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"Das blaue Medaillon" von Martha Sophie Marcus

Das blaue Medaillon | Bastei Lübbe, 2017 | 978-3-404-17564-2 | 399 Seiten | deutsch

An einem einzigen Tag gerät Alessas Leben völlig aus den Fugen. Ihre Tante stirbt, kurz nachdem sie ihr ein geheimnisvolles Medaillon gegeben hat. Am selben Abend wird ihr Großvater ermordet, der sie nach dem Tod ihrer Eltern großgezogen und zur Diebin ausgebildet hat. Alessa selbst entgeht nur knapp einem Anschlag und flieht mit Mühe und Not aus Venedig. Ihr Ziel: Celle, wo ihr einziger verbliebener Verwandter lebt. Doch auch hier, am Hof des Herzogs von Braunschweig-Lüneburg, ist sie nicht sicher. Der Mörder ihres Großvaters ist ihr dicht auf den Fersen, und er ist nicht der Einzige, der es auf das Medaillon abgesehen hat ..

MEINE GEDANKEN

Ich muss zugeben, ganz am Anfang hatte ich meine Probleme mit "Das blaue Medaillon", denn direkt auf den ersten Seiten kletterte Alessa ganz in schwarz gekleidet - ihre Arbeitskleidung hat sie natürlich selbst designed - an einer Fassade hoch, öffnete ein Fenster mit Hilfe eines Diamantschneiders und stieg in ein Haus am Canal Grande ein, um eine Geldkassette zu stehlen. Und das ganze las sich irgendwie eher nach Mission Impossible, als nach Venedig im Jahr 1667. Klar wird es auch damals Gaunerinnen gegeben haben, die sich ihren Lebensunterhalt zusammen geklaut haben, aber so? Naja, ich habe es dann einfach so hingenommen und weitergelesen, denn mich hat an diesem Roman am allermeisten gereizt, dass er am Hof des Herzogs von Braunschweig-Lüneburg spielt, weil ich ursprünglich aus der Region komme und sowas daher immer interessant finde. Außerdem liebe ich historische Romane, die mal nicht großes Familien- oder Politikepos sein wollen, und als Abenteuerroman voller Intrigen hat "Das blaue Medaillon" mich da natürlich gereizt. Nach dem Tod ihrer geliebten Tante und ihres Großvaters flieht Alessa also nach Celle, wo ihr Cousin lebt, den sie seit Jahren nicht gesehen hat. Und da wird es dann wirklich spannend, denn ein deutscher Herzogshof hält für eine mittellose Italienerin so einige Fallen bereit, selbst dann, wenn einem nicht auch noch ein skrupelloser Auftragskiller folgt.

VIEL ACTION, WENIG BAROCK

Ich hatte gedacht, dass "Das blaue Medaillon" ein historischer Thriller sein würde, doch das ist es eigentlich nicht, sondern eher ein ziemlich typischer historischer Roman - was ja nichts schlechtes sein muss! Mit Alessa Feretti, der einundzwanzigjährigen Heldin, lernt man direkt eine wunderbar clevere und selbstbewusste Heldin kennen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt, und auch die Familie Sartori, eine Familie von venezianischen Schaustellern, mit denen Alessa an den Hof von Herzog Georg Wilhelm reist, hat mir richtig gut gefallen. Die Figuren machen "Das blaue Medaillon" eigentlich erst so richtig lesenswert, denn von Anfang an kann man mit Alessa mitfiebern und wünscht ihr alles Gute. Leider fand ich jedoch den Hauptmann Arthur Kühne, der sich direkt bei seinem ersten Auftreten bereits als Alessas Love Interest enttarnt, etwas blass. Er sieht natürlich toll aus, ist bescheiden, pflichtbewusst und ehrlich und somit alles, was man sich als Histoheldin nur wünschen kann - für mich war er aber langweilig, so ganz ohne Ecken und Kanten. Selbst, dass er Alessa im Auftrag des Herzogs bewacht, hat nicht wirklich Spannung in die Sache gebracht, weil einfach von vorn herein klar ist, dass Arthur viel zu gutmütig ist, um Alessa schaden zu können. So spitzelt Arthur halt ein bisschen herum, aber man muss sich um ihn keine Sorgen machen.

Das ist aber auch ganz okay so, denn so stiehlt er Alessa nicht die Schau, denn trotz meiner Anfangsschwierigkeiten, fand ich sie großartig. Sie ist einfach keine von diesen pseudostarken Frauen im historischen Roman, die dann doch abwarten, dass jemand sie retten kommt, wenn es brenzlig wird, und benutzt auch eher ihr Hirn, um sich selbst zu helfen, als rohe Gewalt. Ich fand Alessa einfach erfrischend selbstständig und trotzdem überzeugend für eine Venezianerin des siebzehnten Jahrhunderts. Sie wirkt trotz der Diamantschneidergeschichte vom Anfang im Laufe des Romans nicht, als hätte man einfach eine moderne junge Frau ins Jahr 1667 geworfen. Darüber hinaus fand ich die historische Atmosphäre jedoch leider ein bisschen dürftig. Martha Sophie Marcus kann wirklich schreiben, aber sie hat bei den Beschreibungen in diesem Roman wirklich etwas gespart. Dabei bieten die Hofmode der 1660er, das Celler Schloss und besonders die venezianischen Kostüme der Schauspieler Unmengen an Stoff, um mithilfe von Beschreibungen eine dichtere Atmosphäre zu erlangen. Leider blieb das alles sehr vage und hat mich teilweise auch verwundert, wenn zum Beispiel ständig von aufgetürmten Fontagnefrisuren die Rede war, wo Haartrachten in den 1660ern eher in die Breite gingen und die Fontagne erst in den 1680ern aufkam. Das ist ein sehr persönlicher Punkt, weil die 1660er zu meinen Lieblingsjahrzehnten gehören, was Zeitgeist und Mode angeht, aber ich habe einfach die hochbarocke Stimmung vermisst und mich gewundert, weshalb besonders die Mode oft anachronistisch wirkte, was ja leicht zu vermeiden gewesen wäre.

Links: Mary Bagot, ca. 1670, Rechts: Prinzessin Anne, ca. 1690 mit Fontagnefrisur
Überhaupt kam mir der Roman oft vor, als wäre der Hof von Georg Wilhelm ein Vakuum, an das kein Wort über das zeitgenössische politische Geschehen vordringt. Klar muss man in einen historischen Roman nicht jedes einzelne Ereignis quetschen, das in der Zeit so passiert ist, aber zumindest die regionalen Ereignisse hätten bei Hof doch sicherlich diskutiert werden können. Die Spannungen und Probleme innerhalb der Herzogsfamilie waren sehr spannend und verständlich dargestellt, doch alles, was darüber hinaus gegangen wäre, fehlte mir ein bisschen. Vielleicht verlange ich da aber auch zu viel von einem Roman, der eher Court Intrigue und Abenteuerroman sein möchte, als politischer Epos. Und hey, ich liebe Court Intrigue! Und so war Alessas Flucht vor dem brutalen Auftragsmörder Mezzanotte auch super spannend, genauso wie die Konflikte bei Hof - ob nun zwischen Alessa und den Sartoris, oder auf höherer Ebene, zwischen den Brüdern Georg Wilhelm und Ernst August, die ein auf einem erbrechtlichen Streit basierendes, eher angespanntes Verhältnis verbindet. Und dann wäre natürlich noch das blaue Medaillon selbst zu nennen, das Alessa schnell abhanden kommt und das sie wiederbekommen muss, da es ebenfalls seine Geheimnisse birgt. All das hat einfach Spaß gemacht und obwohl sich "Das blaue Medaillon" in der Mitte etwas zieht - etwas weniger Hofleben und Theaterspiel und etwas mehr Handlung hätte ich besser gefunden - reißen der spannende Anfang und vor allem auch das mitreißende Ende das allemal raus.

SPANNENDES ABENTEUER, LAUWARME ROMANZE


Wirklich gestört hat mich allerdings höchstens die Liebesgeschichte, weil sie mir zu platt daherkam. Alessa und Arthur wechseln gerade mal ein paar Worte miteinander, bevor sie schon miteinander rumknutschen und Alessa darüber nachdenkt, sich ihm hinzugeben, was mir einfach zu schnell ging. Wo war das Kennenlernen und sich ineinander verlieben? Generell kam es mir vor, als würde die Beziehung der beiden nur auf dem Körperlichen beruhen. Die Worte "Erregung" und "Hitze" liest man nämlich ständig, wenn Alessa an Arthur denkt oder Arthur an Alessa und da habe ich schon hin und wieder die Augen verdreht. Ich habe auch im historischen Roman natürlich kein Problem damit, wenn Figuren sich einfach nur sexuell zueinander hingezogen fühlen, ehrlich gesagt hätte ich das sogar erfrischend gefunden, weil es mal was anderes gewesen wäre, aber die Autorin will mir ja gerade verkaufen, dass Alessa total in Arthur verliebt ist, während Alessa aber einfach nur scharf auf ihn ist, mehr nicht. Leider legt sich das auch nicht und die gesamte Beziehung der beiden kreist darum, wie heiß sie sich finden und, dass sie kaum die Finger voneinander lassen können, aber die angebliche Verliebtheit merkt man ihnen gar nicht an. Besonders stark fällt das im Kontrast zu Eleonore von Harburg und Herzog Georg Wilhelm auf, denen man sofort abnimmt, dass sie sich sehr lieben. Diese (historisch auch noch belegte) Liebesgeschichte am Rande fand ich um Längen überzeugender und schöner zu lesen.

Das finde ich wirklich schade, weil es eben auch einfach unnötig ist. Ein Abenteuerroman über eine Meisterdiebin, die am Herzogshof in Intrigen verwickelt wird, hätte keine Romanze gebraucht und schon gar keine platte, eher hingeschluderte, bei der keinerlei Funken überspringen. Naja, wenigstens ist Arthur, wenn er schon zweidimensional ist, wenigstens nett und behandelt Alessa anständig, was ja leider auch keine Selbstverständlichkeit im historischen Roman ist. Gegen Ende konnte ich dann auch immer mehr mit ihm mitfiebern, wenn wieder ein Kapitel aus seiner Sicht erzählt wurde, doch leider blieb er auch dann noch eher blass und in seine Gedanken und Gefühle bekommt man kaum einen Einblick. Das alles hat dem Spaß aber keinen allzu großen Abbruch getan, denn trotz der Längen im Mittelteil ist "Das blaue Medaillon" ein spannender historischer Abenteuerroman, der Einblicke in den noch jungen Hof des Herzog Georg Wilhelm in Celle gibt, der ein interessanter Schauplatz ist. Mit Alessa lernt man eine facettenreiche und selbstbestimmte Heldin kennen und auch, wenn mich ihr Love Interest Arthur und die Beziehung der beiden kaum überzeugen konnten, steht das zumindest soweit im Hintergrund, dass es die spannende Geschichte rund um das blaue Medaillon, Alessas geheimes Erbe und den Mörder Mezzanotte nicht überschattet. Das hier war mein erster Roman von Martha Sophie Marcus und er wird sicherlich nicht mein letzter bleiben. Daher würde ich "Das blaue Medaillon" allen Fans von guter historischer Unterhaltung, tollen Heldinnen und interessanten Settings wärmstens empfehlen.

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