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"Schweig still, süßer Mund" von Janet Clark

Schweig still, süßer Mund | Loewe, 2012 | 978-3-7855-7274-0 | 358 Seiten | deutsch

Janas beste Freundin Ella ist verschwunden. Auch wenn die Polizei nicht an ein Verbrechen glaubt, steht für Jana eines fest: Ella würde niemals einfach so abhauen. Sie beschließt, auf eigene Faust zu recherchieren. Dabei kommen Dinge ans Tageslicht, die Jana an ihrer Freundschaft zu Ella zweifeln lassen. Und die sie in große Gefahr bringen, denn ihre Suche hat sie dem Täter nahe gebracht. Zu nah.

MEINE GEDANKEN

Was war denn das jetzt? Ich habe letztes Jahr Janet Clarks "Finstermoos"-Reihe sehr gemocht und wollte dann unbedingt noch andere Romane der Autorin lesen. Ob ich das nach "Schweig still, süßer Mund" noch weiter verfolge, oder ob ich nicht lieber einfach nochmal alle "Finstermoos"-Bände lese, weiß ich jetzt aber nicht. Zu Beginn fand ich "Schweig still, süßer Mund" nicht unbedingt realistisch (dazu gleich mehr), aber spannend: Janas beste Freundin Ella verschwindet spurlos und der Polizei sind die Hände gebunden, also beschließt Jana, auf eigene Faust herauszufinden, was mit Ella passiert ist. Was auf den ersten knapp 200 Seiten folgt, ist ein spannender Jugendbuchthriller, der mich wirklich gepackt hat. Gemeinsam mit Jana findet man immer mehr Schockierendes über Ella heraus, man zweifelt die Menschen in Janas Umfeld an, man möchte unbedingt wissen, was mit Ella passiert ist. Janet Clark hat einen eher eigenen, aber schönen Schreibstil und obwohl Jana mir oft zu naiv daherkam (auch dazu gleich mehr), hat sie mir als Heldin gut gefallen und ich konnte problemlos mit ihr mitfühlen und auch verstehen, weshalb sie manche zweifelhafte Entscheidung getroffen hat. Aber, und wie immer ist das kein schönes Aber, irgendwann dreht der Roman so sehr ins Unrealistische ab, dass es mir zu viel wurde. Janet Clark bricht mit einer Genrekonvention zu viel und was dabei herauskommt ist am Ende irgendwie kein YA-Thriller mehr.

THRILLER? EHER MELODRAMA

Die Sache ist ja, wenn Thriller auf einem Cover steht, möchte ich einen Thriller lesen und nicht unbedingt ein Teeniemelodrama. Leider ist "Schweig still, süßer Mund" am Ende aber nur noch das und das hat mich sehr enttäuscht. Janas verzweifelte Suche nach Ella, Ellas dunkle Geheimnisse, die Geheimnisse der Personen um Jana herum, das rückt alles in den Hintergrund sobald der Love Interest auftaucht und plötzlich ist "Schweig still, süßer Mund" eine verkitschte Liebesgeschichte mit ganz viel Drama, unglaubwürdigen Entscheidungen von Seiten aller Beteiligten und einer Auflösung, die ich einfach nur enttäuschend fand. Ich spoilere jetzt natürlich nicht, was am Ende passiert und wer der Täter ist, aber so viel muss ich sagen: Eine eiskalte Entführung mit "Das wollte er/sie doch aber eigentlich nicht" und "Eigentlich ist er/sie eine gute Person" abzutun, geht gar nicht. Was das mit der Psyche des Opfers macht, ob der Entführer jetzt eigentlich ein guter oder schlechter Mensch sein soll, mit den Psychen der Hinterbliebenden, das wird gar nicht genauer beleuchtet. Auch Ellas viele Geheimnisse fallen plötzlich unter den Tisch und Jana, die sich am Anfang noch so wunderbar nachvollziehbar belogen und hintergangen gefühlt hat, denkt gar nicht mehr darüber nach, wieso Ella mit diesen Sachen nicht zu ihr gekommen ist, das ist dann alles einfach okay.

Irgendwie spielt "Schweig still, süßer Mund" in so einer Zuckergusswelt, in der es zwischen gut und böse keine Abstufungen gibt. Wenn ein guter Mensch, wie Ella zum Beispiel, etwas Blödes macht, muss man das dann auch unbedingt vergeben und vergessen ohne auch nur nachzuhaken, denn die Intentionen waren ja gute. Das ist mir einfach viel zu seicht und zu schwarzweiß gedacht. Janet Clark baut hier wunderbare Konflikte auf, die mich fesseln konnten und nicht mehr losgelassen haben, doch sie verschwendet sie, weil sie später gar nicht mehr wichtig sind. Ich fand das auch schade, weil es Jana als Figur immer blasser werden lässt. Am Anfang ist sie ein ganz normales, noch recht naives Mädchen, in dem es kocht, weil ihre Mutter und Schwester ihr nichts zutrauen und sie bevormunden. Als sie dann noch rausfindet, dass ihre beste Freundin sie belogen hat, fühlt sie sich natürlich von allen Seiten hintergangen und das fand ich total spannend. Daraus hätte man sehr viel machen können, aber es fällt dann halt hinten über, weil "Schweig still, süßer Mund" im letzten Drittel diese "tragisches Liebesdrama"-Schiene fährt, was dem Roman meiner Meinung nach überhaupt nicht gut tut. Das Buch verliert sich und seine eigentliche Handlung total aus den Augen und tischt dann auch noch eine Lösung auf, die ich im Jugendbuch mehr als zweifelhaft finde.

Dass Jana mir hier und da viel zu naiv war, ist auch so eine Sache. Sie soll am Anfang wohl so sein und das finde ich auch einen interessanten Ausgangspunkt für den Roman, aber Jana lässt sich wirklich alles erzählen und sie denkt auch kaum selbst nach. Am Anfang war ich gemeinsam mit Jana sauer auf ihre Mutter, die sie bevormundet und ihr nicht zutraut, abends mal länger wegzubleiben oder im Dunkeln allein nach Hause zu gehen, aber nachdem die siebzehnjährige Jana dann allein zu einem erwachsenen Mann nach Hause gegangen ist, zu einem anderen ins Auto gestiegen und mit ihm aus der Stadt rausgefahren ist und spontan die Polizei belügt und sich und ihre Freunde in Gefahr bringt, konnte ich ihre Mutter verstehen. Die hat einfach erkannt, dass Jana noch nicht so weit ist und noch einiges darüber lernen muss, das nicht alle, die nett tun, auch nett sind. Meine Lieblingsfigur war dann auch Janas Schwester Miriam, die sich genau wie Janas Mutter Sorgen macht. Am Anfang war mir Miriam viel zu vorsichtig, aber auch sie konnte ich immer besser verstehen und sie wirkte ein bisschen wie der vernünftige Pol zu Janas naiven Spontanentscheidungen, weshalb ich mir manches Mal gewünscht hätte, Miriam wäre die Heldin gewesen und nicht Jana.

ALLE DOOF AUßER JANA!

Ein bisschen zu dick aufgetragen waren mir auch die vielen Wiederholungen und die Tatenlosigkeit der Polizei. Ich weiß, dass man eine Volljährige nicht einfach vermisst melden kann und ich fand es auch eine super Idee, dass Janet Clark das genutzt hat. Ella ist achtzehn und die Polizei muss davon ausgehen, dass sie eben einfach ein paar Tage untergetaucht ist. Leider kam mir das dann aber irgendwann total übertrieben vor: Ella antwortet nicht auf Nachrichten, ihr Handy ist aus, sie hat ihre Wohnung anscheinend überstürzt verlassen, sie taucht in der Schule nicht mehr auf, sie hat keine Verabredungen oder Theaterproben abgesagt und ist eben einfach weg... Und die Polizei redet immer noch davon, dass kein Verdacht auf Gefahr für Leib und Leben besteht, auch Janas Mutter spekuliert herum, dass Ella bestimmt einfach ein paar Tage weggefahren ist und das kam mir so unglaublich unrealistisch vor. Dass es für die Polizei trotz aller Hinweise nicht ausreicht, hätte ich noch gerade so hinnehmen können, aber, dass sich außer Jana wirklich niemand Sorgen macht, wenn eine Achtzehnjährige einfach so spurlos verschwindet, fand ich leider zu unrealistisch. Es gab null Indizien dafür, dass Ella im Urlaub ist und dutzende dafür, dass sie entführt wurde und keiner außer Jana hat diese Möglichkeit auch nur in Betracht gezogen. Schon klar. Ich hatte oft das Gefühl, dass Janet Clark ganz klar machen wollte, was hier passiert, das aber leider einfach übertrieben hat, weshalb es nicht mehr glaubwürdig wirkt.

Alles in allem ist "Schweig still, süßer Mund" ein guter Jugendbuchthriller, bis es das eben nicht mehr ist. Janet Clark baut ein wunderbares Geflecht aus Lügen, Geheimnissen und Verstrickungen auf, doch leider verliert es sich im letzten Drittel des Romans total im Liebesdrama und präsentiert dann so abstruse und an den Haaren herbeigezogene Auflösungen, dass ich nur noch enttäuscht zurückgeblieben bin. Ich glaube, dass Leser, die Spaß an großen Liebesgeschichten im Jugendbuch haben, mehr Spaß mit "Schweig still, süßer Mund" haben könnten, aber wer wirklich einen Thriller lesen möchte, wird wohl enttäuscht werden. Da mir die Figuren, der Aufbau der Geschichte und auch der Schreibstil bis zu einem gewissen Punkt so gut gefallen haben, finde ich es wirklich schade, keine Empfehlung aussprechen zu können, doch da mich das Ende wirklich sehr enttäuscht hat und ich die Erklärungen am Ende auch ethisch leicht zweifelhaft fand, reicht ein guter Anfang eben nicht aus, um das Buch trotzdem lesenswert zu machen. Janet Clark ist eine tolle Autorin. Ihre "Finstermoos"-Bücher haben mir wie gesagt sehr gut gefallen und ich wette, dass auch ihre anderen neuen Romane gut sind. Irgendwann werde ich ihnen auch gewiss noch eine Chance geben, aber von ihrem Jugendbuchdebüt bin ich leider sehr enttäuscht. Von mir gibt es zwei Tassen für den sehr guten Anfang, doch da der Roman danach nicht mehr viel Schönes bereithält, reicht es leider nicht für mehr.

1 Kommentar

  1. Hallo Kat,

    ich habe dieses Buch vor vier, fünf Jahren oder so gelesen und mochte es damals auch nicht wirklich - wenn ich mir so deine Rezension durchlese, weiß ich auch wieder, warum. :D Seitdem habe ich auch nicht wirklich das Bedürfnis, etwas anderes von der Autorin zu lesen. :x

    Deine Meinung finde ich aber sehr nachvollziehbar, ausführlich und gut erklärt dargestellt, Kompliment dafür. ;)

    Liebe Grüße,
    Dana

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