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"Cavaliersreise" von Mackenzi Lee

Cavaliersreise | Königskinder, 2017 | 978-3-551-56038-4 | 496 Seiten | deutsch | Amerikanische OA: The Gentleman's Guide to Vice and Virtue, 2017

Gab es je ein abschreckenderes Beispiel für junge Bildungsreisende als Sir Henry Montague? Nach Montys Cavaliersreise wird der englische Adel seine Sprösslinge bestimmt nie wieder auf den Kontinent schicken! Irgendwie ist Monty immer in eine Tändelei verwickelt oder betrunken oder zur falschen Zeit am falschen Ort nackt (in Versailles! Am Hof des Königs!). Zwischen Paris und Marseille verlieren Monty, Percy und Felicity auch noch ihren Hofmeister, kämpfen gegen Wegelagerer und Piraten, gegeneinander (Monty und Felicity) oder gegen ihre Gefühle füreinander (Monty und Percy). Aber am Ende dieser abenteuerlichen Reise finden sie alle drei nicht nur zueinander, sondern auch zu sich selbst.

MEINE GEDANKEN

Ich schreibe diese Rezension nun zum zweiten Mal, denn mit der Rezension, die hier zuerst stand, war ich nie wirklich zufrieden. Denn es ist so: Es gibt viel an „Cavaliersreise“, das mich stört. Aber ich zähle den Roman trotzdem zu meinen Lieblingsbüchern. „Cavaliersreise“ ist ein wichtiges Buch: Nicht nur ist es ein sehr humorvoller Roman, der sich trotz beinahe 500 Seiten regelrecht einatmen lässt, er macht auch etwas, das mir sehr wichtig ist. „Cavaliersreise“ ist ein historischer Roman, der alle Genrekonventionen aus dem Fenster wirft und nicht nur einen diversen Cast mitbringt, sondern auch seine queeren Figuren glücklich werden lässt. Mackenzi Lee schreibt hier ganz bestimmt keinen typischen historischen Roman. „Cavaliersreise“ ist, wie ich es in der alten Rezension im Fazit gesagt habe, der Punk unter den Histos: Bunt, wild, lustig, und die Autorin macht, was sie will, was im Großen und Ganzen auch gelingt. Am Ende ist „Cavaliersreise“ überzeugende queere Young Adult und ein wichtiges Buch, das hoffentlich den Stein ins Rollen bringt und mehr queere historische Romane inspiriert. Aber als Histo lässt „Cavaliersreise“ leider etwas zu wünschen übrig. Und während das den meisten LeserInnen egal sein kann, stört mich das.

ICH WOLLTE MEHR GLITZER, OKAY?

Der Roman öffnet mit der lapidaren Zeitangabe 17— und genau darauf muss man sich auch einstellen, wenn man „Cavaliersreise“ liest. Es ist nicht so, als wäre der Roman nicht gut recherchiert, denn das ist er, oder historisch inauthentisch, denn so ist es auch nicht. Aber er bleibt vage. Das Rococosetting, das Lee im Nachwort auf die 1720er festlegt, wird kaum genutzt und eigentlich hätte der Roman auch in den 1780ern, 1830ern oder 1870ern spielen können, ohne, dass man – bis auf den Anfang am französischen Hof – allzu viel hätte ändern müssen. Und das ist nicht meins – aber das ist auch mein Problem, denn es ist ja gewollt. Ich hätte mir persönlich mehr Glitzer und Rococo-Glam gewünscht. Der selbstverliebte Ich-Erzähler, Monty, hätte als barocker Macaroni wunderbar funktioniert und ein bisschen mehr historisches Detail hätte der Geschichte noch ein bisschen mehr Pfiff gegeben. Aber, wie gesagt, das ist mein Problem. Denn das, was Mackenzi Lee hier macht, geht wunderbar auf. Sie fährt die Epoche zwar auf das nötigste runter und ihre Figuren benehmen sich ziemlich modern für das Setting, doch daraus kann ich ihr keinen Vorwurf machen, denn sie macht das mit voller Absicht und sie macht es gut. Ein lustiger, moderner historischer Roman für moderne Jugendliche halt, so ähnlich wie "My Lady Jane" von Hand, Ashton und Meadows, wenn auch nicht ganz so abgefahren. Aber abgefahren genug. 

Kleider von ca. 1725 und ca. 1740, Met Museum
Das einzige, das ich daran wirklich kritisieren möchte, ist, dass historische Einstellungen zu Queerness, Rassismus und Misogynie weitesgehend auf der Strecke bleiben. Auch die trägt Lee im Nachwort nach, aber ich frage mich halt, wieso das nicht direkt im Roman vorkommt. Nicht falsch verstehen: Der Umgang mit diesen Themen ist generell wirklich gelungen und einer der Pluspunkte des Romans: Lee arbeitet nicht nur Bi- und Homophobie und Rassismus vor historischer Kulisse auf, sondern auch den Umgang mit Beeinträchtigungen und Traumata, was mir sehr gefallen hat. Aber ihr Blickwinkel auf diese Problematiken ist durch und durch modern und vielleicht soll das auch so sein, denn die Botschaften kommen an. Aber dass Lee die historischen Hintergründe kennt, beweist das Nachwort und das, was sie dort aufführt, fehlt mir persönlich im Roman ein bisschen. Dass Lee dabei jedoch den Humor nicht zu kurz kommen lässt, macht „Cavaliersreise“ zu einem besonderen Roman, den ich LeserInnen auf der Suche nach queeren Helden abseits von Contemporary Romance trotz dieses kleinen "Problems" echt ans Herz legen möchte. Mich stört halt aber besonders der eher lapidare Umgang mit Montys Bisexualität, denn irgendwie ist die immer nur ein Problem, wenn es Lee gerade in den Plot passt, wovon ich kein Fan bin. Dass Monty zu seiner Sexualität steht und glücklich werden darf, ist super. Aber, dass Lee historischen Umgang mit Queerness großteils einfach ignoriert, hat mir nicht gefallen. In einer Szene beinahe am Anfang knutschen Percy und Monty wild in einer Theaterloge herum, als wäre es völlig egal, ob sie jemand dabei beobachtet – und… nee.

Für einen Roman, der immer wieder betont, wie sehr Percy für seine Hautfarbe diskriminiert wird, sind die fehlenden sozialen Konsequenzen, was Montys und Percys Queerness angeht, irgendwie enttäuschend. Historische Romane, in denen die HeldInnen trotz Queerfeindlichkeit ihrer Zeit glücklich werden können, sind ja gerade so toll, weil sie zeigen, dass man trotz aller Hindernisse sein Glück finden kann. Die ganze Figur des Percy funktioniert so gut, weil er trotz Rassismus und Ableismus seiner Zeitgenossen über sich hinauswächst und sein Ding durchzieht. Das macht Mut. Dass Montys Bisexualität dann aber immer nur ein Problem ist, wenn es gerade in den Plot passt, und die Queerfeindlichkeit der 1700er beinahe schon verharmlost wird, fand ich deshalb eher suboptimal, denn was Lee bei Percy richtig macht, spielt sie bei Monty irgendwie total runter. Sie präsentiert uns Monty als den typischen weißen Mann, dem alle Türen offen stehen und der seine eigenen Privilegien nicht erkennen kann, was ich genial gemacht fand. Aber Monty ist queer. Und irgendwie fehlt mir da was, wenn runtergespielt wird, was das für queere Menschen der Vergangenheit bedeutet hat und was historische queere Identität überhaupt ausmacht – über „Ich schlafe mit so vielen Frauen und Männern, wie ich kann“, wie Monty es praktiziert, hinaus, was auch ehrlich gesagt ein eher unschönes Klischee zu bisexuellen Menschen ist. Also ja, dass Lees queere Helden glücklich werden, tolle Figuren sind und über sich hinauswachsen dürfen, ist großartig. Aber ganz rund finde ich das alles nicht gemacht und besonders der Kontext zu queerer Identität und queerer Szene der Epoche fehlt einfach und hätte dem Besuch viel gegeben.

PROBLEME? JA. SCHLIMM? GEHT SO.

Darüber hinaus hatte ich riesige Probleme mit der Figur der Felicity, Montys Schwester, denn sie ist die Klischeefeministin des historischen Genres: Sie hält nichts von Ballkleidern und Ehemännern (Nachtrag: Die Autorin hat mitgeteilt, dass Felicity ace ist, was ich großartig finde. Im Roman kommt das leider nicht richtig raus, was ein bisschen schade ist, aber Band Zwei ist aus Felicitys Sicht erzählt und ich denke mal, dass Mackenzi Lee das dort nachliefern wird), lehnt alles weiblich konnotierte ab und will natürlich Ärztin werden, darf aber nicht, weil sie eine Frau ist. Leute, wenn ich aufzählen müsste, wie oft ich das im historischen Roman schon gelesen habe, wir säßen morgen noch hier. Darüber hinaus wirkt Felicity sehr stur und jähzornig, muss immer mit dem Kopf durch die Wand und, so sehr sie Percy unterstützt und Monty kritisiert, wenn er wieder einmal nicht erkennt, warum Percy anders behandelt wird, als er, so wenig kann sie sehen, dass auch Monty es nicht leicht hat, was mich nach einiger Zeit wirklich gestört hat. Die beiden raufen sich zwar bald zusammen, aber ihre Ignoranz Montys Problemen gegenüber fand ich eine Spur dick aufgetragen. Vielleicht mag ich Felicity nicht, weil sie so ein Klischee ist, aber ich bin mit ihr überhaupt nicht warm geworden. Dass sie sich nicht einmal für einen eleganten Theaterbesuch schön anzieht zum Beispiel, hat mich mit den Augen rollen lassen, weil es nicht nur ein Klischee ist, sondern sie damit als Adelige auch niemals durchgekommen wäre. Felicity ist irgendwie einfach over the top und hätte mit etwas weniger dick aufgetragenen Klischees auch funktioniert.

Ich habe jetzt viel kritisiert, aber am Ende überwiegen die positiven Punkte einfach so haushoch, dass ich das alles zwar mit Bauchgrimmen bemerkt, aber gern ignoriert habe. Allein Mackenzi Lees Humor ist es wert, dass man dieses Buch liest. Ich habe Monty zwar nicht mögen können, da er ein selbstverliebter Idiot ist, aber ich fand seine Ich-Perspektive zum Schreien komisch und das ist ja auch was. Monty hat großes Fremdschämpotential und es macht schon Spaß, ihm zuzusehen, wie er zu sich selbst findet und vor allem lernt, sich auch mal um andere zu scheren. Ich hätte es besser gefunden, wenn dieses Buch nicht Marke „Der weiße Held muss lernen, warum die Leute seinen schwarzen Freund anders behandeln“ gewesen wäre, doch da auch Percy eine großartige und vielschichtige Figur ist – und für mich der heimliche Star dieses Romans – und sich von Monty nichts gefallen lässt, geht das ganze am Ende gut und Lee gelingt hier etwas sehr wichtiges: Sie geht soziale Probleme mit Humor an und lässt die von Diskriminierung betroffenen Helden glücklich werden. Sie schreibt einen verdammt unterhaltsamen Roman, der mitnimmt, ans Herz geht und einen laut lachen lässt, der aber auch mühelos ernste Themen anspricht und sensibel behandelt.

Ich wünsche mir einfach mehr historische Romane wie „Cavaliersreise“. Historische Romane, in denen marginalisierte Figuren die HeldInnen sind und nicht an Diskriminierung zerbrechen. Mehr historische Romane, die nicht nach der guten alten Histo-Formel funktionieren und ihr eigenes Ding durchziehen. „Cavaliersreise“ ist im Moment jedoch allein auf weiter Flur und allein das macht ihn so wichtig. Für mich als Histofan mag der historische Hintergrund nicht überzeugend gewesen sein und ich hatte meine Probleme mit Felicity und der etwas verharmlosenden Darstellung von Queerfeindlichkeit im achtzehnten Jahrhundert, aber: Das sind meine Probleme, denn das Buch, das ich in „Cavaliersreise“ sehen wollte, will der Roman gar nicht sein und muss er auch nicht. Er ist eben doch ein Punk, zieht sein Ding durch und bringt dabei nicht nur zum Lachen und zum Nachdenken, sondern behandelt auch sehr sensibel und gekonnt wichtige soziale Themen – auf moderne Weise vor historischer Kulisse. Und das macht er so genial, dass ich ihn trotz der Probleme zu meinen Lieblingsbüchern zähle und jedem, aber auch wirklich jedem, auf der Suche nach queeren Histos oder ganz generell Romanen mit gut umgesetzter Diversity, ans Herz legen möchte.


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