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"Die Erwählten von Aranea Hall" von Susanne Gerdom

Die Erwählten von Aranea Hall | Ueberreuter, 2017 | 978-3-7641-7070-7 | 384 Seiten | deutsch | Abgebrochen nach ca. 50%

Als Liv ohne ein Wort der Erklärung auf eine Fähre verfrachtet wird, glaubt sie, dass ihre Mutter sie in eine Besserungsanstalt abschiebt. Doch das Internat »Aranea Hall«, das abgeschieden auf einer Insel liegt, ist luxuriös und technisch hochklassig ausgestattet. Liv stellt fest, dass jeder ihrer Mitschüler über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt und sie fragt sich, was sie selbst in »Aranea Hall« verloren hat. Als sie mehr Zeit mit Jayce, einem attraktiven »Bad Boy«, verbringt, erfährt sie von der verborgenen Geschichte der Welt, dem epischen Kampf zweier Geheimgesellschaften Arachne und Nadir – und dass »Aranea Hall« ein Ausbildungscamp für Arachne ist. Doch noch schockierender ist die Erkenntnis, dass ihre Mutter sie ihr ganzes Leben lang belogen hat. Wer ist Liv wirklich und wem kann sie überhaupt noch trauen?

MEINE GEDANKEN

Eigentlich wollte ich das Buch gar nicht unbedingt rezensieren, denn Jugendromane breche ich häufiger ab. Meist ist das aber ganz klar ein Fall von "Es liegt an mir und nicht an dir" und dann fände ich es nicht fair, eine Rezension zu schreiben, weil ich genau weiß, dass ich nicht die Zielgruppe bin und es daran lag, dass das Buch mir nicht zugesagt hat. Nach einigem Überlegen habe ich aber eingesehen, dass "Aranea Hall" nicht so ein Fall ist, denn das Buch steckt voller Problematiken, die die Young-Adult-Fantasy einfach nicht mehr braucht. Hier versammelt sich so einiges, das mich schwer hat schlucken lassen und deshalb gibt es jetzt doch eine kurze Rezension, denn ich kann das Buch einfach nicht mit einem "Schade, hat halt nicht gepasst" zurück ins Regal stellen und es dabei gut sein lassen. Aber von vorn: Susanne Gerdom ist in der Jugendfantasy bereits seit einigen Jahren ein Name und viele ihrer vorherigen Bücher haben mir gut gefallen. Ich glaube nicht, dass sie hier irgendwelche bösen Absichten hatte, doch bei "Aranea Hall" ist trotzdem einiges schiefgelaufen, was mir den Lesespaß verdorben hat, obwohl die Geschichte selbst mich schon interessierte. Ich meine, ein altes Herrenhaus voller Geheimnisse auf einer britischen Kanalinsel? Wäre eigentlich genau meins. Ich mag diese Art von mysteriöser YA-Fantasy normalerweise sehr gern. Es lag auch nicht an der Geschichte, wirklich nicht, sondern eher am Drumherum, dass ich "Aranea Hall" nach ungefähr der Hälfte aufgegeben habe.

ANTI, ANTI!, ODER: REBELLISCH, BIS ES LÄCHERLICH WIRD

Da wäre zum einen die Protagonistin Liv, mit der ich nicht nur nicht warm geworden bin, sondern die mir direkt von Seite eins total auf die Nerven gegangen ist. Liv ist eine Rebellin, Leute. Das merkt man daran, dass sie bunte Haare hat und schwarz trägt und einfach jedem, egal wem, blöd kommt. Gleich auf den ersten Seiten patzt sie ständig nur irgendwelche Leute grundlos an und hält sich in einer Tour für etwas Besseres. Liv ist so launisch und unumgänglich, dass es auch einfach keinen Spaß gemacht hat, über sie zu lesen. Sie war mir schon nach ein paar Seiten wegen ihrer Art so dermaßen egal, dass ich kein Problem damit gehabt hätte, wäre sie auf der Überfahrt zur Kanalinsel von Bord gegangen. Liv ist so anti, dass sie einfach nur wie ein wandelndes Klischee des rebellischen Teenagers, der sich nicht anpassen will und den bösen, bösen Mainstream hasst, wirkt und feindet so natürlich auch alle Mädchen in ihrer Umgebung an, die es wagen, nicht so zu denken, wie sie, einfach weil. Danke, aber nein danke. Die Idee einer eher punkigen Protagonistin fand ich gar nicht schlecht, das kommt nicht so oft vor, aber ein bisschen realistischer hätte die dann auch ausfallen müssen. Man merkt einfach, dass Liv "anders" sein sollte, aber leider wirkte sie auf mich eher lächerlich und übertrieben. Ehrlich, bevor ich mich einen ganzen Roman mit einer launischen, pseudo-rebellischen Protagonistin herumschlage, lese ich lieber nochmal die hundertste graue Maus. 

Und dann ist da Jayce. Jayce ist... ja. Erst einmal wird er sofort als jugendlicher Straftäter vorgestellt und er sieht natürlich richtig gut aus und hat coole Tattoos und so - Auch das finde ich mittlerweile eigentlich nur noch lächerlich. Der super gutaussehende Teenager mit den harten Tattoos und der noch härteren Vergangenheit, jaja. Kennen wir alle noch aus unserer eigenen Schulzeit. Nicht. Jayce ist auch einfach ein Ekel. Jayce vereint alles, was wir in der Young-Adult-Literatur doch eigentlich nicht mehr sehen wollten: Er behandelt Liv, als wäre es unter seiner Würde überhaupt mit ihr zu sprechen, macht ständig anzügliche Bemerkungen und benimmt sich einfach so widerlich, dass ich mich gefragt habe, was genau jetzt an ihm so anziehend sein soll, außer natürlich, dass er gut aussieht. Liv, die sonst jeden total anpampt, ist von ihm dann auch direkt hin und weg und nimmt sogar die wirklich ekligen sexuellen Bemerkungen, die er direkt beim Kennenlernen über ihren Körper macht, hin, weil er ja echt toll aussieht. Wir merken: Sexuelle Belästigung, denn nichts anderes ist es, wenn ein Mitschüler einem noch vorm "Hallo" aufdrückt, wie geil man aussieht, ist voll okay, wenn sie von einem gutaussehenden Jungen kommt, da kann man dann mal drüber wegsehen. Mann, Mann, Mann... Mit Liv und Jayce konnte ich also überhaupt nichts anfangen. Sie die zickige Rebellin, die so anti ist, dass sie lächerlich wirkt, er der schmierige "Bad Boy", der einer Sechzehhnjährigen direkt beim Kennenlernen sexuelle Anspielungen hinklatscht. Nochmal: Danke, aber nein danke.

VON KLISCHEES & "LUSTIGEN" BELEIDIGUNGEN

Was mich auch richtig gestört hat, war die Normalisierung von rassistischer Sprache. Jayces bester Freund ist arabischer Abstammung und Jayce nennt ihn ständig "Kameltreiber". Beim ersten Mal war ich noch überrascht und konnte erst gar nicht glauben, dass das da wirklich steht, aber als es dann immer wieder passierte, wurde ich wütend. Nicht nur definiert Susanne Gerdom Malik direkt über eine rassistische Beleidigung, bevor man ihn überhaupt richtig kennenlernt, dadurch, dass Malik das voll okay findet, wenn sein Kumpel sowas sagt, wird der Gebrauch auch einfach total normalisiert. Und ich finde nicht, dass es einer Jugendbuchautorin zusteht, zu sagen: Das ist gar nicht so schlimm, guck, Malik findet das ja sogar lustig! Ich glaube, die vielen arabischstämmigen Menschen, die sich mit solchen Beleidigungen herumschlagen müssen, finden's halt nicht so lustig. Ich auch nicht, nebenbei bemerkt. Der Versuch, Diversity einzubinden, geht generell gründlich schief, denn kaum ist Liv im Internat angekommen, lernt sie ihre neue Zimmergenossin Miki kennen. Miki ist Japanerin, was Liv ihr irgendwie ohne nachzufragen an der Nasenspitze ansehen kann, und ein einziges Klischee: Quirlig, niedlich, hat natürlich auch den typischen Pony, mit dem asiatische Mädchen ständig dargestellt werden und ist total schlau. Also ehrlich, ich finde es super, wenn AutorInnen sich bemühen, divers zu schreiben. Aber es ist eigentlich nicht so schwer, keine reinen Klischees wie Miki zu schreiben und rassistische Sprache nicht als lustig und eigentlich gar nicht so schlimm zu normalisieren. Echt nicht. 

All diese Probleme haben mir den Spaß gründlich verdorben, sodass ich nach der Hälfte des Buches aufgegeben habe. Was die eigentliche Handlung angeht, kann ich euch auch gar nicht so viel erzählen, denn bis zu dem Punkt, an dem ich abgebrochen habe, ist eigentlich nichts passiert. Liv kommt in der Schule an, hat etwas Unterricht und wandert dann seitenlang ziellos durch die Gänge und Flure, ohne, dass wirklich etwas passiert. Von den außergewöhnlich begabten Auserwählten aus dem Klappentext, dem Kampf zwischen zwei Geheimgesellschaften und dem eigentlichen Plot ist bis zur 50%-Marke jedenfalls kaum was zu erkennen. Es ging dann schon langsam los, aber als Jayce Liv in einer Szene packt und festhält, obwohl sie das nicht will, und sie nur daran denken kann, wie sexy doch seine Lippen sind, hat's bei mir gereicht. Der Plot um die Geheimgesellschaften hätte richtig interessant werden können und wäre auch mal etwas Neues gewesen, doch die unsympathische Heldin, der unausstehliche Love Interest, sowie die ungesunde Dynamik zwischen den beiden, haben mir das Buch genauso verdorben, wie Livs ständiges Rumgezicke und der daneben gegangene Versuch, divers zu schreiben, der leider in Klischees und rassistischen Beleidigungen, die auch noch von den Figuren als lustig empfunden wurden, endete. Ich habe dieses Buch daher nicht beendet und würde es jugendlichen LeserInnen auch nicht empfehlen. Wer sich seine eigene Meinung bilden möchte, sollte das aber natürlich tun. 

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