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Teegedanken: Weshalb Diversity im historischen Roman nicht unmöglich ist

Foto: Rawpixel
Ich habe zu diesem Thema nun schon zweimal geschrieben: Einmal dazu, warum es historische Korrektheit eigentlich gar nicht gibt, und einmal zum Problem der Histo-Fiktion mit queeren Figuren, das sich hartnäckig hält. Um die beiden Artikel sozusagen abzurunden, möchte ich heute noch einmal eine Aussage und ein Thema aufgreifen, die damit eng zusammenhängen. Denn selbst AutorInnen (und natürlich auch ganz generell LeserInnen), die einerseits nicht anzweifeln, dass es nicht-weiße oder queere Menschen in der Vergangenheit gegeben hat, bauen sie nur allzu selten in ihre Histos ein und oft passiert das mit einer von zwei Begründungen: "Es ist ja doch trotzdem unwahrscheinlich, dass es ausgerechnet in meinem Setting PoC oder queere Menschen gegeben hat" und "Aber wenn ich sowas einbauen würde, müsste ich mich daran halten, wie das Leben damals halt für diese Menschen war und das will doch keiner lesen!" Dass ich mit diesem generellen "damals" so meine Probleme habe, wissen wir ja bereits. Warum diese Aussagen für mich aber auch darüber hinaus nicht ziehen, möchte ich heute nochmal genauer erläutern, denn ich glaube, dass bei vielen AutorInnen gar kein böser Wille hinter solchen Aussagen steckt, sondern doch eher eine gewisse Ignoranz, die gar nicht sein muss. Aber generell gilt: Ihr wollt einen diversen historischen Roman schreiben? Dann traut euch einfach! Wie? Naja, vielleicht so:

UNMÖGLICH IST AM ENDE GAR NICHTS

Zuerst einmal muss gesagt werden: Wir schreiben alle Fiktion. Ob es nun historische Fiktion ist, historische Phantastik oder sogar Fantasy in einer historisch inspirierten Welt. Wir schreiben keine Tatsachenberichte, wir schreiben Fiktion. Das, wovon wir erzählen, ist so sowieso niemals wirklich passiert und selbst, wenn wir uns an die wahren Geschichten historischer Persönlichkeiten wagen, können wir nur eine fiktionalisierte Version der Ereignisse schaffen. Und das ist auch gut so, denn wir wollen mit unseren Romanen am Ende ja unterhalten und dafür muss man Geschichte auch manchmal verbiegen - oder sich eben einfach eingestehen, dass sie sehr viel flexibler ist, als man zuerst annehmen möchte. Sicherlich bin ich da in einer privilegierten Position, denn ich habe nicht nur Geschichte studiert, sondern mich im Studium auch viel mit queerer Geschichte und generell mit der Geschichte unterdrückter Minderheiten auseinandersetzen dürfen. Natürlich fällt es mir deshalb wohl leichter, das alles in einem anderen Licht zu sehen, als jemand, der Geschichte zwar liebt und einen historischen Roman schreiben will, aber vielleicht erst einmal vor einer Wand aus Informationen und Ansatzpunkten steht und nicht weiß, wo er oder sie nun beginnen soll. Aber ich mache mir da auch nichts vor, denn dieses Problem betrifft auch AutorInnen, die Abschlüsse in Geschichte haben und theoretisch wissen, dass sie nicht so glaskar zu durchschauen und einseitig ist, wie sie oft dargestellt wird.

Aber jetzt mal zu unseren beiden Argumenten, denn gleich das erste hängt damit fest zusammen. "Natürlich wird es diese Minderheiten ganz generell gegeben haben, aber in meinem Setting?" Und das klingt für mich immer so ein bisschen, als hätte man als AutorIn einer fiktiven Geschichte nicht selbst in der Hand, wer im eigenen Setting vorkommen darf und wer nicht. Als seien einem da durch geschichtliche Umstände, die wir in den meisten Fällen gar nicht so genau kennen, die Hände gebunden. Wir schreiben Fiktion. Was in unseren Roman passiert, wer darin vorkommt und wie wir das darstellen, ist allein uns überlassen. "Aber mein Roman spielt am Hof von Versailles im Jahr 1726 und für diese Zeit habe ich keine belegten queeren oder nichtweißen Personen gefunden!" höre ich genauso oft, wie das noch weniger angenehme "Mein Roman spielt in der Oberschicht des viktorianischen Londons und da ist es doch wirklich unwahrscheinlich, dass..." Let me stop you right there. Seit wann bedeutet unwahrscheinlich unmöglich? Besonders, was queere Figuren im historischen Roman angeht, sind das sowieso alles nur Ausreden, um es mal deutlich auszudrücken, denn queer gewesen sein könnte wirklich jeder in jedem Jahrhundert und in jeder Gesellschaftsschicht. Aber auch auf nichtweiße Figuren, Figuren mit Beeinträchtigungen oder andere Minderheiten, die es selten in historische Romane schaffen, trifft das zu. Denn am Ende ist das deine Geschichte. Und, wenn du divers schreiben möchtest, dann hält dich da nichts auf. 

Was mir in diesem Kontext oft auffällt ist, dass die Leute sich oft nur auf "große" sekundärliterarische Werke stützen, wenn sie zu recherchieren beginnen, und es ist leider so, dass diese Minderheiten oft ausschließen, auch heute noch. Die Geschichtswissenschaft ist leider alles andere als frei von Bias. Aber wer sucht, der findet auch oft, denn besonders die Forschung der letzten Jahre hat sehr viel dazu beigetragen, dass auch versteckte Geschichte sichtbarer wird. Ich sage sichtbarer und nicht sichtbar, weil wir da lange nicht am Ziel sind und generell gilt, dass auch etwas, zudem man vielleicht gar keine Literatur findet, deshalb nicht gleich niemals hätte passiert sein können. Die meisten von uns schreiben keine großen politischen Epen, sondern so gesehen fiktive Mikrogeschichte. Wir konzentrieren uns meist auf das Schicksal weniger Personen, die im historischen Roman auch oft fiktiv sind. Wir simulieren praktisch Mikrogeschichte. Und genau diese Mikrogeschichte, Geschichte auf kleiner Ebene, ist in vielen Bereichen noch außen vor. Aber da gibt es so viel zu entdecken - und, wenn man genug Recherche betreibt, auch so viel, das man sich problemlos aus dem recherchierten Kontext selbst zusammenspinnen kann. Und dann erscheint einem auch in der viktorianischen Oberschicht eine nichtweiße Person absolut nicht mehr als unwahrscheinlich oder sogar unmöglich. (Das Wort unmöglich sollten wir als Histo-AutorInnen sowieso aus unserem Wortschatz streichen. Kaum etwas ist tatsächlich unmöglich.)

DIVERS BEDEUTET NICHT UNGLÜCKLICH

Das andere Argument, das oft fällt, ist "Aber da müsste ich so viel recherchieren und ich müsste es ja schon auch historisch korrekt darstellen". Das mit der historischen Korrektheit haben wir ja schon abgehakt. Es gibt sie in dem Sinne nicht. Der Punkt mit der Recherche überrascht mich jedoch immer wieder. Histo-AutorInnen die keine Lust auf zu viel Recherche haben, haben sich vielleicht ganz generell im Genre geirrt, ich weiß es nicht. Aber ganz ehrlich: Wir recherchieren im Bestfall sehr penibel unsere historischen Settings, die Gepflogenheiten unserer Epochen, Layouts unserer real existierenden Schauplätze... aber das historische Konzept von Queerness oder die Basis für nichtweiße Figuren im historischen europäischen Setting geht dann zu weit? Ich bitte euch. Wir leben doch sogar in einer Zeit, in der diese Recherche relativ einfach zu bewältigen ist, denn nicht nur steht uns das Internet zur Verfügung, das besonders auf als kontrovers erachteten Gebieten doch manchmal einiges mehr hergibt, als traditionelle Forschungsliteratur und auch reich an digitalisierten Quellen ist, auch werden diese Themen in der traditionellen Forschung immer mehr beachtet und ernst genommen, auch, wenn es noch ein weiter Weg ist. Und was den zweiten Teil angeht: Nein. Nein, du musst das nicht "historisch korrekt" darstellen und ich weiß, dass du damit meinst, dass deine marginalisierten Figuren unter Unterdrückung leiden und nicht glücklich werden können, weil ihre Gesellschaft sie nicht lässt, und nicht etwa, dass du historische Konzepte von Queerness oder Hautfarbe und Ethnie recherchieren möchtest, was ein guter Ansatz wäre.

Dazu würde ich gern KJ Charles zitieren, die über dieses Problem im Library Journal gesprochen hat und mich mit ihrem Interview erst auf die Idee gebracht hat, dieses Thema noch einmal abschließend anzugehen. Sie spricht hier über queere Figuren im Genre der historischen Romance, doch das Zitat lässt sich auch wunderbar auf andere Arten der historischen Fiktion übertragen:

A lot of what we read about LGBT people in history is appalling because the rec­ords we have are the legal documents, the newspaper reports, the accounts of people who were victimized. We don’t generally have the hidden stories of the people who lived under the radar…. But we know…people we’d now call gay, bi, trans have always existed and [that] as a matter of statistics plenty of them must have lived and died without ever coming to the law’s attention. (KJ Charles, Library Journal)

Ich finde, dass sich genau das jede/r AutorIn von historischer Fiktion merken sollte: Unsere Quellen zu queeren Menschen der Vergangenheit sind großteils Gerichtsurteile, reißerische Zeitungsartikel zur Festnahme queerer Menschen und ganz generell Quellen, die aus einer queerphoben Perspektive heraus entstanden ist. Was wir nicht haben, jedenfalls in den meisten Fällen, sind Belege zu den Menschen, die nicht Opfer solcher Verhaftungen und Urteile geworden sind. Das ist die Mikrogeschichte, die ich oben angesprochen habe, und die sich oft nicht so leicht rekonstruieren lässt: Die Geschichte einzelner Personen, die existiert haben müssen, deren Existenz aber nicht so einfach nachzuweisen ist, da sie nicht in den Fokus von Verfolgung und Verleumdung geraten sind. Darüber hinaus wissen wir zum Beispiel längst, dass das viktorianische London, sowie das georgianische, oder auch das Florenz der Renaissance queere Zentren hatten, nicht zu schweigen von den vielen Moralpaniken, die sich durch die Geschichte ziehen wie ein roter Faden. Auch deshalb hat das Argument "Aber gerade in meinem Setting ist das doch eher unwahrscheinlich" keinerlei Tragkraft. Denn wenn du einen Roman im Italien der Renaissance schreibst oder auch besonders im viktorianischen England, was so viele tun, dann ist es eher unwahrscheinlich, dass Queerness kein Thema war. Dass sie oft unter den Teppich gekehrt wird ist schade, aber wir als AutorInnen von historischer Fiktion befinden uns in einer nicht unwichtigen Position um den Blick unserer LeserInnen auf Geschichte zu verändern.

Betrachtet diesen Abschnitt vielleicht daher als Erweiterung meines Posts zu historischer Korrektheit, denn weder das Verschweigen von historischer Queerness, noch die Darstellung queerer Existenz als durch nichts als Diskriminierung und Leid geprägt, ist "historisch korrekt". Natürlich sollte man historische Diskriminierung ebenfalls nicht einfach unter den Teppich kehren, aber man sollte sich bewusst machen, dass sie bloß ein Teil dessen ist, was Queerness in historischen Epochen ausgemacht hat und, dass sie nicht jede queere Figur in jedem historischen Roman betreffen muss. Dasselbe gilt natürlich auch für nichtweiße Figuren im historischen Roman. Ja, auch historischer Rassismus muss angesprochen werden. Doch er ist nur ein Teil des Bildes und auch er betraf nicht jede historische nichtweiße Person gleichermaßen. Am Ende bleibt noch zu sagen, dass Ignoranz in meinen Augen niemals eine Entschuldigung dafür ist, dem historischen Genre zu unterstellen, es könnte von Natur aus einfach nicht divers sein. Dass AutorInnen vielleicht nicht wissen, dass es auch in Europa vor den 1950er Jahren nichtweiße und queere Menschen gab, die ihr Leben erfüllt leben konnten, ist schade, doch das liegt doch an euch, nicht am Genre. "Aber ich finde dazu kein Recherchematerial." Dann schau ein wenig genauer, denn besonders in den letzten Jahren ist sehr viel Forschung zu diesen Themen dazugekommen. Und falls du tatsächlich überhaupt nichts finden solltest, dann denk daran, dass du historische Fiktion schreibst: Die Geschichte, die du erzählst, ist so oder so niemals wirklich passiert und du möchtest uns erzählen, wie es hätte gewesen sein können, nicht wie es wirklich 100% war, denn das geht sowieso nicht.

Das hier soll gar nicht wirklich ein Aufruf sein oder sowas. Eher eine Erinnerung an alle Histo-Autorinnen, dass wir buchstäblich in der Hand haben, wie unsere LeserInnen Geschichte sehen. Wer keine diversen Romane schreiben möchte... you do you, am Ende kann ich niemanden zwingen. Aber wer glaubt, er könnte keine diversen historischen Romane schreiben, weil das doch so unwahrscheinlich ist oder so viel Recherchearbeit oder alles so tragisch... Werft all diese Argumente weg und tut es einfach. Wir haben als AutorInnen die Chance, queere Figuren, nichtweiße Figuren, andere marginalisierte Figuren in der Histo-Fiktion zu normalisieren. Bis sich niemand mehr darüber wundert oder sogar darüber aufregt, weil es "damals" solche Leute nicht gegeben habe und das alles ja überhaupt nicht "historisch korrekt" ist. Die Geschichte(n), die wir erzählen, ist fiktiv und wer darin vorkommt, entscheiden wir. Die Mikrogeschichte, die wir rekonstruieren, gehört uns. Aber was wir damit machen, könnte, wenn wir endlich anfangen, unseren Horizont zu erweitern und uns einzugestehen, dass unser Bild von Vergangenheiten von Privilegien und Erasure geprägt ist, ein Genre revolutionieren, das es schwer nötig hat. 

Kommentare

  1. "DIVERS BEDEUTET NICHT UNGLÜCKLICH" - so wichtig. Danke für den tollen Beitrag!

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  2. Huhu,

    während du generell Recht hast, möchte ich dir etwas bei dem Punkt, dass der Autor alles im Roman ändern kann und machen kann, wie er will, widersprechen.
    Ich glaube, das ist ein generelles Missverständnis. Die Autoren, die das können und die Geschichte voll im Griff haben: Hut ab! Denn ob nun beim Rollenspiel oder beim Romanschreiben, eine Geschichte entwickelt sich irgendwie nie so, wie man es will oder geplant hat. Teilweise geht sie dann sogar in eine völlig andere Richtung, die den Autor selbst schockiert. (Ich wollte ein fröhliches Kinderbuch schreiben, verdammt. Und plötzlich waren da Leichen und eine Verschwörung. Dinge, die ich nicht mal gern LESE, geschweige denn schreibe. Aber leider passen sie zur Geschichte, muss ich hinterher zugeben. Hmpf!) Als Autor kann man Schönheitskorrekturen machen, ja. Aber vieles bestimmt die Geschichte irgendwie selbst. Eine kleine Entscheidung führt zur nächsten und ehe man sich versieht, hat man sich selbst eine Falle gebaut, in der man die komplette Geschichte ändern müsste, wenn man ein bestimmtes Detail unbedingt einbauen wollte.

    Ansonsten geb ich dir aber natürlich recht. Und hey, Shakespeare hatte schon einen Afro-Europäer als Hauptfigur, im 16. Jahrhundert. Wenn er das für seine damalige Zeit machen konnte, ohne dass es als zu futuristisch auffiel, warum dann nicht wir?

    (Wobei ich es persönlich mag, wenn zumindest die ethnische Zugehörigkeit und der Phänotyp eines Charakters gar nicht erwähnt werden, wenn es nicht zwingend nötig ist. So kann nämlich jeder sehen, was für IHN passt. Fand ich bei JKR nett, als sie für das Stück für eine schwarze Hermine gestritten hat und den Fans sagte 'Ich hab nie gesagt, dass sie weiß ist, also macht euch nicht in die Hose'. Das finde ich cool. Weil jeder Leser dann einfach den Charakter vor dem inneren Auge so aufbauen kann, wie es sich für IHN am besten anfühlt.

    LG
    Taaya

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    1. Erstmal danke für deinen Kommentar! Ansonsten... naja. Ich schreibe selbst und während ich beim Schreiben natürlich schon hin und wieder merke, dass der Plot plötzlich in eine ganz andere Richtung abdriftet, ist es am Ende ja immer noch meine Entscheidung, das jetzt in der Überarbeitung nochmal anders zu machen oder hinterher so zu behalten. Und ob jetzt diverse Figuren in der Geschichte vorkommen oder nicht, hat damit ja auch nicht so viel zu tun, da man die Figuren im Bestfall ja festgelegt hat, bevor man überhaupt zu schreiben beginnt.

      Notwendig ist es, zu erwähnen, wenn eine Figur nicht weiß ist, weil viele Leser sich alle Figuren, deren Aussehen nicht beschrieben wird, automatisch als weiß vorstellen. Und da mir Repräsentation von Minderheiten wichtig ist, möchte ich das nicht, denn weiß sollte doch nicht der Default sein und Minderheiten haben genauso das Recht, sich in Romanen repräsentiert zu sehen, und zwar explizit und vom Autor gewollt, wie weiße, heterosexuelle Menschen. Und auch weiße LeserInnen dürfen sich von mir aus mal "gezwungen" sehen, anzunehmen, dass eine Figur nicht weiß ist. Nichtweiße LeserInnen mussten schließlich auch lang genug hinnehmen, dass 99% der Figuren in Romanen weiß sind und oft auch explizit als weiß beschrieben wurden.

      Wie gesagt, ich kann und will niemanden zwingen, divers zu schreiben. Dieser Post ist für die AutorInnen, die gern divers schreiben möchten, aber denken, dass das im Histo-Genre nicht geht.

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