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"Strom auf der Tapete" von Badey/Kühn

Strom auf der Tapete | Beltz & Gelberg, 2017 | 978-3-407-82211-6 | 192 Seiten | deutsch

Mit dem Schneewittchen ans Ende der Welt ... Ron Robert Ranke hat keinen Plan. Das ist der Plan. Logisch. Aber er hat ein altes Foto aus der Küchenschublade. Deswegen fahren er und die geheimnisvolle Clara mit dem Schneewittchen zur Wahl der Oderbruchkönigin in ein gottverlassenes Dorf an der polnischen Grenze. Damit sich die Wölfe endlich vom Acker machen, und weil er wissen will, wer sein Vater ist. Mann, Mann, Mann ...
MEINE GEDANKEN

Was war denn DAS? Ich habe "Strom auf der Tapete" beinahe komplett in einer Nacht gelesen, weil ich nicht schlafen konnte und einfach was Kurzes wollte, um mir die Zeit zu vertreiben. Meine Wahl fiel auf "Strom auf der Tapete", weil der Roman mit nicht mal 200 Seiten schön kurz ist und ich Geschichten über Roadtrips mag. Ob ich jetzt aber "Strom auf der Tapete" mag... weiß ich nicht und ich musste wirklich lang über die Wertung nachdenken, weil ich mir ehrlich nicht sicher war, ob ich diesem Buch einen Punkt geben würde, oder fünf. Dieses Buch ist ziemlich skurril. Held ist Ron Robert Ranke, seines Zeichens Teenager, der mit seiner trinkenden Mutter Peggy in ärmlichen Verhältnissen lebt. Dann wäre da noch seine Mitschülerin Clara, hübsch, steinreich und Rollifahrerin. Als Peggy Ron Robert zum Geburtstag ein Cabrio mietet (Ich meine, ganz normal, ne?), hauen Ron Robert und Clara damit ab auf einen Roadtrip durch Brandenburg und begeben sich auf die Suche nach Ron Roberts Vater, den Peggy vor ihm geheimhalten will. Und das ist merkwürdig amüsant und gleichzeitig so verdammt edgy und gewollt philosophisch, dass es manchmal nur noch für ein Augenrollen reicht. Hier und da stecken aber auch ein paar tolle Gedanken dazwischen, die mir gefallen haben.

LOGIK IST AUS, BRAUCHEN WIR ABER AUCH NICHT

Logik sucht man in diesem Buch vergeblich und das ist aber irgendwie auch der Sinn der Sache. Der ganze Roman kommt so skurril und abstrakt daher, dass man einfach hinnimmt, dass die Teile sich ganz von allein aneinanderfügen. Für gewöhnlich mieten Mütter, die nicht viel Geld haben, ihren minderjährigen Söhnen ohne Führerschein keine weißen Cabrios zum Geburtstag. Für gewöhnlich fährt das reichste Mädchen der Klasse auch nicht einfach mal so mit dem Bus mit in die Wohngegend des Losers, der ihr eigentlich immer nur blöd kommt. Für gewöhnlich stolpern die beiden dann auch nicht zufällig über eine Schönheitsköniginnenwahl, auf der Ron Roberts Vater anwesend sein könnte, an genau dem Tag, an dem sie mit besagtem Cabrio unterwegs sind. Aber das ist alles egal, weil diese Geschichte irgendwie außerhalb von aller Logik existiert. Sie liest sich ein bisschen wie ein richtig merkwürdiger Traum, in dem man ja auch einfach alles hinnimmt, und das liegt am Stil des Autorinnenduos Badey und Kühn, die beide wirklich mit Sprache umgehen können. Ron Robert ist Ich-Erzähler und der Roman ist ein bisschen wie ein langer innerer Monolog, in den sich hier und da mal ein Gespräch mit jemand anderem mischt. Ron Roberts Innenleben ist eigentlich Dreh- und Angelpunkt der Geschichte und bleibt aber gleichzeitig auch sehr vage. Er hat psychische Probleme, die er als "die Wölfe" bezeichnet, die ihn heimsuchen. Er benutzt oft recht merkwürdige Redewendungen ("Da boxt der Papst" hat einen halben Lachanfall ausgelöst), wie das titelgebende "Strom auf der Tapete" und seine ganze Ich-Perspektive ist irgendwie einfach merkwürdig - fast kann man sich damit identifizieren, aber nicht wirklich und das macht alles so skurril. 

Trotzdem schließt man Ron Robert trotz seiner derben Sprache und seiner schroffen Art direkt ins Herz. Ein typischer Jugendbuchheld ist er nicht: Er ist in eher ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und ein bisschen siffig (er duscht nicht besonders gern), doch hinter der Fassade verstecken sich recht große Gedanken und ein sehr cleverer Junge, der zu sich selbst finden muss. Das hat mir ziemlich gefallen, denn Ron Robert stammt aus einer sozialen Schicht, die nicht oft im Jugendbuch vorkommt, geschweige denn als Helden und Ich-Erzähler. Aber auch Clara ist toll und ungewöhnlich. Ich hätte mir allerdings sehr viel mehr Einblick in ihr Innenleben gewünscht, denn immer wieder wird angedeutet, dass auch sie etwas sucht, doch man erfährt nie, was genau das ist und was genau sie denkt. Auch sie ist sehr schroff, doch genau wie bei Ron Robert kann man verstehen, warum. Das große Manko dieses Romans ist jedoch, dass all das irgendwie ins Leere läuft. Der Anfang und die Fahrt nach Letschow sind stark. Badey und Kühn bauen tolle Konflikte auf, bieten Stoff zum Nachdenken an und stellen die beiden Hauptfiguren als interessante und vielschichtige Teenager vor. Kaum in Letschow angekommen, geht das aber alles ein bisschen den Bach runter und wirkt plötzlich ziellos, denn Ron Robert und Clara spülen nur noch von einem Ort zum nächsten, finden eigentlich kaum etwas Neues raus und dann gibt es ein total überstürztes Ende, aber keinerlei Auflösungen.

Und deshalb frage ich mich jetzt: Warum eigentlich das Ganze? Warum habe ich das gelesen, was nehme ich hier jetzt mit? Es liest sich ein wenig, als würde da noch was fehlen, ein oder zwei abschließende Kapitel, die das Ganze rund machen und ihm einen Sinn geben. Denn wo keine Logik ist und sein soll, da sollte am Ende irgendwie trotzdem noch ein Sinn sein. Und am Anfang war der ja auch da: Ron Roberts psychische Probleme, Claras Wut auf alles und jeden, das Geheimnis rund um Ron Roberts Vater, Peggys Geschichte... Da wird auf den ersten knapp 100 Seiten viel aufgebaut, das auf den zweiten 100 Seiten aber einfach nicht zu Ende gedacht wird. Und sicherlich ist das Absicht, aber es gefällt mir nicht. Ich habe keinen Abschluss hier, keine Antworten und daher keinen Mehrwert. Ron Roberts Reise, die am Anfang noch wirkte wie ein Ausbruch aus seiner bekannten Welt, verkommt dadurch am Ende irgendwie zu etwas vollkommen Sinnlosen. Es ist nicht so, dass er nichts dazulernt oder nichts herausfindet, aber man fragt sich am Ende einfach, was einem das jetzt sagen sollte, was man jetzt als Leser davon hat. Was ist mit seinen psychischen Problemen? Seinem angespannten Verhältnis zu Peggy? Was wird aus ihm und Clara? Das alles bleibt irgendwie in der Luft hängen. Und das liegt daran, dass dem Roman einfach der richtige Abschluss fehlt. Er bricht ab, an einer Stelle, an der eigentlich noch etwas kommen müsste, um die Geschichte rund zu machen und das ist sehr, sehr schade. 20 Seiten mehr und das hier hätte toll werden können.

BRANDENBURG, BRANDENBURG...

Richtig gut gefallen hat mir, dass sich das Buch einfach richtig nach Brandenburg anfühlt. Wir fahren mit Ron Robert und Clara von Frankfurt/Oder in ein Dorf an der polnischen Grenze und die Verwahrlosung und Einsamkeit dieser Gegend schwingt immer mit. Die Atmosphäre ist super. Dieses Buch hat einen Ausdruck, den selten ein Roman hat, und schafft es zu fesseln, ohne auf krasse Schockmomente oder dergleichen zurückgreifen zu müssen, einfach durch die Art, wie Ron Robert erzählt und wie die Autorinnen Spannung aufbauen. Ich wollte wissen, wer Ron Roberts Vater ist und wieso Peggy ihm das nicht sagen wollte, was Clara passiert ist, wie es mit den beiden weitergehen wird. Das Problem war eben einfach, wie schon angesprochen, dass ich davon nur die Hälfte am Ende wirklich erfahren habe. Man kann jetzt natürlich sagen, dass man im wahren Leben auch nicht alles erfährt, was man gern wissen würde und vielleicht ist das ja der Sinn hinter der ganzen Sache, aber falls das so ist, ist es bei mir nicht richtig angekommen, weil alles am Ende einfach zu schnell runtergerissen wirkte. "Strom auf der Tapete" ist mit nur 192 Seiten ein schneller Roman, dessen Pacing aber einfach ein bisschen falsch gesetzt ist. Der Anfang ist im Vergleich zum Ende viel zu lang. Die Fahrt nach Letschow nimmt viel Raum ein, der den Szenen in Letschow dann fehlt. Und gerade, weil der Roman so kurz ist, fällt das leider richtig auf.

Am Ende ist "Strom auf der Tapete" ein skurriler, abgedrehter Jugendroman, der einige gute Botschaften und Gedanken enthält. Ron Roberts Ich-Perspektive und der Schreibstil der beiden Autorinnen haben mir sehr gefallen, auch Clara war eine tolle Figur, über die ich gern noch viel mehr gewusst hätte. Aber dem Roman fehlt ein Ende. Er will clever sein und er ist clever, aber vielleicht ist er am Ende ja einfach zu clever, um eine rund erzählte Geschichte zu sein. Das Pacing stimmt nicht immer und das Ende kommt zu abrupt, Antworten auf die Fragen, die einen wirklich interessieren, bekommt man nicht und am Ende bleibt alles, was in der ersten Hälfte so stark aufgebaut wird, in der Luft hängen. Und das ist verdammt schade. Von mir gibt es für "Strom auf der Tapete" daher 3.5 Punkte. Der Roman ist witzig, skurril, manchmal düster, manchmal beinahe philosophisch. Er stellt zwei tolle Figuren vor und eine ungewöhnliche, interessante Geschichte, die aber leider zu einem viel zu abrupten Ende kommt, weshalb der Roman nicht wirklich nachwirkt. Lesenswert ist er für alle Fans von zeitgenössischer Jugendliteratur aber auf alle Fälle. Er macht Spaß, er ist anders und er macht sehr viel richtig, nur eben einfach nicht alles. Sollten die beiden Autorinnen jedoch noch einmal zusammenarbeiten, werde ich das Ergebnis auf jeden Fall lesen, denn mir gefällt diese etwas andere Erzählweise und das Skurrile daran sehr.

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