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"Nur drei Worte" von Becky Albertalli

Nur drei Worte | Carlsen, 2017 | 978-3-551-55609-7 | 320 Seiten | deutsch | Amerikanische OA: Simon vs. the Homo Sapiens Agenda, 2015

Was Simon über Blue weiß: Er ist witzig, sehr weise, aber auch ein bisschen schüchtern. Und ganz schön verwirrend. Was Simon nicht über Blue weiß: WER er ist. Die beiden gehen auf dieselbe Schule und schon seit Monaten tauschen sie E-Mails aus, in denen sie sich die intimsten Dinge gestehen. Simon spürt, dass er sich langsam, aber sicher in Blue verliebt, doch der ist noch nicht bereit, sich mit Simon zu treffen. Dann fällt eine der E-Mails in falsche Hände – und plötzlich steht Simons Leben Kopf.

MEINE GEDANKEN

Da will man einen gerade erst erschienenen Roman unbedingt lesen, hat aber noch zu viele Bücher auf dem SuB und plötzlich sind zwei Jahre vergangen und es gibt eine deutsche Ausgabe und die Verfilmung steht in den Startlöchern. Naja, jetzt habe ich es auch endlich geschafft, "Nur drei Worte", das bald als "Love, Simon" in die Kinos kommt, zu lesen, nachdem Bianca mich daran erinnert hat, dass ich das ja mal unbedingt vorhatte. Und jetzt... weiß ich auch nicht. "Nur drei Worte" ist ein tolles Jugendbuch, gar keine Frage. Es ist auch ein verdammt wichtiges Jugendbuch, denn mir fällt kein anderes ein, in dem der Protagonist so ganz einfach queer sein darf, wie hier. Ich mochte Becky Albertallis Herangehensweise sehr. Ungezwungen, aber ohne die Probleme zu ignorieren. "Nur drei Worte" ist ein moderner LGBTQ-Roman und er zeigt auf, dass wir trotz dem Fortschritt der letzten paar Jahre lange nicht am Ziel sind, was Akzeptanz angeht und dabei konzentriert er sich weniger auf krasse Homophobie und eher auf die alltäglichen Mikroaggressionen, die leicht übersehen werden, wenn es einen nicht betrifft. Ich habe diese Probleme im Jugendbuch noch nie so realistisch gezeigt gelesen wie hier und allein das ist den Hype wert, den der Roman nach sich zieht.

DER NICHT GANZ SO ROTE FADEN

Dass der Carlsenverlag den Roman auf seiner Website auf die Liebesgeschichte reduziert und von "Herzchenaugen" und "Dauergrinsen" spricht... naja. "Nur drei Worte" ist eine Liebesgeschichte, aber eigentlich ist es eher die Geschichte eines Teenagers, der in sich selbst und seine Sexualität hineinwächst. Freundschaft ist wichtig, Simons Familie ist wichtig und natürlich ist auch Blue wichtig, der unbekannte Junge, mit dem er sich seit ein paar Wochen E-Mails schreibt. Aber "Nur drei Worte" ist keine Romance und das sollte man sich von dem Buch auch nicht erwarten. "Nur drei Worte" ist ein sehr aktueller und ungefilterter Blick darauf, was Queersein für Jugendliche heute bedeutet und wieso es immer noch schwer sein kann, obwohl wir so viel weiter sind als noch vor zehn Jahren, und wieso man sich davon nicht unterkriegen lassen sollte. Dafür liebe ich den Roman auch. Er ist eigentlich genau die Art Jugendbuch, die ich mir so sehr gewünscht habe, als ich noch zur Zielgruppe gehörte: Queere Protagonisten, deren Probleme nicht totgeschwiegen werden, die aber auch nicht über ihre Sexualität definiert werden. Ich hoffe wirklich, dass der Hype um "Nur drei Worte" endlich dafür sorgt, dass wir mehr Bücher dieser Art zu lesen bekommen.

Da hat es mir auch ehrlich gesagt kaum etwas ausgemacht, dass nicht viel passiert. "Nur drei Worte" hat nicht unbedingt viel Handlung. Simon wird mit ein paar Emails erpresst, doch wir wissen von Anfang an, von wem. Das einzige große Geheimnis des Romans ist, wer Blue ist - nennt mich Sherlock Holmes, aber ich war mir sehr früh sicher, wer sich dahinter verbirgt und ich hatte am Ende auch Recht. "Nur drei Worte" war für mich in einigen Dingen vorhersehbar, aber ich fand das okay und das ist auch eine Leistung. Becky Albertalli schreibt locker und ich musste auch oft lachen. Es hat Spaß gemacht, Simon einfach durch seinen Alltag zu begleiten, auch, wenn nicht wirklich viel passiert ist und im Kern ist "Nur drei Worte" auch einfach sehr fluffig. "Feel-Good-Roman" trifft es schon sehr gut. Das hier ist halt sehr viel eher ein Slice-of-Life-Roman und das ist auch okay. Simons flapsige Erzählstimme, Albertallis Humor und die interessanten Figuren ziehen einen flott durch die knapp 300 Seiten, auch ohne große Spannung oder einen richtigen roten Faden. Es sind die Figuren, die mich am meisten überzeugt haben. Ich wollte wissen, was aus Simon wird und wie er mit den Umwälzungen in seinem Leben umgehen wird, aber ich wollte auch mehr über Abby und Leah wissen, die mir sehr ans Herz gewachsen sind.

ERWARTUNGEN & ERKENNTNISSE

Aber es war halt leider nicht alles super, so sehr ich mir das auch gewünscht hätte. Irgendwie ist "Nur drei Worte" am Ende halt ein ganz normales Jugendbuch. Und genau das soll es auch sein. Bücher wie "Nur drei Worte" tragen so viel dazu bei, dass Queerness in der YA endlich normalisiert wird und sie dafür zu feiern, ist absolut angebracht. Allerdings will ich jetzt auch nicht so tun, als hätte mich der Roman so sehr aus den Socken gehauen, wie einige andere Leser. Da war einfach auch einiges, das mir hin und wieder ein Augenrollen abverlangt hat. Simon ist ein toller Ich-Erzähler, aber manchmal wollte ich ihn halt doch schütteln, zum Beispiel als er völlig unreflektiert behauptet, queere Jungs hätten es beim Coming Out schwerer, als queere Mädchen. Was für ein Blödsinn, echt. Seine Charakterentwicklung ist außerdem irgendwie ein bisschen auf der Strecke geblieben und besonders sein Blick auf seine Mitschüler und Freunde ändert sich nicht, was ich schade finde. Sein Bild von der angeberischen Taylor, die er nicht mag, bleibt gleich, obwohl Taylor sich stark für ihn einsetzt und zeigt, dass sie kein schlechter Mensch ist. Er verletzt zwei seiner besten Freundinnen und besonders in diesen Situationen hätte ich mir einfach viel mehr Reflexion dessen gewünscht, was da schief gelaufen ist und nicht einfach nur ein "Sorry" und ein "Ja, passt schon". Vielleicht kann man von 300 Seiten Fluff jetzt nicht die großen Charakterstudien erwarten, aber mir hat da schon was gefehlt.

Ich glaube, mein großes Problem mit "Nur drei Worte" ist, dass ich mir bei dem Hype etwas mehr erwartet habe, als ich dann am Ende bekommen habe und deshalb möchte ich darauf auch gar nicht rumreiten, weil das nicht die Schuld des Romans ist. Das ist halt das Böse an diesen Hypes, sie steigern die Erwartungen einfach so sehr. Ich habe irgendwie erwartet, dass "Nur drei Worte" die YA jetzt komplett revolutioniert, aber das tut es halt nicht. Es ist einfach ein lustiger, herzerwärmender Jugendroman mit einem schwulen Protagonisten und eigentlich reicht das auch vollkommen aus. Genau solche Bücher brauchen wir. Und ich hoffe, wir kommen bald an einen Punkt, an dem wir sie nicht mehr so hypen müssen, weil es normal geworden ist. Was das angeht ist Becky Albertalli sicherlich eine Vorreiterin und dafür feiere ich sie, auch, wenn "Nur drei Worte" nicht das hammermegatolle, alles verändernde Jugendbuch war, das ich erwartet habe. Es war trotzdem ein wunderbares Jugendbuch mit einem tollen Ich-Erzähler, das die Geschichte eines Coming Outs, moderne Probleme von LGBTQ-Teenagern und die Wichtigkeit von Freundschaft in den Mittelpunkt rückt und das auf realistische, herzerwärmende und leichte Art und Weise.

Ja, mir war am Ende die Handlung etwas zu flach und zu vorhersehbar. Ja, mir fehlte da was. Aber ich würde den Roman trotzdem absolut allen Fans von zeitgenössischer YA empfehlen, denn Becky Albertallis Schreibstil, ihr Humor und die Art, wie sie Simon schreibt, lassen es ganz schnell egal werden, ob man erraten kann, wer Blue ist oder was als nächstes passiert und das will ich auch nicht kleinreden. "Nur drei Worte" ist die Art Jugendbuch, die einfach glücklich macht, egal ob man noch zur Zielgruppe gehört oder nicht. Und, dass es ein queeres Jugendbuch ist, das einfach glücklich macht und ohne großes Drama, Tragik und Unglück auskommt, ist am Ende eben einfach schön, denn davon haben wir zu wenige. Viel zu wenige. Dass es Albertalli nebenbei noch gelingt, die Probleme von modernen LGBTQ-Teenagern realistisch und ohne zu viel Drama aufzuzeigen, ist ein großer Pluspunkt. "Nur drei Worte" ist ein schönes Buch und es ist wichtig, weil es etwas macht, wovon ich in Zukunft im YA-Genre und darüber hinaus mehr sehen möchte (besonders auf dem deutschen Buchmarkt, der sich dem Thema noch eher versperrt, als der englische). Also, lest dieses Buch. Es ist nicht perfekt, aber es ist ein feel-good-Jugendbuch mit einigen wichtigen Botschaften und es macht Spaß. Und mehr muss es auch nicht sein.


Weitere Meinungen:

Rike Random | 4 Punkte

Fairytales | 5 Punkte

Skepsiswerke | 13/15 Punkten

Kommentare

  1. Hey!

    "Feel-Good-Roman" hach, das ist eine echt süße Beschreibung und noch viel besser als mein "Wohlfühl-Buch", obwohl es eigentlich genau das gleiche ist. ^^ Und ich finde deine Rezension mal wieder sehr gelungen! Schön ausformuliert, gut erläutert, nicht zu viel wegnehmend vom Inhalt her und neugierig machend! - Mir ist das mit der etwas flachen bis nicht vorhandenen Charakterentwicklung vorher nie wirklich aufgefallen, wenn überhaupt und ich hab das Buch nicht gelesen, aber zweimal das Hörbuch gehört (kann ich dir auch nur empfehlen, Blues Stimme ist wow! :D). Aber jetzt wo du es ansprichst, stimmt, da hast du Recht! Allerdings sehe ich das wie du, dass es dem Buch keinen sonderlich großen Abbruch tut. "Nur drei Worte" bleibt halt ein "Feel-Good-Roman" und ich denke genau das und sein queerer Protagonist machen es so liebenswert. Und jetzt bin ich umso mehr auf deine Meinung zu "The Upside of Unrequited" gespannt ;-)

    LG Hanna

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    1. Das habe ich schon auf dem Reader, da bin ich auch sehr gespannt drauf. Und auf das Spin-Off mit Leah, das bald rauskommt!

      Ich denke halt auch wirklich, dass mir die durchschnittlichen Sachen eher aufgefallen sind, weil ich mit mehr gerechnet habe. Deshalb habe ich auch immer richtig Probleme, gehypte Bücher zu rezensieren, weil ich nie sicher bin, wie ich es bewertet hätte, wenn ich keine so großen Erwartungen gehabt hätte.

      Aber "Nur drei Worte" ist einfach echt ein Buch, das ich sicherlich auch nochmal lesen werde, weil's einfach schön ist, auch, wenn nicht perfekt. <3

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  2. Hallo Kat,

    ich bin gerade durch Zufall auf deinem Blog gelandet und über diese Rezension gestolpert.

    Das Buch möchte ich auch noch unbedingt lesen, und deine Rezension bestätigt mich wieder darin. Allerdings ist der Hype irgendwie an mir vorbeigegangen, nicht an sich in seiner Existenz, aber auf die Weise, dass ich jetzt keine riesigen Erwartungen an das Buch habe, was allerdings gar nicht mal so schlecht zu sein scheint, wenn ich bei dir lese, dass das bei dir eher kontraproduktiv ist. Von daher werde ich da ganz entspannt drangehen, habe aber durch deine Rezension definitiv Lust darauf bekommen. :)

    Liebe Grüße,
    Dana

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