Ich bin umgezogen! Ihr findet mich und mein Blog ab jetzt unter Stürmische Seiten. Ich hoffe, wir sehen uns dort!

"Nacht über Frost Hollow Hall" von Emma Carroll

Nacht über Frost Hollow Hall | Thienemann, 2017 | 978-3-522-18450-2 | 400 Seiten | Deutsch | Britische OA: Frost Hollow Hall, 2013

Ob es auf Frost Hollow Hall spukt? Tilly ist froh, dass sie mit ihren 12 Jahren auf dem herrschaftlichen Anwesen eine Arbeit gefunden hat. Und mit Gracie, mit der sie sich eine Kammer teilt, versteht sie sich wunderbar. Doch schon bald merkt Tilly, dass auf Frost Hollow Hall seltsame Dinge vor sich gehen. Als sie eines Abends zum Kühlhaus eilt, um Eiswürfel für den Lord zu schlagen, entdeckt sie eine Gestalt auf dem zugefrorenen See... (x

MEINE GEDANKEN

Ich muss ja ganz ehrlich sagen, den Vergleich mit Downton Abbey auf der Verlagsseite finde ich etwas merkwürdig. Nur, weil ein Roman historisch ist und in einem Herrenhaus spielt, hat er noch lange nichts mit Downton Abbey zu tun und "Nacht über Frost Hollow Hall" mit der Serie zu vergleichen ist ungefähr so, als würde man sagen, Fans von Disneys Merida sollten sich doch mal Outlander ansehen, weil beides in den schottischen Highlands spielt. Also nein, "Nacht über Frost Hollow Hall" ist nicht wie Downton Abbey. Es ist eine viktorianische Schauergeschichte für Kinder. Heldin ist die zwölfjährige Tilly, die herausfinden will, was wirklich mit Kit Barrington, dem vor zehn Jahren tragisch ums Leben gekommenen Erben von Frost Hollow Hall geschehen ist. In England ist Emma Carroll, was historische Romane für Kinder angeht, seit einigen Jahren ein bekannter Name, in Deutschland ist "Nacht über Frost Hollow Hall" jedoch ihr Debüt. Mich persönlich hat das beinahe märchenhafte Cover angezogen, das eine winterliche Schauergeschichte verspricht. 

WINTERATMOSPHÄRE & SCHREIBSTILPROBLEME

Leider bin ich mit "Nacht über Frost Hollow Hall" viel zu spät warm (höhö) geworden. Großteils lag das am Schreibstil. Tilly ist Ich-Erzählerin und ihre Familie ist bitterarm, was sich wohl in Tillys sehr frecher Erzählstimme niederschlagen sollte. Sie erzählt sehr umgangssprachlich und knapp, es wird sich nicht allzu lang mit den meisten Ereignissen aufgehalten. Besonders störend fand ich das direkt am Anfang. Tilly hat einen Unfall beim Schlittschuhlaufen und daraufhin eine schicksalshafte übernatürliche Begegnung, doch das wird alles so knapp runtererzählt, das man als Leser nicht wirklich viel Zeit bekommt, sich mit dem Gelesenen auseinanderzusetzen, bevor es weitergeht. Tillys umgangssprachliche Erzählstimme fand ich auch eher störend, weil sie so manches Mal die Schauermärchenatmosphäre einfach kaputt gemacht hat. Zu einer Geschichte wie dieser hätte ein romantischerer, etwas wenig forscher Stil viel besser gepasst. Irgendwie reibt sich der Stil einfach ganz klar an der Geschichte. Geisterbegegnungen, eingeschneite Herrenhäuser und Friedhöfe und der tragische Tod eines Jungen sind sehr schöne Elemente für eine gemütliche Gruselgeschichte, aber wenn man das alles schnellschnell und frech runtererzählt vorgesetzt bekommt, wirkt es einfach nicht richtig. 

Ich weiß nicht, ob das einfach daran liegt, dass "Nacht über Frost Hollow Hall" ein Kinderbuch ist. Ich weiß generell nicht, wie weit "Es ist ein Kinderbuch" bei meinen Kritikpunkten wirklich zieht, denn was mir auch aufgefallen ist, ist dass Tilly sehr viel einfach in den Schoß fällt. Sie möchte herausfinden, was wirklich mit Kit Barrington (Ich will ständig Kit Harington schreiben) passiert ist und bekommt, nachdem sie dabei erwischt wird, wie sie auf dem Friedhof von Frost Hollow Hall herumschleicht, direkt eine Anstellung als Hausmädchen eben dort angeboten. Ich meine, okay. Das halte ich für das Jahr 1881 absolut nicht für realistisch, wo man Tilly wahrscheinlich eher mit einer strengen Ermahnung nach Hause geschickt hätte, aber... es ist ein Kinderbuch. Ein sehr märchenhaftes noch dazu und in Märchen geht mehr, als im wahren Leben. Trotzdem fand ich es schade, dass Tilly viele Hinweise und Lösungen einfach so geliefert bekommt, ohne sich groß dafür anstrengen zu müssen. Natürlich muss man im Kopf behalten, dass man nicht die Zielgruppe ist, wenn man mit 25 Jahren eine Gruselgeschichte für Kinder liest, aber ich bilde mir zumindest ein, dass auch Zehnjährige mehr Spaß daran haben würden etwas mehr miträtseln zu dürfen. 

Historisch gesehen... ja, "Nacht über Frost Hollow Hall" ist halt ein Kinderbuch und kommt deshalb auch mit vielen Klischees zum viktorianischen Zeitalter daher. Tillys Familie ist arm, ihre Mutter ist Näherin und geht sehr grob mit Tilly um, während sie ihre Schwester deutlich bevorzugt, der Vater trinkt und ist wahrscheinlich nach Amerika abgehauen, Tilly bekommt eine Anstellung als Dienstmädchen... man kennt das alles schon, aber in einem Kinderbuch finde ich das okay, denn die meisten Kinder haben ja noch nicht dutzende Romane nach demselben Schema gelesen. Als Einstieg in historische Romane sind Bücher wie "Nacht über Frost Hollow Hall" daher wahrscheinlich gut geeignet. Emma Carroll gibt einen interessanten Einblick in das Leben auf einem englischen Dorf und in einem Herrenhaus im späten neunzehnten Jahrhundert. Historisch bleibt alles etwas vage und das darf es auch. Ob der Grusel noch kindgerecht ist, weiß ich allerdings nicht. Es ist sehr gemütlicher Grusel und der Fokus liegt auf Tillys Suche nach Antworten, doch das Verhalten von Lady Barrington und der Spuk des "Dings auf der Treppe" könnten für manche Kinder zu gruselig sein. Persönlich hätte mir Tillys Geschichte besser gefallen, wenn sie etwas älter und Jugendbuchheldin gewesen wäre, denn "Nacht über Frost Hollow Hall" dürfte vielleicht eher etwas für Leser ab 12 sein, die Tilly als Heldin dann aber zu jung und zu kindisch finden könnten. Hier greift einfach das typische Middle-Grade-Problem, es ist nicht ganz klar, wer hier jetzt wirklich die Zielgruppe sein soll. 

ERSTE HÄLFTE MEH, ZWEITE HÄLFTE WOW


Für mich hat das Buch erst so wirklich funktioniert, als Tilly auf Frost Hollow Hall ankommt und ihre Stelle als Hausmädchen antritt. Ab da wurde der Roman wunderbar atmosphärisch, ein bisschen unheimlich und vor allem sehr schön zu lesen. Tillys neues Leben als Dienstmädchen, ihre Begegnungen mit Lord und Lady Barrington, die Freundschaften, die sie zu den anderen Bediensteten aufbaut und natürlich ihre spannenden Erkundungstouren, bei denen sie nicht erwischt werden darf, haben mir richtig gut gefallen. Nur leider kommt das alles zu spät, denn es passiert erst, nachdem die Hälfte der 400 Seiten bereits rum sind. Es ist aber nicht so, dass vorher nichts passiert, keine Angst. Nur leider lässt sich der Roman auf den ersten 200 Seiten sehr viel Zeit und stopft dann viel Wichtiges, das auch ruhig schon vorher eine Rolle hätte spielen können, in die anderen 200 Seiten. Gerettet wird der Roman jedoch durch die eigene Atmosphäre. Der englische Winter wird beinahe spürbar, Emma Carrolls Beschreibungen des kalten Herrenhauses und der eingeschneiten Gegend sind wunderschön und manchmal sogar beinahe düster. Die Geschichte selbst ist schon etwas vorhersehbar, wenn man das Genre öfter liest, aber trotzdem einfach sehr schön erzählt. Emma Carroll gelingt es, die Tragik von Kit Barringtons Tod auf jeder Seite mitschwingen zu lassen und die Obsession von ganz Frost Hollow Hall mit dem verlorenen Erben intensiv und interessant darzustellen.

Womit ich allerdings wirklich Probleme hatte, war das Liebesgedöns. Ich meine... Tilly ist zwölf. Ich finde nicht, dass es nötig war, sie so viel darüber nachdenken zu lassen, ob Will Potter ihr den Hof machen darf oder was nicht. Und Gracie, die ja auch nicht älter ist, hat anscheinend was mit einem der Diener in Frost Hollow Hall laufen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie realistisch das ist. Dass viktorianische Mädchen mit der Männersuche alle so früh angefangen haben, ist auf jeden Fall ein Gerücht, denn Zwölfjährige sind auch für die Viktorianer Kinder gewesen. Wie das in echt aber gelaufen ist, kann ich natürlich nicht sagen. In einem modernen Kinderbuch hätte ich es aber nicht gebraucht, dass zwölfjährige Mädchen die ganze Zeit über irgendwelche Jungs, die teilweise anscheinend auch deutlich älter sind, mit denen sie zusammen sind oder eben nicht, reden. Dazu kommt, dass ich die Botschaften zu dem Thema teilweise sehr zweifelhaft finde. Tilly und Gracie werden beide mehrmals aufgefordert doch netter zu den Jungen zu sein, nachdem sie gesagt haben, dass sie kein Interesse haben. Ich meine... können wir nicht? Nein, Mädchen müssen zu Jungs, mit denen sie nichts zu tun haben wollen, nicht nett sein. 1881 nicht und heute auch nicht und sie müssen ihnen schon gar nicht noch eine Chance geben, wie es hier von Tilly und Gracie mehrmals verlangt wird.

Irgendwann in der Mitte bemitleidet Tilly die ältere und ach so hübsche Dorcas dann, dass ihr ihre Karriere wichtiger ist, als Liebe und ich hab so heftig mit den Augen gerollt. Ja, gute Botschaft für ein Kinderbuch: Die Frau, der ihre Zukunft wichtiger ist, als irgendein Mann, ist natürlich zu bemitleiden. Wäre natürlich besser, wenn Dorcas sofort heiratet und ihre Stelle verliert, dann ist sie zwar arm, aber hat einen Mann. Okay. Eins muss man Carroll hier lassen, dieses Frauenbild ist authentisch viktorianisch. In einem Jugendroman oder einem Buch für Erwachsene hätte ich das auch durchgehen lassen, weil ältere Leser Tillys historisch authentische Denkweise wahrscheinlich als eben solche erkennen können. In einem Kinderbuch finde ich das aber nicht cool, weil es eben doch auch Sachen sind, die unsere Gesellschaft Mädchen von klein auf eintrichtert und in einem Roman mit einer so pfiffigen Heldin wie Tilly hätte ich das nicht erwartet. Auch die Liebesgeschichte, die zwar wirklich nicht zu weit geht, aber doch viel Platz einnimmt, lässt mich ein bisschen zweifeln, ob der Roman etwas für zehnjährige Kinder ist.

Ich muss ganz ehrlich sagen, nach der ersten Hälfte hätte ich für den Roman eher nur ein "meh" übrig gehabt: Tillys Erzählstimme hat mich immer wieder rausgerissen, die Atmosphäre kam durch das hastige Erzählen nicht ganz rüber und irgendwie ging auch alles etwas zu langsam voran. Ich habe mehrere Tage für die ersten 200 Seiten gebraucht, dabei bin ich eigentlich Schnellleserin. Mit Tillys Ankunft auf Frost Hollow Hall macht der Roman aber eine krasse Wende und die letzten 200 Seiten sind spannend erzählt, interessant und vor allem winterlich-atmosphärisch. Ich habe sie an einem Nachmittag verschlungen, so sehr hat mich die Geschichte plötzlich in ihren Bann gezogen. Alles in allem kann ich sagen, dass "Nacht über Frost Hollow Hall" ein durchaus lesenswerter Middle-Grade-Roman ist. Der Roman hat deutliche Schwächen, aber er besticht durch seine niedliche und pfiffige Protagonistin, das interessante Geheimnis rund um Frost Hollow Hall und die eiskalte verschneite Märchenatmosphäre. Dafür gibt es von mir 3.5 Tassen. Ich würde den Roman für alle Gruselfans ab 12 empfehlen, die nach einem gemütlichen Buch für kalte Herbst- und Wintertage suchen und nicht zu viel erwarten.

Kommentare

  1. Was für ein toller Artikel! Ich habe das ja auch rezensiert und denke ähnlich darüber. Nur so schön konnte ich es nicht in Worte fassen... Ich verlinke deine Rezension mal auf meinem meinem www.Lieblingsleseplatz.de wenn das ok ist...

    AntwortenLöschen