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"Palast der Finsternis" von Stefan Bachmann

Palast der Finsternis | Diogenes, 2017 | 978-3-257-30055-0 | 400 Seiten | Deutsch | Amerikanische OA: A Drop of Night, 2016

Die Außenseiterin Anouk ist mit vier anderen Kandidaten nach Paris gekommen, um einen lange verschütteten unterirdischen Palast zu erforschen, den ein verrückter Adliger zur Zeit der Französischen Revolution als Versteck für seine Familie erbauen ließ. Doch nachdem die Jugendlichen einmal durch die Tür mit dem Schmetterlingswappen getreten sind, erwartet sie in jedem weiteren Raum ein neuer Abgrund, den sie nur gemeinsam bezwingen können. (x

MEINE GEDANKEN

Vorweg: Man bekommt hier nicht wirklich das, was draufsteht. Ich hatte mich sehr auf einen schönen Archäologenthriller gefreut, weil der Klappentext "Palast der Finsternis" so wirken lässt, aber das ist der Roman einfach nicht. Er ist ein sehr perfider, manchmal etwas makabrer Horrorthriller. Ich hatte jetzt Glück, dass ich solche Bücher ebenfalls gern lese, denn ansonsten wäre ich wahrscheinlich enttäuscht gewesen. Diese Rezension zu schreiben wird mir auch nicht besonders leicht fallen, denn "Palast der Finsternis" stützt sich von Anfang an auf seine vielen überraschenden Wendungen und Twists. Daher kann ich euch jetzt nichtmal sagen, wovon der Roman wirklich handelt, denn damit würde ich schon einem großen Teil der Handlung die Überraschung nehmen und das will ich nicht. Ihr sollt "Palast der Finsternis" nähmlich unbedingt selbst lesen! Alle von euch! Na gut, solang ihr gut gemachten Horror abkönnt, natürlich. Ich finde, es spricht sehr für den Roman, wie sehr ich ihn trotz falscher Erwartungen gemocht habe. Normalerweise verdirbt mir sowas schon vorne weg den Spaß, was dem Buch gegenüber nicht fair ist, aber leider kann ich es nicht ändern. Hier ist das jedoch nicht passiert. 

DER SCHMETTERLINGSPALAST

Am Anfang wusste ich nicht so recht wohin mit dem Roman. Ich hatte einfach so viele Fragen und war schon kurz davor, die Augen zu verdrehen. "Palast der Finsternis" beginnt nämlich wie so ein typischer Jugendroman. Vier hochbegabte amerikanische Teenager sollen in Frankreich den Palais du Papillon - einen seit der Revolution verschütteten, unterirdischen Palast - erforschen. Ich war erstmal total genervt. Als Archäologin und Historikerin finde ich es nämlich immer total unlogisch, wenn in Romanen Laien, besonders auch noch Jugendliche, angeheuert werden, um so wichtige Funde zu untersuchen. Und warum sind es immer Amerikaner? Gibt es denn in Frankreich keine Spezialisten? Oder meinetwegen französische hochbegabte Teenager? Ich war schon am Murmeln und am Grummeln, aber Gott sei Dank zieht "Palast der Finsternis" direkt alle Register. Ich kann nicht zu viel verraten, aber Stefan Bachmann hat sich bald als sehr kompetenter Schriftsteller herausgestellt, der sich Ich-Erzählerin Anouk genau dieselben Fragen stellen lässt, auf die man auch bald Antworten bekommt. Denn "Palast der Finsternis" ist halt nicht einfach irgendein YA-Abenteuerbuch. Es ist ein gut durchdachter, unheimlicher Thriller, von vorn bis hinten hat alles eine Bedeutung und nichts passiert aus Zufall. 

Auch mit der Heldin Anouk hatte ich anfängliche Probleme, die sich schnell verflüchtigt haben. Anouk kommt einem am Anfang einfach sehr übertrieben vor. Ihr voller Name ist so kompliziert, dass ich ihn mir absolut nicht merken kann - Sie heißt Anouk Peerenboom, aber sie hat noch einen zweiten Nachnamen und einen zweiten Vornamen und... okay. Na gut. Sie ist hochbehabt, weshalb sie für das Projekt überhaupt erst ausgewählt wurde, aber ihre Hochbegabung wirkte auf mich etwas unrealistisch. Sie spricht fünf Sprachen flüssig und hat in noch mehr Sprachen Grundkenntnisse, ihr Allgemeinwissen kennt keine Grenzen und sie ist durchaus sehr abgehoben. Aber auch hier weiß Stefan Bachmann einfach genau, was er macht. Anouks Ichperspektive ist großartig. Sie ist sich selbst darüber bewusst, wie sie wirkt und sie ist total kaputt, weil ihr Familienleben kaputt ist, weil ihre Eltern jahrelang so emotional kalt zu ihr waren, dass es absolut als harter seelischer Missbrauch gewertet werden kann, der einem gleich auf den ersten Seiten die Sprache verschlägt. In den Händen eines anderen Autors hätte Anouk vielleicht nicht funktioniert, doch Stefan Bachmann gibt ihr trotz der Überspitzungen Tiefe, er stellt sehr einfühlsam dar, wie sie ist und warum sie so ist und wie sie sich nach Anerkennung sehnt, die sie zuhause nicht bekommt.

Man muss bei "Palast der Finsternis" aber auf alle Fälle bereit sein, seine Zweifel mal beiseite zu schieben. Das gelingt dank Bachmanns schönem Schreibstil, in dem er nicht nur das Innere des Palais sehr eindringlich schildert, sondern auch Gefühle und Wahrnehmungen, und dem Sog der Geschichte jedoch sehr gut. Was am Anfang noch überspitzt, unmöglich und viel zu merkwürdig wirkt, nimmt man bald dankend hin, weil Bachmann es einfach so überzeugend schildert. Das Ende mag etwas übertrieben wirken und hin und wieder fand ich einiges etwas vorhersehbar, aber es war mir einfach sowas von egal, weil die Geschichte funktioniert. Man liest sie wie nebenbei weg und bei rund 400 Seiten will das schon was heißen. Was den Gruselfaktor angeht war ich sehr angenehm überrascht. Wirklich unheimlich im klassischen Sinne fand ich den Roman nicht, doch einige Szenen sind so makaber, dass es einem doch kalt den Rücken runterläuft. Deshalb ist "Palast der Finsternis" auch nicht der Gruselroman, den ich erwartet hatte, sondern eben ein skurriler Horrorthriller und zwar ein sehr guter.

C'EST UN PEU UNNÖTIG

Auch die Rückblenden in die ersten Revolutionsjahre, aus der Sicht von Aurelie de Bessancourt, deren Vater den Palais du Papillon bauen lässt, erzählt, haben mir im Großen und Ganzen gefallen. Sie haben sich oft nicht wirklich historisch angefühlt, wie ich mir das gewünscht hätte, und die eingestreuten Fakten zur französischen Revolution waren eher oberflächlich gehalten, aber Aurelies Szenen waren genauso spannend wie Anouks und ein guter Einblick in die Vergangenheit des Palais und der Familie Bessancourt, die man nur über Anouk gar nicht kennengelernt hätte. Wenn mich an "Palast der Finsternis" etwas gestört hat, dann das oft wahllos eingestreute Französisch in Aurelies Kapiteln. Wenn man die Sprache nicht spricht, geht da ein bisschen Dialog verloren. Ich kann jetzt nicht einschätzen, wie schlimm das ist, aber ich stelle es mir ein bisschen nervig vor. Darüber hinaus hat es mich immer ein bisschen aus dem Buch gerissen, denn es ist ja klar, dass Aurelie Französisch spricht, wieso ist dann einiges "übersetzt" und anderes nicht?

Auch fand ich leider einige der Nebenfiguren etwas zu blass. Sehr gut gefallen haben mir Lilly mit ihrem Hippieauftreten und auch für Jules habe ich ein gutes Gefühl bekommen, aber Will ist leider total im Hintergrund verschwunden, obwohl ich das Gefühl hatte, dass Anouk ihn von allen am liebsten mochte und die Geschichte der finsteren Miss Sei hätte mich ja mal brennend interessiert. Wieso tut sie, was sie tut und wie ist sie dazu gekommen? Das erfährt man aber leider nicht. Das ist jetzt nicht unbedingt Jammern auf hohem Niveau, denn diese Punkte haben mich schon gestört, aber die positiven Aspekte überwiegen einfach so haushoch, dass ich deshalb meine Empfehlung nicht einschränken werde. Das würde "Palast der Finsternis" und dem Spaß, den ich mit dem Buch hatte, nicht gerecht werden. Denn "Palast der Finsternis" ist schon ein besonderes Buch, weil Anouk eine besondere und überzeugende Heldin ist. Der Roman steckt voller guter Botschaften, die auch einiges an Tiefe mitbringen und nicht einfach hingepinselt wirken und er ist ungewöhnlich und spannend genug, um mich als Vielhorrorleserin überraschen zu können und das reicht mir.

Wer für die dunkle Jahreszeit noch einen ungewöhnlichen Horrorthriller mit außergewöhnlicher Heldin, dichter Atmosphäre, vielen spannenden Wendungen und einem atemberaubend schönen, wenn auch gefährlichem Setting sucht, der sollte sich "Palast der Finsternis" nicht entgehen lassen, denn der Roman mag zwar nicht sein, was ich mir erwartet hatte, ist aber fast auf ganzer Linie gelungen. Ich habe zwar ein paar Kritikpunkte, bin aber absolut bereit diese zu ignorieren, da mir der Rest des Romans so gut gefallen hat. Deshalb gibt es von mir auch eine klare Empfehlung und 4.5 Tassen für spannenden und ungewöhnlichen Jugendbuchhorror mit ein paar Macken.


Weitere Meinungen:

Janna von KeJas Blogbuch | 5 Punkte

Seitenwandler | Positive Rezension

Kommentare

  1. Hey

    wieder eine sehr tolle Rezi ♥
    Und sie erinnert mich daran, dass ich das Buch auch noch rezensieren sollte ... aber seit ungefähr 3 Wochen ... oder vielleicht sogar 4 hocke ich davor und weiß nicht, wie ich meine Eindrücke für dieses Buch zu Papier bringen soll.

    Es war nicht das, was ich erwartet hatte. Einiges stört mich, einiges blieb für mich zu offen, andererseits war es ein echt krasser Tripp und ich will, dass noch vie mehr Leute dieses Buch lesen.

    Ich hab das Buch ja auch nachts gelesen und als die Gruppe zum ersten Mal auf Perdu trifft, bin ich so erschrocken, dass es das Buch - samt Leselampe - quer durchs Schlafzimmer geschmissen hab. Irgendwann um halb eins nachts, sehr zum Leidwesen meines - dann nicht mehr schlafenden - Ehemanns.
    Nach dem Schock musste ich erst mal 4 Kapitel in so einem New Adult Roman lesen, wo das gruseligste die komischen Namen der männlichen Protagonisten sind XD

    lg
    Nadine

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    1. Die erste Szene mit Perdu fand ich auch sehr gruselig und auch sehr gut gemacht. Schreib mal deine Rezi, ich bin sehr gespannt darauf!

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  2. Oh ja, ich kann mir vorstellen das es einige Leser*innen gibt die etwas völlig anderes erwartet hatten! Ich war sogar positiv überrascht und bin absolut in die Geschichte eingetaucht! Wobei ja, der Autor hätten mehr aus den Charakteren rausholen können. Die Rückblicke gefielen mir besonders gut und seine früheren Werkle stehen schon auf meiner WuLi - allein die Titel sind toll (=

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    1. Im Nachhinein war ich auch positiv überrascht! Das, was ich mir vorgestellt hatte, gibt es schließlich an jeder Ecke, aber so ein Buch wie "Palast der Finsternis" eben nicht. Ich habe von ihm noch nichts weiter gelesen, aber wollte mir auch nochmal angucken, was er noch so geschrieben hat, danke für die Erinnerung! <3

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