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"Wolfsrudel" von Floortje Zwigtman

Wolfsrudel | Gerstenberg, 2006 | 978-3-8067-5117-8 | 512 Seiten | deutsch | Niederländische OA:  Wolfsroedel, 2002

Irgendwann im 19. Jahrhundert in der Walachei: Angewidert vom ärmlichen Dorfleben schließt sich Ion dem »Wolfsrudel« an: einer Bande jugendlicher Räuber, die auf einer verlassenen Klosterinsel Unterschlupf findet. In der Klosterkirche stoßen die Jungen auf ein altes Fürstengrab und plündern es. Es ist das Grab von Vlad Tepes, auch Dracula genannt. Über der Aufteilung der Beute kommt es zum Streit. Das Wolfsrudel teilt sich in zwei Banden, die sich von nun an bis aufs Messer bekämpfen. Zu der einen Bande, die von Lupu, dem brutalen »Wolf«, geführt wird, gesellt sich ein alter Einsiedler. Er wird ihr Ratgeber und manipuliert sie bald schon nach seinen Wünschen. Auch die Bande von Vulpe, dem schlauen "Fuchs", hat einen solchen Ratgeber, einen alten Schäfer. Ion ist entsetzt über den immer erbitterter geführten Kampf zwischen seinen alten Freunden. Er versucht, im Strudel der Gewalt nicht unterzugehen....

MEINE GEDANKEN

Ich habe mich heute aufgrund eines Kommentars nochmal mit meiner Rezension zu "And I Darken" auseinandergesetzt und mich dabei ertappt, wie ich mir gewünscht habe, einen Roman zur Geschichte des Vlad Tepes zu kennen, der ein bisschen weniger locker mit dem Thema umgeht. Und dann hat es ein bisschen gerattert und "Wolfsrudel" ist mir wieder eingefallen, ein Roman, den ich bestimmt vor rund sieben Jahren zum ersten Mal gelesen habe - und der nicht loslässt, denn kaum hatte ich den Roman wieder im Kopf, kamen auch all die aufwühlenden Emotionen und Gedanken zurück, die den Roman damals für mich so außergewöhnlich gemacht haben. Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass er für mich ein Stück historische Literatur ist, das meinen Geschmack was Romane angeht und mein eigenes Schreiben stark beeinflusst hat. "Wolfsrudel" ist schon ziemlich krass. Düster, nachdenklich, kompliziert, ziemlich ungewöhnlich. Es ist ganz klar ein historischer Roman, entführt in die Walachei im neunzehnten und im fünfzehnten Jahrhundert, aber ganz sicherlich kein typischer und auch irgendwie einfach mehr als das. Ich habe mich etwas gesträubt, den Roman als Fantasy zu labeln, weil er da auch nicht wirklich reinpasst, aber ein Stück weit steckt hier auch historische Phantastik mit drin, aber eben nicht so, wie man sich das jetzt vorstellen könnte.

DIE GUTEN, DIE BÖSEN & ALLE DAZWISCHEN

Der Roman beginnt vergleichsweise harmlos: Ion und seine Freunde sind die Söhne rumänischer Bauern und haben ihren Alltag satt, weshalb sie sich einer berüchtigten Räuberbande anschließen, die die Gegend unsicher macht. Was am Anfang nach Abenteuergeschichte und Jugendroman klingt, verwandelt sich aber ziemlich bald in eine epische Geschichte rund um einen Bruderzwist, der alle Beteiligten ins Verderben zu reißen droht, denn die Bande bricht auseinander, nachdem sie das lang verlorene Grab des Woiwoden Vlad Drăculea, auch bekannt als Vlad Tepes, entdeckt - und plündert. Die Brüder Lupu und Vulpe führen die nun konkurrierenden Banden an und es entsteht ein brutaler Krieg, in dem Zwigtman gekonnt den Zwist zwischen Vlad Drăculea selbst und seinem Bruder Radu spiegelt, einem der wichtigsten Kapitel der rumänischen Geschichte. "Wolfsrudel" spielt somit auf zwei Zeitebenen: Großteils erzählt Ion aus der Ich-Perspektive, was im neunzehnten Jahrhundert geschieht, doch es gibt immer wieder eingestreute Kapitel aus dem fünfzehnten Jahrhundert, in denen Vlad und Radu selbst schildern, was damals passiert ist und das wunderbar detailliert und nuanciert, bis alles zusammenfindet. 

Vlad Drăculea, der Pfähler, darf seine grausame Seite auch zeigen, doch Floortje Zwigtman verzichtet darauf ihn nur als das Monster darzustellen, als das er in die (nicht-rumänische) Geschichte eingegangen ist. Sie lässt ihn selbst erläutern, weshalb er ist, wer er ist und welche politischen und persönlichen Ereignisse ihn geformt haben. Dass sie auch Radu eine Stimme gibt, hat mich noch am meisten gefreut, und dass sie seine Beziehung zu Mehmed II. kritisch beleuchtet, umso mehr. Was ich an "Wolfsrudel" so stark finde ist, dass es Zwigtman gelingt die unzähligen politischen Verwicklungen, Vlad Drăculeas politische Lage, sowie Radus hohe, aber unsichere Position am osmanischen Hof und die Konkurrenz der Brüder komplex und gleichzeitig verständlich zu schildern, sodass man auch ohne Vorwissen über die Epoche an den Roman herangehen kann und mit einem recht umfangreichen Verständnis ausgestattet ist, wenn man das Buch dann nach den rund 500 Seiten zuklappt. Ihr Gespür dafür Geschichte in ihren Romanen nicht nur zu erklären, sondern auch erlebbar zu machen, hat mir schon an ihren viel bekannteren "Adrian Mayfield"-Romanen so gut gefallen, und auch hier gelingt es ihr, nicht nur ihre Geschichte lebendig und mitreißend zu erzählen, sondern auch die historische Walachei mit ihrer Kultur und ihren Konventionen vor dem inneren Auge aufleben zu lassen.

Auch, wenn man das manchmal gar nicht so sehr möchte - denn das "Wolfsrudel" schreckt vor Gewalt nicht zurück. Der Roman stand damals oft in der Jugendbuchabteilung, aber ich finde nicht unbedingt, dass er da hingehört hätte, denn Floortje Zwigtman beschreibt hier oft ziemlich krass und ohne Zuckergussschicht, wie Macht Menschen korruptieren kann und wie aus ganz gewöhnlichen Bauernjungen brutale Räuber und Mörder werden. Das ist auch der Fokus, den "Wolfsrudel" setzt. Es entstehen beim Lesen viele Gedanken im Kopf, die auch nicht allzu bald abklingen, wenn man das Buch ausgelesen hat: Was macht einen Menschen böse? Und haben wir wirklich immer eine Wahl? Dieser Konflikt zwischen gut und böse nimmt besonders im letzten Teil des Romans viel Raum ein und der Punkt, der diesen Roman so kompliziert - und großartig - macht, ist, dass man nicht immer weiß, auf wessen Seite man sein soll, wer jetzt gut oder böse ist und ob es so eine Unterscheidung am Ende überhaupt noch geben kann. Selbst Ich-Erzähler Ion trifft einige zweifelhafte Entscheidungen, doch was ich persönlich am tragischsten fand, war durch seine Augen mit ansehen zu müssen, wie sein bester Freund Vulpe immer unmenschlicher wird, ohne, dass Ion etwas dagegen tun kann. 

EIN UNGEWÖHNLICHER GENREMIX

Wenn ich etwas kritisieren müsste, dann wohl, dass der Roman durchaus seine Längen hat. Besonders am Anfang kommt die Geschichte nicht direkt in Gang und auch später kommt es noch hin und wieder vor, dass die Autorin sich in Abhandlungen ergeht, die für die eigentliche Geschichte gar nicht so viel Bewandnis haben. Trotzdem zieht "Wolfsrudel" jedoch schnell in seinen Bann und sobald die Parallelen zu Vlad und Radu deutlicher werden, wird das Ganze irgendwann auch richtig episch, sodass man die wenigen Längen auch in Kauf nimmt. Über das phantastische Element möchte ich jetzt gar nicht so viel mehr sagen, als dass es da ist, denn ich finde, es kommt als ziemlich gut gemachter Twist. Deshalb habe ich auch den Klappentext ein wenig gekürzt, denn der ist im Original so ausführlich, dass nicht mehr viel fehlt, und das Ende wäre auch noch verraten worden. Ich denke, ich kann sagen, dass man ein bisschen Phantastik nicht abgeneigt sein sollte, um "Wolfsrudel" zu mögen, denn obwohl das Ganze am Ende eher subtil gemacht ist, ist es für die Geschichte an sich doch ziemlich wichtig. Floortje Zwigtman vermengt hier aber sehr gekonnt historische Begebenheiten, eine düstere und brutale Abenteuergeschichte und phantastische Elemente zu einem mitreißenden und durchaus auch bedrückenden Kampf zwischen gut und böse, wobei die Grenzen eindeutig verwischt sind. 

Alles in allem ist "Wolfsrudel" ein schwieriger Roman, keine Frage. Er wird nicht jedem Fan historischer Geschichten gefallen, er ist brutal und manchmal etwas abstrakt, wenn es um die Frage geht, auf wessen Seite man jetzt eigentlich sein sollte und besonders die phantastischen Elemente sind sicherlich nicht jedermanns Sache. Aber wer sich auf die ungewöhnliche Mischung einlassen mag, mit beklemmenden Gewaltdarstellungen umgehen kann und vor allem Lust auf einen historischen Roman hat, der die Geschichte der Walachei und den Werdegang von Vlad Drăculea und seinem Bruder Radu detailliert und lebendig schildert, der sollte diesem eher unbekannten Roman doch eine Chance geben. Eine Empfehlung möchte ich in dem Sinne vielleicht nicht aussprechen. Ich liebe dieses Buch, aber ich kann wirklich nicht sagen, dass es jeder gelesen haben sollte, aus den oben genannten Gründen. Ich kann aber sagen, dass jeder, den das Buch interessiert, es ruhig damit versuchen sollte. Es ist ungewöhnlich, aber das kann ja auch etwas sehr Gutes sein. Und hier ist es das auch. Von mir gibt es 4.5 Punkte für gelungene und detailreiche historische Fiktion, die jedoch leider ein paar Längen hat.

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