Ich bin umgezogen! Ihr findet mich und mein Blog ab jetzt unter Stürmische Seiten. Ich hoffe, wir sehen uns dort!

"Für dich soll's tausend Tode regnen" von Anna Pfeffer

Für dich soll's tausend Tode regnen | cbj, 2016 | 978-3-570-17155-4 | 320 Seiten | Deutsch

Wer Emi auf die Nerven geht, dem verpasst sie in Gedanken eine Todesart. Und seit dem Umzug weiß sie nicht, wer mehr nervt: die Neue ihres Vaters, die sich ernsthaft in der Mutterrolle sieht, ihr Strahlemann von Bruder, der das auch noch gut findet (stirbt bestimmt mal, weil er auf seiner Schleimspur ausrutscht), oder Erik, Alphatier an ihrer neuen Schule, der einen auf cool macht und sie ständig provoziert (stirbt garantiert an einem Hirntumor wegen übermäßigen Handykonsums). Als sie sich in Chemie mit Alpha-Erik anlegt, kracht es wortwörtlich zwischen den beiden. Die Strafe dafür sind acht Samstage Graffiti schrubben. Mit Erik! Kann das Leben noch beschissener sein? Um aus der Nummer rauszukommen, schlägt Emi einen Wettstreit vor. Doch Erik ist nicht kleinzukriegen. Emi wünscht ihm tausend Tode an den Hals, bis sie merkt, dass es gar nicht so nervig ist, Zeit mit Erik zu verbringen … (x)

MEINE GEDANKEN

Ich brauchte ein bisschen, um mich in "Für dich soll's tausend Tode regnen" einzufinden, denn Emi ist nicht immer eine angenehme Ich-Erzählerin. Sie ist introvertiert, aber nicht schüchtern, bissig, unnahbar und hält sich selbst für anders, passt nirgendwo richtig dazu - und sie hat mich so sehr an mich selbst erinnert, als ich fünfzehn war. Ich glaube, in Emi können sich viele Jugendliche, aber auch viele ältere Leser wiederfinden und das ist manchmal lustig und manchmal aber auch nicht. Ich hätte Emi manchmal gern geschüttelt und ihr gesagt, dass sie nicht so anders ist, wie sie glaubt, denn das ist etwas, das ich - und viele andere Jugendliche - mühsam lernen mussten. Es macht einen einfach nicht wirklich zum Außenseiter Damien Rice zu hören und "Stolz und Vorurteil" zu lesen, außer im eigenen Kopf und für mich selbst ist das Leben deutlich einfacher geworden, als ich das begriffen habe. Mal davon abgesehen, dass ja irgendwie sowieso alle und ihre Omas oben drauf "Stolz und Vorurteil" gelesen haben, aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, Emi steckt genau in dieser Phase: Sie fühlt sich nicht dazugehörig und sie will auch gar nicht dazu gehören und irgendwie feiert "Für dich soll's tausend Tode regnen" das Anderssein auch ein bisschen.

MEAN GIRLS AHOI!

Das hat mir auch tatsächlich sehr gefallen. Noch lieber hätte ich es aber wahrscheinlich gemocht, wenn "Mainstream" sein, nicht im gleichen Atemzug abgewertet worden wäre. Ja, dieser Roman hat ein typisches mean girl und nein, dieses Klischee mag ich nicht. Wir kennen das doch jetzt mal zur Genüge: Das hübsche Mädchen mit den blondierten Haaren, stark geschminkt und in enger Kleidung, das grundlos gemein zur armen Außenseiterheldin ist. In "Für dich soll's tausend Tode regnen" fällt diese Rolle Louisa zu, einer Beautyvloggerin, die in Emis Klasse geht. Ich frage mich einfach, warum immer die Mädchen mit Make-Up und blonden Haaren die "Bösen" sein müssen, wirklich. Wieso muss man einen Mädchentyp immer wieder so abstempeln? Gegen das mean-girl-Klischee an sich habe ich nicht einmal was, obwohl ich über Freundschaften zwischen unterschiedlichen Mädchen sehr viel lieber lese, als über Zickenkriege. Aber mean girls kommen in jeder Form und Farbe. Es ist nicht immer das blonde Mädchen im engen Top, sorry, so schwarzweiß ist die Welt nicht. Das ständige Abwerten von weiblich konnotierten Interessen im Jugendbuch finde ich auch nicht schön. Dann mag Louisa halt Makeup. Dann trägt ihre Freundin halt einen Wonderbra und ist braun gebrannt. Na und? Dass Emi lieber in alten Chucks und schwarz rumläuft, macht sie nicht besser als die beiden. Es bedeutet nur, dass sie einen anderen Geschmack hat, big deal.

Das wäre dann aber auch schon mein einziger Kritikpunkt an "Für dich soll's tausend Tode regnen". Aber ehrlich, ich finde wir brauchen dieses Klischee nicht mehr. Natürlich gibt es Mädchen wie Louisa wirklich, das will ich gar nicht anzweifeln, aber dieses Jugendbuchklischee, alle Mädchen mit ähnlichen Interessen als Tussis, oberflächlich und dumm abzustempeln gefällt mir überhaupt nicht. Es entspricht nicht der Wirklichkeit und ganz ehrlich, diese Mädchen lesen auch Romane. Man muss ihnen nicht an allen Ecken mitgeben, dass sie sich jetzt besser dafür schämen, sich gern zu schminken und ein Interesse an Mode zu haben. Ja, es tut mir selbst Leid, dass ich darauf jetzt so rumreite, aber gerade, weil es in einem beinahe perfekten Jugendroman auftauchen musste, nervt mich das gerade so. "Für dich soll's tausend Tode regnen" lehnt sich ganz subtil an "Stolz und Vorurteil" an und ich habe bis zum Ende gehofft, dass Emis Meinung über die "Tussis" vielleicht auch ein Vorurteil ist, das sie ablegen wird, aber leider ist es dazu nie gekommen. Wie gesagt: Es gibt Menschen wie Louisa, die gemein und berechnend sind, warum auch immer. Aber, dass es hier wieder das stark geschminkte blonde Mädchen sein musste, dass völlig grundlos auf Emi losgeht... warum?

DAS SCHWARZE BUCH & EMOFREUDEN

Darüber hinaus ist "Für dich soll's tausend Tode regnen" aber ein unglaublich interessanter Jugendroman, keine Frage. Emi, die mir am Anfang solche Schwierigkeiten bereitet hat, ist mir Seite für Seite mit ihren trockenen Bemerkungen mehr ans Herz gewachsen. Ihre Obsession mit dem Tod fand ich interessant geschildert, dass sie Zeitungsausschnitte über skurrile Todesfälle in ihrem "schwarzen Buch" sammelt genau im richtigen Maße merkwürdig, um noch glaubwürdig zu sein. Ich kann mir einfach vorstellen, dass Emi ein echtes Mädchen sein könnte. Auch ihre Probleme fand ich nachvollziehbar. In YA habe ich es oft, dass ich mich mit den Problemen der jugendlichen Helden null identifizieren kann (was an mir liegt, nicht an den Romanen, ich bin halt nicht die Zielgruppe), doch bei Emi hatte ich dieses Problem nicht. Sie musste ihre Heimat Heidelberg und ihre einzige Freundin zurücklassen, um nach Hamburg zu ziehen, das sie hasst (Wie kann man Hamburg hassen, bitte schön, aber na gut), ihr Vater versucht mit Macht seine neue Freundin in die Familie zu integrieren, ihr Bruder ist ein selbstgefälliger Sonnenschein und das genaue Gegenteil von ihr. Emi ist halt Marke "Ich gegen die Welt" und wenn man sich daran gewöhnt hat, dann fällt es leicht, mit ihr mitzufühlen.

Was "Für dich soll's tausend Tode regnen" aber wirklich absolut lesenswert macht, ist der makabre Humor. Wenn Emi genervt ist, denkt sie sich im Kopf Todesarten für die Leute aus, die sie nerven und das teilweise auf so abstruse Art, dass man einfach lachen muss. Deshalb habe ich den Roman auch in mein Halloween-2017-Tag aufgenommen, denn obwohl er von der Geschichte her ein leichter Contemporaryroman für Jugendliche ist, ist der Humor nachtschwarz und er verliert sich auch bis zum Ende nicht. Es gibt viele Bücher, bei denen ich schmunzeln muss, aber "Für dich soll's tausend Tode regnen" hat mich alle paar Seiten losprusten lassen. Auch die Dialoge sind wunderbar bissig und schlagfertig, besonders zwischen Emi und Erik, die nach einem missglückten Chemieexperiment zum gemeinsamen Graffittischrubben verdonnert wurden und sich bald peinliche Challenges stellen - wer verliert, muss den Putzdienst allein zu Ende bringen. Dass Emi und Erik sich darüber bald näher kommen, wie es ja auch schon der Klappentext andeutet, war klar - aber "Für dich soll's tausend Tode regnen" ist das erste Jugendbuch seit Langem, dem ich seine Liebesgeschichte wirklich abnehme. Emi und Erik haben von Anfang an eine schöne, deutlich spürbare Chemie und es macht Spaß zuzusehen, wie die beiden sich finden.

Generell hatte ich das Gefühl, dass dieser Roman mehr Substanz hat, als viele andere YA-Contemporarys. "Für dich soll's tausend Tode regnen" ist ein lockerlustiger Jugendroman, keine Frage, aber er hat diesen besonderen Pfiff. Er entwickelt seine Hauptfiguren im Detail, macht sie sympathisch und lässt besonders bei Emi und Erik viel Raum nach oben, um sie aus ihren Erlebnissen und Fehlern lernen zu lassen. Ja, Erik ist der typische Bad Boy, aber er ist auch noch viel mehr und er begegnet Emi immer auf Augenhöhe, selbst am Anfang, als die beiden sich noch hassen. Und ja, Emi ist dieser typische "Mich versteht sowieso niemand"-Emoteenager, aber sie hat so viele Facetten, dass sie mir realistisch vorkam. Generell bedient sich "Für dich soll's tausend Tode regnen" an einigen Klischees des Genres, aber das zu 90% auf originelle Weise. Die Nebenfiguren kommen etwas weniger dreidimensional daher, sind aber auch sehr liebenswert. Mir haben besonders Emis nervig-positiver Bruder Oliver und Toni, mit der Emi sich in Hamburg ein bisschen anfreundet, gut gefallen. Besonders von der quirligen Toni, die keinen Filter zu haben scheint, hätte ich sehr gern noch viel mehr gesehen, weil ich das Gefühl hatte, dass sie Emi ein bisschen aus sich herausholt, doch leider rückt die aufkeimende Freundschaft der beiden am Ende ein wenig in den Hintergrund. Ja, es ist Romance und demnach steht die Liebesgeschichte im Fokus, aber ich hab Toni am Ende doch ein bisschen vermisst.

INSTA-LOVE? HIER NICHT!

Was mir generell sehr gut gefallen hat und was vielleicht ein sehr abstrakter Punkt ist, ist dass der Roman zwar Jugendbuchklischees bedient, aber von den Regeln für YA-Romanzen komplett Abstand nimmt. Ich habe ja schon geschrieben, dass Erik ein untypischer Young-Adult-Bad-Boy ist, weil er zwar unnahbar und cool tut, aber Emi nicht unterbuttert oder ihr mit Absicht wehtut, wie das die Spezialisten in YA sonst oft tun. Anna Pfeffer haben mit Erik gezeigt, dass man coole düstere Jungs durchaus überzeugend schreiben kann, ohne, dass sie die Heldin schlecht behandeln. Auch schön fand ich, dass wir mit Toni eine nichtweiße Figur dabei haben und dass der Roman sehr... sagen wir mal aufgeschlossen daher kam. Ich habe mit YA-Liebesgeschichten sehr oft das Problem, dass sie die Figuren in Rollenbilder quetschen, was typisch weiblich und typisch männlich ist, Queerness komplett ignorieren und generell einfach völlig unüberlegt alte Ideale präsentieren. Deshalb lese ich das Genre nicht oft, weil mir das nicht gefällt. "Für dich soll's tausend Tode regnen" umschifft das sehr subtil und das ist mir in Young Adult viel wert.

Viel mehr kann ich jetzt auch gar nicht sagen und es tut mir irgendwie Leid, dass ich am Anfang so viel gemeckert habe, weil "Für dich soll's tausend Tode regnen" wirklich ein sehr schöner, durchaus anderer Jugendroman ist, den ich allen Fans von Young-Adult-Romance, massenhaft schwarzem Humor und einer Liebesgeschichte, die nicht auf Insta-Love vertraut, sondern sich langsam und glaubwürdig aufbaut, ans Herz legen möchte. Ich denke, dass der Roman genau aus diesen Gründen auch für erwachsene Leser geeignet ist. Wäre er ohne das mean-girl-Klischee ausgekommen, hätte ich ihn glatt zum Lieblingsroman erklärt. So gefällt er mir aber immer noch sehr gut und ich würde diesen zum Schreien komischen Jugendroman mit skurriler, liebenswerter Heldin und ein bisschen mehr Substanz, als man sonst vom Genre gewohnt ist, jedem Fan von Jugendbüchern ans Herz legen. Dafür vergebe ich vier Punkte.


Weitere Meinungen:

Krähe und Kraken | 4 Punkte

Janna von KeJas Blogbuch | 4 Punkte

Keine Kommentare