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[Gastrezension - Bianca] "Lügenherz" von Beatrix Gurian

Lügenherz | Arena, 2018 | 978-3-401-51127-6 | 264 Seiten | deutsch | Rezension ist nicht spoilerfrei 

Mila ist die Freundin, nach der Ally sich immer gesehnt hat. Als Mila sie bittet, ihr bei der Umsetzung eines Racheplans zu helfen, zögert Ally nicht lange. Schließlich handelt es sich dabei um Landgraf – einen ihrer Lehrer, den sie noch nie leiden konnte. Als Mila aber jedes Maß aus den Augen verliert, will Ally ihre Freundin stoppen. Ein tödlicher Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

GASTREZENSION VON BIANCA

KAT: Manchmal liest man Bücher, die mit Themen, die einem wichtig sind, leider nicht besonders gut umgehen. Das ist jetzt Bianca passiert, weshalb sie sich entschieden hat, "Lügenherz" von Beatrix Gurian, erstmals 2011 erschienen, zu rezensieren. Da der Roman wieder aktuell ist - er ist im Januar als Taschenbuch mit neuem Cover neu aufgelegt worden - möchte Bianca ihre Gedanken zum Roman gern teilen. Das geht leider nicht spoilerfrei. Um das Buch und seine problematischen Inhalte richtig besprechen zu können, musste Bianca einige Punkte des Endes vorwegnehmen, deshalb gilt: Lest diese Rezension mit Vorsicht, falls euch dieses Buch interessiert. Bianca findet ihr übrigens hier auf Twitter, wo sie gestern schon über das Buch gesprochen hat. Und jetzt werde ich auch gar nicht länger darum herum reden. Kat out, hier ist Biancas Rezension:

WENN EIN PLOT EIGENTLICH GANZ COOL KLINGT & RUNTERGEBROCHEN DANN EIN HAUFEN VON KLISCHEES UND SCHÄDLICHEN VORURTEILEN WIRD

Mila ist sauer auf den Landgraf (= Berufsschullehrer, = Jugendgruppenleiter (Klettern), = Dozent an einer Kunsthochschule), zu Beginn weiß man noch nicht wieso. Ally, die eigentlich Scarlett Müllerhans heißt und ich nicht verstanden habe, wieso sie Ally genannt wird, ist eine ruhige Schülerin in der Ausbildung zur Goldschmiedin, die, oh Überraschung, Unterricht bei „Landgraf“ hat und alleine in einer umgebauten Garage wohnt. Sie ist die Außenseiterin und deswegen perfekt für Milas Plan.

Einen absolut abstrusen und unglaublich schädlichen Plan. Wenn ich nach 50 Seiten abgebrochen hätte, was ich vorhatte, dann wäre mir vom Plot dies hier geblieben: Mila wurde von Landgraf vergewaltigt, hat aber keine Beweise und ist der festen Überzeugung, dass ihr niemand glauben würde, deswegen muss sie sich selbst an ihm rächen. Dazu braucht sie Ally, die sich an den Landgraf ranmachen soll, damit Mila Beweisbilder davon machen kann, wie er sie küsst, anfässt etc., was Mila dabei verschweigt ist, dass sie eigentlich will, dass Ally ebenso vergewaltigt wird, damit es auch wirklich reicht, um den Landgraf hinter Gitter zu bringen.

Das ist also der Racheplan. Vergewaltigungsopfer will anderes Mädchen dazu bringen, ebenfalls vergewaltigt zu werden, um sich am Täter zu rächen. Dabei zähle ich noch nicht auf, wie viele abfällige Bemerkungen über psychische Probleme, Suizid und Traumata auf diesen ersten 50 Seiten gemacht wurden.

Ich war mir relativ früh sicher, dass die Vergewaltigung eine Lüge ist, was sich später auch bestätigt. Das macht die Sache auf keiner Ebene besser. Zuerst beschließt Gurian, dass es vollkommen okay ist, einem Mann, der in einer sensiblen Position ist (Leiter einer Jugendgruppe für Jugendliche mit Problemen), eine Vergewaltigung anzuhängen, in der sie genau beschreibt, wie er die Naivität und Unschuld seiner Schützlinge ausnutzt, um sich an Mila zu vergehen, nur um dann das Vorurteil zu bestätigen, dass es Frauen gibt, die darüber lügen, vergewaltigt worden zu sein.

Da ich momentan meine Ausbildung zur Erzieherin mache und auch schon in dem Bereich gearbeitet habe, weiß ich, wie schmal der Standfuß für männliche Erzieher oder Jugendgruppenleiter immer noch ist. Jedes kleine Gerücht stellt die Arbeitsweise in Frage. Jedes Vorurteil wird noch einmal verstärkt. Und dann entschließt sich jemand, genau diese Berufsgruppe in einem Jugendbuch als Buhmann hinzustellen? Für die Zielgruppe, die eventuell eben auch Probleme hat und sich an jemanden wenden möchte? Dieses Buch regt generell nicht dazu an, sich Hilfe zu holen, wenn man Probleme hat, aber es erschwert dafür die Möglichkeiten, die Jugendliche haben.

Den zweiten Punkt brauche ich eigentlich nicht weiter aufführen. Allein die #metoo-Debatte sollte gezeigt haben, wie viele Vorurteile Frauen immer noch entgegengebracht werden, die sich trauen über ihre Vergewaltigung oder über übergriffiges Verhalten zu sprechen. Es wird noch immer zu oft behauptet, diese Frauen würden lügen und es nur für die Aufmerksamkeit tun und genau das bestätigt Gurian in ihrem Roman. Genau dieses Vorurteil benutzt sie, damit Mila Ally auf ihre Seite ziehen kann, um sich an jemanden zu rächen, der sie verletzt hat.

Damit will ich nicht sagen Landgraf wäre vollkommen unschuldig. Es stellt sich zum Ende des Buches heraus, dass Landgraf Milas Vater ist, der im Prinzip zwei Familien hat (keine weiß von der anderen) und vor ein paar Jahren eine Affäre mit einer Freundin von Mila hatte, die sich, als sie die Wahrheit über Landgraf erfahren hat, umgebracht hat. Das ist der Grund, wieso Mila so sauer auf ihren Vater ist und was ich auch wirklich nachvollziehen kann. Als Jugendlicher mitzubekommen, dass der eigene Vater noch eine zweite Familie hat und dann auch noch von ihm vernachlässigt werden, ja natürlich schürt das Wut und negative Gedankenspiralen.

Womit wir quasi auch schon zu der Darstellung von psychischen Problemen kommen. Mila ritzt sich (sie ist ein „Emu“ (ja, das steht wirklich so im Buch)), ihre Mutter scheint suizidgefährdet zu sein, Mila hat Mordfantasien und niemanden, mit dem sie darüber reden kann, bzw. dem sie sich anvertrauen kann. Ally hat übrigens einen „Sauberkeitsfimmel“ und Klaustrophobie.

Es gab ein paar Sätze, die waren vollkommen okay, da hat man fast schon geglaubt, hey, hier will jemand wirklich zeigen, dass das ein Problem für Jugendliche ist und dass man Hilfe bekommen kann, nur um es dann mit abfälligen Bemerkungen über die Probleme wieder kaputt zu machen. Um am Ende zu sagen „Oh, du wolltest zwei Menschen umbringen, aber im letzten Moment hast du dich entschieden, es nicht zu tun, deswegen ist alles in Butter“. Um am Ende zu sagen „Du brauchst keine Therapie, um mit deinen ganzen Problemen klar zu kommen“. Um am Ende zu sagen „Dich trifft absolut keine Schuld, an dem, was passiert ist, wir sind immer noch Freunde.“

Mila zeigt offen ihre Narben und erfährt daraufhin Ablehnung und Mitleid der anderen Figuren. Sie benutzt ihre Narben, um Ally weiter in ihren Bann zu ziehen, denn sie nutzt Allys Mitleid aus, um ihr klar zu machen, dass das alles die Schuld von Landgraf ist. Ally, die nur helfen will und auch selbst einfach ein bisschen überfordert mit der Situation ist, ist dafür natürlich empfänglich.

Im Endeffekt wird Mila als psychisch krankes Mädchen dargestellt, das manipulativ ist und eigentlich nur Lügen erzählt, aber am Ende keine Hilfe bekommt. Es ist alles wieder gut, weil sie den Mord an zwei Menschen ja nicht durchgezogen hat. Es wird das Klischee bedient, das psychisch Kranke böse sind. Dazu kommt die Wunderheilung zum Schluss, die klarmacht: Man braucht keine Therapie oder irgendwelche Hilfe, um sich von solchen Erlebnissen zu erholen.

Denn genau das ist das Ende. Mila merkt, dass Ally ihren Plan nicht mehr unterstützen will und beschließt, dass sie Allys Bruder mit in die Sache reinzieht. Jury (= Genie, = fotographisches Gedächtnis, = studiert Jura UND Medizin, = geht Klettern und Kitesurfen, = liest ALLE Münchener Tageszeitungen zum Frühstück) hat Bedenken, dass Ally sich überhaupt mit Landgraf treffen will. Diese Bedenken nutzt Mila aus, um ihm aufzutischen, dass Ally von Landgraf vergewaltigt worden wäre und es keine Beweise gäbe, deswegen müsse Jury sich da selbst drum kümmern. Ja, das „Genie“ lässt sich von einem 17jährigen Mädchen manipulieren und will das dann auf eigene Faust klären, aber geht nicht einfach hin, sondern lässt sich auf Milas Plan ein, der beinhaltet, dass Landgraf und Jury zusammen klettern gehen.

Ally probiert Jury zu überzeugen, dass das alles Lügen sind und Mila ihn nur benutzt, aber weil er eben auf Mila steht, glaubt er seiner Schwester nicht. Ist doch logisch, oder? In dieser Szene nutzt Ally auch die Narben auf Milas Armen, um dies als Beweis anzuführen, Mila würde lügen. Man weiß ja, dass Jugendliche das nur für die Aufmerksamkeit machen und gar keine wirklichen Probleme haben. (Achtung Ironie)

Mila manipuliert also die Kletterausrüstung von Landgraf und sorgt dafür, dass sie aus der Höhle, in die sie klettern, nicht wieder herauskommen können. Während alledem bricht natürlich ein Unwetter aus und die Höhlen drohen mit Wasser vollzulaufen. Jury und Landgraf sind trotzdem losgefahren, um in die Höhle zu gehen, beides angeblich erfahrene Kletterer. Ally hat sich derweil Hilfe von Tom gesucht. Tom weiß von Milas Problem und wollte sie abhalten, weiter ihren Racheplan zu verfolgen, weswegen sie ihn von einem Hochsitz geschubst hat und er jetzt fast komplett eingegipst ist. Deswegen kann er auch nicht in die Höhle runtersteigen, sondern Ally muss sich ganz mutig ihrer Klaustrophobie stellen, um ihren Bruder zu retten. Denn wenn man sich nur genug anstrengt, kann man schließlich jede Störung einfach so besiegen, nicht wahr? (Achtung Ironie)

Im letzten Moment kommt dann doch Milas Gewissen ins Spiel und sie sieht ein, dass es nicht die Lösung ist, zwei Menschen zu töten. Sie geht auch in die Höhle, um Jury und Landgraf zu finden, dabei trifft sie jedoch nur auf Ally, die ihr kein Wort glaubt und denkt, dass Mila sie nur wieder reinlegen will (good for you, Ally!). Nach ein bisschen Drama sind die beiden dann doch wieder quasi Freundinnen und finden die beiden anderen. Jury hat sich bei einem Sturz die Hüfte gebrochen. Alle kommen irgendwie aus der Höhle raus. Landgraf nimmt die Schuld auf sich. Jury und Mila daten, aber sind nicht richtig zusammen und Ally ist wieder mit ihr befreundet. Landgraf kriegt eine Strafe und Mila macht ihr Abi und eine Weltreise. Es ist vergessen, dass sie versucht hat, Menschen zu töten und es sogar fast komplett durchgezogen hat. Es ist vergessen, dass sie tiefe psychische Probleme hat und Hilfe braucht, denn jetzt ist ja wieder alles gut.

WARUM EINEN HAUFEN VON KLISCHEES UND VORURTEILEN NICHT NOCH MIT QUEER-BAIT DEKORIEREN?

Je mehr ich von dem Buch gelesen habe, desto mehr hatte ich das Gefühl, es gab eine Checkliste des Grauens. Denn neben den vollkommen seltsamen Charakteren und dem abstrusen Plot, der vor Klischees und Vorurteilen trieft, muss man natürlich auch eine Prise Queer-Bait einbringen. Nachdem Mila zu Beginn gefühlt 100x klarstellt, dass sie auf jeden Fall hetero ist und nicht auf Mädchen steht, wird immer wieder mit den typischen Klischees angedeutet, dass Ally eventuell lesbisch/bi sein könnte. Natürlich hat Ally am Anfang auch ein männliches Love Interest, was aber furchtbar gemein zu ihr war und Mila ist so toll und nett und hört ihr zu und ist weich und riecht so gut nach Gummibärchen, aber oh Schreck, Mila ist doch ein Mädchen!

Mila merkt, dass Ally sie scheinbar gut findet und nutzt das weiter aus, um sie zu manipulieren. Es gibt sogar eine Kussszene zwischen den beiden, die nicht einvernehmlich ist und direkt mit Scham und Hass in Verbindung gebracht wird. Denn kurz zuvor haben die Mädchen noch gestritten, Ally hat Mila eine Ohrfeige gegeben und sie dann geküsst.

„Als unsere Lippen sich treffen, rasen Gedanken wie Blitze durch meinen Körper. Verrückt, Ally, bist du jetzt vollkommen verrückt? Erst schlagen, dann küssen. Warum will ich in ihren weichen zarten Lippen versinken, wo ich sie doch gleichzeitig von ganzem Herzen hasse?
Mila reagiert immer noch nicht, sie schubst mich nicht weg, aber sie erwidert meinen Kuss auch nicht, sondern bleibt wie eingefroren stehen.
Ich komme langsam zu mir, weiche zurück, schäme mich entsetzlich.“
"Lügenherz", Beatrix Gurian. S. 130 

Danach wird nie wieder darüber gesprochen, dass Ally eventuell etwas für Mila empfunden haben könnte. Dass Ally eventuell nicht hetero ist. Trotzdem darf am Ende natürlich nicht fehlen, dass die Mädchen sich in den Armen liegen und wieder die besten Freundinnen sind. Es ist das typische „Wir deuten mal an, dass da etwas sein könnte, aber eigentlich stehen wir auf Männer“-Klischee.

Es gab noch so viele weitere Kleinigkeiten, die einfach nur seltsam, schräg, schädlich oder komisch waren, dass hier noch eine kleine Best Of kommt:

● Emos sind von nun an doch lieber wieder „Emus“
● Jemand mit breiten Schultern, kurzen schwarzen Haaren und braunem Teint ist unverwechselbar
● „Wer hat an der Uhr gedreht“ ist das Lied von Tom & Jerry
● Ally fährt mit dem Mann, von dem sie glaubt, dass er ihre Freundin vergewaltigt hat, alleine in den Wald
● Ständiges Abwerten des Begriffs „Opfer“ im negativen Sinne, obwohl den Personen schlimme Dinge passiert sind 
● Abwertendes Nutzen des Begriffs „Psycho“, um jeden zu beschreiben, der Probleme hat
● Müllerhans
● Mila hört „Drei Tage wach“ beim Nachdenken
● Mobilbox
● Jurys absolut sexistische Aussagen und sein überhebliches Verhalten gegenüber allen psychischen Problemen und Traumata seiner Schwester und Mila
● Ally buchstabiert „Rosette“, um sich zu beruhigen
● Ally bestaunt die Schönheit der Höhle, in der sie eventuell jeden Moment sterben werden

WIESO REDE ICH ÜBERHAUPT DARÜBER? KANN MAN NICHT SCHREIBEN, WAS MAN WILL?

Warum ist es jetzt überhaupt so schlimm? Warum rege ich mich so über etwas auf, was ich auch einfach nicht lesen könnte? Das hatte ich vor, wirklich. Ich wollte nichts dazu sagen, bis ich gesehen habe, dass dieses Buch eine Neuauflage bekommen hat. Es ist im Januar 2018 im selben Verlag neu erschienen und von außen betrachtet scheint es kaum Änderungen zu geben, denn die eBook-Version wurde nicht geändert, gleiche Seitenzahl, gleiches Format, nur ein anderes Cover. Und deswegen muss ich etwas dazu schreiben.

Es kann nicht sein, dass in einem Jugendbuch (dabei ist es egal, ob es ein Jugendthriller oder sonst was ist) solche Klischees, Vorurteile und schädliche Aussagen unkommentiert weitergetragen werden. Teilweise auch einfach falsche Aussagen getroffen werden, die nicht überprüft wurden. Das Bild, was in diesem Roman auf psychische Krankheiten geworfen wird, ist ein solch negatives und schädliches Bild, wie ich es lange nicht mehr gelesen habe. 

Es ist vollkommen okay, und ich befürworte es sehr, wenn jemand über psychische Probleme schreiben möchte, wenn sich jemand die Mühe macht, dort zu recherchieren und keine Stigmata weiterzutragen, sondern wirklich auch zu einem Stück Aufklärung zu betreiben. Zu versuchen in den Köpfen von Jugendlichen etwas zu ändern. Ihnen zu zeigen, es ist okay, wenn du Probleme hast, da und da kannst du Hilfe bekommen. Stattdessen wird hier wieder gezeigt, dass man keine Hilfe braucht, um über seine Probleme hinwegzukommen. Dass die eigenen Handlungen keine Konsequenzen haben, weil jeder einem verzeiht und es einem dann plötzlich wieder gut geht.

Es kann nicht sein, dass die Menschen, die in der Position wären eigentlich zu helfen, als die Bösewichte dargestellt werden, weil das eben genau die Vorurteile und Ängste der Jugendlichen stärkt, die dieses Buch vielleicht lesen und sich eigentlich Hilfe holen wollen. Stattdessen bekommen sie hier aufgetischt, dass man keine Hilfe bekommt. Dass man nichts machen kann, hilflos ist, und der einzige Weg die Selbstjustiz ist.

Aufgrund des Covers und des Klappentextes gehe ich davon aus, dass für dieses Buch hauptsächlich die Zielgruppe jugendlicher Mädchen gewählt worden ist und genau deswegen wäre es super, wenn in diesem Buch mehr Bestärkung für Mädchen stattfinden würde. Wenn es zeigen würde, wie man mit einer Vergewaltigung umgehen kann bzw. welche Möglichkeiten es gibt. Dass man eben nicht direkt zur Polizei gehen muss, wenn man das nicht will. Dass es Möglichkeiten gibt Hilfe zu bekommen. Wenn eben auch eine Vergewaltigung nicht als Lüge und Druckmittel verwendet würde. Wenn hier nochmal gezeigt werden würde, wie schädlich dieses Verhalten für alle Opfer einer wirklichen Vergewaltigung sind, weil es die Vorurteile bestätigt, weil es genau die Art von Menschen bestätigt, die denken, dass Frauen das nur behaupten, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Ebenso hätte ich mir gewünscht, dass die Freundschaft zwischen Ally und Mila einfach besser geschrieben worden wäre. Mila nutzt Ally nur aus, manipuliert sie und will sie zu Dingen zwingen, die ihr eigenes Leben beeinflussen würden. Anstatt, dass es eine wirkliche Klärung gibt, kommt eine lapidare Entschuldigung mit Ausflüchten und keiner richtigen Schuldeingeständnis und die beiden sind wieder beste Freundinnen. Ich frage mich nur auf welcher Grundlage. Auch die „Beziehung“ mit Jury. Mila wollte ihn umbringen. Sie hat es fast getan und trotzdem wird angedeutet, dass sie eventuell ein Paar werden.

Am Ende gibt es eine kleine Übersicht, wie es bei den einzelnen Leuten weitergeht und es ist erschreckend. Die komplette Schuld liegt bei Landgraf, Mila trägt nicht einmal ein bisschen dieser Schuld. Milas Mutter geht auf einen „Selbstfindungstrip“ um ihre Depression und Suizidgedanken in den Griff zu bekommen und Mila will eine Weltreise machen. Ally kann da natürlich nicht mit, weil es auf der Welt zu viele Bazillen und Keime gibt, aber ist nicht schlimm, denn Tom hat ja bei ihr übernachtet.

Was soll ich also aus diesem Buch mitnehmen? Welche Nachricht bleibt in einem Jugendlichen zurück, nachdem er dieses Buch gelesen hat? Vielleicht nicht mal bewusst, aber unterbewusst? Welche Werte soll ich aus diesem Buch mitnehmen?

Ich weiß, nicht jeder Autor schreibt, um die Welt zu verändern, aber gerade, wenn man im Jugendbuch-Bereich schreibt, trägt man einen gewissen Beitrag dazu, wie man die Welt darstellt, wie man Probleme oder bestimmte Menschengruppen darstellt. Welche Möglichkeiten man seiner Zielgruppe an die Hand gibt, um Probleme zu lösen. Und ja, es ist ein Jugendthriller, aber selbst hier kann man positive Messages einbauen, man kann gut mit psychischen Problemen umgehen und man kann Konsequenzen und Hilfsmöglichkeiten aufzeigen. Nur ist leider nichts davon in diesem Buch geschehen, weswegen ich es unter keinen Umständen weiterempfehlen würde.

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