Ich bin umgezogen! Ihr findet mich und mein Blog ab jetzt unter Stürmische Seiten. Ich hoffe, wir sehen uns dort!

[Nochmal gelesen] "Die Abtei von Wyldecliffe" von Gillian Shields

Die Abtei von Wyldecliffe | Die Schwestern der Dunkelheit #1 | Goldmann, 2011 | 9783442473243 | deutsch | Britische OA: Immortal, 2009

Als Evie Johnson Sebastian im nebelverhangenen Moor begegnet, ahnt sie nicht, dass ihr Schicksal damit besiegelt ist. Von Anfang an fühlt sie sich an der unwirtlichen Wyldcliffe Abbey School einsam und allein. Nur die heimlichen Treffen mit Sebastian muntern sie auf. Und aus ihrer Freundschaft wird bald mehr. Doch als sie dann auf einen Geist aus der Vergangenheit trifft, kommen ihr Zweifel an Sebastians Absichten. Wer ist er, und was will er von ihr?

MEINE GEDANKEN


Irgendwann 2011 habe ich diesen Roman schon einmal gelesen und ihm zwei Sterne auf Goodreads gegeben. Daran habe ich mich jedoch nur sehr dunkel erinnert, als mir die deutsche Ausgabe auf Skoobe begegnet ist und da dachte ich mir: Hey, du hast keinen Plan mehr, was genau dir an diesem Buch nicht gefallen hat, dabei magst du Mystery eigentlich so gern, und es gibt ja sogar noch drei weitere Teile, probier's nochmal! Gedacht, getan. Und ja. Also, warum ich dem Buch damals nur zwei Punkte gegeben habe, kann ich nicht mehr richtig nachvollziehen. Es kann sein, dass ich einfach total übersättigt war, denn "Die Abtei von Wyldecliffe" vereint wirklich alle YA-Mystery-Klischees, die mir jetzt einfallen würden und ich habe damals beinahe nur solche Bücher gelesen, da sie ja auch eine Zeit lang ziemlich im Trend lagen. Vielleicht war es mir einfach zu viel. Mit etwas Abstand - ich habe seit Jahren kein Buch dieser Art mehr gelesen - hat mir das alles viel besser gefallen, aber natürlich bleibt die Klischeelastigkeit trotzdem ein Problem. Denn sie macht diesen Roman unglaublich vorhersehbar. Unterhaltsam, aber vorhersehbar.

KLISCHEES MIT SUBSTANZ & HOLZHAMMERMETHODEN

"Wyldecliffe" hat alles, was wir kennen und als Mysteryfans ja auch eigentlich mögen: Ein altes Herrenhaus mit düsteren Gängen und einer dunklen Geschichte. Zwielichtige Personen, die dutzende Geheimnisse vor der Heldin verbergen. Ein rätselhaftes Tagebuch. Den gequälten Helden Marke Byron, der um die Heldin herumschleicht, ihr aber nichts erzählt. Und natürlich die Heldin selbst: Jung, naiv, rothaarig, im Besitz eines mysteriösen Anhängers, den sie nicht abnehmen will und der natürlich auch ein Geheimnis hütet. Und an sich ist das ein guter Startpunkt für eine Geschichte wie diese. Was "Wyldecliffe" aber meiner Meinung nach fehlt, ist dieses kleine Etwas, das es besonders macht, dieses Etwas, das einen sagen lässt: "Ja, es hat sich gelohnt, ausgerechnet diesen Mysteryroman zu lesen!". Ich will damit nicht sagen, dass es sich nicht gelohnt hat, denn so weit würde ich nicht gehen. "Die Abtei von Wyldecliffe" ist schön erzählt, Evie ist eine sehr sympathische Ich-Erzählerin und der Roman ist kurz und lässt sich flüssig weglesen. Für einen Nachmittag und Abend ist der Roman wunderbar geeignet, wenn man Lust auf die düsterromantische Atmosphäre der nordenglischen Moore hat, denn die kommt alle mal gut rüber.

Gut gefallen hat mir Wyldecliffe Abbey, das merkwürdig altmodische Internat, auf das Evie geschickt wird, denn das alte Gemäuer kam wunderschön geheimnisvoll und atmosphärisch daher. Verschlossene Mitschülerinnen, abweisende Lehrerinnen in schwarzen Gewändern, alte Dienstbotengänge und den ein oder anderen Geist hat Wyldecliffe zu bieten und das macht echt Spaß. Natürlich tauchen auch hier die gängigen Klischees auf. In Celeste haben wir das biestige, arrogante Mädchen, natürlich mit makellosem Gesicht und blonden Haaren ausgestattet, in Helen die stille und eigenbrödlerische Schülerin, der keiner über den Weg traut, und Evie selbst ist die Jugendbuchheldin, wie sie im Buche steht: Naiv, etwas unbeholfen, einsam. Hat man schon neunundneunzig Mal gelesen und ich glaube, "Wyldecliffe" kann nur Spaß machen, wenn man bereit ist - oder eben sogar Lust hat - es noch zum hundertsten Mal zu lesen. Gut gefallen hat mir, dass Gillian Shields zwar Klischees schreibt, diese aber mit ein bisschen Handlung untermauert und nicht einfach für sich stehen lässt. Celeste ist gemein, weil sie erst vor kurzem ihre Cousine verloren hat und Evie sie an Laura erinnert. Helen ist die Außenseiterin, weil sie Stipendiantin ist und von den anderen Mädchen deshalb nicht akzeptiert wird. Hier gibt es nicht wirklich etwas Neues zu entdecken, doch zumindest hat alles Hand und Fuß und wirkt realistisch. Auch die Idee, die Heldin über ein altes Tagebuch Informationen finden zu lassen, mag nicht neu sein, doch auch hier gelingt es Shields zumindest, die Einträge aus Agnes' Tagebuch, die zwischen den Kapiteln aus Evies Sicht für etwas Abwechslung sorgen, interessant und mitreißend zu schreiben.

Leider ist dieser Roman aber einfach vorhersehbar. Wer der geheimnisvolle S. ist, den Agnes in ihrem Tagebuch immer wieder erwähnt, ist sofort klar, und auch was für dunkle Machenschaften an der Schule vor sich gehen, kann man schnell erraten. Das hat mich aber ehrlich gar nicht so sehr gestört, weil der Roman einfach schön kurzweilig ist und es einfach Spaß macht, Evie zuzusehen, wie sie Hinweise sammelt - was mich jedoch gestört hat, war, wie lang Evie gebraucht hat, bis sie die Teile dann auch mal zusammengesetzt hat. Es ergab für mich einfach keinen Sinn, dass dieses clevere Mädchen, das sonst nicht auf den Kopf gefallen ist, nicht kapiert, was hier vor sich geht, obwohl es ihr beinahe schon mit dem Holzhammer vor die Stirn geknallt wird. Hier scheint Gillian Shields wichtiger gewesen zu sein, dass ihr Plot noch nicht aufgelöst wird, als dass Evie als Figur konsistent und glaubwürdig wirkt, was ich echt schade finde. Schon allein, weil man als Leser schon längst erraten hat, was Sache ist, und dann noch mehrere Kapitel darauf warten muss, dass Evie es auch endlich versteht. Das merkt man leider auch in Evies Umgang mit Sebastian, denn sie weiß, dass sie sich besser nicht nachts allein mit ihm treffen sollte und sie tut es trotzdem, die Begründung ist einfach weil halt. Ja, weil sonst der Plot nicht aufgeht, aber es passt einfach nicht zu Evie und es lässt sie irgendwie einfältig wirken, was mit ihrem Charakter im Widerspruch steht.

DER SCHMOLLENDE LOVE INTEREST & GUTE RECHERCHE

Sebastian ist eh so eine Baustelle. Sagen wir es mal so: Wer den ewig niedergeschlagenen, von seiner Vergangenheit verfolgten YA-Helden, der ja sooo gefährlich für die Heldin ist und ständig nur kryptisches Zeug sabbelt, anstatt der Heldin mal was zu erklären, über hat, der wird Sebastian hassen. Mir ging es ehrlich gesagt so. Und ja, er bringt auch den "Du bist anders als andere Mädchen"-Spruch. Sebastian ist voll und ganz ein zweidimensionales Klischee und das ging für mich leider gar nicht auf. Die Romanze in "Die Abtei von Wyldecliffe" ist halt wieder das alte "Ich bin sechzehn und habe meine große Liebe gefunden, obwohl ich mich mit Liebe und Dating absolut null auskenne!" und mir hängt das schon seit 2010 zum Hals raus. Nach ungefähr der Hälfte des Romans betet Evie Sebastian förmlich an, obwohl sie sich erst zwei- oder dreimal getroffen haben, und Sebastian ist einfach... nee. Er mag sich Evie gegenüber anständig verhalten, doch die Dinge, die er getan hat, bevor er Evie kannte, kann man nicht so einfach verzeihen, wie es vom Leser erwartet wird und wie Evie es dann auch tut, was mich richtig gestört hat. Ich weiß, dass diese Art von "Liebesgeschichte" ungefähr durch jedes Buch dieser Art geistert, besonders durch solche, die um 2010 rum erschienen sind, als das noch richtig in war, aber das macht es nicht weniger nervenaufreibend. Mir tun jedenfalls die Augen vom Verdrehen weh und ich bin froh, dass die Liebesgeschichte nicht so viel page time hatte, wie sie hätte haben können.

Was mir wiederum wirklich gut gefallen hat, waren die Tagebucheinträge von Agnes, die einen zurück ins Jahr 1882 entführen. Wie oben gesagt ist auch diese Idee nichts Neues, aber es hat mich trotzdem gut unterhalten. Hin und wieder war Agnes' Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung ein bisschen dick aufgetragen und eher Klischee, als zum Eintauchen in die Epoche geeignet, und ich muss auch sagen, dass Agnes' Storyline mich doch wirklich stark an "Gemmas Visionen" von Libba Bray erinnert hat, das einige Jahre vor "Die Abtei von Wyldecliffe" erschienen ist und um 2010 noch immer ein Hypebuch war. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, klar. Aber alles in allem wirkt "Die Abtei von Wyldecliffe" richtig gut recherchiert, womit ich nicht gerechnet habe. Immer wieder fließen kleine Infos ein, nicht nur zum viktorianischen Zeitalter, sondern auch zum Leben auf dem Moor und zu seiner Geschichte, was für eine schön dichte Atmosphäre sorgt. Ehrlich, ich habe historische Romane gelesen, die schlechter recherchiert waren, als dieser Romantasyroman. Deshalb hat der Roman trotz der ganzen Baustellen einen eigenen Sog: Gillian Shields schreibt wunderschön und baut sich mit Wyldecliffe Abbey, dem dazugehörigen Dorf, dem wilden Moor und Fairfax Hall eine kleine Welt, die richtig gut funktioniert und die man sich perfekt vorstellen kann. Das ist in einem Mysteryroman wirklich viel wert.

Am Ende wünschte ich, "Die Abtei von Wyldecliffe" würde weniger auf der Romantasyschiene reiten, denn ohne die ungesunde und übertriebene Liebesgeschichte hätte der Roman mir noch deutlich besser gefallen und auch eigener gewirkt, denn trotz der vielen Klischees und seiner Vorhersehbarkeit bietet er eine interessante Geschichte, ein atmosphärisches und sehr gut recherchiertes Setting und eine sympathische Heldin. Hätte man den Gruselfaktor noch etwas hochgedreht und die Romanze etwas subtiler gestaltet, wäre ich sehr zufrieden gewesen mit diesem Buch. Eigentlich ist "Wyldecliffe" so ein typisches Buch für zwischendurch, schnell gelesen und wieder vergessen, doch irgendwie hatte er am Ende doch was, was mir wirklich gut gefallen hat, weshalb ich hoffe, dass jetzt, wo die Klischees in Band Eins alle abgearbeitet wurden und man das Setting und die Figuren kennengelernt hat, Band Zwei (mit dem wirklich schönen Titel "Das heilige Feuer") mit einer originelleren Mysterygeschichte aufwarten wird. Ich freue mich richtig auf den nächsten Band und hoffe, dass er mich nicht enttäuschen wird. Empfehlen würde ich "Die Abtei von Wyldecliffe" allen LeserInnen, die klassische Gothic- und Mysterygeschichten mögen und sich nicht daran stören, wenn viele Genreklischees bedient werden. 3.5 Tassen.

Keine Kommentare