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"Storm Sisters: Die versunkene Welt" von Mintie Das

Die versunkene Welt | Storm Sisters #1 | BeBeyond, 2016 | 978-3-7325-1695-7 | 357 Seiten | deutsch | Finnische OA: Storm Sisters: Kuohuva maailma, 2016

Ende des 18. Jahrhunderts auf den Weltmeeren: Seit ihre Eltern und mit ihnen die gesamte Geheimorganisation "Sturm" bei einem Angriff getötet wurden, sind Charlie, Sadie, Liu, Raquel und Ingela auf sich allein gestellt. Getarnt als gefährliche Piratinnen machen die Mädchen sich auf die Suche nach den Mördern ihrer Eltern. Doch auf den Weltmeeren treiben sich jede Menge böser Schurken herum, die ihre Verfolgung aufnehmen. Am meisten in Acht nehmen müssen sie sich jedoch vor einem Feind, dessen Existenz sie noch nicht einmal ahnen ...

MEINE GEDANKEN

Ich kann an Piratenromanen nicht vorbei, egal wie abstrus der Klappentext auch klingen mag. Und dieser hier klingt wirklich abstrus, das muss man einfach sagen. Aber Piratengeschichten sind selten geworden, ganz besonders welche mit weiblichen Hauptfiguren und als mich dieses wirklich wunderschöne Cover auf Skoobe anlächelte, habe ich mir das Buch kurzerhand ausgeliehen. Und es ist ja so, dass Piratengeschichten nicht nur swashbuckling sein dürfen, sondern irgendwie sogar müssen, das gehört einfach dazu. Aber ja. "Storm Sisters". Hm. Ein zweites "Piraten!" von Celia Rees habe ich von vorn herein nicht erwartet, aber dieses Buch schießt, was historische Pseudofakten angeht, absolut den Vogel ab. Ich weiß, dass ich bei sowas oft kritischer bin, als andere Leser, aber "Storm Sisters" ist da schon was ganz Besonderes. Gleich auf den ersten Seiten lernen wir nämlich Raquel kennen, die nach der hübschen Karte vorn im Buch zu urteilen aus Madrid stammt und Sachen ins Logbuch schreibt wie "Hoppla, sonst kriegt Charlie einen Anfall", "Meine Locken drehen bei der Feuchtigkeit völlig durch" und "Bussi". Sie macht dann auch ein kleines Herz hinter ihren Namen, als sie unterschreibt. Ende des 18. Jahrhunderts. Als mein Auge endlich aufhörte zu zucken, habe ich mir gesagt, dass ich jetzt wenigstens weiß, was auf mich zukommt, und weitergelesen.

DIE ALLERERSTEN WEIBLICHEN PIRATINNEN & ANDERER UNSINN

Machen wir es kurz: "Storm Sisters" liest sich wie die ersten Gehversuche eines Teenagers im Genre, der die "Fluch der Karibik"-Filme gesehen hat und auch sowas schreiben wollte. Und das kann ich selbstbewusst sagen, denn als "Fluch der Karibik" rauskam, war ich elf Jahre alt und habe mich begeistert in meine eigene Piratengeschichte gestürzt, die ungefähr so gut recherchiert war wie "Storm Sisters", nämlich gar nicht. Ja, das war jetzt fies, aber leider macht dieser Roman genau diesen Eindruck. Jetzt mal im Ernst: Wie immer muss ich natürlich darauf hinweisen, dass ich nicht weiß, wie viel Recherche Mintie Das wirklich gemacht hat. Ich habe ihr beim Schreiben nicht über die Schulter gesehen und ich weiß nicht, wie viel Arbeit sie in das Buch gesteckt hat. Ich kann nur beurteilen, wie der Roman auf mich wirkt und das ist eben einfach kein sehr positiver Eindruck. Und ja, als Histoleserin fühle ich mich einfach nicht besonders ernst genommen, wenn eine Autorin ihre jugendlichen Heldinnen in den späten 1780er Jahren nicht nur modern denken lässt, sondern auch noch sprechen. Da rollen sich mir echt die Nägel hoch. Von absolut vermeidbaren Ausrutschern, für die man nicht mal ein schlaues Buch lesen müsste, weil man sie schnell googeln kann, mal ganz zu Schweigen. Hier eine kleine Sammlung meiner persönlichen Highlights, weil "Storm Sisters" da einfach eine Glanzleistung ist:

Zu erst einmal heißt die Chinesin unter den fünf Mädchen Liu: Das ist ein chinesischer Nachname und kein weiblicher Vorname und ungefähr genauso zweifelhaft, wie eine Norwegerin im achtzehnten Jahrhundert als Wikingerin zu bezeichnen, was "Storm Sisters" auch macht. Dann will Sadie in einem Brief erkennen, dass es sich um amerikanisches Englisch handelt und nicht um Britisches - Ende des achtzehnten Jahrhunderts, als es diesen Unterschied in dieser Form schlicht und ergreifend noch nicht gab, was sogar Wikipedia weiß (Ja, ich hab das schnell nachgeguckt, weil es mich hat stutzen lassen, und wenn ich das schnell googeln kann, kann Mintie Das das doch wohl auch?). Was die beschriebene Mode angeht, hätte ich generell einfach gern viel geweint, weshalb ich darauf jetzt nicht genauer eingehen werde, aber der absolute Volltreffer ist die Behauptung, dass die fünf Mädchen die allerersten Piratinnen überhaupt sind, weil es schlicht und ergreifend keine weiblichen Piraten gibt. Ich gehe mal davon aus, Anne Bonny, Mary Read, Ching Shi, Flora Burn, Rachel Wall und all die als Männer verkleideten Piratinnen, die sich nicht erkenntlich gegeben haben, rotieren gerade im Grab. Generell ist hier so viel Pseudogirlpower im Spiel. An einer Stelle tischt die Autorin auf, dass Frauen nur als Besitz und Gegenstände angesehen werden, während Männer ja sogar morden könnten, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden, was nicht nur viel zu schwarzweiß gedacht ist, sondern auch schlicht und ergreifend nicht wahr. Dass Männer echt alles dürfen, hat den im achtzehnten Jahrhundert für kleinere Verbrechen wie Diebstahl gehängten Männern wohl einfach keiner rechtzeitig gesagt.

Was Mintie Das leider tut, ist haufenweise Fachbegriffe zu Kleidung und Essen, so wie die Längen von Messern und andere stumpf irgendwo gelesene Fachwörter in den Text hämmern, die einen null interessieren. Was ihr aber leider nicht gelungen ist, ist die Gesellschaftsbilder der Epoche und der Kulturen, über die sie schreibt, verständlich darzustellen und zu beschreiben. Mich interessiert nicht wirklich, wie viele Zentimeter Raquels Dolch lang ist oder welche fünf chinesischen Gerichte Charlie gern essen würde, als sie über den Markt geht. Was mich interessiert hätte, wären Details zum Leben auf See gewesen oder eine genauere Auseinandersetzung mit englischen, amerikanischen und chinesischen Frauenbildern der Zeit, aber Pustekuchen. Der ganze Roman liest sich, als hätte Mintie Das halt ein paar Fakten gegoogelt und als lange Infodumpblöcke in den Text gebaut, aber sich nicht die Zeit genommen, die wirklich wichtigen Dinge nachzulesen. Lius gesamte Vorgeschichte zum Beispiel, in der sie daheim in Shanghai gehasste Teezeremonien durchführen muss und Schande über ihre Familie bringt, weil sie sich zu männlich gibt, liest sich, als hätte da jemand einmal zu viel Disneys Mulan geschaut, aber Hauptsache jeder Schritt der Teezeremonie wird dabei im Detail beschrieben.

In ein paar Interviews (x) hat Mintie Das sich selbst als Geschichtsfan bezeichnet und über ihre Recherche zum Frauenbild des achtzehnten Jahrhunderts gesprochen und ehrlich gesagt kann ich hier einmal mehr nicht nachvollziehen, wie dieses Buch dabei herauskommen konnte, wenn doch die Autorin angeblich Geschichte liebt. Ich will ihr das gar nicht streitig machen, aber ich muss einfach sagen, dass jeder Leser, der sich hier einen vernünftigen historischen Piratenroman erwartet, enttäuscht werden wird. Was man bekommt, ist historisches Schwarzweißdenken auf höchstem Niveau, fünf jugendliche Piratinnen, die sich durchgehend ausdrücken und benehmen wie moderne amerikanische High-School-Mädchen, wilde Vermischung von Versatzstücken aus dem gesamten Piratenzeitalter (der Roman spielt in den 1780ern, aber vieles ergibt nur Sinn, wenn man sich vorstellt, er würde rund hundert Jahre zuvor spielen) und ständige historische Patzer, die mit einer einfachen Googlerecherche schon hätten vermieden werden können. Das ist einfach sehr schade, weil in "Storm Sisters" eine Menge Potential für eine aufregende Abenteuergeschichte steckt. Was fehlt ist aber ganz klar das Verständnis für die Epoche, in der dieser Roman spielt und damit steht und fällt so ein Roman halt.

VIEL GEWOLLT, VIEL VERSPIELT

Plottechnisch fand ich "Storm Sisters" nämlich durchaus interessant. Die fünf Mädchen, Charlie, Raquel, Sadie, Liu und Ingela, sind die einzigen Überlebenden der Geheimorganisation "Sturm", deren Aufgabe es ist, die Weltmeere zu beschützen. Ein unbekannter Widersacher hat nun aber alle Mitglieder von "Sturm" töten lassen und nur die fünf Mädchen sind übrig geblieben. Jetzt suchen sie als Piratinnen getarnt nach Antworten. An sich spannend, wirklich, aber in der Praxis leider vollkommen unausgegoren. Hier ergibt sehr vieles keinen Sinn, besonders vor dem historischen Hintergrund. Zum einen leiht Lius Vater den Mädchen aus nicht näher erläuterten Gründen eines seiner Schiffe, damit sie in der Weltgeschichte rumsegeln und Piraten spielen können und ich musste mich einfach fragen, in welchem Universum es Sinn ergibt, dass dieser strenge chinesische Vater, der seine Tochter zur gehorsamen Ehefrau erziehen will, ihr ein Schiff überlässt, damit sie auf Beutefahrt gehen kann. Diese Vorkommnisse häufen sich. Figuren handeln völlig widersprüchlich und alles wirkt sehr konstruiert und schlecht durchdacht. Die Mädchen jagen vom Himmel gefallenen Hinweisen hinterher und begegnen dabei einem Widersacher nach dem nächsten, manchmal überschlagen sich die Ereignisse, dann gibt es trockene Längen.

Generell scheint sich "Storm Sisters" nicht so wirklich sicher zu sein, wen es denn nun ansprechen will. Der Verlag vermarktet den Roman als Jugendbuch ab vierzehn Jahren und es gibt auch einige harte Inhalte, wie sexuelle Gewalt und Sklaverei. Ich fand gelungen, dass Mintie Das diese Realitäten des achtzehnten Jahrhunderts angesprochen hat, aber dann wiederum liest "Storm Sisters" sich stilistisch und auch von der Handlung her eher wie ein Kinderroman. Die fünf Mädchen, von denen alle bis auf Ingela mindestens fünfzehn sind, sind sehr kindlich gehalten, was sich besonders mit ihrem Piratendasein beißt, und ihnen fällt auch viel in den Schoss, wie es 1780 im Leben nicht wirklich passiert wäre, wie zum Beispiel das geliehene Schiff, mit dem sie in See stechen, oder ganz zu Anfang der bemerkenswert einfache Einbruch in einen Palast in Shanghai, der völlig ohne Konsequenzen bleibt. Dazu kommt, dass es mir oft so vorkam, als würden sich die Mädchen, die sich ja angeblich schon ewig kennen, gar nicht wirklich verstehen und nicht viel übereinander wissen. Sie streiten viel und wirken oft sehr distanziert, nicht nur untereinander, sondern auch dem Leser gegenüber, und viel erfährt man nicht über die einzelnen Hauptfiguren, was besonders schade ist, wenn man bedenkt, dass sie diese eingeschworene Schwesternschaft sein sollen, wovon man einfach nicht viel merkt.

Am Ende frage ich mich einfach, was "Storm Sisters" überhaupt will. Der Prolog klingt danach, als wollte Mintie Das eine Geschichte über starke Mädchen schreiben, die nur auf See, wo Geschlecht, Hautfarbe und sozialer Hintergrund keine Rolle spielen, wirklich frei sein können, aber das verwäscht sich komplett zwischen den abstrusen Plotsträngen zur Geheimorganisation "Sturm" und dem völlig übertrieben dargestelltem Frauenbild der Epoche. "Storm Sisters" bietet einige interessante Ideen, scheitert aber an Unzulänglichkeiten, die leicht zu vermeiden gewesen wären, wie dem schwammigen und oft einfach mit falschen Fakten gespicktem historischen Hintergrund, den vage charakterisierten Figuren und der Handlung, die mal in diese und dann in jene Richtung zieht und dabei ihren Sinn verliert. Ganz ehrlich muss ich sagen, dass mir "Storm Sisters" am Ende irgendwie nichtssagend vorkommt. Der Roman hat mir einfach nichts gegeben. Hier steckt nicht viel Neues oder Aufregendes drin. Der Roman will dem Piratengenre zeigen, wie starke weibliche Frauenfiguren gehen, bleibt dabei aber weit hinter anderen Geschichten zurück, die das längst getan haben, nicht zuletzt hinter "Fluch der Karibik". "Fluch der Karibik" ist eins der beliebtesten und bekanntesten Franchises überhaupt und hat uns mit Elizabeth Swann vor bald fühnfzehn Jahren längst eine wirklich starke junge Frau in der Piratenwelt des achtzehnten Jahrhunderts präsentiert... Und das um Längen überzeugender, als dieser Roman.


Fazit: Mintie Das hat eindeutig viel gewollt, doch leider reicht es beim ersten Teil der "Storm Sisters" weder was das Historische angeht, noch von Geschichte, Figuren und Schreibstil her für mehr als eine Tasse. Ich lege einen halben Punkt oben drauf, weil ich gut finde, dass Mintie Das ihren Piratenroman divers gestaltet hat. Besser gefunden hätte ich es allerdings, wenn sie dies mit mehr historischen Details ausgeschmückt hätte.

Kommentare

  1. Morgen

    wieder eine sehr tolle Rezension von dir.
    Das mit der zu modernen Sprache erinnert mich an dieses "Fortunas Rache" Buch, das ich letztens gelesen habe und das ja im "antiken Trier" spielen soll. Aber die Protagonistin andauernd Dinge sagt, wie "Büro" "Picknick" "Revue passieren lassen" oder solche Sätze raushaut wie "Sag mal geht´s noch?" (gedanklich hab ich da ein ALTER hintendran gesetzt)

    Ich frage mich bei sowas immer "WAS hat sich der Lektor und der Korrektor dabei gedacht, solche Phrasen und Formulierungen durchzuwinken.

    lg
    Nadine

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    1. Das Büro gibt's in "Storm Sisters" auch, nämlich in einer Art Palast im Shanghai der Qing-Dynastie, alles klar. Ja, ich frage mich da auch immer, wieso wirklich niemand beim Verlag mal angemerkt hat, ob man da nicht ein passenderes Wort finden könnte. Oder auch generell ob es nicht sinnvoll wäre, über historische Romane auch mal jemanden mit Ahnung von der Epoche schauen zu lassen und sich nicht drauf zu verlassen, dass der Autor das schon richtig gemacht hat. Das würde uns einiges an Frust beim Lesen ersparen! xD

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