Ich bin umgezogen! Ihr findet mich und mein Blog ab jetzt unter Stürmische Seiten. Ich hoffe, wir sehen uns dort!

"The Gifted: Vergiss mein nicht" von Jennifer Lynn Barnes

Vergiss mein nicht | The Gifted #1 | cbt, 2014 | 978-3-641-13014-5 | 320 Seiten | deutsch | Amerikanische OA: The Naturals, 2013

Die 17-jährige Cassie hat eine ganz besondere Gabe: Sie kann die Persönlichkeit wildfremder Menschen »lesen«. Als das FBI sie deshalb als Profierin rekrutiert, willigt sie sofort ein – bietet sich damit doch die Chance, den Cold Case ihrer Mutter wieder aufzunehmen. Doch kaum hat das Training mit vier weiteren ebenso begabten Jugendlichen begonnen, gerät Cassie ins Fadenkreuz eines Serienkillers – mit dem gleichen Mordmuster wie beim blutigen Verschwinden ihrer Mutter! Jetzt beginnt ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel, bei dem das junge Team an die Grenzen seiner Fähigkeiten gehen muss, um zu überleben. Doch dann nimmt der Fall eine überraschende Wendung...

MEINE GEDANKEN

Ich hasse es, wenn ich ein Buch auslese und eigentlich nicht mehr dazu zu sagen habe, als "Hm", denn das macht das Rezensieren umso schwerer. Leider ist "The Gifted" ein "Hm"-Buch. Ich habe den Roman lesen wollen, weil ich FBI-Geschichten und Thriller mag, gern auch im Jugendbuchbereich, aber am Ende war mir "The Gifted" dann doch einfach zu unglaubwürdig. Ich weiß nicht, ob ich mittlerweile wirklich einfach zu alt für diese Art Buch werde, aber ich konnte mich einfach nicht damit anfreunden, dass Cassie nach nur ein paar Wochen als Profiler in Ausbildung geschickter ist, als die ausgebildeten und berufserfahrenen FBI-Agenten um sie herum und im Handumdrehen Rätsel löst und Hinweise findet, die das FBI übersieht. Dass das FBI zum Beispiel wirklich eine Siebzehnjährige braucht, um die Handschrift des Täters an einem Tatort wiederzuerkennen, ist halt schon sehr zweifelhaft. Es wirkte auf mich irgendwann fast so, als hätten diese Agenten vor Cassies Aufnahme in das Programm keinen Fall allein lösen können und nur darauf gewartet, dass ein Teenager ihnen ihren Job erklärt und das war mir einfach zu viel des Guten. Ja, Cassie kann Menschen besser lesen, als die meisten anderen Leute. Dass sie das zu einer besseren Profilerin macht, als ausgebildete FBI-Agenten, finde ich trotzdem lachhaft.

FBI LIGHT UND TEENIEDRAMA

Generell fand ich die Arbeit des FBI in diesem Roman sehr lapidar dargestellt. Eine Leiche wird entdeckt und das FBI flitzt zum Tatort, guckt sich da ungefähr drei Minuten um und zieht wieder ab, ohne den Tatort wirklich untersucht zu haben. Auch das Programm für junge Naturtalente, in das Cassie aufgenommen wird, wirkte alles andere als realistisch. Sie wird praktisch mit vier anderen Teenagern in eine Party-WG gesteckt, in der jeder machen kann, was er oder sie will und, wenn es dann mal beliebt, gibt es pro Woche ein paar Stunden Unterricht. Ganz ehrlich, wer soll denn glauben, dass das FBI fünf Jugendlichen ein Haus organisiert, in dem sie bis nachts Filme gucken, einen Pool nutzen und ausschlafen können, so viel sie wollen und nur hin und wieder mal zu Übungszwecken in ein paar alte Akten gucken müssen? Wenn das FBI Jugendliche ausbildet, sollten die dann nicht trotzdem zur Schule gehen und, ich weiß nicht, wirklich eine FBI-Ausbildung bekommen? Aber die im Klappentext versprochenen cold cases, die die Programmteilnehmer lösen sollen, kommen kein einziges Mal vor. Es wird nur davon gesprochen, dass das Programm ja dafür da wäre, den Jugendlichen anhand von cold cases eine FBI-Ausbildung zu ermöglichen und dann wird wieder zu Zickenkriegen, Filmabenden und zu einer unnötigen Dreiecksromanze geschaltet. Also, wenn so die streng geheime Jugendförderung des FBI aussieht, muss man sich als Teilnehmer keinen Partyurlaub mehr wünschen, das ist klar.

Ich habe mir einfach mehr Thriller und weniger Jugendbuch erwartet und vielleicht bin ich dann selbst Schuld, wenn ich das von einem Jugendbuch will. Aber ich habe einfach auch schon großartige YA-Thriller gelesen, in denen der Fokus tatsächlich auf den Ermittlungen lag. Hier liegt er halt woanders und hätte das Drumherum gestimmt, wäre das auch okay gewesen. Aber nicht nur die Arbeit des FBI, sondern auch Cassies Fähigkeiten fand ich einfach nur unglaubwürdig. Sie kann anhand von Mimik und dergleichen "ablesen", wie ein Mensch drauf ist und das kann ich tatsächlich noch glauben. Aber die Art, wie sie das macht, fand ich nicht besonders gelungen. In einer Szene bestimmt Cassie anhand der Kleidung einer jungen Frau, dass sie eine sportliche Studentin sein muss und ihre FBI-Mentorin gibt ihr Recht, dass es so sein muss und ich habe nur mit den Augen gerollt. Dass die Frau an dem Tag sportlich gekleidet ist, könnte 90 andere Gründe haben. Selbst ich renne manchmal in Trainingsleggings rum, einfach, weil sie bequem sind, ich bin trotzdem nicht sportlicher als der Durchschnitt.

Davon, dass sie Cassies Kollegen Dean nicht lüstern ansieht, darauf zu schließen, dass die Frau einen Freund hat, fand ich auch spannend, denn auch hier bedenkt Cassie gar nicht, dass die Frau auch einfach nicht auf Deans Typ stehen, gerade einfach anderes im Kopf haben oder lesbisch sein könnte oder was noch alles dafür sorgen könnte, dass sie Dean nicht hinterherguckt. Dass das FBI Cassies vorschnellen Interpretationen glaubt und nicht in Betracht zieht, dass es auch hundert andere Möglichkeiten gibt, fand ich sowas von realitätsfremd und für einen FBI-Thriller einfach nicht überzeugend. Das Beispiel steht für jede Situation, in der Cassie als "Profiler" auftritt und das hatte sehr viel mehr von Sherlock Holmes' (oft fragwürdigen) Deduktionen, als von echter FBI-Arbeit. Mich hat auch total gestört, dass Profiling hier dargestellt wird, als würde man einen Menschen angucken und sofort seine Persönlichkeit kennen, wenn echtes Profiling darauf abzielt, anhand von Mustern am Tatort zu analysieren, welche Art von Person das Verbrechen begangen hat. Die Darstellung von FBI-Arbeit und vom FBI an sich hat mir deshalb einfach überhaupt nicht gefallen, weil ich es mir etwas realistischer gewünscht hätte, auch, wenn das Naturtalenteprogramm fiktiv ist.

IM NETZ DES KILLERS?

Mich nerven Hauptfiguren auch wirklich selten, aber leider war Cassie oft so ein Fall. Sie hat YA-Syndrom: Keine Hobbies, nichts, dass sie wirklich als eigenständige Person auszeichnet. Ich habe für 300 Seiten in ihrem Kopf gesteckt und ich weiß gar nichts über sie, außer, dass sie rote Haare hat. Sie wirkt als Heldin einfach schlapp und leer und als sie dann anfängt, das FBI anzubetteln, sie an richtigen Fällen arbeiten zu lassen, obwohl sie genau weiß, dass sie nicht ausgebildet ist und es sehr gefährlich ist, war meine Geduld mit ihr am Ende. Kein FBI-Agent würde einer Siebzehnjährigen erlauben, an einem aktiven Fall mitzuarbeiten, das Eintrittsalter des FBI ist nicht umsonst auf 23 angesetzt. Am Ende wirkt "The Gifted" hin und wieder wie ein sehr viel weniger gut recherchiertes "Criminal Minds" für Teenager, nur ohne die halbwegs authentisch geschilderte FBI-Arbeit und die markigen Charaktere, denen man wirklich abnimmt, dass sie Koryphäen auf ihrem Gebiet sind. Die anderen Figuren fand ich jedoch ganz gelungen. Mit Dean Redding schafft Jennifer Lynn Barnes einen "Bad Boy", der eine echte tragische Vergangenheit hat und seine Launen trotzdem nicht an der Heldin auslässt. Das Love Triangle zwischen ihm, Cassie und Michael hätte ich trotzdem nicht gebraucht, aber na gut.

Auch Lia fand ich als Figur interessant. Sie ist ein menschlicher Lügendetektor und obwohl sie und Cassie nicht so gut miteinander auskommen, verzichtet Barnes auf das mean-girl-Klischee und lässt sich die beiden zusammenraufen, wie man es von zukünftigen FBI-Agentinnen erwarten würde. Die unsicheren Freundschaften, die Cassie in ihren ersten Wochen im Programm knüpft, fand ich schön dargestellt, wirklich. Auch der eigentliche Fall hat mich überzeugt. Vor fünf Jahren wurde Cassies Mutter brutal ermordet und nun macht in D.C. ein Killer seine Runden, dessen Handschrift genau dieselbe ist, wie die beim Mord an Cassies Mutter. Der Leser bekommt die Morde teilweise live mit, da es immer wieder kurze Kapitel aus der Sicht des Killers gibt. Das war mir für einen YA-Thriller teils ein bisschen zu blutig, aber ich fand das Konzept stark, denn so bekommt man einen Einblick in das "Spiel", das der Mörder mit dem FBI treibt, bevor Cassie und die Agenten dahinterkommen. Die Auflösung des Falls hätte ich trotz gut platzierter Hinweise niemals erraten und das letzte Drittel des Romans hat mich komplett überzeugt. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass der Fall schon etwas früher begonnen hätte. Die ersten 200 Seiten sind keinesfalls bloß Einführung in Cassies neues Leben beim FBI, aber der eigentliche Fall kommt doch etwas zu kurz.

Hätte der Hintergrund zum FBI gestimmt und wäre die Arbeit des FBI realistischer dargestellt gewesen, hätte ich das Buch wohl ziemlich gefeiert, denn nicht nur ist der eigentliche Fall wirklich interessant und spannend erzählt, der Roman ist auch wirklich kurzweilig. Man kann ihn locker an einem Nachmittag auslesen und als Thriller für zwischendurch ist er nicht schlecht. Es gibt nur einfach ein paar Ärgernisse und wer gut recherchierte FBI-Thriller gewohnt und nicht auf das Teeniedrama, das große Teile des Romans in Anspruch nimmt, eingestellt ist, wird sich wahrscheinlich etwas über "The Gifted" ärgern. Am Ende ist der Roman halt ein "Hm"-Buch für mich gewesen: Absolut unterhaltsam mit einem tollen Kriminalfall, den ich spannend präsentiert und gelöst fand, aber halt doch leider voller Macken, die das Lesevergnügen eingeschränkt haben. Ich glaube einfach, dass "The Gifted" das Potential gehabt hätte, ein richtig guter YA-Thriller zu sein, aber einfach durch mangelnde Recherche und zu viel Fokus auf Cassies Liebesdrama, das vom Fall ablenkt, aufgeschwemmt wird. Trotzdem hatte ich meinen Spaß mit "The Gifted" und ich werde dem zweiten Teil der Reihe auf jeden Fall eine Chance geben, sobald mir mal wieder nach einem kurzweiligen Thriller ist. Deshalb gibt es von mir 3.5 Punkte.

Keine Kommentare