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"Familie Grace, der Tod und ich" von Laure Eve

Familie Grace, der Tod und ich | The Graces #1 | Fischer FJB, 2017 | 978-3-8414-2244-6 | 352 Seiten | Deutsch | Britische OA: The Graces, 2016

Alle sind fasziniert von der Familie Grace. Die Geschwister Fenrin, Thalia und Summer sind die geheimen Stars der Schule. Sie sind wunderschön und unnahbar – und manche glauben sogar, sie beherrschten dunkle Magie. Auch die Außenseiterin River fühlt sich unwiderstehlich zu ihnen hingezogen: Sie kann ihr Glück kaum fassen, als Summer sich mit ihr anfreundet, und sie in den inneren Kreis der Graces aufgenommen wird. Aber nichts in dieser Familie ist so, wie es scheint, und als einer von ihnen tot am Strand gefunden wird, beginnt ein Ringen dunkler Kräfte …

MEINE GEDANKEN

Ich fühle mich betrogen. „Familie Grace, der Tod & ich“ hat mir eine atmosphärische Geschichte rund um eine unberührbare Hexenfamilie versprochen, voller düsterer Magie und interessanterer Figuren. Das Cover ist umwerfend schön. Doch es verspricht ein Buch, das dieser Roman einfach nicht ist. Ich habe ungefähr bis zur 70%-Marke gespannt gelesen, bis mir aufgegangen ist, dass „Familie Grace“ kein guter Roman ist, aus mehreren Gründen. Aber die Sache ist, ich finde ihn nicht schlecht. Es gibt so viel, das der Roman richtig macht, angefangen mit der bedrückenden Atmosphäre, dem Setting und den interessanten Figuren. Er entwickelt einen Sog, der auch nicht loslässt, wenn die Handlung etwas langsamer vorangeht, und man möchte wissen, wie alles ausgeht. Nur leider steckt in diesem Buch so unglaublich viel Problematisches, dass es die guten Seiten überlagert. Und ich benutzte dieses Wort nicht gern – problematisch. Aber anders kann ich das jetzt nicht nennen. Und das Brutale ist, wie subtil „Familie Grace“ das macht, wie man es beinahe übersehen kann, wenn man nicht richtig hinsieht…

PROBLEME, PROBLEME, PROBLEME

Mir ist von Anfang an aufgefallen, wie ichbezogen und arrogant die Ich-Erzählerin, River, ist. Aber am Anfang dachte ich, das soll so sein. Dass es Teil ihrer Charakterentwicklung sein würde, sich auch mal darum zu scheren, was außerhalb ihres eigenen Lebens passiert. Aber nichts da. River ist furchtbar. Für sie zählt nur River und irgendwann zählen River und die Graces und niemand sonst. Rivers Obsession mit der Familie Grace fand ich am Anfang interessant, bis deutlich geworden ist, dass sie nicht als etwas Negatives rüberkommen sollte. River stiehlt sich durch gezielte Lügen und berechnendes Verhalten in das Leben der unnahbaren Familie und nirgendwo im Buch wird hinterfragt, ob das denn eine gute Idee ist. Mein größtes Problem ist, dass wir River selbst niemals kennenlernen. Wir erfahren nicht, wie sie aussieht, wie sie wirklich heißt, wer sie wirklich ist, wenn sie sich nicht für die Graces verstellt. Und am Ende kann „Familie Grace“ dann noch so magisch, philosophisch und tiefgründig tun, River ist eine Jugendbuchheldin wie alle anderen: Sie ist von anderen Menschen besessen, so sehr, dass sie sich darin verliert – und das wird nicht als Problem erkannt.

Der Roman steckt außerdem voller unterschwelliger Misogynie. River macht von Anfang an klar, dass sie nicht wie andere Mädchen ist und andere Mädchen kurz gesagt für blöd hält. Sie zieht Bestätigung daraus, dass sie keine typisch weiblichen Interessen hat und spricht über jedes Mädchen, das nicht sie selbst oder Summer Grace ist, abfällig. Und anscheinend soll sie das zu einer besseren Person machen, keine Ahnung. Mich nervt’s, dieses endlose überhebliche Abwerten anderer Mädchen, die nicht so cool und tiefgründig sind, wie River. Und dann ist da der Rassismus, ebenfalls ganz subtil: Die einzige nicht-weiße Figur im Roman ist Niral, die wohl südostasiatischer Herkunft ist. Und Niral wird so unglaublich negativ dargestellt. Sie ist grundlos gemein zu River und anderen, das bereits bekannte Klischee der bösen Zicke durch und durch. Dazu kommt, dass Wolf, osteuropäischer Herkunft, von River mit einem abfälligen Wort für Sinti und Roma bedacht wird – dieses Wort wird benutzt, um sein Aussehen zu beschreiben. Ich habe eine Frage: Wieso sind es immer die Bücher, die sich besonders philosophisch und weltoffen präsentieren, mit ihren Weisheiten und ihrem Bohemeflair, die am Ende die engstirnigsten Botschaften beinhalten?

Das Härteste kommt aber noch… Dieser Teil der Rezension enthält Spoiler, aber ehrlich gesagt ist mir das egal, weil sowas nie ein Spoiler sein sollte, niemals: Eine der Hauptfiguren stellt sich im letzten Drittel des Romans als queer heraus. Und das wird als Schockeffekt hergenommen, als etwas total Schockierendes, das man von dieser Figur ja niemals erwartet hätte. Der Kuss zwischen zwei Männern wird von River als „irgendwie eklig“ beschrieben und dann stürzt sie die beiden eigenhändig in die Tragödie – aus Neid. River begeht ein verdammt hartes Hassverbrechen. Weil sie neidisch ist. Und der Leser soll wohl irgendwie nachempfinden können, wieso sie das getan hat. Das Wort „widerlich“ fällt übrigens noch einmal: Die Mutter einer der Figuren benutzt es, um die Queerness ihres Sohnes zu beschreiben und das wird von River nicht angefochten oder auch nur verurteilt. Wie gesagt, das ist alles ganz subtil. Subtil wird Queerness als etwas Schockierendes dargestellt, über das man als Leser wohl Schnappatmung bekommen soll. Subtil wird das alte Klischee weitergetragen, dass Queerness nur in Tragik und Leid enden kann, dass queere Figuren sowieso nicht glücklich werden. Und nicht ganz so subtil haut die Icherzählerin raus, dass sie das alles eh eklig findet.

Das Schlimmste aber ist, dass ich River eindeutig in einer Opferrolle sehen soll. Als wäre die Queerness dieses Jungen ein Angriff auf River, der ihre Reaktion, ein astreines hate crime, rechtfertigt. Und das macht mich sauer. Und traurig. Es ist wie ein Schlag ins Gesicht, einen Roman von 2016 zu lesen, in dem Queerness als etwas Aggressives und Falsches dargestellt wird, das die heterosexuelle Heldin regelrecht bedroht. 

WIE MAN ES NICHT MACHT

Ich weiß nicht, weshalb diese Dinge kaum eine Rezension anspricht. Ja, das ist alles ganz subtil eingewoben, aber es ist unmissverständlich da. Vielleicht, weil es sich um Spoiler handelt. Aber wirklich, Leute, die Sexualität einer Figur sollte niemals ein Spoiler sein. Sie sollte auch nicht auf den letzten 100 Seiten des Romans als großer Schockeffekt enthüllt werden. Wenn Queerness im Roman gerade genug wert ist, um sie für einen billigen Plottwist herzunehmen, der nur dazu dient, die (heterosexuelle) Heldin weiterzubringen, aber nicht genug, um sie authentisch und vor allem mit Respekt (!) zu behandeln, dann läuft was falsch. Dann ist mir da auch jeder Spoiler egal. Er fühlt sich nämlich für queere Leser absolut scheiße an, dieser Plottwist. Ich möchte nicht, dass queere Leser, die sowieso schon so wenig gute Repräsentation erfahren, von so einem Müll in ihren Büchern überrascht werden müssen, immer und immer wieder. Es ist 2017 und langsam sollten wir doch weit genug sein, dass wir Queerness nicht mehr als anders, unnormal, schockierend und sogar widerlich darstellen. Dass dieses Buch so, wie es ist, erschienen ist und in mehrere andere Sprachen übersetzt wurde, sagt darüber wohl genug aus. 

Ja, der Rest war gut. Und das macht mich so unglaublich sauer. „Familie Grace, der Tod & ich“ ist ein dicht und atmosphärisch erzählter Roman über Magie, Freundschaft und die schmale Grenze zwischen richtig und falsch. Es stecken viele interessante Gedanken in diesem Roman, viele schöne Ansätze und die Handlung entwickelt einen Sog, zieht einen mitten rein in die Welt der Familie Grace. Aber das hilft alles nichts mehr, wenn ein Roman so dermaßen mit zweifelhaften Botschaften und Gedanken vollgestopft ist, wie dieser. Und wenn das noch so subtil passiert, dass man es bewusst vielleicht gar nicht bemerkt, dann umso schlimmer. „Familie Grace“ ist ein Jugendbuch und solche Gedanken setzen sich bei Jugendlichen gern mal unbewusst fest. Und schon allein deshalb geht das so nicht. Ich möchte keine Jugendbücher mehr lesen, in denen Mädchenhass, Rassismus und Queerphobie ganz subtil in eine pseudophilosophische, düstere Fantasyhandlung eingewoben werden. Dass diese Bücher dann auch noch gehyped werden, ohne, dass mal jemand diese Aspekte anspricht… das tut irgendwie weh. 

„Familie Grace, der Tod & ich“ hätte das Zeug zu einem verstörend düsteren Jugendroman haben können, zur makabren Geschichte einer Hexenfamilie und einem ungeliebten Mädchen, das unbedingt dazu gehören will. Irgendwo ist der Roman auch diese Geschichte. Überlagert wird das von Rivers Ichbezogenheit, ihrem immer wertenden Blick auf andere Menschen, besonders Mädchen, und ganz klar von der Queerphobie, die sich wie ein roter Faden durchzieht. Ich weiß ehrlich gesagt nicht was Laure Eve hier vorhatte. Vielleicht war das Ganze ja ein misslungener Versuch, Queerphobie als etwas Schlechtes darzustellen. Ich denke von AutorInnen einfach gern gut und ich hoffe, dass es so ist. Aber am Ende bleiben auch die sexistischen und rassistischen Elemente, die ich nicht wegerklären kann und will und ich glaube, dass es einfach wirklich wieder einmal so ein Fall ist, in dem ausgerechnet ein Buch, das weltoffen, philosophisch und kreativ sein soll, die engstirnigsten Botschaften enthält. Es wäre einfach nicht das erste Mal. Und ehrlich gesagt, ich bin es leid, dass wir sagen: „Ja, das Buch war trotz Queerphobie voll gut, deshalb vier Sterne.“ Das ist kein Kavaliersdelikt. Es hat mir den Roman gründlich verdorben. Und ich habe keine Lust mehr, das zu überspielen. Von mir gibt es keine Empfehlung für diesen Roman. 1.5 Punkte für eine großartige Idee, die leider aber absolut nicht großartig umgesetzt ist.

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