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[Nochmal gelesen] "Clockwork Angel" von Cassandra Clare

Clockwork Angel | Chroniken der Schattenjäger #1 | Arena, 2011 | 978-3-401-06474-1 | 576 Seiten | deutsch | Amerikanische OA: Clockwork Angel, 2010

London, 1878. Ein mysteriöser Mörder treibt in den dunklen Straßen der Stadt sein Unwesen. Ungewollt gerät Tessa in den Kampf zwischen Vampiren, Hexenmeistern und anderen übernatürlichen Wesen. Als sie erfährt, dass auch sie eine Schattenweltlerin ist und zudem eine seltene Gabe besitzt, wird sie selbst zur Gejagten. Doch dann findet sie Verbündete, und zwar im Institut der Schattenjäger. Dort trifft sie nicht nur auf James, hinter dessen zerbrechlicher Schönheit sich ein tödliches Geheimnis verbirgt, sondern auch auf Will, der mit seinen Launen jeden auf Abstand hält – jeden, außer Tessa. Tessa ist völlig hin und her gerissen, und weiß nicht, wem sie trauen soll. Schließlich sind die Schattenjäger ihre natürlichen Feinde.

MEINE GEDANKEN

Ich gehöre zu den Lesern, die Cassandra Clares erste Trilogie gar nicht mal so schlecht fanden. Als Teenager habe ich die "Chroniken der Unterwelt" wirklich gern gelesen und das ganze Drama rund um Autorin Cassandra Clare ist sowieso an mir vorbeigegangen, obwohl ich es natürlich wichtig finde, über ihren Umgang mit Kritik und ihre Verfehlungen zu sprechen. "Clockwork Angel" hat mir mit achtzehn Jahren jedoch ganz gut gefallen, den zweiten Band habe ich dann aber abgebrochen. Da ich nicht mehr weiß, warum, habe ich mir gedacht, ich gebe den "Chroniken der Schattenjäger" nochmal eine Chance, weil historische Phantastik einfach genau mein Ding ist. Ich muss jetzt aber sagen, dass ich nach dem zweiten Lesen von "Clockwork Angel" eher ernüchtert bin und nicht weiß, ob ich den zweiten Teil überhaupt nochmal in die Hand nehmen möchte. Was hat sich in den knapp acht Jahren, seit ich "Clockwork Angel" gelesen habe, verändert? Ich bin zum einen nicht mehr die Zielgruppe, ich glaube, das ist wichtig. Zum anderen hat sich mein Interesse am viktorianischen Zeitalter damals gerade erst sanft gemeldet. Mittlerweile habe ich Geschichte studiert und bin in den acht Jahren nicht nur für mein Studium, sondern auch für eigene Romane und einfach aus Interesse ziemlich tief in die Epoche eingetaucht. "Clockwork Angel" funktioniert deshalb für mich nicht mehr und das liegt einerseits am Buch, aber andererseits auch irgendwie an mir. Allerdings liegt es hauptsächlich am Buch, machen wir uns nichts vor, denn wer hier gute historische Phantastik erwartet und etwas Vorwissen mitbringt, wird enttäuscht werden.

MODERNE URBAN FANTASY VOR PSEUDOHISTORISCHER KULISSE

Man muss halt auch den Kontext im Blick behalten, in dem "Clockwork Angel" 2010 in den USA und im Jahr darauf in Deutschland erschienen ist. Ich glaube, es ist keine reine Spekulation zu vermuten, dass Cassandra Clare hier auf den Steampunktrend aufgesprungen ist, der damals auf seinem Höhepunkt war, und das merkt man. Ihr viktorianisches London ist so klischeebehaftet, dass es einfach keinen Spaß macht, darüber zu lesen, wenn man schon ein paar Romane mit ähnlichem Setting gelesen hat. Dass es die Amerikanerin Tessa überhaupt nach London verschlagen muss, ist da direkt das erste Klischee in einer langen Reihe. Das viktorianische London war für historische Phantastik damals einfach das Standardsetting und wo ein viktorianisches New York vielleicht schon interessant hätte sein können, weil es einfach nicht so oft gemacht wird, tappt "Clockwork Angel" direkt hier in die Falle, denn das Clares Recherche anscheinend nur oberflächlich war, merkt man dem Buch einfach an. Sie beschreibt das viktorianische London, wie man es in Hollywoodfilmen sieht: Dunkel, schmutzig, gefährlich, Nebel, Kopfsteinpflaster, Regen und so weiter und so fort. Viel sieht man davon jedoch eh nicht, da Tessa ihre meiste Zeit drinnen verbringt. Ein Schelm wer Böses dabei denkt, aber ich wurde den Eindruck nicht los, dass Clare es ganz einfach vermeiden wollte, Tessa in Situationen zu bringen, in denen sie das viktorianische London und vor allem seine Gesellschaft wirklich hätte beschreiben müssen. Ich möchte Clare nichts unterstellen, ich weiß nicht, was sie sich dabei gedacht hat, aber das ist der Eindruck, den das Buch bei mir hinterlassen hat.

Der historische Teil dieses Romans ist darüber hinaus einfach grenzwertig flach. Alle Informationen zu London in den 1870ern wirken wie irgendwo abgeschrieben und als Infodump in den Text gehauen und es ist einfach alles so... einfach so platt. Die Figuren ermahnen sich gegenseitig ständig, was man 1878 "darf" und was man "nicht darf", als wären sie Zeitreisende, die sich das aktiv merken müssen und nicht in diese Zeit geboren und mit diesen Regeln aufgewachsen. Nach dem Motto: "Aber Jessamine, es ist nicht anständig, wenn du...", wiederholen die Figuren ständig "Infos" zum viktorianischen Zeitalter und es liest sich extrem künstlich. Nochmal, ich weiß nicht, was Cassandra Clare sich hier gedacht hat und wie viel Arbeit sie in ihr Setting gesteckt hat, aber es liest sich halt, als hätte sie irgendwo im Internet einen Artikel Marke "Du wirst nicht glauben, was für krasse Benimmregeln die Viktorianer hatten!" gelesen und den dann für bare Münze genommen und eins zu eins auf ihr Setting übertragen. Dieses viktorianische Setting wirkt komplett konstruiert und oberflächlich, weil Cassandra Clare hier die beliebtesten Klischees zur Epoche versammelt und nicht einmal auch nur an der Oberfläche kratzt, um dem ganzen mehr Tiefe zu geben. Kontext zu zeitgenössischen Ereignissen, sozialen Entwicklungen und dergleichen, die die Figuren hätten beeinflussen müssen? Fehlanzeige. Man kann jetzt sagen: "Ja, aber von einer Spin-Off-Reihe zu einer Urban-Fantasy-Trilogie darf man auch nicht zu viel erwarten", aber ganz ehrlich, ich erwarte halt schon, dass auch eine Cassandra Clare ihre Recherche macht, bevor sie historische Romane schreibt, und das geht über das Wiedergeben der beliebtesten Klischees zur Epoche halt hinaus.

Nachmittagskleid, ca. 1880 & Sonnenschirm, ca. 1870 (Met Museum)
Die ganzen gegoogelten Benimmregeln wirken sich dann nicht einmal wirklich auf das Verhalten der Figuren aus. Will ist ein absolutes Ekel, das genau wie Jace in "City of Bones" ständig irgendwelche dummen Sprüche raushaut, und wo das zu einem modernen New Yorker Teenager passen mag, wirkt es an einem viktorianischen Gentleman einfach nur falsch. Launisch und unhöflich hätte Will natürlich sein dürfen, aber doch bitte auf eine Weise, die für das Setting Sinn ergibt und bitte mit den Konsequenzen, die sein Verhalten in dieser Epoche eben gehabt hätte. Es ist also so, dass die Figuren zwar ständig darauf hinweisen, dass sie die "Regeln" der Etikette kennen, sich aber nicht danach verhalten. Besonders Tessa ist hier auffällig, denn sie wird uns als anständige junge Dame aus der Mittelschicht vorgestellt, knutscht dann aber trotzdem wild mit Jace Will herum. Es wirkte auf mich daher leider wirklich, als hätte Cassandra Clare ein paar viktorianische Benimmregeln recherchiert, aber eben nicht den Kontext und schon gar nicht, wie sie sich auf das alltägliche Leben ausgewirkt hätten. Die wirklich interessanten Dinge fallen dann natürlich auch unter den Tisch, wie zum Beispiel die Unterschiede zwischen Amerika und England, die Tessa ja eigentlich live erleben müsste. Dazu kommt aber rein gar nichts und viele Chancen, historisches Flair zu erschaffen, bleiben ungenutzt.

Mit Jessamine hatte ich auch Probleme, denn sie macht dieses "Ich will doch einfach nur eine normale junge Dame sein und keine Schattenjägerin"-Ding. An sich natürlich nichts Schlechtes, aber die "normale Dame", die Jessamine mimt, ist eben auch einfach nur ein weiteres Klischee und entspricht eher übertriebenen Erwartungshaltungen an die "ideale Frau" der Epoche, als den gelebten Wahrheiten viktorianischer Frauen und Mädchen. Ich bin einfach ständig am platt recherchierten und noch platter in den Roman gekloppten "historischen" Schmuckwerk hängen geblieben, besonders auch in den Actionszenen, wenn gerannt, gekämpft und mit dem Sonnenschirm herumgefuchtelt wird. Man merkt einfach, dass Cassandra Clare sich sehr wenige Gedanken dazu gemacht hat, wie Tessa und Jessamine in Tournürenkleidern, Korsetts und Unterröcken kämpfen würden. Die beiden bewegen sich, als hätten sie Jeans und T-Shirt an und irgendwann wird klar, dass Cassandra Clare hier eigentlich ganz moderne Urban Fantasy geschrieben und dabei einfach haufenweise viktorianische Schlagwörter eingefügt hat. Das viktorianische Setting ist eher eine Schicht Zuckerguss, die mit jeder Seite, die man liest, weiter abblättert und darunter ist nicht viel Substanz. Und so geht historische Phantastik halt nicht, auch nicht, wenn man Cassandra Clare ist.

"CITY OF BONES" NOCHMAL VON VORN?

Taugt die eigentliche Story denn wenigstens was? Naja. Es wurde schon nach seinem Erscheinen immer wieder angemerkt und es stimmt halt einfach, dass "Clockwork Angel" ein zweites "City of Bones" ist, in dem nur Namen und ein paar Details zum Setting verändert wurden. Zu jeder Hauptfigur aus "City of Bones" gibt es in "Clockwork Angel" eine Entsprechung und meistens unterscheiden sich wirklich nur Namen und Haarfarben. Darüber hinaus gibt es nicht viel Neues: Tessa hat eine mysteriöse Halskette, den Clockwork Angel, und die große Enthüllung zu Beginn ist diesmal nicht "Clary, du bist eine Schattenjägerin!", sondern "Tessa, du bist eine Schattenweltlerin!" Dann gibt es eine ganze Menge Füllmaterial, eine Liebesgeschichte, die niemanden vom Hocker reißt, weil man sie fast genauso schon in "City of Bones" gelesen hat, und ein paar böse Gestalten, die es aufzuhalten gilt. Es ist einfach nichts Besonderes und schon gar nichts Neues. Selbst den Steampunkanteil fand ich nicht besonders gut gemacht, weil er sich nur auf ein paar Szenen und Apparaturen beschränkt, die man genauso gut hätte weglassen können. Acht Jahre später wirkt "Clockwork Angel" einfach, als hätte Clare nach dem Erfolg von "City of Bones" schnell eine Spin-Off-Trilogie hinterher schieben und gleichzeitig auf den momentanen Phantastiktrend, Steampunk, aufspringen wollen. Das ist an sich nichts Schlechtes und hätte mit sehr viel mehr Recherche, Mut etwas Neues zu machen und etwas weniger bei sich selbst abschreiben klappen können. Hat es aber nicht.

So ist "Clockwork Angel" leider ein eher lauer historischer Phantastikroman mit platten Figuren und einer stereotypen Romanze, die man so oder so ähnlich bereits aus "City of Bones" kennt, in einem viktorianischen London, das außer lauwarmer Klischees und übertrieben dargestellter Benimmregeln nichts zu bieten hat. Mein größtes Problem als Histoleserin ist, dass sich das historische Setting auf das Verhalten der Figuren und selbst auf die Geschichte überhaupt nicht auswirkt. Tessa bewegt sich wie eine moderne Heldin, spricht wie eine moderne Heldin und handelt trotz all ihrer "Das schickt sich nicht!"-Anfälle wie eine moderne Heldin. Will ist eigentlich Jace, nur in einen viktorianischen Anzug gestopft, genauso launisch, provokant und großmäulig. Jessamine will eine "richtige Dame" sein, kämpft aber trotzdem genauso gut und gnadenlos wie Isabelle aus "City of Bones" und ganz generell wirkt das Setting mit Absicht vage gehalten. Trotzdem merkt man, dass Clare vom viktorianischen England, seiner Politik, Gesellschaft und Kultur einfach nicht viel Ahnung zu haben scheint. Nicht nur die viktorianische Gesellschaft kommt einfach nicht rüber, auch die britische Kultur, die ja nun einmal im späten neunzehnten Jahrhundert eigentlich auf ihrem Höhepunkt ist, bleibt auf der Strecke und was bleibt sind eigentlich moderne Figuren in einer modernen Geschichte, in der hier und da viktorianische Schlagwörter auftauchen, um dem Ganzen einen historischen Anstrich zu geben. Und das ist gar nicht meins. 

Würde ich "Clockwork Angel" weiterempfehlen? Ich weiß nicht. Als Gimmick zu den "Chroniken der Unterwelt" funktioniert "Clockwork Angel" dank vieler Anspielungen ganz gut, sodass auch Fans von Cassandra Clare und ihren Büchern durchaus auf ihre Kosten kommen sollten. Aber als historischer Phantastikroman ist das Buch eben einfach sehr durchschnittlich, wenn nicht sogar unterdurchschnittlich. Da gibt es Besseres, weshalb ich LeserInnen, die sich zwar für historische Phantastik oder Steampunk interessieren, aber bisher nichts von Cassandra Clare gelesen haben oder vielleicht sogar "City of Bones" nicht so sehr mochten, eher nicht zu diesem Buch raten würde. Trotzdem gilt natürlich, dass ihr euch, falls der Roman euch interessiert, eine eigene Meinung bilden solltet. Ich jedoch bleibe enttäuscht zurück, da der historische Hintergrund einfach komplett unausgegoren ist und die Geschichte zudem viel zu nah an "City of Bones", als dass ich sie als eigenständigen Roman hätte genießen können. Es gibt schönere viktorianische Phantastik als dieses Buch und da verkauft sich wohl leider wirklich eher der Name der Autorin.

Kommentare

  1. Ich würde heute noch viel härter werten, weil es praktisch ein Plagiat ist, auch wenn die Autorin in diesem Fall von sich selbst geklaut hat. Abgesehen davon werden diverse Themen wie sexuelle Identität und Selbstbestimmung in ihren Büchern nur vordergründig behandelt. Beim genaueren Hinschauen bleibt da auch nicht mehr allzu viel Substanz. Letztlich bleibt da nur der Unterhaltungsfaktor und das ist mir mittlerweile zu wenig, um ein Buch, welches sich an Jugendliche richtet, zu empfehlen.

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    1. Auf das ganze Drama rund um Cassandra Clare bin ich mit Absicht nicht eingegangen, weil die Rezi dann zu lang geworden wäre, aber ihren Umgang mit Kritik, besonders an ihren Fehlern, was Diversity angeht, finde ich auch ganz furchtbar und ich habe noch überlegt, ob ich in der Rezi erwähnen soll, dass die Sachen, die sie zur chinesischen Kultur schreibt, teilweise falsch sind, das habe ich dann aber vergessen. Sollte ich vielleicht noch einbauen.

      Ich glaube "Da bleibt nicht viel Substanz, wenn man genau hinschaut" ist einfach generell zutreffend für ihre Bücher. Wenn ich "City of Bones" nochmal lesen würde, wäre ich wahrscheinlich ziemlich enttäuscht, weshalb ich das nicht tun werde, ich muss mir ja nicht selbst jede gute Erinnerung rauben, auch, wenn ich die Problematiken heute absolut sehe und die Bücher auch nicht mehr empfehlen würde, obwohl ich sie damals mochte.

      Aber ja, ich würde das Buch auch wirklich nur Clare-Fans als Gimmick zu "Chroniken der Unterwelt" empfehlen. Die wissen ja meist auch schon, wie Clare zu Diversity steht und kennen auch die Debatte um ihre Fanfictions und dann muss jeder selbst entscheiden, was er davon hält. Als eigenständiger historischer Phantastikroman taugt das Buch aber auch darüber hinaus einfach nichts, sodass es für Leser, die Clare eh nicht mögen oder kennen, einfach nichts bereithält.

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