Ich bin umgezogen! Ihr findet mich und mein Blog ab jetzt unter Stürmische Seiten. Ich hoffe, wir sehen uns dort!

Teegedanken: Das Histo-Genre hat ein Problem

Foto: Annie Spratt
Ein neuer historischer Fantasyroman erscheint, geschrieben von einer Historikerin, die gern betont, wie wichtig es ihr ist, historisch korrekte Romane zu schreiben1. Dieser Roman handelt, unter anderem, von Alexander dem Großen. Auf über 500 Seiten wird gekämpft, geliebt und intrigiert, aber ein kleines historisches Detail "vergisst" die Historikerin: Alexander der Große war bisexuell2. Er und Hephaestion waren nicht nur gute Freunde, wie es in ihrem Roman steht. Alexander hatte Affären und Beziehungen mit Männern und Frauen. In diesem angeblich so mühsam recherchierten Roman ist Alexander aber heterosexuell. Sein Interesse an Männern fällt bequem unter den Tisch. Das nennt man Erasure. Es passiert im historischen Roman am laufenden Band und ich finde, das kann so nicht weitergehen. Ich bin froh, dass wir mittlerweile in Zeiten leben, in denen Vielfalt im Roman großgeschrieben wird. Aber es ist an der Zeit, dass Diversity auch endlich im historischen Roman ankommt. Es ist sogar sowas von überfällig. Warum möchte ich heute - als Leserin und als Historikerin - genauer beleuchten.

WARUM DAS EIN PROBLEM IST

Ich gestehe, als ich Eleanor Hermans "Schattenkrone"3 entdeckt habe, war ich zuerst wütend und dann habe ich mich machtlos gefühlt. Weil die meisten Leser gar nicht merken, dass da ein großer Teil von Alexanders Persönlichkeit einfach unsichtbar gemacht wird. Weil meine Stimme so leise ist und ich gegen die großen Hypes nichts ausrichten kann. Ähnlich ging es mir auch mit "And I Darken" von Kiersten White. Mit so vielen historischen Romanen, die die Queerness historischer Persönlichkeiten einfach unter den Teppich kehren. Aber dann habe ich mir gedacht, ich habe diese Plattform, den Teesalon, und mag sie noch so klein sein, ich kann etwas dazu sagen. Und das kann ich wirklich, denn ich habe Geschichte studiert und ich kann nachvollziehen, wo das Problem liegt. Denn es ist nicht nur ein Buchmarktproblem, obwohl es auch das ist, und es ist nicht nur ein soziales Problem, weil wir noch immer in einer queerphoben Gesellschaft leben - es ist vor allem erst einmal ein Problem innerhalb der Geschichtswissenschaft. Denn hier wird noch immer, im Jahr 2017, von vielen HistorikerInnen versucht, jedes Anzeichen von Queerness wegzuerklären. Nicht von allen, natürlich nicht. Es gibt viele tolle HistorikerInnen, die den Weg für eine inklusivere Forschung ebnen. Aber das Problem besteht dennoch.

Queere Geschichte - und queere historische Persönlichkeiten - haben es einfach schwer, die Achtung zu finden, die ihnen zusteht. Ihre Queerness wird so gern einfach verschwiegen, weil sie vielen Menschen unangenehm ist. Nur, wenn es gar nicht anders geht, wird sie anerkannt, wie zum Beispiel im Fall von Oscar Wilde, der dann jedoch oft auch auf seine Queerness reduziert wird, als wäre er nicht vor dem großen Skandal ein talentierter und erfolgreicher Schriftsteller, Feminist und Denker gewesen. Aber meistens wird eben einfach ganz nebenbei vergessen zu erwähnen, dass eine wichtige historische Persönlichkeit queer war. Warum ist das ein Problem? Weil es unser Bild von Geschichte komplett verzerrt. Weil es es so aussehen lässt, als wären die wirklich wichtigen Dinge immer nur von weißen heterosexuellen Männern vollbracht worden. Und das stimmt nicht. Und es ist einfach kein Unfall, dass es so aussieht. Und, wenn wir als Historiker und Autoren eine so wichtige historische Persönlichkeit wie Alexander den Großen vollkommen ohne Konsequenzen (denn der Roman wird ja trotzdem gehypt und gelesen) als hetero darstellen, seine Bisexualität verschweigen, dann tragen wir natürlich auch dazu bei, dass es weiterhin so aussieht.

Für mich ist es ein bisschen wie ein Schlag ins Gesicht zu lesen, wie viel die Autorin doch recherchiert hat, wie gut sie sich mit Alexander auskennt - denn das bedeutet ja, dass sie sich bewusst dazu entschieden hat, seine Bisexualität unter den Teppich zu kehren. Deshalb feiere ich jeden Historiker und jede Historikerin, die sich mit dem Bild, das nur weiße Heteromänner jemals etwas Erwähnenswertes geschafft haben, nicht zufrieden gibt und nachhakt. Es ist mir dabei auch egal, wie sehr solche Standpunkte anecken, wie oft sie belächelt werden, wie viele andere es gibt, die sich sogar dadurch bedroht fühlen, dass ihre historical faves genauso queer dargestellt werden, wie sie eben waren. Und ich feiere auch jeden Autor und jede Autorin, die nicht nur historische Persönlichkeiten in ihren Romanen queer sein lässt, sondern einfach generell queere Figuren in ihre Histos einbaut. Ihr seid toll. Danke. Queerphobie muss vom Buchmarkt verschwinden, aber eben nicht nur aus Jugendromanen und Contemporaries, sondern aus allen Genres. Und aus der Geschichtswissenschaft und allen anderen akademischen Richtungen und generell aus den Köpfen der Menschen. Und, wenn wir endlich damit anfangen könnten zu normalisieren, dass auch vor 1960 nicht alle hetero waren, wäre das ein sehr guter Anfang.

HETERONORMATIVITÄT & DIVERSITY

Das Argument, das immer wieder auftaucht, ist "Aber Sie können mir ja nicht beweisen, dass [hier den Namen einer wichtigen historischen Persönlichkeit einsetzen] queer war" und jedes Mal, wenn ich das höre, werde ich sauer, denn wieso gilt plötzlich hier das Prinzip, dass die Abwesenheit von Beweisen nicht bedeutet, dass etwas nicht passiert ist, nicht mehr? Nein, ich kann nicht zu 100% beweisen, dass Alexander der Große queer war. Mir kann aber auch niemand zu 100% beweisen, dass er hetero war. Warum nicht? Weil es diese Schubladen in der Antike noch nicht gab. Was es aber immer schon gab und immer geben wird, egal, wie es früher genannt wurde oder heute oder in hundert Jahren, sind Menschen, die lieben: Das eigene Geschlecht, ein anderes, verschiedene oder alle. Und wer sich die Quellenlage anschaut, besonders die zu Alexander und Hephaestion, und daraus schließt, dass die beiden nur gute Freunde waren, weil die Beweise ja nicht eindeutig sind, der sollte sich wirklich mal überlegen, weshalb er hetero als Norm einsetzt, die nicht zu 100% bewiesen werden muss, alles andere aber schon. Die Sache ist, wir leben eben in einer heteronormativen Gesellschaft. Das Wort erklärt sich selbst: Hetero wird als Norm verstanden, alles andere als davon abweichend. Und unter anderem aus den eben erläuterten Gründen ist das ein riesiges Problem.

Ein weiteres Argument, das man öfter hört ist, dass die Sexualität eines Menschen doch bitte schön egal wäre, es ginge ja einzig und allein um die Leistungen der historischen Persönlichkeit. Und das hat auch sehr viel mit dem obrigen Punkt zu tun, denn es sind immer nur queere Sexualitäten egal. Lord Byron ist uns allen als totaler Frauenheld bekannt und wird auch oft so dargestellt. Dass er aber ebenfalls bisexuell war, hört man selten. Und dann kommt das Argument "Aber seine Sexualität spielt doch keine Rolle, wir sollten uns auf seine Taten konzentrieren". Wenn das so wäre, wenn das wirklich so wäre, wieso dann immer wieder dieser Fokus auf seinen vielen Frauengeschichten? Wieso werden dann historisch bisexuelle - und manchmal sogar schwule oder lesbische - Menschen, in unseren Medien beinahe mit Gewalt als heterosexuell dargestellt? Das Argument ist beliebt, hält einer genaueren Betrachtung aber nicht stand. Und das große Problem an dieser Erasure - diesem Unsichtbarmachen von Queerness in unserer Geschichte - ist, dass es das ungleiche Machtverhältnis zwischen heterosexuellen Menschen und queeren Menschen mit aufrecht erhält. Wenn man es so aussehen lässt, als hätten nur heterosexuelle Menschen jemals etwas Großes geleistet, dann ist der Umkehrschluss: Queere Menschen können das nicht, konnten das nie, werden das nie können.

Wir sprechen seit einigen Jahren sehr viel davon, wie wichtig Repräsentation und Diversity im Roman sind. Aber sie sind auch wichtig, wenn wir auf unsere eigene Geschichte zurückblicken. Es ist wichtig für queere Menschen heute zu wissen, dass es Menschen wie sie schon immer gegeben hat und, dass diese Menschen ebenfalls Großes geschaffen haben. Einer der größten Feldherren der Geschichte war queer. Einer von Englands beliebtesten romantischen Poeten war queer. Emily Dickinson war queer. Eleanor Roosevelt auch. Billie Holiday. Virginia Woolf. Und das müssen wir endlich auch anerkennen, nicht nur in der Geschichtswissenschaft, sondern auch im historischen Roman. Wenn ich vorher weiß, dass ein Roman eine historisch queere Figur als heterosexuell darstellt, dann lese ich den Roman nicht. Ich unterstütze diese Erasure nicht länger. Das ist nämlich kein Kavaliersdelikt, es ist einfach nur respektlos gegenüber modernen Lesern - aber auch gegenüber historischen queeren Menschen, die unter ihrer queerphoben Gesellschaft gelitten haben, ausgegrenzt oder sogar ermordet wurden - und trotzdem Großes geschafft haben. Nein, sie haben ihre Leistungen nicht vollbracht, weil sie queer waren. Sie waren queere Menschen, die trotz massiver Hindernisse die Welt verändert haben. Und deshalb ist ein heterosexueller Alexander der Große so ein Schlag ins Gesicht für so viele Menschen auf so vielen Ebenen.

Kleiner Nachtrag: Ich möchte generell mehr queere Figuren in historischen Romanen sehen. Auch fiktive. Das Histo-Genre scheint sich mit Diversity generell schwerer zu tun als andere Genres, aber das kann so nicht weitergehen. Und deshalb ist dieser Artikel auch irgendwie eine Art Aufruf: Schreibt mehr queere Figuren in historischen Romanen. Einfach, weil es in der Vergangenheit auch queere Menschen gegeben hat. Und als Leser sollten wir alle auch mehr darauf achten, ob uns historische Romane so etwas vorenthalten, finde ich. Weil es so wichtig ist, für so viele Menschen aus verschiedenen Gründen. Wenn uns Diversity und gleiche Rechte für alle am Herzen liegen, dann sollten wir AutorInnen nicht damit durchkommen lassen, uns queere historische Persönlichkeiten einfach als hetero unterzuschummeln, als wäre das okay. Ich werde so etwas weiterhin in meinen Rezensionen anmerken, sollte ich doch mal aus Versehen so ein Buch erwischen. Es machen leider viel zu wenige Leute. Und vielleicht liegt das einfach daran, dass sie gar nicht wissen, dass zum Beispiel Alexander der Große queer war. Und da stehen wir wieder am Anfang des Problems, denn wie soll man das wissen, wenn es einen niemand - nicht in der Schule oder der Uni, nicht in Romanen - wissen lässt?


1) Unter anderem tut sie das hier auf Goodreads.

2) Ich benutze in diesem Artikel moderne Labels wie queer, bisexuell und heterosexuell um historische Persönlichkeiten zu beschreiben. Das mache ich nur der Einfachheit halber. Bitte behaltet im Kopf, dass es diese Konzepte erst seit einigen Jahrzehnten gibt, die besprochenen Personen sie nicht kannten und demnach selbst auch nicht so eingeordnet haben. Historische Gesellschaften hatten eigene Konzepte für Queerness, die sehr interessant sind, aber sie zu erklären würde an dieser Stelle echt zu lange dauern.

3) Ich habe überlegt, den Artikel zu schreiben, ohne Romantitel zu nennen, habe mich dann aber entschieden, die Titel drinzulassen. Nicht, weil ich die AutorInnen anprangern will, sondern, weil ein Artikel wie dieser ohne Beispiele einfach nicht funktioniert. Das hier ist kein Aufruf, die beiden genannten Bücher zu boykottieren! Lest sie, wenn sie euch interessieren. Aber seid euch dabei einfach bewusst, dass sie nicht die ganze Wahrheit erzählen. 

Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen interessanten, informativen und vor allem aufrüttelnden Artikel! Du sprichst mir da aus der Seele!

    AntwortenLöschen
  2. Hi

    toller Artikel!

    Ich kann dir da nur vollumfänglich recht geben. Das Genre "historischer Roman" krankt ja an vielen Ecken und du legst deinen Finger in eine der Wunden.

    Es stört mich auch, dass Queerness (ich hoffe ich schreibe das richtig) in historischen Romanen immer nur dann benutzt wird, um eine Figur vollkommen zu überzeichnen. Am meisten fällt mir das immer auf, wenn ich Bücher über Ludwig XIV lese und sein Bruder Philippe immer als eine Art Trümmer-Transe dargestellt wird, die scheinbar im Leben nix anderes gemacht hat, als Stallburschen und Chevalliers in Saint-Cloud zu beglücken.
    Alles andere wird meist ausgeblendet und sich nur darauf versteift, dass Monsieur (offen) homosexuell und sein Schloss ein "Pfuhl der Sünde war" Bla bla bla. Und das wiederum ist auch nur ein billiges Motiv um den Barock als frivol und lasterhaft darzustellen, damit der geneigte Leser mal aus seinem langweiligen Alltag ausbrechen kann.

    Mir hat z.b. "Das Lied des Achill" von Madeleine Miller sehr gut gefallen. Denn viele u.a. auch Hollywood lassen gern mal die Beziehung zwischen Achilles und Patroklos unter den Tisch fallen.

    Nehmen wir nur mal Wolfang Petersens Troja, selbst wenn wir den ganzen anderen Bullshit den er (warum auch immer) weggelassen und geändert hat, außen vor lassen, dann hat er aus Patroklos immer noch Achilles VETTER gemacht!
    Seinen verdammten VETTER! Das ist auf so vielen Ebenen einfach nur Blödsinn, dass ich mich da Stunden drüber auslassen könnte!

    Toll, jetzt werde ich mich wieder den ganzen Tag über diesen unsäglichen Film aufregen ... XD

    liebe Grüße
    Nadine

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das mit Philippe ist so ein guter Punkt, den ich hier auf dem Blog in meiner Rezension zu "Die Stunde der Lilie" auch schonmal ausführlich angesprochen habe, weil mich das auch so nervt. Was für ihn gilt, gilt auch echt allgemein: Entweder die Queerness wird gar nicht erwähnt, oder sie wird total überzeichnet oder sogar als etwas Negatives dargestellt, um dem Leser ein bisschen skandalöse Action zu bieten... Echt schade.

      "Das Lied des Achill" habe ich noch auf dem Reader, darauf freue ich mich schon sehr.

      Löschen
  3. Hallo :)
    ein sehr toller und aufrütteltern Beitrag. Und sehr informativ! Danke dafür!

    LG

    AntwortenLöschen