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"Playlist for the Dead" von Michelle Falkoff

Playlist for the Dead | Coppenrath, 2016 | 978-3-649-66884-8 | 272 Seiten | deutsch | Amerikanische OA: Playlist for the Dead, 2015

Diese Dinge weiß Sam: Es gab eine Party. Es gab einen Streit. Am nächsten Morgen ist sein bester Freund tot. Aber was Sam nicht weiß: Warum? Alles, was ihm von Hayden bleibt, ist eine Playlist und eine Notiz: Hör dir das an und du wirst mich verstehen. Und so begibt Sam sich auf die Suche nach Antworten und muss schon bald feststellen, dass er seinen besten Freund nicht so gut kannte, wie er immer gedacht hat ... 

MEINE GEDANKEN
CW: Suizid

Joa. Manchmal liest man so Bücher und die sind auch echt okay, aber leider nicht viel mehr als das. Ich hatte meinen Spaß mit "Playlist for the Dead", wenn man bei einem Roman, dessen Dreh- und Angelpunkt der Selbstmord eines Sechzehnjährigen ist, von Spaß reden kann. Aber das ist vielleicht auch direkt der Punkt. "Playlist for the Dead" unterhält, weil man wissen möchte, wer hinter den Angriffen auf Haydens Mobber steckt und ob Sam am Ende mit der coolen Astrid zusammenkommt - aber es nimmt einfach nicht mit. Und ein Roman mit so einem schwierigen Thema sollte doch mitnehmen, oder? Der Klappentext deutet an, dass "Playlist for the Dead" Haydens Geschichte ist, doch das ist nicht so. Es ist voll und ganz Sams Geschichte. Haydens Selbstmord ist der Auslöser für Sams Reise zu sich selbst und ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich davon halten soll. Ich wollte mehr über Hayden wissen. Ich wollte vor allem mehr darüber wissen, was in ihm los war, weshalb er Geheimnisse vor Sam hatte und wieso er letztendlich keinen anderen Ausweg gesehen hat, als sich das Leben zu nehmen. Aber das alles wird nur am Rande abgehandelt, während Sam irgendwie sein neues Leben ohne Hayden navigiert. 

SEXISMUS IN JUGENDBÜCHERN IST UNCOOL

Mir hat hier ganz klar ein bisschen Fingerspitzengefühl gefehlt. Hayden nimmt sich das Leben, wir erfahren auch irgendwann, warum, aber das wirkt alles so... lapidar? Nicht Haydens Gründe, sondern einfach die Darstellung. Es geht auch sehr viel um Schuld und um Survivor's Guilt und während das superwichtige Themen sind, hätte ich mir einfach gewünscht, dass irgendwann mal die Frage danach gefallen wäre, was genau einen Sechzehnjährigen so hoffnungslos und traurig macht, dass er sich umbringt. Auch auf psychische Probleme, die in so etwas oft reinspielen, geht Michelle Falkoff gar nicht ein. War Hayden depressiv? Wie genau hat er sich gefühlt? Wieso hatte er so viele Geheimnisse und was hat der Leistungsdruck seiner Eltern mit ihm gemacht? Erfährt man nicht. Und vielleicht ist das ja ein Stück weit realistisch, denn Hayden ist tot und Sam kann ihn nicht mehr fragen. Aber die Prämisse von "Playlist for the Dead" ist doch, dass Sam Hayden verstehen will. Hayden hinterlässt ihm eine Playlist mit 27 Songs, die Sam helfen sollen, zu verstehen, was in Hayden vorging. Und die Idee finde ich ehrlich gesagt sehr cool. Deshalb wollte ich den Roman lesen, weil ich dachte, der Leser findet mit Sam zusammen heraus, was genau in einem Jugendlichen, der sich selbst das Leben nimmt, vorgeht. Aber das passiert einfach nicht. Sam hört sich die Lieder immer mal wieder an, aber er arbeitet nicht damit, er kommt Hayden kein Stück näher. Und irgendwie ist das ziemlich traurig, denn am Ende nimmt Sam nicht wirklich etwas über Hayden mit und das Buch geht in eine ganz andere Richtung.

Dazu kommt etwas, das mich so übel gestört hat, dass ich den Roman nach der Hälfte beinahe abgebrochen hätte. Ich habe ihn nur ausgelesen, weil er kurz ist und, weil ich es interessant genug fand, wie Sam versucht herauszufinden, wer hinter den brutalen Angriffen auf Haydens Mobber, die nach seinem Tod plötzlich einsetzen, steckt. Michelle Falkoff kann schreiben. "Playlist for the Dead" versucht ein bisschen, YA-Thriller zu sein und das geht ziemlich gut auf. Aber: Sam ist ein verdammter Sexist und das hat keinen Spaß gemacht. Michelle Falkoff fährt hier die typische "Unterdrückter Nerd"-Schiene und das wäre mir recht, wenn Sam Mädchen nicht komplett aus dieser Subkultur ausschließen würde. In seinem Lieblingscomicladen sieht er angeblich nie Mädchen, weil die sowas ja nicht mögen. Dass Haydens Zimmer nicht einem Mädchen gehört, sieht man laut Sam sofort, weil alles voller Star-Wars-Fanartikel ist. Ich meine, hallo? Der Roman ist noch keine drei Jahre alt und wir leben nicht mehr in den 1980ern. Dass Frauen auf Star Wars und anderes Nerdzeug stehen, sollte doch langsam mal angekommen sein. Frauen wie Delilah S. Dawson oder Claudia Gray schreiben mittlerweile die offiziellen Star-Wars-Romane. Dass Mädchen auch Comics lesen und Videospiele spielen, liegt auf der Hand, weil das Geschlecht doch nicht vorgibt, was für Interessen man hat. Laut Sam ist das aber so und diese Meinung ändert er auch nicht, was mich richtig wütend gemacht hat.

Ich frage mich einfach, was Michelle Falkoff damit bezwecken wollte und warum sie uns so einen typischen Gamernerd, der glaubt, das wäre alles nichts für Mädchen und deshalb würde er auch keine abbekommen, als Protagonisten vorsetzt. Ist das auch ihre Meinung? Wollte sie damit irgendwas ausdrücken? Das bleibt vollkommen unklar, weil sie das einfach überhaupt nicht reflektiert. Sam denkt, Mädchen können keine Nerds sein und das bleibt so stehen. Und das finde ich in einem modernen YA-Roman einfach daneben. Dazu kommt, dass auf der Playlist von Hayden auch beinahe nur männliche Interpreten sind. Die Indie-Singer-Songwriterin Skylar Grey wird dann von Sam auch direkt als "Mädchenmusik" abgestempelt und er ist total überrascht, dass Hayden "sowas" mochte. Geht's eigentlich noch? Und das steckt halt in einem Roman, der wirklich sehr gut mit Kleinstadthomophobie umgeht und zeigt, wo da die Probleme sitzen. Wie ein Roman seine LGBTQ-Figuren so gut behandeln und Diskriminierung unter Jugendlichen so gezielt anprangern kann, aber dann eine 180°-Drehung macht und sexistische Rollenklischees bedient, verstehe ich nicht, aber irgendwie hat Michelle Falkoff genau das geschafft. War das Absicht? Wollte sie damit irgendwas aussagen? Das bleibt dann wohl ein Rätsel.

PLAYLIST FOR... NOTHING, ACTUALLY

Ansonsten ist "Playlist for the Dead" halt ein ziemlich typischer YA-Roman. Außenseiter Sam wird durch den Tod seines besten Freundes aus seinem Schneckenhaus geholt, lernt neue Leute kennen, verliebt sich, legt sich mit den typischen highschool bullies an... Sowas ist schon amüsant zu lesen, aber war mir in einem Roman, der sich um den Selbstmord eines Jungen dreht, irgendwie fehl am Platz. Der Roman spielt in den zwei Wochen, nachdem Sam den toten Hayden findet, aber man merkt Sam überhaupt nicht an, dass er traurig oder durch das Erlebnis traumatisiert ist. Er sagt es öfter, klar, aber er benimmt sich nicht so. Stattdessen hat er irgendwann nur noch Astrid im Kopf und ich fand das auch einfach nicht realistisch, nicht knapp zwei Wochen nach dem Selbstmord des besten und einzigen Freundes. Auch hat mich gestört, dass Astrid super wichtige Informationen vor Sam versteckt hält, praktisch grundlos, und er da nicht mal drüber nachdenkt. Das "Hey, Moment, wieso hat sie mir das nicht gleich gesagt?" fehlt einfach. Beim Leser ist es da und es macht Astrid auch etwas unsympathisch, aber Sam halt nur so: "Oh okay, danke, dass du es mir jetzt sagst." 

Generell ist "Playlist for the Dead" einfach so ein Roman, der Potential für sehr viel mehr gehabt hätte. Haydens Charakter hätte sehr viel mehr erkundet werden können, Sams Trauer, Astrids Geheimniskrämerei und vor allem auch die Playlist selbst, die zwar titelgebend ist, aber eigentlich völlig unwichtig, weil Sam die Hinweise, die Hayden darin versteckt hat, einfach nicht versteht. Und das ist dann auch das Unbefriedigendste an "Playlist for the Dead": Wir erfahren als Leser einfach nie, was es mit diesen Songs jetzt auf sich hatte, wieso sie für Hayden wichtig waren und was er Sam damit sagen wollte. Michelle Falkoff löst ihren Hauptkonflikt einfach nicht auf. Stattdessen bekommt man die durchaus gut geschriebene Liebesgeschichte zwischen Sam und Astrid, man bekommt ziemlich coole, originelle Figuren wie Sams Schwester Rachel, ihren Freund Jimmy oder auch die schüchterne Jess, man bekommt eine spannende und mitreißende Thrillergeschichte rund um die brutalen Angriffe auf die Highschoolmobber, die Hayden das Leben schwer gemacht haben... Aber es fehlt halt einfach der Kern der Geschichte: Hayden, sein Innenleben, seine Playlist. Und deshalb wühlt "Playlist for the Dead" trotz seines aufwühlenden Themas nicht auf. Es regt auch nicht zum Nachdenken an. Man weiß nicht, was man hier jetzt mitnehmen soll und oben drauf kommt ein unsympathischer, sexistischer Protagonist, den man manchmal gern schütteln möchte. Schade eigentlich.

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