Ich bin umgezogen! Ihr findet mich und mein Blog ab jetzt unter Stürmische Seiten. Ich hoffe, wir sehen uns dort!

"Sturmsegel" von Corina Bomann

Sturmsegel | Ueberreuter, 2013 | 9783764190309 | 352 Seiten | deutsch

Stralsund 1628: Nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter wird Anneke aus ihrem vertrauten Leben gerissen und in die vornehme Welt des Kaufmanns Roland Martens geworfen. Allerdings hat Anneke nicht lange Zeit, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen: Wallenstein steht mit seinen Truppen vor den Toren Stralsunds. Wieder wird sie fortgeschickt, dieses Mal zu ihrer fremden Tante in das noch fremdere Stockholm. Dort lernt Anneke den jungen Schiffsbauer Ingmar kennen – und die beiden verlieben sich sofort ineinander. Als die Schiffsbauer der Vasa nach deren Untergang fliehen müssen, bleibt Anneke an Ingmars Seite: Ein Leben ohne ihn kann sie sich nicht mehr vorstellen. Doch bei einem tragischen Schiffbruch auf der stürmischen Nordsee werden sie voneinander getrennt. Eine gefahrvolle Suche beginnt, deren Ausgang im Ungewissen liegt …

MEINE GEDANKEN

Ich weiß nicht so wirklich, was "Sturmsegel" jetzt eigentlich wollte, denn einen roten Faden sucht man vergeblich. Ich hatte mich auf eine tolle Geschichte über die Seefahrt, Schiffsbau und vor allem eben den Untergang der Vasa gefreut. "Sturmsegel" ist am Ende jedoch eben sehr viel mehr ein Roman über den turbulenten Alltag einer jungen Frau während des dreißigjährigen Krieges, und das irgendwie einfach, ohne eine bestimmte Richtung zu verfolgen. Die wirklich spannenden Ereignisse - die Vasa, der Schiffbruch und die Suche nach Ingmar - sind in die letzten paar Seiten gequetscht, während man davor zwar eine Menge über die Belagerung von Stralsund und das Leben in Stockholm erfährt, aber eben einfach keine wirkliche Handlung zu erkennen ist. Und wenn ich "die letzten paar Seiten" sage, dann meine ich das auch so. Alles Relevante geschah in meiner eBook-Ausgabe auf den letzten 70 Seiten und das ist einfach enttäuschend. Es ist nicht so, dass davor nichts Spannendes passiert. Die Belagerung von Stralsund war interessant zu lesen und auch die Schicksalsschläge, die Anneke erleidet, haben mich mit ihr mitfiebern lassen, aber ich hatte mir von einem Roman mit dem Titel "Sturmsegel" und einem Schiff in tosenden Wellen auf dem Cover einfach was ganz anderes erwartet.

MEER WÄRE MEHR GEWESEN

Natürlich bin ich hier mal wieder überkritisch, weil ich den Roman eigentlich nur wegen der Erwähnung der Vasa in die Hand genommen habe. Die Vasa ist der Grund, weshalb ich Archäologie studiert habe, nachdem ich als Teenager eine Dokumentation über die archäologischen Arbeiten mit dem Wrack gesehen habe. Leider steht auf "Sturmsegel" jedoch ziemlich groß Vasa drauf, ist aber einfach nicht drin. Ich hatte gehofft, dass man über Anneke und ihre Beziehung zum Schiffsbauer Ingmar ein bisschen mehr vom Bau des großen königlichen Flaggschiffs mitbekommt und generell in die Hintergrundgeschichte des Unglücks im Hafen von Stockholm eintauchen kann, aber Fehlanzeige. Viel eher wird man mit Anneke hin und her geschleudert: Der Tod ihrer Mutter führt sie ins Haus ihres Vaters. Dieser schickt sie nach Schweden zu ihrer Tante, als die Belagerung von Stralsund einsetzt. In Schweden muss sie das Haus ihrer Tante jedoch auch bald wieder verlassen und findet sich als Magd in einem Gasthaus wieder, wo sie jedoch auch nicht bleiben kann... Man hetzt eigentlich nur mit Anneke von einem Ort zum anderen, übers Meer dorthin und dahin, und während das durchaus spannend zu lesen war, habe ich mich einfach irgendwann gefragt... warum?

Es gibt zwar eine Szene, in der Anneke mit Ingmar die Werft besichtigt, in der die Vasa gebaut wird, und hin und wieder sieht sie das Schiff im Hafen liegen, aber das war's auch schon. Leider bleibt der historische Hintergrund auch ziemlich platt und was wirklich dazu geführt hat, dass die Vasa ihre erste Fahrt nicht überlebt hat, spielt gar keine Rolle. Mir hat das einfach so gefehlt. Die Arbeit der Schiffsbauer auf der Werft wird kurz angerissen, ist nach zwei Seiten aber auch schon wieder abgehandelt, und was König Gustav II. Adolf mit der Vasa überhaupt will, der ganze politische und religiöse Hintergrund dieses Schiffbaus, bleibt vollkommen auf der Strecke. So verkommt die Vasa irgendwie zu einem hübschen Stück Deko im Hintergrund und mir hat das nicht gereicht. Das ist einerseits natürlich Geschmacksache, doch darüber hinaus ist der Klappentext einfach irgendwie falsches Marketing. Dafür kann Corina Bomann nichts, natürlich nichts, aber ich glaube fast, ich wäre weniger enttäuscht gewesen, wenn dieses Buch anders vermarktet worden wäre, denn am Ende ist es die Geschichte eines Mädchenschicksals im siebzehnten Jahrhundert und kein Roman über Seefahrt, Stockholm oder die Vasa. 

Dazu kommt, dass ich es absolut nicht realistisch fand, mit wie viel Ablehnung Anneke überall begegnet wird. Im Haus ihres Vaters piesackt sie ihr Stiefbruder, in Schweden leidet sie unter ihren fiesen Tante und ihrer ignoranten Cousine, auch die Wirtin des Gasthauses ist eher ruppig zu ihr und generell ist einfach niemand mal nett zu Anneke außer Ingmar und seinem Vater und je mehr Figuren auftauchten, deren einziger Lebensinhalt es zu sein schien, Anneke das Leben schwer zu machen, umso verlockender war es, die Augen zu verdrehen, weil dieses Drama so konstruiert wirkt. Ständig passiert etwas, wofür Anneke natürlich gar nichts kann, sie die anderen Figuren aber fertigmachen und das hat mich mit der Zeit einfach nur noch genervt. Anneke ist eine interessante Figur und unbedingt ein Pluspunkt des Romans, doch ich hätte mir gewünscht, dass sie nicht als so durch und durch gut dargestellt worden wäre, während ihre Tante und ihre Cousine zum Beispiel nichts weiter waren als arrogante Zicken ohne jegliche Tiefe. Ich hätte so gern verstanden, warum so viele Personen Probleme mit Anneke haben, wieso sie ständig überall aneckt, obwohl sie eigentlich nichts Verwerfliches tut, doch auf Erklärungen dazu wartet man vergebens.  

MEHR HANDLUNG, WENIGER INGMAR BITTE

Darüber hinaus lässt sich "Sturmsegel" sehr gut lesen. Der Stil ist flüssig, wenn auch für meinen Geschmack etwas zu schlicht, denn atmosphärische Beschreibungen gibt es kaum und viele Szenen wirken auch zu schnell abgehandelt, und während zwar keine wirkliche Handlung zu erkennen ist, gibt es zumindest auch keine Längen. Leider werden sehr wichtige Ereignisse sehr hastig runtergespult, sodass man oft keine Gelegenheit bekommt, wirklich mit den Figuren mitzufühlen, und bis auf Anneke bleiben die meisten Figuren auch blass. Annekes Figurenentwicklung hat mir  jedoch gefallen. Aus dem unbedarften Mädchen aus Stralsund wird im Verlauf des Romans eine fähige junge Frau, die ihr Schicksal in die Hand nimmt. Leider wird Anneke sehr viel über ihre Beziehung zu Ingmar definiert und eigentlich tut sie alles, was sie so tut, nur für ihn. Immer, wenn mal wieder etwas Schlimmes passiert ist, kreisen ihre Gedanken nur um Ingmar, als wäre er die Antwort auf alles und mit der Zeit kam mir Anneke irgendwie immer abhängiger von ihm vor. Nicht, dass die Beziehung zwischen Anneke und Ingmar ungesund gewesen wäre, das nicht, aber Anneke denkt kaum an etwas anderes als Ingmar und das liest sich schon sehr unschön.

Gemeinsam mit Anneke fixiert sich so auch das gesamte letzte Drittel des Romans auf Ingmar. Ich wollte lesen, wie die Verfolgung der Schiffsbauer sich nach dem Untergang der Vasa auf die Stockholmer Gesellschaft auswirkt und wie der Tod der vielen Passagiere aufgenommen wird, aber stattdessen Anneke nur so: "Oh nein, jetzt wird Ingmar auch verfolgt, wir müssen weg!" Und natürlich nimmt sie die gefährliche Flucht auf sich, obwohl sie gar nicht betroffen ist, weil Ingmar.  Vielleicht hätte ich ihre Liebe zu Ingmar besser verstanden, wenn er nicht so eine platte Figur gewesen wäre. Ingmar war nett, aber das war es auch schon. Ich habe keine einzige Charaktereigenschaft an ihm ausmachen können und schon gar nichts, das ich hätte faszinierend oder einfach nur interessant finden können. Wir erfahren von Anneke, dass er ein toller Hecht ist, aber wir bekommen es leider nicht gezeigt. Ingmar ist halt da, hat immer ein nettes Wort für Anneke übrig und ist in sie verliebt. Das reicht mir einfach nicht aus, wenn ich auch nur irgendwie nachvollziehen können soll, was die Heldin so toll an ihrem Love Interest findet. Wäre Ingmar ein richtiger Charakter gewesen, jemand Interessantes, hätte mich die Liebesgeschichte vielleicht begeistern können, aber so leider nicht.

Am Ende ist "Sturmsegel" durchaus ein unterhaltsamer Roman, der sich dank des angenehmen Stils gut lesen lässt, aber mehr leider auch nicht. Anneke als Heldin hat mir gefallen und der Roman ist durchaus spannend, nur leider lässt sich kein richtiger roter Faden erkennen und die wirklich interessanten Ereignisse geschehen alle im letzten Viertel des Romans und wirken daher leider auch ein bisschen wie schnell noch reingequetscht. Leider ist "Sturmsegel" für mich deshalb ein durchwachsenes Leseerlebnis. Ich wollte mehr Vasa, mehr Salzwasser und Seefahrt, doch "Sturmsegel" konzentriert sich eher auf Annekes Alltag in den verschiedenen Welten, in die sie eintaucht, und während man so einen interessanten Einblick in verschiedene Gesellschaftsschichten des siebzehnten Jahrhunderts bekommt, bleibt die eigentliche Handlung eher auf der Strecke. Ich würde "Sturmsegel" allen Fans von historischen Romanen, die am und auf dem Wasser spielen, empfehlen, aber eher für zwischendurch. Hohe Erwartungen sollte man nicht mitbringen, doch das heißt nicht, dass es keinen Spaß macht, den Roman zu lesen. Er lohnt sich für die sympathische Heldin und das eher ungewöhnliche Setting - Stralsund und Stockholm - durchaus. Corina Bomanns angenehmer Stil sorgt dafür, dass man die 350 Seiten sehr schnell liest, und dass weder die Liebesgeschichte, noch die eigentliche Handlung wirklich überzeugen können, stört weniger, weil es doch interessant ist, Anneke zu folgen und ihre Schicksalsschläge mit ihr zu erleben. "Sturmsegel" war mein erster Roman von Corina Bomann, doch obwohl ich nicht vollends überzeugt bin, werde ich es sicherlich noch mit anderen Romanen der Autorin versuchen.

Keine Kommentare