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"Jackaby" von William Ritter

Jackaby | Jackaby #1 | cbt, 2016 | 978-3-570-31088-5 | 320 Seiten | deutsch | Amerikanische OA: Jackaby, 2014

New Fiddleham 1892: Neu in der Stadt und auf der Suche nach einem Job trifft die junge Abigail Rook auf R. F. Jackaby, einen Detektiv für Ungeklärtes mit einem scharfen Auge für das Ungewöhnliche, einschließlich der Fähigkeit, übernatürliche Wesen zu sehen. Abigails Talent, gewöhnliche, aber dafür wichtige Details aufzuspüren, macht sie zur perfekten Assistentin für Jackaby. Bereits an ihrem ersten Arbeitstag steckt Abigail mitten in einem schweren Fall: ein Serienkiller ist unterwegs. Die Polizei glaubt, es mit einem gewöhnlichen Verbrecher zu tun zu haben, aber Jackaby ist überzeugt, dass es sich um kein menschliches Wesen handelt ...

MEINE GEDANKEN

Versuch macht kluch. Aber von mir gibt's ein Nein. Und dabei ist das Konzept der mittlerweile vierteiligen "Jackaby"-Reihe so vielversprechend: Eine junge Abenteurerin, ein verschrobener Privatdetektiv, finstere Machenschaften und übernatürliche Wesen. Und das alles im fin de siècle. Wer mich kennt, weiß, dass ich Büchern, die in den 1890er Jahren spielen immer eine Chance gebe, solang es sich nicht um Erotik oder Extremthriller handelt. Die 1890er sind mein Lieblingsjahrzehnt (ja, Historiker haben sowas) und im historischen Roman sind sie im Gegensatz zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und Dem Mittelalter stark unterrepräsentiert. Als ich also über "Jackaby" gestolpert bin, dachte ich einen Volltreffer gelandet zu haben, denn dem Klappentext nach hat der Roman alles, was ich mag. Das stimmt auch ein bisschen. Aber irgendwie hat er am Ende von allem, was ich mag einfach nicht genug. Ein Disclaimer für alle, die hier neu sind: Bei historischen Romanen ist mir wichtig, dass zumindest ein bisschen auch die Atmosphäre einer Epoche im Roman steckt. Denn wieso einen historischen Roman schreiben, wenn einem der historische Hintergrund eigentlich egal ist? Das wäre es ja noch, wenn jemand einfach so gut wie gar nicht recherchieren würde, um dann das historische Setting nur als vagen Hintergrund zu nutzen, damit das Buch etwas besonderes ist und... oh, wartet... 

MISS ROOK: ARCHÄOLOGISCH BEWANDERTE PSEUDOFEMINISTIN

Ich meine, ich weiß nicht, wie viel Recherche William Ritter in "Jackaby" gesteckt hat. Ich weiß es einfach nicht und ich will ihm deshalb auch nicht unterstellen, sich keine Mühe gegeben zu haben. Aber als historischer Roman taugt "Jackaby" nicht viel. Die Prämisse allein hat mir einige graue Haare beschert: Ich-Erzählerin Abigail ist die Tochter eines Archäologen und stammt aus gutem Hause, darf ihren Vater aber nicht wie gewünscht auf eine Grabung begleiten, weil das ja nichts für Frauen ist. Stattdessen verspricht ihr Vater ihr, ihr ein Studium zu ermöglichen. Klingt eigentlich toll, finde ich. Abigail findet das überhaupt nicht und stampft gewaltig mit dem Fuß auf: Aus Trotz darüber, dass sie erstmal studieren soll, bevor sie Archäologin wird, klaut sie ihren Eltern ihr Studiengeld und haut ab. Ja. Also, ich mochte Abigail nicht. Sie war selbstsüchtig und ichbezogen. Das muss man sich mal geben: Sie bekommt eine Chance, für die viele Frauen in den 1890ern getötet hätten. Sie bekommt ein Studium finanziert, ein riesiges Privileg, das damals nur einer Handvoll Frauen zugänglich war. Aber das ist nicht gut genug für Abigail. Sie will jetzt Archäologin sein. Sie tut, als wären ihre Eltern die absoluten Monster, weil sie ihr verbieten ihren Vater auf eine Grabung zu begleiten, dabei ist sie ein reiches Mädchen, dessen Eltern ihr Interesse an Archäologie sogar unterstützen, was damals absolut nicht alltäglich war. Aber klar, Abigails Familie sind schlimme Ungeheuer, weil sie nicht jetzt sofort am besten gestern mit Papa mitdurfte.

Es geht dann wild weiter: Irgendwie gelingt es Abigail ein Schiff zu nehmen und England zu verlassen, ohne, dass jemand sie aufhält und dann geht es ab in die Karpaten, wo sie als Archäologin arbeiten darf und alle ihre Träume sind für ein paar Monate lebendig. Dann hat sie aber kein Geld mehr und anstatt nach Hause zu fahren, wo ja schließlich nicht eine ungeliebte Heirat oder das Kloster warten, sondern die Aussicht ihre Leidenschaft studieren zu können, kauft sie von ihrem letzten Geld ein Ticket nach Amerika. Und, ich muss das jetzt mal ganz deutlich sagen, das ist sowas von unrealistisch. Das ist so weit hergeholt, dass ich kurz glaubte, "Jackaby" könnte in einem alternativen historischen Setting spielen, aber nein. Das hier soll ein richtiger übernatürlicher historischer Roman sein und das ist schon beinahe... süß. Abigails gesamte Hintergrundgeschichte ist absolut unglaubwürdig und ich habe schon nach den ersten zehn Seiten von "Jackaby" so sehr mit dem Kopf geschüttelt, das mir beinahe die Kontaktlinsen rausgefallen sind. Abigail soll wohl etwas besonderes sein, eine starke Mädchenfigur, die ihr Ding durchzieht, aber auf mich wirkte sie durchwegs wie ein verwöhntes, reiches Mädchen, das ausrastet, weil sie nicht sofort ihren Willen bekommen hat und das ist kein guter Look für die Heldin eines historischen Romans.

Es stecke dann auch sehr viel Pseudofeminismus in diesem Roman. Abigail, die die Welt bereist hat und nichts auf typisch weibliche Interessen gibt, ist ganz toll, alle anderen Frauen sind blöd, besonders Frauen, die sich im viktorianischen Idealbild wohlfühlen, weil die haben ja nur noch nicht geschnallt, wie sehr sie unterdrückt werden. Es wird übrigens kein einziges Mal erwähnt, dass Abigail ihren tollen Ausbruch aus dem Idealbild nur durchziehen konnte, weil ihre Eltern stinkreich sind und sie ihnen das Geld geklaut hat. Nein, Abigail ist toll und ist jetzt frei, weil sie so eine Kämpferin ist und, dass die meisten viktorianischen Frauen mittellos waren und es sich allein deshalb nicht erlauben konnten, auszubrechen wird mal eben pfeifend unter den Teppich gekehrt. Feminismus in diesem Roman bedeutet, sich ein Paar Hosen anzuziehen und mit geklautem Geld in die Karpaten abzuhauen und das ist weder moderner Feminismus, noch ist es früher viktorianischer Feminismus. Übrigens, mit Zeitgeist und nuanciert dargestelltem viktorianischen Gedankengut hat "Jackaby" es sowieso nicht. Abigail denkt wie eine moderne junge Frau, was ihre Ich-Perspektive noch ein bisschen irritierender macht. 

GESTATTEN, DR. ANTHONY SHERLOCK!

Generell ist das historische Setting bloß eine Zahl, die im Klappentext steht. Falls William Ritter hier irgendwas recherchiert hat, haben die Informationen es einfach nicht in den Roman geschafft. Und klar könnte man sagen, die Geschichte ist wichtiger als der historische Hintergrund und so, aber für mich stimmt das halt nicht wirklich. Es muss beides passen: Geschichte und... die andere Geschichte. Ich lese Histos doch für das historische Setting, Leute. Einen Roman über zwei Jugendliche, die einen übernatürlichen Kriminalfall lösen, kriege ich an jeder Ecke angedreht, aber das historische Setting hat "Jackaby" für mich interessant gemacht und es ist einfach komplett vage. Und wo es nicht vage ist, ist es zweifelhaft, wie bei Abigails Hintergrundgeschichte, aber auch in den Beschreibungen der Polizeiarbeit und der neuenglischen Gesellschaft im Jahr 1892. Es ist halt so gut wie gar nicht da, als hätte sich der Autor gedacht: "Wenn ich das schwammig lasse, merkt keiner, dass ich nicht genug darüber weiß" und das reicht mir nicht. Und es ist so, so schade, denn in "Jackaby" steckt das Potential für einen großartigen übernatürlichen viktorianischen Krimi. Genutzt wurde es vielleicht zu 10%, der Rest ist schwammig und unausgegoren. 

Es klingt jetzt so, als hätte ich gar nichts gemocht, aber das stimmt so auch nicht. Ich mochte Jackaby, den Titelhelden, Abigails neuen Arbeitgeber, der darauf besteht, kein Okkultist zu sein, sondern bloß Detektiv, in einem wunderbar skurrilen Haus voller übernatürlichem Krimskrams wohnt und für alles eine passende Weisheit auf den Lippen hat. Aber so liebenswert ich Jackaby fand, so sehr hat er mich auch an einige andere ähnliche Figuren erinnert. Doctor Who, Sherlock, Dirk Gently und auch Anthony Lockwood aus Jonathan Strouds "Lockwood & Co."-Reihe. Ja, der verschrobene Detektiv ist ein Trope, das sich im Moment auch großer Beliebtheit erfreut, aber im Gegensatz zu den anderen Figuren hatte Jackaby leider kein Alleinstellungsmerkmal. Er wirkte nicht wie eine eigene Person, sondern wie aus Merkmalen beliebter Serien- und Buchhelden zusammengesetzt. Doctor Whos bunter Kleidungsstil und seine merkwürdige Art zu denken, Sherlocks Pessimismus, Lockwoods leicht dilettantisches Auftreten... Alles einmal gut umgerührt und fertig ist R.F. Jackaby. Also ja, ich mochte ihn. Er hat "Jackaby" für mich gerettet. Aber ich mochte ihn nicht für sich selbst, sondern weil ich Figuren nach diesem Schema mag und er mich an andere Detektive, die ich toll finde, erinnert hat.

Das alles ergibt leider kein spaßiges Leseerlebnis, aber ich hätte "Jackaby" gern an Leser, die mit historischen Ungenauigkeiten klarkommen weiterempfohlen, wenn die eigentliche Geschichte für mich funktioniert hätte. Das hat sie aber nicht. "Jackaby" fehlt der rote Faden komplett und ich könnte nicht genau sagen, wovon der Roman überhaupt handeln soll. Abigail kommt in New Fiddleham an, beginnt für Jackaby zu arbeiten, ein Mord geschieht, Jackaby bemerkt, dass das kein gewöhnlicher Mord ist und dann läuft der Roman komplett ins Leere. Die Ermittlungen bestehen großteils daraus, dass Abigail hierhin und dorthin geht, sich mit dutzenden Figuren unterhält, mehrmals gerettet werden muss und hin und her überlegt, aber ich habe vergeblich darauf gewartet, dass mir mal ein zentraler Konflikt geliefert wird. Ich bin mir nicht ganz sicher, was genau der Roman jetzt erreichen wollte, was er sein wollte, worauf genau die Reihe aufbaut und wo sie hinführen soll. Wie es aussieht, wird jeder Band einen eigenen Fall beinhalten ohne, dass es im Plot viele Verbindungspunkte zwischen den Büchern gibt und das ist nicht wirklich mein Ding aber natürlich auch mein Problem und nicht das von "Jackaby". 

Alles in allem war "Jackaby" für mich eher enttäuschend. Ich mochte Jackaby selbst sehr, ich mochte sein skurriles Haus und die magischen Wesen, die er sehen kann, ich mochte den Schreibstil, aber leider war es das auch schon. Abigail, die Ich-Erzählerin, mochte ich nicht, weil sie mir kindisch und ichbezogen vorkam, ihr Pseudofeminismus und das historische Setting, das immer zwischen zu vage und unglaubwürdig pendelte, haben mir den Roman verdorben. Dazu kam, dass der Plot selbst sehr flach war, der rote Faden fehlte und die Geschichte selbst auch einfach zu spät in Fahrt kam, um mich zu fesseln. Die Sache ist, wer Dr. Who, Sherlock oder Jonathan Strouds "Lockwood" mag und nicht zu viel Wert auf ein authentisches historisches Setting legt, dem wird "Jackaby" wohl gefallen. Aber am Ende bringt "Jackaby" nicht genug eigenes mit, das ich den Roman empfehlen wollte. Wer gern Romane über verschrobene junge Männer liest, die gemeinsam mit ihrer weiblichen Assistentin übernatürliche Fälle lösen, der ist bei Jonathan Stroud einfach besser aufgehoben. Das historische Setting hätte "Jackaby" besonders machen können, aber dafür ist es einfach nicht gut genug gemacht. Schade.


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