen von "Aber er hat Maddy wirklich geliebt" durchgehen lässt, haben mir die Suppe etwas versalzen.

Auch der kleine Thrilleranteil war mehr schlecht als recht umgesetzt. Kaum ist Ella zu Maddy geworden, findet sie heraus, dass Maddy dunkle Geheimnisse hatte und irgendwas wirklich Schlimmes getan hat. Jetzt will sie natürlich wissen, was genau das ist, denn wenn sie als Maddy leben will, muss sie auch ihre Geheimnisse kennen... ja, cool! Nur leider war super vorhersehbar, was Maddy gemacht hat. Ich wusste es direkt am Anfang, als der erste Hinweis fiel. Und irgendwie findet das auch alles leider nur im Hintergrund statt und wird großteils auf den letzten fünfzig Seiten abgehandelt. Generell hatte ich das Gefühl, "Die Seele meiner Schwester" hätte ruhig noch ein paar Seiten mehr haben können, um alle Konflikte auch wirklich befriedigend zu Ende zu bringen. Eine richtige Beschäftigung mit Jenna und warum Maddy sie mochte, ein besserer Einblick in warum Maddy getan hat, was sie getan hat und auch ein schönerer Abschluss für Ella selbst mit der ganzen Geschichte haben mir irgendwie am Ende gefehlt. Der Roman ist gut, keine Frage. Er nimmt sich einer schwierigen Thematik an und er entwickelt einen Sog, ist sehr spannend. Die erste Hälfte ist aber definitiv stärker, als die zweite und besonders zum Ende hin verlieren sich einige Plotstränge ein bisschen, was ich sehr schade fand.

"Die Seele meiner Schwester" ist ein Buch für Jugendbuchfans, die herzergreifende Dramen mit sehr dunklen Untertönen mögen. Leavers Umgang mit dem schweren Thema Trauerbewältigung ist sehr gelungen und Ella als Figur und Ich-Erzählerin ist mit all ihren Macken sehr nachvollziehbar gezeichnet. Einen besseren Einblick in Maddys Leben, ihre Freunde und das große Warum hinter der Frage, warum Maddy Ella aus ihrem Leben ausgeschlossen hat, bekommt man allerdings nicht. Aber hey, vielleicht ist grade das ja auch einfach am realistischsten, denn Maddy ist tot und kann nicht mehr erklären, warum sie gehandelt hat, wie sie gehandelt hat. Ein bisschen unbefriedigt bleibt man aber trotzdem zurück, da einige Fragen nicht ausreichend geklärt werden. Trotzdem war "Die Seele meiner Schwester" für mich ein kleines Highlight. Es ist ein Jugendbuch, das wirklich ans Herz geht und zum Nachdenken anregt und ich würde es allen Fans von Contemporary YA mit ernsteren Themen wärmstens empfehlen wollen. Es ist kein perfektes Jugendbuch, aber es ist ein schöner Roman, der einem mehr gibt, als nur ein paar Stunden Unterhaltung. Von mir gibt es dafür vier Tassen.

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