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"Die Magie der kleinen Dinge" von Jessie Burton

Die Magie der kleinen Dinge | Blanvalet, 2016 | 978-3-7341-0307-0 | 480 Seiten | Deutsch | Britische OA: The Miniaturist, 2014

Die junge Nella wird mit dem Amsterdamer Handelsmann Johannes Brandt verheiratet. Als sie sein herrschaftliches Haus an der Herengracht zum ersten Mal betritt, schlägt ihr kalte Abneigung von Seiten ihrer neuen Familie entgegen. Nur ihr Hochzeitsgeschenk spendet ihr Trost: ein Puppenhaus, das eine exakte Nachbildung ihres neuen Zuhauses ist. Doch bald werden Nella mysteriöse kleine Nachbildungen ihrer neuen Familienmitglieder geschickt – und Hinweise auf das, was diese verbergen. Nella beginnt zu ahnen, dass sich hinter der perfekten Fassade der Brandts tiefe Abgründe verbergen – sowie dunkle Geheimnisse, die sie alle in ihren Sog ziehen werden …

MEINE GEDANKEN

Was für ein unglaublich schwieriges Buch. Nicht schwer zu lesen, keine Angst. Aber schwer zu bewerten. Als ich die rund hundert ersten Seiten von "Die Magie der kleinen Dinge" gelesen hatte, war ich absolut begeistert. Mit Amsterdam im goldenen Zeitalter der Niederlande hat sich Jessie Burton ein wunderbares Setting ausgesucht und sie schildert diese Zeit, die von Wohlstand und Dekadenz, aber auch von dunkleren Seiten geprägt ist, mit so magischen Worten, dass ich bereits dachte, eine neue Lieblingsautorin gefunden zu haben. Tatsächlich ist um "Die Magie der kleinen Dinge" vor ein paar Jahren ein riesiger Hype entstanden, den es in der Histowelt wirklich nicht oft gibt. Mehrere große britische Verlage rissen sich um das Manuskript und die Geschichte war auch bald in mehrere Länder verkauft, unter anderem natürlich nach Deutschland. Eine TV-Adaption ist in der Planung und sollte eigentlich noch dieses Jahr ausgestrahlt werden. Und am Anfang war ich vollkommen überzeugt, dass dieser Hype verdient ist. Doch jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.

DIE MAGIE DER SCHÖNEN WORTE

Keine Frage: Burtons Setting ist lebendig und bunt, schwirrt regelrecht vor Leben. Obwohl die Niederlande im siebzehnten Jahrhundert so mächtig und wichtig waren, sind sie als Setting im historischen Roman doch eher selten, weshalb ich mich sehr gefreut habe, als ich "Die Magie der kleinen Dinge" entdeckt habe, denn für historische Romane mit ungewöhnlichem Setting bin ich immer zu haben. Und, ich kann es einfach nicht oft genug sagen, das Setting ist großartig umgesetzt in Jessie Burtons wunderschöner Sprache. Man kann die auf Sümpfen errichtete Stadt förmlich vor sich sehen, die Kanäle und die Stadtpaläste der Händlerfamilien, das Gold anfassen, die Gewürze riechen, die in alle Welt verkauft werden, den Zucker schmecken, der in diesem Roman eine große Rolle spielt. Doch es sieht nicht nur hübsch aus: Burton hat sich auch mit ihrer Recherche durchaus Mühe gegeben und den Zeitgeist gut eingefangen, die religiösen Spannungen, die im Kontrast zum beinahe schon ausschweifenden Reichtum stehen, aber auch den Vanitasgedanken der Epoche. Handwerklich macht "Die Magie der kleinen Dinge" absolut alles richtig. Es ist ein wahrer Genuss, diesen wunderschönen Stil zu lesen und die Beschreibungen Amsterdams in den 1680er Jahren. 

Und auch die Figuren habe ich lieb gewonnen. Die achtzehnjährige Heldin Nella, die unbedingt eine richtige Ehefrau sein will und nicht weiß wie, die eigensinnige Magd Cornelia und den nachdenklichen Diener Otto, aber ganz besonders die Brandtgeschwister, die beide auf ihre eigene Art und Weise von der Abenteuerlust getrieben sind: Die strenge Madame Marin und ihr Bruder, der Kaufmann Johannes, mit dem Nella verheiratet wurde. Ich hatte mit einigen Figuren zu Beginn meine Schwierigkeiten, auch mit Nella, doch es hat Spaß gemacht, ihnen dabei zuzusehen, wie sie sich entwickeln und wachsen, teilweise auch über sich hinaus, wie die anfängliche Abneigung zwischen den Brandts und Nella sich langsam zu Respekt und sogar Liebe wandelt, wie zwischen Nella und den anderen Figuren Freundschaften entstehen. Was mir sehr gefallen hat war, dass Nellas Schicksal als junges Mädchen mit einem deutlich älteren Mann verheiratet zu werden, nicht so einseitig und schwarzweiß dargestellt wird, wie sonst oft. Nella ist einsam und unglücklich, doch sie sucht sich ihre kleinen Freiheiten wo sie kann, und Johannes mag Nella, das merkt man, und er versucht, sie glücklich zu machen.

Auch hat mir gefallen, wie eindringlich der Roman auf historische Missstände, die sich zum Teil bis in unsere Zeit durch die Geschichte ziehen, eingeht. Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und die Diskriminierung von nichtweißen und queeren Personen spielen eine große Rolle in "Die Magie der kleinen Dinge" und Jessie Burton macht das sehr authentisch. Es gelingt ihr, einen Blick darauf zu werfen, was diese diskriminierenden Denkweisen mit Menschen machen - mit Betroffenen und ihren Angehörigen - und das sehr nuanciert und ohne historische Gräuel unter den Teppich zu kehren. Hier fand ich besonders die Diskriminierung von Otto, der schwarz ist, interessant und gut geschildert. Leider hängt mein größter Kritikpunkt an "Die Magie der kleinen Dinge" jedoch auch damit zusammen... Es hätte also wirklich alles so schön sein können. Aber die Betonung liegt leider auf dem Wörtchen hätte und das Aber, das ich hier anbringen muss, ist groß. Und mal ganz unter uns: Ich mag es selbst nicht, immer diese Rezensentin zu sein, die solche Sachen ankreidet, aber ich kann auch nicht einfach so tun, als hätten sie mich überhaupt nicht gestört. Und so schön "Die Magie der kleinen Dinge" ist, so gern ich den Roman gelesen habe, er krankt an denselben Punkten, an denen viele Histos kranken und ich kann's nicht mehr sehen.

ACHTUNG, DISKURS! JETZT AUCH MIT LEICHTEN SPOILERN

Mir gefällt die Darstellung von Queerness in "Die Magie der kleinen Dinge" nicht. Sie ist nicht furchtbar und sie ist auch nicht total unakzeptabel, aber sie ist halt doch sehr eeeeeeh, denn obwohl Jessie Burton ganz deutlich versucht, ihre queeren Figuren als facettenreiche Menschen darzustellen und nicht als bloße Klischees, blieb bei mir am Ende doch ein bitterer Nachgeschmack zurück, denn irgendwie wurde Queerness doch wieder sehr reduziert dargestellt und absolut führt auch in diesem Roman Queerness alle Figuren am Ende ins Verderben. Man könnte jetzt argumentieren, dass es nicht die Queerness der Figuren ist, die hier für den tiefen Fall sorgt, sondern die homophobe Gesellschaft Amsterdams in den 1680er Jahren und das ist absolut ein gutes Argument. Ich glaube auch, dass Jessie Burton in diese Richtung wollte - aber es gelingt ihr nicht richtig. Denn ihre beiden queeren Männer sind dann irgendwo doch Klischees. Der eine kann nicht treu sein, ist unvorsichtig und stürzt mit seiner Libido alle ins Verderben. Der andere ist sowieso ein hinterhältiger Psycho, der für Geld alles machen würde. Von queerer Zuneigung, Liebe und Vertrauen weiß auch "Die Magie der kleinen Dinge" nichts zu erzählen und das finde ich sehr schade und auch irgendwie traurig. Wären diese beiden Männer ein liebendes Paar gewesen, hätte Burton wirklich aufzeigen können, was historische Diskriminierung bedeutet. Sie hat sich hier eine so großartige Vorlage geschaffen, zu zeigen, wie homophobe Gesellschaften Leben zerstören können. Stattdessen präsentiert sie uns wieder den älteren Mann, der die Finger nicht von seinem hübschen, jungen aber hinterhältigen Gespielen lassen kann und ich hab's satt. Heterofiguren finden die große Liebe, queeren Figuren geht es nur um Sex und Geld. Wann verschwindet dieses Klischee endlich mal von der Bildfläche?

Nicht falsch verstehen: Ich finde es gut, dass Jessie Burton versucht hat, moderne Homophobie über das Medium historischer Roman anzuprangern und das auch noch historisch authentisch. Das gefällt mir, wirklich. Davon will ich mehr lesen. Aber, wie gesagt, großes ABER: Wenn sie dann trotzdem Klischees wie alten Teesatz aufgießt, wenn sie uns queere Männer präsentiert, die am Ende ja doch irgendwie selbst Schuld sind, weil nicht aufgepasst und nicht treu gewesen und zu gierig gewesen, dann geht das halt nach hinten los. Und ja, ich bin bei sowas empfindlich. Ich gebe gern zu, dass ich mir manchmal Gedanken mache, ob ich überreagiere, weil kaum jemand anderes diese Probleme im historischen Roman anspricht. Aber, noch ein großes ABER, wo ich mir absolut sicher bin, ist, dass wir aufhören sollten, unsere historischen queeren Figuren alle aufgrund ihrer Queerness in die größten Katastrophen zu stürzen  - am besten noch so, dass alle anderen Figuren gleich mitgerissen werden, damit Queerness einmal mehr am Untergang ganzer Dynastien schuld ist. Ja, ich bin dafür, historisch authentisch Homophobie und Diskriminierung im historischen Roman aufzuarbeiten. Aber ich glaube auch, dass das möglich ist, ohne Queerness als etwas Wildes und Verwegenes darzustellen, das am Ende alle unglücklich macht. Ich glaube, dass man solche Missstände zeigen kann und seinen queeren Figuren trotzdem auch mal ein Happy End gönnen kann. Oder zumindest ein Bittersweet End. Oder zumindest aufzeigen kann, dass queere Menschen auch lieben und nicht nur hinter schnellem Sex und Geld her sind. Danke.

MAGISCH-REALISTISCHES MELODRAMA

Leider verliert sich der Roman im letzten der drei Teile, aus denen er besteht, komplett im Melodrama. Am Anfang ist "Die Magie der kleinen Dinge" ein spannendes Familiendrama mit düsteren Untertönen: Nellas neues Leben als Kaufmannsfrau, ihre Konflikte mit Johannes und Marin, das fand ich interessant. Am Interessantesten fand ich allerdings das Puppenhaus. Nella bekommt von Johannes zur Hochzeit eine Miniaturversion ihres Hauses geschenkt, das sie mit kleinen Möbeln, Figuren und anderen Dingen füllen soll. Dafür kontaktiert sie einen mysteriösen Miniaturisten, der ihr bald ungefragt exakte Minikopien von Gegenständen aus ihrem Haus schickt, obwohl er gar nicht wissen kann, wie es bei Nella zuhause aussieht. Nella will natürlich herausfinden, wie das sein kann und wer dahinter steckt - ich habe gespannt Seite um Seite verschlungen, wollte unbedingt wissen, was es damit auf sich hatte... aber was soll ich sagen. Es ist denke ich kein Spoiler, etwas zu verraten, das nicht passiert, denn es gibt einfach keine Auflösung. Die Geschichte verschwimmt immer weiter und wandelt sich vom düster-magischen Abenteuer zu einem kitschigen Melodrama, was mich vor allem gestört hat, weil einige Fragen, die hier aufgeworfen werden, gar nicht beantwortet werden und die Figuren teilweise Dinge tun, die wirklich keinen Sinn ergeben.

Ich hatte einfach zum Ende hin das Gefühl, Jessie Burton hätte viel Arbeit und Liebe in den ersten Teil des Romans und in ihre Idee gesteckt, aber am Ende nicht so wirklich gewusst, wie sie diese zu einem überzeugenden Abschluss führen kann. Der Roman ist nämlich inspiriert vom Puppenhaus der echten Petronella Ortman, die tatsächlich mit einem Kaufmann namens Johannes Brandt verheiratet war. Das Puppenhaus ist heute im Rijksmuseum in Amsterdam untergebracht. Ich liebe die Idee, aus einem bloßen Ausstellungsstück im Museum einen ganzen Roman zu spinnen, aber ich finde es einfach schade, dass Burton ihre eigentliche Geschichte - das Puppenhaus, den rätselhaften Miniaturisten und Nellas Suche nach Antworten - komplett aus den Augen verloren hat, um stattdessen ein kitschiges Familiendrama zu schreiben, das man so oder so ähnlich auch einfach schon kennt. Es ist ein bisschen das alte Problem, das ich mit dieser Art Geschichte oft habe: Solang ich nicht weiß, was vor sich geht, ist alles mysteriös und spannend, doch wenn dann zu einfache, zu generische Antworten kommen, bin ich halt enttäuscht.

Am Ende bleibe ich einfach sehr zwiegespalten zurück. Ich schreibe an dieser Rezension jetzt seit knapp einer Woche, weil es mir so unglaublich schwer fällt in Worte zu fassen, was ich von "Die Magie der kleinen Dinge" denke. Der Roman ist wunderschön erzählt, entführt ins Amsterdam des späten siebzehnten Jahrhunderts und lässt so gekonnt dunkle, dekadente Bilder im Kopf entstehen, wie ich es bei historischen Romanen erst selten erlebt habe. Jessie Burton hat großartig recherchiert  und umschifft historische Klischees wunderbar. Die Figuren sind interessant und man gewinnt sie lieb genug, um unbedingt wissen zu wollen, was aus ihnen wird. Aber nach ungefähr der Hälfte verliert der Roman seine eigentliche Handlung ziemlich aus den Augen und verwandelt sich in ein kitschiges Melodrama, das nicht einmal Antworten auf die Fragen liefert, die einen wirklich interessieren. Dazu kommen - einmal wieder - alte Klischees zu Queerness in der Vergangenheit, die erstens langweilig sind und zweitens überholt. Es tut mir schon irgendwie weh, diesem sprachgewaltigen, wunderbar erzählten Roman mit dem unglaublich atmosphärischen Setting nur eingeschränkt empfehlen zu können, aber da war einfach zu viel, das ich nicht gut genug gemacht fand und ja, das finde ich selbst total schade. "Die Magie der kleinen Dinge" ist unbedingt lesenswert. Es beinhaltet aber auch Muster und Klischees, die weh tun können und das sollte man wissen, bevor man sich an diesen Roman macht. Von mir gibt es daher 3.5 Punkte.

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