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"Here Lies Daniel Tate" von Cristin Terrill

Here Lies Daniel Tate | Simon & Schuster, 2017 | 9781481480765 | 400 Seiten | Englisch

It seems too good to be true when Daniel Tate, missing since he was abducted from one of California’s most elite private enclaves at the age of ten, turns up on a snowy street in Vancouver six years later. At first too traumatized to speak, he is eventually able to tell the authorities who he is and is reunited with his overjoyed family. In time, they tell him, he’ll recover the memories he’s missing; all that matters is that they have him back. It’s perfect. A miracle. Except for one thing: That boy isn’t Daniel Tate. But he wants to be. A young con artist who’s been taking on false identities for years, this impostor has stumbled onto the scam of a lifetime. Daniel has everything he’s ever dreamed of—wealth, privilege, the chance to make a fresh start, and most importantly, a family that loves him. Now that he’s finally found a place to belong, he doesn’t question his luck. Until he realizes that maybe Daniel isn’t missing at all. Maybe someone knows what really happened to the boy he’s pretending to be…and if he can’t uncover the truth—he could be next the next Daniel Tate to disappear.

MEINE GEDANKEN

Okay, Leute, ich bin zerstört. Erst vorgestern habe ich Patrick Ness' "Mehr als das" ausgelesen und war schon nah am breaking point - und jetzt hat mir Cristin Terrill den Rest gegeben. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich wollte "Here Lies Daniel Tate" lesen, seit der Roman angekündigt wurde, weil er ziemlich viel von dem vereint, was ich im Jugendbuch mag: Thriller, Familiengeheimnisse und vor allem Protagonisten jenseits von gut und böse. Und "Daniel" ist so dermaßen jenseits von gut und böse... Der Ich-Erzähler dieses Romans ist ein jugendlicher Kleinkrimineller, der vor ein paar Jahren von zuhause abgehauen ist und sich seitdem mit Betrügereien über Wasser hält. Als es für ihn brenzlig wird, behauptet er, er sei Daniel Tate - der vor sechs Jahren spurlos verschwundene Sohn einer reichen kalifornischen Familie. Dass man einen Protagonisten, der sich für ein entführtes Kind ausgibt und sich so in den Kreis dessen Familie schleicht, nicht mögen kann, ist ja klar... oder? Nein. Ich habe mich so oft dabei erwischt, wie ich gehofft habe, dass das ganze für Daniel gut ausgeht, egal, wie herzlos ich seine Masche fand. Cristin Terrill gelingt es einfach, einem diesen Protagonisten nahe zu bringen. Ich glaube, das klappt so gut, weil sie nichts entschuldigt. Daniel weiß selbst, dass er etwas Furchtbares tut und das wird auch nicht angezweifelt oder beschönigt und deshalb funktioniert das.

EINE THRILLERTRAGÖDIE MIT STIL

Cristin Terrills Schreibstil ist einfach großartig. Ganz am Anfang teilt der Ich-Erzähler dem Leser mit, wer und was er ist: Ein Krimineller, ein Betrüger, ein Lügner. Und man wird nicht umsonst gewarnt, denn immer wieder führt er einen hinters Licht, bis man sich nicht mehr sicher sein kann, welche Teile seiner Geschichte wahr sind und welche nicht. "Daniel" ist ein Ich-Erzähler, dem man nicht vertrauen darf, aber vertrauen muss und das sorgt für einen unglaublichen Sog, der nicht loslässt. Ich habe die 400 Seiten in einer Nacht gelesen, weil ich wissen musste, was wahr ist und was nicht, was mit dem echten Daniel Tate passiert ist und was für Geheimnisse die Tates verbergen. "Daniel" ist an sich eine merkwürdige Figur: Er ist leer, bis auf das Zeichnen hat er keine Hobbys, keine Eigenschaften, die ihn ausmachen, und das ist gewollt, weil er seit Jahren immer wieder falsche Identitäten annimmt und sich selbst dabei verloren hat. Sein neuster Plan ist es, Daniel Tate nicht nur zu spielen, sondern zu werden und zwar für immer. Während "Daniel" also keinerlei Eigenschaften preisgibt, lernt man Daniel Tate, den er immitiert, immer besser kennen und das ist so verwirrend und beklemmend, wie es jetzt klingen mag. "Daniel" ist kaputt und man erfährt auch nach und nach, weshalb. Er ist ein bisschen unheimlich und gleichzeitig wächst er einem ans Herz, wenn er mit der kleinen Mia spielt, oder die Liebe, die Daniels Schwester Lex ihm entgegenbringt, wie ein Schwamm aufsaugt, weil er sowas noch nie zuvor erleben durfte.

Das Buch steckt voller schiefem Humor und Daniels Erzählstimme ist sehr flapsig und trotzdem bricht es einem einfach das Herz. Die Handlung ist eher leise, große Action gibt es hier nicht, aber dafür unglaublich dicht. Ich habe immer auf eine Stelle gewartet, an der ich mal Pause machen konnte, doch die ist nie gekommen, weshalb ich bis Seite 400 und sechs Uhr morgens weitergelesen habe. Und dann konnte ich mich immer noch nicht erholen, denn dieses Ende! Ich sage nur so viel: Es hat mich kalt erwischt und umgehauen und, wenn ich daran denke, habe ich ein Ziehen im Magen. Ihr kennt das doch bestimmt, wenn ein Buch euch einfach richtig in den Magen schlägt und nicht mehr loslässt? Genau. "Here Lies Daniel Tate", dessen Titel übrigens das beste Wortspiel überhaupt ist, ist nicht einfach ein Jugendbuchthriller. Es ist die Geschichte eines Jungen, den keiner will, der zu dem Jungen wird, den jeder will - bis ihm viel zu spät klar wird, dass es vielleicht jemanden gibt, der weiß, was mit dem echten Daniel passiert ist und auch den zweiten loswerden möchte. Diese Wendung, die auch schon im Klappentext angesprochen wird, kommt vielleicht eeeetwas spät für meinen Geschmack, aber im Vergleich dazu wie großartig der Rest des Romans ist, ist es mir überhaupt nicht schwergefallen, darüber hinwegzusehen. "Daniels" Suche nach Antworten ist spannend, der Konflikt mit Bruder Nicholas, der von Anfang an zu ahnen scheint, dass er nicht der echte Daniel ist, ist so geladen, dass es knistert, aber das allerbeste sind diese Figuren.

DUNKLE MACHENSCHAFTEN, DUNKLE GEHEIMNISSE

Der verschlossene Nicholas, der sich von seiner Familie so sehr abgekapselt hat, dass er ihnen nichtmal seinen Freund vorstellen will, Lex und Patrick, die Vorzeigegeschwister, die ihre vielen Dämonen zu verstecken versuchen, "Daniels" Mitschülerin Ren, die, obwohl sie wenig page time hat, mit am interessantesten und realistischsten wirkte, und eben einfach "Daniel" selbst, den man verstehen kann, auch, wenn man sich dagegen sträubt. Während der Lack ablättert und immer klarer wird, was Daniels Verschwinden mit der Tatefamilie gemacht hat und wie kaputt sie sind, sieht man "Daniel" dabei zu, wie er in seiner neuen Rolle förmlich aufblüht und über all dem schwebt immer diese beklemmende Atmosphäre, die Cristin Terrill so gut gelingt, dass sie auch nicht verfliegt, wenn man das Buch fertig gelesen hat. Von Anfang an weiß man, dass etwas Schlimmes passiert ist und man wird das Gefühl, dass noch sehr viel Schlimmeres folgen wird, niemals los. "Here Lies Daniel Tate" ist irgendwo einfach so tragisch, weil hier Personen aufeinander treffen, die aus ganz verschiedenen Gründen am Boden sind und von denen man sich nicht sicher ist, ob es für sie noch eine Möglichkeit gibt, zurück auf die Beine zu kommen und trotzdem wünscht man ihnen alles Gute.

Und sowas mag ich einfach so gern: Ausgeklügelte Figuren, die alle einen Knacks weghaben, komplexe, düstere Geheimnisse und dieses Spiel mit der Wahrheit. "Here Lies Daniel Tate" ist daher kein gewöhnlicher Thriller, sondern eher ein dichtes und stilles Kammerspiel, das sich großteils in der opulenten, aber kalten Villa der Tates abspielt. Es ist auf jeden Fall ein ungewöhnliches Jugendbuch, denn Cristin Terrill schreckt nicht davor zurück ihren Lesern wirklich kaputte Figuren zu zeigen, wirklich gefährliche Wahrheiten und Konsequenzen. Die Zuckerschicht und das Zurückrudern (Marke "Am Ende war alles gar nicht so schlimm wie gedacht"), die ich von anderen YA-Thrillern gewohnt bin, lässt sie vollkommen weg und überzeugt stattdessen durch ihr großes Talent dafür, eine gespannte Atmosphäre aufrecht zu erhalten und uns auch Figuren liebgewinnen zu lassen, von denen wir wissen, dass sie keine guten Menschen sind. Ich würde nicht sagen, dass "Here Lies Daniel Tate" aufrüttelt oder schockiert. So ein Buch ist es nicht. Viel eher spielt es sehr gekonnt mit Wahrheit, Lügen und den dunklen Seiten, die jeder Mensch hat und hat mich darin sehr an E. Lockharts "Solange wir lügen" erinnert, ein absolutes Lieblingsbuch von mir.

Da ich gerade merke, dass ich einfach nicht in Worte fassen kann, warum dieses Buch so großartig ist, mache ich hier mal Schluss und gebe mich dem Book Hangover hin, denn ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich jetzt lesen soll, ohne im Vergleich enttäuscht zu werden. Ich würde "Here Lies Daniel Tate" allen Fans von ruhigen Thrillern, Familiengeschichten und facettenreichen Figuren mit lauter Ecken und Kanten empfehlen. Mich hat das Buch gepackt und bisher nicht losgelassen und ich wünschte gerade, es hätte doppelt so viele Seiten gehabt, weil ich "Daniel" und die Tates schon vermisse. Ich liebe dieses Buch, ich werde es sicherlich auch noch einmal lesen, und ich hoffe, bald noch mehr von der Autorin lesen zu dürfen, die auf dem besten Wege ist, meine neue Lieblingsautorin zu werden.


1 Kommentar

  1. Hallo Kat,

    eine Rezension, bei der deine Begeisterung spürbar ist, weshalb sie mich nur umso neugieriger gemacht hat.
    Ich habe von der Autorin vor einiger Zeit "Zeitsplitter" gelesen, was, wenn ich deine Rezension so lese, wenig mit diesem Buch gemein zu haben scheint .... wobei ich auch dort auch die Antagonisten als unheimlich gut ausgearbeitet empfand, gerade mit ihren Abgründen.
    Da mich gerade menschliche Abgründe und die Frage nach Moral, Gut und Böse und so weiter eigentlich ziemlich faszinieren, reizt mich auch dieses Buch. Was eben durch deine Begeisterung noch verstärkt wird. Ich werd's mal im Auge behalten. ^^

    Liebe Grüße,
    Dana

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