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"After the Woods" von Kim Savage

After the Woods | Farrar, Straus and Giroux, 2016 | 9780374300555 | 304 Seiten | Englisch

Julia knows she beat the odds. She escaped the kidnapper who hunted her in the woods for two terrifying nights that she can't fully remember. Now it's one year later, and a dead girl turns up in those same woods. The terrible memories resurface, leaving Julia in a stupor at awkward moments-in front of gorgeous Kellan MacDougall, for example. At least Julia's not alone. Her best friend, Liv, was in the woods, too. When Julia got caught, Liv ran away. Is Liv's guilt over leaving Julia the reason she's starving herself? Is hooking up with Shane Cuthbert, an addict with an explosive temper, Liv's way of punishing herself for not having Julia's back? As the devastating truth about Liv becomes clear, Julia realizes the one person she thinks she knows best-Liv-is the person she knows least of all. And that after the woods was just the beginning.

MEINE GEDANKEN

Jede einzelne Figur in diesem Buch ist moralisch sowas von fehlgeleitet, wirklich. In einem Roman, der sich damit beschäftigt, was mit einem Mädchen passiert, das ihre Entführung gegen alle Erwartungen überlebt, hätte man damit rechnen können, klar. Hin und wieder hat das für mich auch sehr gut funktioniert. Hin und wieder aber auch überhaupt nicht. Beinahe alle Figuren sind manipulative, kaltherzige Monster, angefangen bei der sensationsgeilen Journalistin Paula, über Deborah, die sich nur um sich selbst kümmert und ihrer Tochter das Gefühl gibt, niemals gut genug für sie zu sein, bis hin zu Julia selbst, der Icherzählerin, die besonders in der zweiten Hälfte des Romans immer wieder über die Grenzen und Gefühle anderer Leute hinwegtrampelt, um ihren Kopf durchzusetzen. Julia benutzt Leute und wird benutzt und alles in allem ist das verdammt interessant zu lesen, wenn auch nicht angenehm. Mir wurde "After the Woods" als YA-Horror angepriesen, aber es ist sehr viel eher ein cleverer Psychothriller, der durchaus sehr unheimlich sein kann, aber nicht wirklich durch die Details von Julias Entführung oder ihrer Flucht durch den Wald schockt, sondern durch menschliche Abgründe, die so tief sind, dass man nicht auf den Grund sehen kann. 

VORURTEILE, KLISCHEES & ANDERE PROBLEME

Ich glaube, ich möchte erstmal das Negative aus dem Weg schaffen, bevor ich mich mit den positiven Seiten beschäftigte, denn leider gab es davon einige und sie sind der Grund, warum ich dem Buch eher unentschlossen gegenüberstehe. Mein Bauch sagt, dass das Buch genial war, weil ich es an einem einzigen Nachmittag auslesen musste, aber mein Kopf weiß halt leider, dass ich immer wieder über Dinge gestolpert bin, die mir nicht ganz so gut gefallen haben oder die ich sogar einfach nur daneben fand. Für einen Roman, der den Schönheitswahn von Livs Mutter Deborah, die viel zu viel auf Livs Aussehen gibt, kritisieren will, ist der Roman nämlich sehr wertend. Dicksein wird von Kim Savage zum Beispiel immer mit etwas Negativem in Verbindung gebracht. Der Junge bei Julias Therapeutin, den sie nicht mag, ist fat und sein Gesicht wird von Julia als doughy, also teigig, beschrieben. Julias Entführer Donald Jessup ist natürlich ebenfalls dick, sie nutzt das Schimpfwort lard für ihn. Die spießige Mutter von Shane Cuthbert ist natürlich ebenfalls dick... Wenn das einmal passiert wäre, hätte ich es einfach ignoriert, aber diese Instanzen, in denen bei negativen Menschen immer direkt erwähnt werden muss, dass sie dick sind - und das auf sehr abwertende Weise mit Wörtern wie fett oder teigig - ziehen sich von vorn bis hinten durch den gesamten Roman. 

Fatshaming ist generell ein großes Problem in unserer Gesellschaft und bei einem Jugendroman, der den Schönheitswahn von Livs Mutter kritisieren will, frage ich mich, wie man übersehen kann, dass man mit so einer abwertenden Darstellung dicker Menschen selbst zu den blöden Schönheitsidealen beiträgt. Dazu kommen dann noch andere Vorurteile, die mir "After the Woods" ein bisschen verdorben haben. Shane Cuthbert, der drogenabhängige gewalttätige neue Freund von Liv, muss natürlich aus Russland adoptiert sein... Kim Savage geht dann so weit zu schreiben, dass selbst seine Adoptivmutter Angst vor ihm hat. Ich meine, Hut ab: Sie schafft es hier zwei Vorurteilsfliegen mit einer Klatsche zu schlagen: Der osteuropäische Junge ist natürlich drogenabhängig und schlägt seine Freundin und adoptierte Kinder sind gruselig und gefährlich und aus denen wird nichts, selbst dann nicht, wenn sie bei einer wohlhabenen und liebenden Familie wie den Cuthberts aufwachsen dürfen. Bäh. Ganz ehrlich, das sind so ekelhafte Klischees einfach. Als Liv dann absolut widerwärtige Kommentare zu osteuropäischen Mädchen macht, die es laut ihr schon in der DNA haben müssen, dass sie Schlampen werden, hätte ich das Buch am liebsten einmal quer durch's Zimmer geworfen. 

Liv sagt das nur, um Shane zu provozieren, das ist auch klar, aber Julia denkt gar nicht drüber nach, dass das Zeug, das ihre Freundin da von sich gibt, einfach zu weit geht und ich fand es einfach sehr unangenehm zu lesen, weil Vorurteile und Anfeindungen gegen eine bestimmte Gruppe Menschen in diesem Buch von einer der Hauptfiguren als Waffe gegen ihren Schlägerfreund benutzt werden. Eben genauso, wie "fett" als Waffe gegen die Menschen benutzt wird, die Julia nicht mag. In "After the Woods" ist es anscheinend einfach mal okay, diskriminierend zu werden, wenn es gegen jemanden geht, den man nicht mag. Geht es um Liv, ist es für Julia ganz klar, dass es egal ist, wie sie aussieht, dass es darauf nicht ankommt. Geht es aber um den Emojungen in der Praxis ihrer Therapeutin ist "fett" plötzlich ein völlig okayes Schimpfwort für ihn. Geht es um Shane Cuthbert ist es auch okay, wenn Julia sich darüber lustig macht, wie schmal er ist und, dass seine Mutter eine russische Prostituierte war (angeblich...). Kim Savage reflektiert hier einfach null, dass sie ihre Figuren Ausgrenzung und diskriminierende Sprache als Waffen benutzen lässt, dass sie hier besonders zu Osteuropäern und adoptierten Kindern Klischees breit tritt, unter denen betroffene Jugendliche sowieso schon leiden. 

VERDREHTES FRAUENBILD & INTERESSANTE TRAUMASTUDIE

Leider war der Plot selbst auch total vorhersehbar. Man ahnt einfach sehr früh, was hinter allem steckt und muss dann zusehen, wie Julia die Wahrheit nicht wahrhaben will. Einen wirklich spannenden Twist gibt es nicht, es ist am Ende genauso, wie man sich das gedacht hat, als man sehr früh am Anfang herausfindet, dass Donald Jessup liebend gern ein sexistisches Videospiel gespielt hat (Ja, der Grund: Brutale Killerspiele, und so... fand ich auch wieder sehr klischeebelastet). Das Ende selbst fand ich dann... na ja. Ich fand es nicht gut, wirklich nicht. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber auf mich wirkte das alles sehr, als wollte man hier die Schuld für alles, was passiert ist, auf die Opfer abwälzen und da klingeln bei mir direkt alle Alarmglocken. Relativ weit am Anfang ist auch schon so eine Szene: Julia findet heraus, dass Liv Shane mit Absicht provoziert, bis er sie schlägt. Und ich denke mir halt: Geht's eigentlich noch? Wollen wir jetzt in Jugendbüchern wirklich so tun, als wären die Opfer von Gewalt in Beziehungen selbst Schuld - oder hätten das sogar so gewollt? Na, Prost, ehrlich mal. 

Liv ist sowieso so ein Fall. Ich mochte sie von Anfang an nicht: Donald Jessup hat eigentlich sie im Wald angegriffen und, als Julia ihr zur Hilfe kommen wollte, ist Liv weggelaufen, weshalb Donald dann Julia entführt hat. Das erfahren wir praktisch auf Seite eins, sollen dann aber zusammen mit Julia rumüberlegen, wieso Liv das getan haben könnte. Liv macht dann direkt gut weiter und versucht Julia zu zwingen, das Geschehene zu vergessen, weil "Wir sind doch jetzt beide okay, also ist es, als sei gar nichts passiert!" Versteht mich nicht falsch, Liv ist eine sehr interessante Figur. Sie ist kaputt und traumatisiert, nicht nur durch die Geschehnisse im Wald, sondern auch durch den jahrelangen seelischen Missbrauch durch ihre Mutter Deborah. Sie hat psychische Narben davongetragen und sie versucht, auf sehr ungesunde Weise damit umzugehen und das alles fand ich interessant zu lesen und so hautnah geschildert, dass es beinahe unangenehm war. Das große Problem war allerdings für mich, dass ich Liv mögen sollte und das konnte ich nicht. Sie benutzt Menschen, sie ist berechnend und sie hat keinerlei Empathievermögen, nicht einmal für Julia. Das Problem ist nicht, dass Liv ist, wie sie ist, denn sie ist spannend. Das Problem ist, dass ich sie mögen soll. Dass ich ihr ihren ganzen Müll vergeben soll, weil es ihr so schlecht geht.

PSYCHOLOGISCH GUT, MENSCHLICH NICHT SO

Darüber hinaus hatte "After the Woods" aber auch einige Dinge, die mir sehr gut gefallen haben, auf Lager: Ein Großteil des Romans wird von Julias Traumabewältigung eingenommen und das fand ich sehr realistisch und auch einfühlsam beschrieben. Julia will unbedingt herausfinden, was genau im Wald passiert ist, denn sie hat die Erinnerungen verdrängt. Besonders ihre Trigger fand ich authentisch dargestellt. Wenn Julia etwas fühlt oder riecht, das sie an den Wald erinnert, schleudert der Trigger sie zurück in eine Erinnerung. Julias ganzes Trauma, das sie nicht einfach abstellen kann, so wie Liv sich das wünscht, war für mich das "Highlight" des Romans, wenn man das so nennen kann. Es macht "After the Woods" zu einem sehr interessanten Psychothriller, denn als die Leiche eines anderen Mädchens im Wald auftaucht, weiß Julia, dass sie einerseits herausfinden muss, was im Wald wirklich passiert ist, und, dass sie das alles nicht zu sehr an sich heranlassen darf, wenn sie ihre eigene Genesung nicht riskieren will. Das ist die Stärke des Romans und ich wünschte, er hätte sich darauf konzentriert. Traumabewältigung ist ein schwieriges Thema, das Kim Savage im Fall von Julia jedoch sehr gut meistert und das ist es auch, was den Roman trotz allem lesenswert macht.

Am Ende ist "After the Woods" ein ziemliches Kuddelmuddel von einem Roman. Auf der einen Seite ein starker Psychothriller, auch sehr schön geschrieben, der das Trauma und die Heilung seiner Protagonistin realistisch und beinahe schmerzhaft einfühlsam beschreibt. Auf der anderen Seite aber leider ein Roman, der am Ende zumindest einen Teil der Schuld auf die Opfer abwälzt, der sich gegen Ende total selbst verwäscht und vergisst, dass er doch eigentlich mal die Geschichte eines überlebenden Entführungsopfers war und nicht die einer jungen Frau, die ja eh selbst Schuld ist, dass ihr Freund sie schlägt und links und rechts Menschen benutzt um zu bekommen, was sie will - was dann auch noch als positiv dargestellt wird. Irgendwie scheint "After the Woods" seine ganz eigene verdrehte Vorstellung davon zu haben, was eine starke Frau ausmacht und ich persönlich finde die sehr bedenklich, da sie hier und da auch Livs Leiden und ihre Kaltherzigkeit romantisiert, als wäre sie ein besserer, bewundernswerter Mensch, weil schlimme Dinge sie kalt gemacht haben. Und dass der Roman am Ende aus den Augen verliert, dass Julia die Heldin sein sollte und nicht Liv, ist seine größte Schwäche. "After the Woods" ist ein interessanter, durchaus spannender Psychothriller, den ich Fans des Genres durchaus eingeschränkt empfehlen würde. Nur leider versucht er halt noch mehr zu sein und daran scheitert er auf ganzer Linie.

Kommentare

  1. Huhu :)

    Eine tolle Rezension! Der Klappentext klingt ja echt vielversprechend. Aber wenn ich dann höre, wie es umgesetzt ist.. ohje.. Schade, dass das Potential einer guten Idee nicht besser genutzt wurde.

    Liebe Grüße
    Juliane

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    1. Ja, es ist immer einfach schade, wenn das Buch eigentlich toll war und dann durch die Details floppt. Danke für den Kommentar!

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