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[Nochmal gelesen] "Ich, Adrian Mayfield" von Floortje Zwigtman

Ich, Adrian Mayfield | Adrian Mayfield #1 | Gerstenberg, 2008 | 978-3-8369-5732-8 | 512 Seiten | deutsch | Niederländische OA: Schijnbewegingen, 2005

London 1894. Adrian Mayfield ist keine 17 und Lehrjunge bei einem Maßschneider in Soho. Als er eines Tages seine Anstellung verliert, sitzt er völlig mittellos auf der Straße. Bei einem ehemaligen Kunden, einem Kunstmaler namens Augustus Trops, findet er zunächst Unterschlupf und beginnt, Modell zu sitzen. Beim Modellsitzen bleibt es nicht, zu Adrians allergrößtem Erstaunen: Ja, er liebt Männer! Im London dieser Zeit ein Verbrechen. Durch Trops erhält Adrian Zugang zu den erlesensten Künstlerkreisen Londons, an deren Spitze Oscar Wilde im Café Royal thront. Adrian beginnt Gefallen zu finden an dieser dekadenten Gesellschaft, an ihren Eskapaden, ihrem Witz, ihrer Freizügigkeit und Intelligenz. Doch weder ein Zuhause noch wahre Freunde findet er hier, auch wenn er das feine Spiel der Verkleidungen und Scheinmanöver bald perfekt beherrscht...

MEINE GEDANKEN

Das hier wird keine leichte Rezension. Zuerst aber mal die Vorgeschichte: Ich war sechzehn, als ich dieses Buch zum ersten Mal gelesen habe, und es war der zweite Roman mit queeren Hauptfiguren, den ich überhaupt jemals gelesen habe. (Der erste war Aline Sax' "Eine Welt dazwischen".) Es ist wahrscheinlich nicht zu viel behauptet, wenn ich sage, dass dieses Buch erheblich dazu beigetragen hat, dass ich begonnen habe, mich für das viktorianische Zeitalter zu interessieren. Schon davor hatte ich mich mit Oscar Wilde und dem London des späten neunzehnten Jahrhunderts auseinandergesetzt, aber nach diesem Buch wollte ich alles darüber wissen. Und es ist einfach so, dass ich in all den Jahren keinen zweiten Roman gelesen habe, der das dekadente fin de siècle so auf den Punkt bringt, wie "Ich, Adrian Mayfield". Floortje Zwigtman fängt Zeitgeist und Gesellschaft gekonnt ein und trotz all der düsteren Aspekte dieser Welt, wirkt das London der belle époque auf den Leser von Anfang an so betörend anziehend, wie auf Ich-Erzähler Adrian, einen Jungen aus der Arbeiterschicht, der einen Weg in die höheren Kreise der Londoner Gesellschaft sucht, der ihm jedoch verwehrt bleibt. Irgendwo ist und bleibt "Ich, Adrian Mayfield" genial. Als historischer Roman, der ein komplexes Bild der Epoche zeichnet und das so farbenfroh, dass man sich irgendwann wirklich eine Zeitmaschine wünscht, lässt der Roman Genrekollegen weit hinter sich zurück. Aber als queerer Jugendroman? Leute, ich weiß nicht...

BUNTE BOHÈME, SCHMUTZIGE GEHEIMNISSE

Ich möchte mit dem Positiven anfangen, denn davon gibt es mehr als reichlich, denn nicht nur das historische Setting überzeugt, sondern auch Zwigtmans Darstellung der historischen Persönlichkeiten rund um Oscar Wilde. Wilde selbst, Bosie Douglas, Aubrey Beardsley und Robbie Ross sind stark gezeichnete Figuren und man merkt dem Roman an, dass Zwigtman sich lange mit ihnen beschäftigt haben muss, um sie auf diese Weise lebendig werden zu lassen. Das ganze Setting wirkt durch und durch harmonisch: Die Figuren, die detailverliebten Beschreibungen Londons, der Kontrast zwischen Arbeiterschicht und Bürgertum, die Philosophie der Bohème, das kommt so gut und atmosphärisch rüber, wie ich es noch in keinem anderen Roman gelesen habe. Zwigtmans Schreibstil ist nicht unbedingt malerisch. Sie lässt Adrian aus der Ich-Perspektive erzählen und das ziemlich offen und derb, doch trotzdem erschafft Zwigtman lebendige Bilder der Epoche, die so schnell nicht loslassen. Was Zwigtman eindeutig gelingt, ist, die Zweischneidigkeit dieser Epoche darzustellen, die auf der einen Seite von glitzernder Dekadenz geprägt ist, und auf der anderen von bitterer Armut und dunklen Machenschaften hinter verschlossenen Türen. Die Atmosphäre, Setting und Figuren sind wunderbar gelungen und lassen einen in die Epoche eintauchen.

Was mir auch gut gefällt, ist die Thematisierung der Wildeprozesse aus queerer Sicht (Ich verlinke hier für mehr Infos einfach mal zu mir selbst), denn leider ist das selten. Die meisten Romane, die Wildes tiefen Fall und seinen Ruin behandeln, tun das aus sehr heteronormativer Perspektive, aus der oft nicht ersichtlich wird, was genau Wildes Prozess für die queere Community des viktorianischen Londons bedeutete und wie diese überhaupt aussah. Zwigtman taucht tief in die Londoner "Unterwelt" ein und schildert authentisch und einfach sehr gut recherchiert die Mechanismen der queeren Szene des fin-de-siècle-Londons, positive wie negative Seiten, und ihre Verbindung zur Avantgarde der Zeit. Das ist selten, aber es ist verdammt wichtig, denn die 1890er waren geprägt durch eine (weitere) Moralpanik rund um den Verfall der viktorianischen Kultur, für den unter anderem Queerness verantwortlich gemacht wurde. Viele AutorInnen kehren das gern unter den Tisch, selbst, wenn es um die Wildeprozesse geht, doch Zwigtman beschreibt diese aufgewühlte Zeit treffend, fängt ein wichtiges Stück LGBTQ-Geschichte ein und macht es für moderne Leser zugänglich. Auf der einen Seite ist das genial, denn es ist nicht nur gut recherchiert, sondern auch durch die Augen eines Arbeiterjungen, der am Rande steht und zusieht, wie ein Jahrhundert sich dem Ende zuneigt und eine Gesellschaft sich rigoros verändert, erzählt, sodass man selbst auch eine Beobachtungspose einnimmt und genau wie Adrian zwar ansehen muss, was passiert, aber doch außen vor ist, und das macht "Ich, Adrian Mayfield" zu einem ziemlich cleveren Portrait dieser Zeit. Es hängt aber auch mit dem Punkt zusammen, der das Kartenhaus dann doch zum Einstürzen bringt. 

DER ELEFANT IM RAUM

Okay, Leute, jetzt kommt's: Adrian ist sechzehn, als er auf den deutlich älteren Augustus Trops trifft, er ist sechzehn oder siebzehn, als er sich in den siebenundzwanzigjährigen Vincent Farley verliebt, er ist ebenfalls sechzehn oder siebzehn, als er aus purer Verzweiflung beginnt, sich zu prostituieren. Ja, wenn man sich mit der queeren Geschichte Londons auseinandersetzt, dann ist Adrians Lebensweg als queerer Junge aus der Arbeiterschicht keineswegs überzeichnet oder nicht authentisch, darum geht es hier nicht. Es geht viel eher darum, dass "Ich, Adrian Mayfield" ein Jugendbuch ist, in dem der jugendliche Held praktisch von älteren Männern immer weitergereicht wird, ohne, dass das groß reflektiert wird. Augustus Trops ist Adrians Freund und Gönner, eine positive Figur. Dass er dem jugendlichen Adrian Geld für Sex gibt, wird kaum genauer beleuchtet. Adrians Liebe zu Vincent Farley, der auch gut zehn Jahre älter ist, wird ebenfalls nicht als problematisch erachtet. Und während das im London der 1890er tatsächlich Gang und Gäbe gewesen sein mag, ist "Ich, Adrian Mayfield" immer noch ein Jugendbuch für moderne jugendliche LeserInnen und sollte da nicht irgendwo mal die Frage aufgeworfen werden, ob das okay ist? Es transportiert eben irgendwo auch dieses alte Problem der queer community: Der ältere Mann als Lehrer und Gönner des jüngeren Mannes, das wir (auch in Hinblick auf einen gewissen queeren Kinofilm, den im Moment alle abfeiern, ihr wisst schon, welchen ich meine) wirklich öfter hinterdenken sollten. 

Finden wir es wirklich okay, wenn Teenager Beziehungen zu Erwachsenen eingehen, nur, weil es eben eine queere Beziehung ist? Als "Pretty Little Liars" uns die sechzehnjährige Aria als große Liebe ihres Lehrers, Anfang zwanzig, präsentiert hat, sind alle zurecht auf die Barrikaden gegangen, ich habe aber noch keine Rezension zu diesem Roman gesehen, die mal sagt: Moment mal, das ist eigentlich absolut nicht okay, historischer Roman hin oder her. Also mache ich das jetzt. Das ist nicht okay. Und ja, mit sechzehn habe ich das einfach hingenommen. Mit achtzehn, als ich den Roman noch einmal gelesen habe, auch noch. Heute aber nicht mehr. Ich sage gar nicht, dass sowas im historischen Roman nicht passieren darf, denn ja, es ist absolut authentisch für die queere Szene des Londons der 1890er Jahre und darauf muss man auch hinweisen. Viele Prostituierte waren Teenager. Viele stammten aus ärmeren Schichten und wurden von reicheren Schichten nach Strich und Faden ausgenutzt. Lasst uns darüber schreiben, anstatt dieses Kapitel der LGBTQ-Geschichte weiter unter den Teppich zu kehren, als wäre das alles besonders zur Zeit der Prozesse rund um Oscar Wilde nicht ein Riesenthema gewesen. Aber wenn wir darüber schreiben, können wir das vielleicht reflektierter tun, als es hier geschieht? Denn Augustus Trops wird uns als gutmütiger älterer Mann präsentiert, der vielleicht etwas gedankenlos ist, aber eigentlich Adrians Freund. Vincent Farleys großes Problem ist seine internalisierte Homophobie, nicht etwa, dass er sich in einen Siebzehnjährigen verliebt hat. 

Und bevor mir jetzt jemand mit "Aber wir können unsere modernen Ansichten nicht so auf eine vergangene Epoche übertragen" kommt: Der Roman stammt von 2005. Er wurde von einer modernen Autorin für moderne jugendliche LeserInnen geschrieben, also ist dieses Argument absolut hinfällig. Wir filtern in Fiktion das Historische immer durch eine moderne Linse, denn egal wie sehr man es versucht, man kann sich nicht komplett davon lösen. Und besonders in einem Jugendbuch ist das auch wichtig. Nichts spricht gegen ein: "Das ist im viktorianischen England zwar so passiert, aber es ist nicht okay und wir sollten darüber sprechen" im historischen Jugendroman. Wirklich nicht. Und so wunderbar "Ich, Adrian Mayfield" erzählt ist, so bildgewaltig dieses Setting rüberkommt, so klar gezeichnet die Figuren sind und so sehr ich diese Geschichte liebe, dieser Elefant steht einfach im Raum und wir sollten nicht versuchen, an ihm vorbeizusehen. Er ist da, er bleibt da, und er sorgt dafür, dass ich im Moment nicht mehr weiß, wie ich mit ihm umgehen soll. "Ich, Adrian Mayfield" ist mir wichtig. Dieses Buch hat mich stark beeinflusst. Und doch ist dieser Aspekt durch und durch problematisch und es hat niemand etwas davon, wenn wir so tun, als wäre er es nicht.

Ich liebe dieses Buch, aber ich hasse seinen verantwortungslosen Umgang mit diesem Problem. Ich liebe, dass Adrian sich selbst und seine Sexualität positiv sieht und feiert, dass er weiß, dass er mehr im Leben verdient, als er bekommt und nicht aufgibt. Das ist großartig. Aber als literarische Identifikationsfigur für queere junge LeserInnen kommt mir Adrian beinahe unverantwortlich vor. Denn er lässt sich von älteren, reicheren Männern, ob Trops, Vincent oder auch Bosie, ausnutzen und ist beinahe noch froh darum und da fehlt mir ganz eindeutig Reflexion dieses Abhängigkeitsverhältnisses, denn nichts anderes ist das ja, von Seiten der Autorin aus. Irgendwie spielt das natürlich alles ineinander: Adrian möchte dazu gehören und kann die sozialen Grenzen doch nicht überwinden und dazu gehört auch, dass die Figuren in ihm eben keinen ebenbürtigen Menschen sehen. Und doch bleibt das Problem bestehen, eben weil die Zielgruppe moderne Jugendliche sind, sicherlich auch queere Teenager, die in Adrian eine Identifikationsfigur suchen, die einfach nicht da ist.

QUEERE FRAUEN WURDEN HALT ERST 1960 ERFUNDEN

Ich hatte noch ein paar andere Probleme mit dem Roman. Unter anderem zeigt Zwigtman zwar sehr deutlich, dass es nicht lustig ist, so arm und verzweifelt zu sein, dass einem nur die Prostitution bleibt, doch sie gießt auch einige Liter Zuckerguss über diese Problematik, denn trotz seiner Lage kann Adrian sich selbst aussuchen, mit wem er schlafen will und mit wem nicht und natürlich behandeln ihn auch hier wieder alle (oft deutlich älteren) Kunden anständig, was schön für Adrian ist, aber die Situation auch sehr stark verharmlost. Darüber hinaus haben mir einfach ganz eindeutig die Frauenfiguren gefehlt und eine Auseinandersetzung mit Queerness, die über weiße, schwule Männer hinausgeht. Queere Frauen sucht man hier vergeblich, obwohl sie genauso zur queeren Szene der 1890er gehörten, und generell sind die einzigen beiden Frauenfiguren, die im Kopf bleiben, die junge und eigenwillige Imogen Farley und Adrians Schwester Mary-Ann, die mir zwar beide gut gefallen haben, aber am Ende doch etwas außen vor sind. Imogen ist jung und naiv und ihre schriftstellerischen Ambitionen werden eigentlich von allen belächelt, Mary-Ann wirkt durchgehend irgendwie ignorant und begreift nicht, in was für einer Situation ihr Bruder steckt, während sie als Schauspielerin sozial aufsteigt.

Dann gibt es da noch die Prostituierte Rita, eine alte Freundin von Adrian, die aber nur kurz vorkommt und nicht wirklich eine große Rolle spielt. Aber wo sind die Frauen aus Oscar Wildes Kreisen, zum Beispiel seine gute Freundin Sarah Bernhardt? Wo ist ganz besonders auch Constance Wilde, die eben nicht nur das Deckmäntelchen für Wildes Queerness war, sondern seine Freundin und Vertraute, der er ja nicht umsonst auch vertraute Liebesbriefe geschrieben hat und mit der zusammen er einige feministische Projekte ins Leben rief. (Wildes Feminismus fällt in "Ich, Adrian Mayfield" übrigens auch komplett unter den Tisch, was ich schade finde.) Und wo sind ganz generell einfach die queeren Frauen, deren Existenz unangenehmerweise totgeschwiegen wird, ausgerechnet in einem Roman, der sich ansonsten so detailliert und authentisch mit Queerness im viktorianischen Zeitalter auseinandersetzt? In Band Drei der Trilogie geht Zwigtman ein bisschen darauf ein, aber sie fehlen hier ganz eindeutig.

Ich kann das Buch aus diesen Gründen einfach nicht unbedingt empfehlen, zumindest nicht als Jugendbuch ab vierzehn. Erwachsene Leser, die mit dieser Thematik umgehen und sie einschätzen können, sollten für den Einblick in die queere Kultur des fin de siècles, aber vor allem für einen genial recherchierten historischen Roman rund um Oscar Wilde und seine Kreise durchaus zu "Ich, Adrian Mayfield" greifen. Aber Jugendliche? Ich weiß nicht. Dieses Buch ist gut, Leute. Es ist verdammt gut. Aber es reflektiert nicht, was es darstellt, und es ist problematisch. Heute kann ich das sehen, ich kann einige der Botschaften dieses Romans verurteilen und ihn trotzdem lieben, weil er mir mal so wichtig war, und, weil er auch so viel richtig macht, aber ich kann ihn nicht wirklich empfehlen, schon gar nicht Jugendlichen. Am Ende ist "Ich, Adrian Mayfield" ein bildgewaltiger historischer Roman über viktorianische Klassenunterschiede, über Oscar Wildes Bohème, die queere Kultur des fin de siècle und über die Suche nach Sicherheit in einer bewegten Epoche. Aber er ist kein guter queerer Jugendroman, bietet LGBTQ-Teenagern auf der Suche nach einer Identifizierungsfigur nicht wirklich etwas, sondern stellt immer wieder ungesunde Beziehungen zwischen einem Jugendlichen und älteren Partnern als normal und sogar erstrebenswert dar und das ist eigentlich ziemlich hässlich, egal in welcher Epoche. Deshalb gibt es von mir schweren Herzens 3.5 Punkte für ein großartig erzähltes, viktorianisches Epos, das sehr viel richtig macht, aber leider auch eine Menge falsch.

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