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"Mehr als das" von Patrick Ness

Mehr als das | cbt, 2014 | 978-3-641-12515-8 | 512 Seiten | deutsch | Britische OA: More Than This, 2013

Ein Junge ertrinkt, verzweifelt und verlassen in seinen letzten Minuten. Er stirbt. Dann erwacht er, nackt, verletzt und durstig, aber lebendig. Wie kann das sein? Und an was für einem seltsamen, verlassenen Ort befindet er sich? Während er versucht zu verstehen, was mit ihm geschehen ist, regt sich Hoffnung bei dem Jungen. Ist das vielleicht doch noch nicht das Ende? Bietet dieses Leben vielleicht doch mehr als das?

MEINE GEDANKEN

Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass sich hinter einem so unscheinbaren Cover ein Buch wie dieses verstecken könnte. "Mehr als das" mag aussehen wie ein typischer YA-Titel, aber das ist dieser unglaubliche Sci-Fi-Roman von Patrick Ness ganz sicherlich nicht. Ich bin über den Roman gestolpert, weil ich unbedingt mal etwas von Ness lesen wollte, und sicherlich wird "Mehr als das" nicht mein letzter Roman dieses Ausnahmeautors sein. Ich bin zwar generell eine eher schnelle Leserin, aber dass ich 500 Seiten so einatme, ist auch für mich eher ungewöhnlich. Trotzdem habe ich mir die letzte Nacht um die Ohren geschlagen, um "Mehr als das" zu beenden - und dann lange schlaflos dagelegen, weil dieser Roman aufwühlt und zum Nachdenken anregt, wie kaum ein anderer Jugendroman, den ich in den letzten Jahren gelesen habe. Ich habe oben geschrieben, es wäre ein Sci-Fi-Roman und das stimmt auch, aber nicht im klassischen Sinne. "Mehr als das" behandelt viele Themen, schwierige Themen, weshalb ich direkt darauf hinweisen möchte, dass der Roman Depressionen, Selbstmord, Kindesmissbrauch und Mobbing beinhaltet und damit zwar ziemlich gut, aber nicht zimperlich umgeht.

PHILOSOPHISCHE YA MIT SCI-FI-ANKLÄNGEN? BITTE MEHR DAVON!

Ich hatte wirklich keine Ahnung was auf mich zukommt, als ich "Mehr als das" angefangen habe. Irgendwie habe ich eher mit philosophischer Young Adult gerechnet, einem Roman im Stil von "Wenn ich bleibe" von Gayle Forman vielleicht, aber "Mehr als das" geht in eine komplett andere Richtung. Ich sage so viel: Mich haben die Theorien zum Existentialismus schon im Philosophieunterricht immer ziemlich fertig gemacht und genau die spielen in "Mehr als das" eine riesige Rolle. Was ist Realität und was nicht? Was ist wirklich passiert, was entspringt den eigenen Gedanken? Bin ich überhaupt real? Den Roman in einem Rutsch und auch noch bei Nacht zu lesen, war da wohl nicht unbedingt meine beste Idee, denn das wühlt nicht nur emotional auf, sondern verlangt auch, dass man selbst beginnt, nachzudenken, was im Leben wirklich zählt, was real ist und was nicht, und wie man selbst in Seths Situation handeln würde. Der Roman steckt voller unerwarteter Twists und Wendungen, weshalb ich gar nicht zu viel verraten möchte, aber wer bei seinen Romanen klare Antworten und Abschlüsse braucht, der wird mit "Mehr als das" wohl Probleme haben.

Die hatte ich ehrlich gesagt auch. Denn hier wird viel vorgestellt, viel angeschnitten, und nicht abgeschlossen. Aber irgendwie muss das auch so sein, denn auf die Fragen, die Patrick Ness hier aufwirft, gibt es nicht unbedingt immer Antworten und es wäre mir auch banal vorgekommen, wenn er sich welche aus dem Ärmel geschüttelt hätte. Seth Wearing, der sechzehnjährige Protagonist, stirbt - und wacht in dem Haus in England auf, in dem seine Familie gelebt hat, bevor sie vor Jahren nach Amerika ausgewandert ist. Es scheint in dieser zerstörten, dystopisch anmutenden Version des Londoner Vororts niemanden sonst zu geben und immer wieder geschehen Dinge, die Seth sich nicht erklären kann und die ihn daran zweifeln lassen, ob er in der Hölle ist oder in der Realität, oder ob sein Gehirn nur im Moment des Todes ein Albtraumszenario zusammenspinnt. Das ist beklemmend und sicherlich keine leichte Lektüre für nebenbei, aber es ist so lesenswert. Es lässt nicht los, auch, wenn man sich manchmal wirklich wünscht, es würde einen endlich loslassen. Und manchmal nimmt das Ausmaße an, die nicht negativ an den ersten "Matrix"-Film erinnern, obwohl "Mehr als das" sehr viel subtiler und abstrakter daherkommt.

Den großen Fokus des Romans verrät schon der Titel: Gibt es mehr als das? Das Gefühl, dass man vielleicht etwas verpasst, weil man im Moment in einer Situation oder Alltagsroutine feststeckt, die einem nicht gefällt, kennt bestimmt jeder und dieses Thema greift Patrick Ness in "Mehr als das" immer wieder auf. Und hier gibt es tatsächlich auch Antworten und eine Botschaft, die ich einfach nur wunderbar fand.

TRAGIK GEHT AUCH OHNE DRAMA

Ansonsten muss ich einfach auch erwähnen, dass "Mehr als das" oben drauf ein queerer Roman ist. Seth ist schwul und das ist genauso wunderbar nebensächlich eingebunden, wie das leider allzu realistische Mobbing, das er deswegen an seiner Highschool erfährt. Patrick Ness schildert diese Geschehnisse in Rückblicken und Erinnerungsfetzen an die Zeit vor Seths Tod, die ihn immer wieder heimsuchen, und er kehrt hier keinesfalls unter den Teppich, wie schlimm das ist, was Seth passiert, aber er rückt halt trotzdem etwas anderes in den Vordergrund. Der Roman macht eigentlich genau das, wovon ich mir viel mehr wünsche: Er erzählt eine wunderbare Jugendbuch-Sci-Fi-Geschichte, die eben einen queeren Helden hat. Ich habe absolut nichts gegen Jugendbücher, in denen die Entdeckung der eigenen Sexualität, Coming Out und dergleichen im Mittelpunkt stehen, aber ich wünsche mir einfach auch mehr Bücher wie dieses. Sci-Fi, Fantasy, Abenteuergeschichten, aber halt mit queeren Protagonisten. Was Patrick Ness komplett außen vor lässt und was mir auch sehr gut gefallen hat, ist das typische queere Drama, das man oft im Jugendbuch findet. Seth weiß, dass er schwul ist und zumindest für ihn ist das kein Problem. Und während seine Liebesgeschichte vielleicht von Anfang an etwas tragisch ist, liegt das wohl großteils daran, dass "Mehr als das" an sich ein sehr tragisches und nachdenkliches Buch ist, das Themen wie Verlust, Trauer, aber eben auch Hoffnung behandelt.

Das einzige Manko war für mich leider die Sprache. Oder vielleicht eher die Übersetzung, die ich hier und da einfach holprig zu lesen fand. Oft konnte ich mir gut vorstellen, was im Original da gestanden haben könnte und wenn mir das passiert, spricht das einfach leider nicht für die Übersetzung, denn eigentlich sollte die sich doch so flüssig lesen lassen, dass man gar nicht merkt, dass es eine Übersetzung ist. An sich ist Patrick Ness' Schreibstil aber ziemlich ungewöhnlich und interessant. Er erzählt in der dritten Person im Präsens, was ich immer schwierig finde, was hier aber durchaus funktioniert, und er benutzt stilistische Mittel wie Klammern und Ellipsen beinahe ausschweifend, was aber einfach funktioniert, weil er sie nutzt um Seths Verwirrung und kaputte Erinnerung darzustellen. Ich denke ehrlich gesagt, dass "Mehr als das" sich vielleicht auf Englisch besser liest, weshalb ich, falls ich das Buch noch einmal lesen sollte, wohl zur englischen Fassung greifen würde. Ich habe mit Übersetzungen selten Probleme, aber diese hier fand ich einfach leider oft nicht so schön. Das würde ich aber echt vernachlässigen wollen, weil Patrick Ness und sein Roman dafür im Endeffekt einfach nichts können und es sowieso nicht so ein großes Problem war, dass es mir den Roman verdorben hätte.

Am Ende bleibt mir "Mehr als das" als traurigschönes, philosophisches Jugendbuch mit Sci-Fi-Elementen im Kopf und ich werde wohl noch etwas darüber nachdenken. Wer diese Art von Buch mag - nachdenkliche Jugendbücher, in denen nicht immer alles klar beantwortet wird - und mit schwierigen Themen wie Mobbing, Depression und auch Kindesmissbrauch, den ich jetzt in der Rezension wegen Spoilergefahr nicht näher angesprochen habe, umgehen kann, der sollte "Mehr als das" eine Chance geben. Ich kann mich da nur John Green, der die Empfehlung für die englische Ausgabe lieferte, anschließen: "Just read it". Schade finde ich, dass der cbt-Verlag diese wunderbare Geschichte hinter einem so unscheinbaren Cover versteckt hat, denn das Originalcover fängt die Atmosphäre des Romans viel besser ein. Aber wenn man das Buch dann erstmal in die Hand genommen hat, bekommt man ganz großes Jugendbuchkino geliefert und ich würde den Roman allen interessierten Lesern ab 15 oder 16 Jahren, die mit diesen Thematiken gut umgehen können, wärmstens empfehlen. Für mich wandert "Mehr als das" direkt auf die Liste mit den Lieblingsbüchern und ist direkt mein erstes Lesehighlight dieses Jahr.


1 Kommentar

  1. Hallo liebe Kat,

    noch so eine begeisterte Rezension, in der du deine Begeisterung gelungen in WOrte fasst. Übrigens mag ich es, wie ausführlich und nachvollziehbar begründet deine Rezensionen sind.
    Von diesem Autor habe ich "Das Morgen ist immer schon jetzt", was ebenfalls ein tolles, außergewöhnliches Buch ist, das mit bekannten Klischees spielt und gleichzeitig Themen wie Zwangsstörung thematisiert, ohne sie in den Vordergrund zu rücken, denn im Endeffekt ist es doch vor allem eine Coming-of-Age-Story vor einem abstrus anmutenden Hintergrund.
    "Mehr als das" reizt mich schon seit der Rezension einer anderen Bloggerin und nachdem mich dieses andere Buch des Autors überzeugt hat, gerade durch die das Originelle daran, möchte ich auch irgendwie dieses Buch lesen, erst recht nun nach deiner Rezension. Gerade Fragen nach der Existenz und dem, was real ist, sind faszinierend, und auch deine anderen Punkte überzeugen mich.

    Liebe Grüße,
    Dana

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