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"American Girls" von Alison Umminger

American Girls | Flatiron Books, 2016 | 9781250075000 | 293 Seiten | Englisch | Britische Ausgabe: My Favourite Manson Girl, 2017

Anna is a fifteen-year-old girl slouching toward adulthood, and she's had it with her life at home. So Anna "borrows" her stepmom's credit card and runs away to Los Angeles, where her half-sister takes her in. But LA isn't quite the glamorous escape Anna had imagined. As Anna spends her days on TV and movie sets, she engrosses herself in a project researching the murderous Manson girls—and although the violence in her own life isn't the kind that leaves physical scars, she begins to notice the parallels between herself and the lost girls of LA, and of America, past and present.

MEINE GEDANKEN

Das "America, past and present" aus dem Klappentext ist eine ziemlich gute Beschreibung für dieses Buch. Ich lese in letzter Zeit wieder viel Young Adult, obwohl ich mit beinahe 26 Jahren nicht mehr die Zielgruppe bin. Warum? Weil YA im Moment das Genre ist, das die wirklich interessanten Romane hervorbringt. Nicht nur hat sich Young Adult in den letzten Jahren komplett revolutioniert und bringt immer mehr diverse Titel mit Helden abseits von cis, hetero, weiß auf den Markt, wo "Bücher für Erwachsene" noch sehr zu wünschen übrig lassen, das Genre bringt auch Romane hervor, die nachdenklich machen, Themen ansprechen, die man in Erwachsenenliteratur oft nicht findet und auch mal polarisieren. So ein Buch ist "American Girls", dessen Quintessenz der Titel der britischen Ausgabe, "My Favourite Manson Girl", noch besser widerspiegelt. Es geht um Los Angeles, um die Sucht nach Berühmtheit, darum, wie leer und einsam Hollywood in Wirklichkeit ist, um die Mansonmorde, um soziale Ungerechtigkeiten, Feminismus und die amerikanische Gesellschaft. Alison Umminger nimmt da keine Rücksicht auf Verluste und versucht auch hier und da zu polarisieren, serviert am laufenden Band Wahrheiten, die ausgesprochen werden müssen, aber oft nicht auf den Tisch kommen. Sie entromantisiert Hollywood. Und ich liebe es.

VORURTEILE & VERSTECKTE BOTSCHAFTEN

Es ist nicht alles toll. Das besser direkt vorweg. Es ist schon sehr viel toll, aber nicht alles. Deshalb möchte ich gern mit den zwei Punkten anfangen, die mich gestört haben und das nicht nur ein bisschen. Da wäre zum einen der Umgang mit Sexualität, den ich einfach nicht gut umgesetzt fand. Der Roman ist aus der Ich-Perspektive der 15-jährigen Anna erzählt und ihr Weltbild ist auch das eines fünfzehnjährigen Mädchens. Das fand ich ziemlich gut gemacht. Nicht so gut gemacht fand ich, dass Anna öfter davon redet, dass ihre Mutter, die zuvor zweimal mit Männern verheiratet war und jetzt eine Frau hat, "lesbisch geworden" sei und sich "dazu entschieden" hat, jetzt lesbisch zu sein. Klar mag das etwas sein, dass eine Fünfzehnjährige in der Situation denken könnte, aber es tut doch ein bisschen weh. Es entscheidet sich schließlich niemand für seine Sexualität und Bisexualität existiert, Bisexualität kann auch bedeuten, fünf Männer zu daten und erst später im Leben eine Frau. Annas Verhältnis zu ihrer emotional manipulativen Mutter Cora ist angespannt, ein richtig gut geschriebener Mutter-Tochter-Konflikt, den ich sehr realistisch geschildert fand. Trotzdem ist Annas Herangehensweise an Coras Ehe mit Lynette einfach nicht gelungen, zumindest nicht für ein Jugendbuch, in dem ich mir einfach mehr Verständnis für verschiedene Sexualitäten und die Problematiken, die damit einhergehen, wünschen würde.

Was Alison Umminger aber sehr oft macht, und auch sehr gut, ist, dem Leser eine Möglichkeit zu geben, an Annas Perspektive vorbeizusehen. Anna mag zum Beispiel finden, dass Frauen nicht in der Öffentlichkeit stillen sollten, doch der Leser kann sich denken, dass Cora Recht hat, wenn sie sagt, dass Anna das mal anders empfinden wird und, dass es nicht okay ist, wie sexualisiert und tabuisiert das Stillen ist. Delia, Annas Schwester, scheint zu glauben, dass es neben "hetero" und "schwul/lesbisch" keine weiteren Sexualitäten gibt, doch aus ihrer ignoranten Perspektive schimmert trotzdem durch, dass es zum Beispiel auch Asexualität gibt, auch, wenn Delia diese nicht für real hält, genauso, wie aus Annas Schilderung von Delias Fixierung auf schwarze Männer ganz deutlich herausschimmert, dass diese Fetischisierung nicht okay ist, auch, wenn Anna und Delia das nicht erkennen können. "[H]e's biracial but probably whiter than I am", sagt Delia in Kapitel Vier, als sie Anna von Dex erzählt. "But he can't be whiter than you because you're actually white", antwortet Anna. Und was das über Delia aussagt, und über Anna, und über soziale Missstände bleibt im Subtext versteckt und darauf muss man sich einlassen können. Alison Umminger stellt uns zwei amerikanische Mädchen vor, die sich real anfühlen, womit jedoch auch einhergeht, dass sie reale Vorurteile haben. Von dieser Herangehensweise kann man halten, was man möchte.

Ich fände das alles in einem Roman für Erwachsene ziemlich genial, bin mir aber bei einem Jugendbuch einfach nicht sicher, ob so subtile Botschaften bei jungen LeserInnen richtig ankommen, oder ob sie am Ende nicht doch eher für bare Münze nehmen, was Delia und Anna so von sich geben, weil es eben auch verbreitete Vorurteile unterstützt, die sich in den Köpfen festgesetzt haben. Man kann die subtileren Botschaften, das Zynische, eben leicht überlesen, wenn einem vielleicht die Erfahrung damit fehlt, wie es bei jüngeren Lesern oft vorkommt. Ein weiteres Beispiel ist, dass Anna wahrscheinlich depressiv ist, das aber nicht erkennen kann und dafür am Ende auch keine Lösung parat ist. In einem Roman für Erwachsene wäre dieses Subtile, das andeutet, aber nicht auflöst, für mich kein Problem. Ich fände es wahrscheinlich sogar ziemlich großartig, weil ich als erwachsene Leserin erkennen kann, dass das, was Anna sagt und denkt, nicht zwingend die Botschaft des Romans sein muss, weil zwischen den Zeilen noch so viel mehr steckt. Doch bei einem Jugendbuch bin ich mir einfach nicht sicher, ob man nicht hätte klare Worte und Lösungsansätze finden sollen. Deshalb gibt es ja überhaupt die Unterscheidung zwischen Jugendbuch und Erwachsenenroman, man muss für Jugendliche durchaus anders schreiben. Natürlich nicht anspruchsloser, aber eben anders. Deshalb würde ich "American Girls" absolut älteren Jugendlichen und Erwachsenen empfehlen, aber ein typisches Jugendbuch ist es wirklich nicht und alles, was es zum Jugendbuch macht, ist eigentlich Annas junges Alter.

DIE DUNKLE SEITE HOLLYWOODS

Doch trotz dieser Abstriche ist der Roman in meinen Augen genial. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine Teenie-Sommergeschichte, ist ein sehr intelligentes Portrait dessen, was es bedeutet, als Mädchen in Amerika aufzuwachsen. Alison Umminger schreibt zynisch und clever über Objektifizierung, unerreichbare Ideale, Schlankheitswahn und die Austauschbarkeit junger Mädchen, nicht nur in Hollywood, sondern auch überall sonst. Die Atmosphäre hat mir unglaublich gut gefallen. Umminger zeichnet Los Angeles als glitzernde, beinahe schon surreal wirkende Welt voller dunkler Ecken und Geheimnisse. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass viele Leute Los Angeles als unheimlich und einsam wahrnehmen und genau damit spielt Umminger. Annas Schwester Delia lebt auf den ersten Blick den Traum schlechthin: Sie ist schön, Schauspielerin, lebt in Hollywood... Aber eigentlich ist sie trotz ihrer vielen Affären und Freunde einsam, mit nur sechsundzwanzig Jahren bereits zu alt für den großen Durchbruch, den sie niemals geschafft hat, während sie in Indie- und B-Filmen spielt und verzweifelt um Rollen in Werbefilmchen kämpft. Ihr gegenüber steht Olivia Taylor, um die zwanzig Jahre alt, einst der größte Teeniestar der Welt und jetzt bereits am Ende ihrer Karriere angelangt und kaputt. Das alles nimmt mit. Ummingers Worte greifen tief und dieser Roman ist genauso unterhaltsam, wie er einem etwas mitgibt, an dem man nach dem Lesen noch lange zu knabbern hat. "American Girls" ist ungemütlich, aber gerade deshalb absolut lesenswert. 

Was mir richtig gut gefallen hat, ist Ummingers gnadenlose Entromantisierung Hollywoods. "American Girls" dreht sich ein Stück weit um die Manson Girls, mit denen sich Anna für ihren Job identifizieren muss, ob sie will oder nicht, und Umminger spricht nicht nur einmal an, dass Manson ein white supremacist war, dass er einen race war herbeigesehnt hat (Manson wollte unter anderem die Morde auf die Black-Panther-Organisation schieben, eine politische Gruppe, die sich für die Rechte von Afroamerikanern einsetzte) und über die Figur des Dex, Delias momentanen Freund, der schwarz ist, liefert sie diese Informationen und die gesellschaftlichen Zusammenhänge von den 1960ern bis heute auf eine Weise, die Anna und der Leser gemeinsam verstehen lernen können. Dex ist auch die Figur, die immer wieder deutlich macht, dass man Anna und Delias Aussagen nicht immer als Botschaft nehmen soll, denn er hält dagegen, er sorgt mehr als einmal dafür, dass Anna sich für eine Aussage schämt oder sich dafür dumm vorkommt. Im Gegensatz zu ihm steht Delias Exfreund, der schmierige Roger, der sein Idol Polanski verteidigt, wie es so viele tun, und dafür wiederum von Delia Gegenwind bekommt. Und, das ist für mich das beste an "American Girls", Umminger lenkt immer wieder den Fokus weg vom Täter und hin zu den Opfern: Im Fall Polanski ein dreizehnjähriges Mädchen, dessen Namen im Gegensatz zu seinem kaum jemand kennt. Genau das macht sie immer wieder:

Sie entromantisiert die Täter und rückt nach und nach die Opfer in den Vordergrund, sie geht der Frage nach, warum wir uns heutzutage so sehr für die Täter interessieren, während die Opfer bloß nur noch meist sogar vergessene Namen sind. Und das finde ich so unglaublich wichtig. Annas Interesse am Fall Manson, das mit Täterin Leslie Van Houten beginnt, endet bei Sharon Tate, für die Anna immer mehr Empathie entwickelt (Am Anfang ist sie diese Schauspielerin, deren Gesicht Anna sich nicht merken kann, doch je mehr Anna über sie und den Fall erfährt, umso mehr wird Tate vom bloßen Namen zu einer Person, auch für den Leser) und irgendwie schwingt da auch eine solche Traurigkeit mit, die dem Roman sehr steht. "American Girls" ist ein Roman für alle Leser, die die Romantisierung von Gewalt und Verbrechen über haben, die sich fragen, weshalb sich niemand für die Opfer interessiert, die nicht noch eine Geschichte über Hollywood und seine Morde lesen möchten, die vor Sensationsgeilheit trieft. Und das finde ich wichtig, besonders heute.

AMERIKANISCHE MÄDCHEN & EUROPÄISCHE LESER?

Wir leben in einer Zeit, in der junge Menschen auf Tumblr Serienkillerfanblogs betreiben, Mörder und Verbrecher idolisieren. Und "American Girls" hält dagegen. Alison Umminger zieht gekonnt Parallelen zwischen unserer heutigen Faszination mit grausamen Verbrechen und der Faszination der Manson Girls mit Charles Manson, sie zieht Parallelen zwischen körperlicher und psychischer Gewalt, sie hinterfragt das Streben danach, besonders zu sein und die Sucht nach Anerkennung, und sie liefert ein verdammt starkes Debüt ab, das am Ende aufzeigt, was es eigentlich bedeutet, als Mädchen in Amerika aufzuwachsen. Das finde ich auch nicht nur für amerikanische LeserInnen relevant, sondern ganz allgemein. Denn auch wir werden stark von amerikanischer Kultur beeinflusst, von amerikanischen Idealen und amerikanischen (Teenie)-Stars und am Ende ist "American Girls" einfach ein Buch, das einem die Augen öffnen kann, was die Objektifizierung und Sexualisierung oft sehr junger Mädchen angeht. Hier werden unmögliche Schönheitsideale dekonstruiert und eben vor allem Hollywood und die Hippieära ein ganzes Stück weit entromantisiert und realistisch und kritisch beschrieben. "American Girls" ist ein schwieriges Buch. Anna ist eine schwierige Heldin, und man muss bereit sein mitzudenken und vor allem auch weiterzudenken, damit "American Girls" wirklich wirken kann. Aber ich glaube, es ist ein wichtiges Buch und, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen, einfach auch ein bereicherndes Leseerlebnis.

Ich würde den Roman daher allen LeserInnen ab ungefähr 15 Jahren empfehlen, die sich für düstere Jugendbücher interessieren, die mit aktuellen Thematiken aufräumen, ohne belehrend zu sein. "American Girls" nimmt sich viel vor. Es kritisiert Objektifizierung und Schönheitswahn, Misogynie, die Romantisierung und Verherrlichung von Los Angeles, Hollywood, Serienmördern und den 1960er Jahren, es stellt mit Anna und Delia zwei "American Girls" in den Vordergrund, die nicht unbedingt sympathisch sind, die viele Vorurteile haben und viel Unsinn glauben, aber gerade deswegen real wirken. Amerikanische Mädchen eben, nirgendwo wirklich angekommen. Dieses Buch wird nicht mit jedem klicken, so viel ist klar. Es ist speziell und sicherlich nicht die positive, humorvolle Young Adult mit guten Botschaften, die im Moment angesagt ist. "American Girls" ist bitterböse, zynisch und manchmal sogar grob, aber genau das braucht es manchmal eben, wenn man über gesellschaftliche Probleme schreibt, genauso, wie es manchmal eine positive, lockerleichte Herangehensweise braucht. Müsste ich einen Soundtrack für "American Girls" erstellen, würde er nur aus drei Liedern bestehen: "Californication" von den Red Hot Chilli Peppers, "Heroin" von Lana del Rey und "American Girl" von Tom Petty. Wer das mag: Die düstere Seite Amerikas, HeldInnen jenseits von gut oder böse, einen Blick hinter die glitzernden Kulissen, der wird auch "American Girls" mögen. Von mir gibt es 4.5 Punkte und eine Empfehlung.

Kommentare

  1. Hallo Kat,

    eine sehr gut geschriebene Rezension, die mich, trotz dass mich der Klappentext eigentlich quasi überhaupt nicht angesprochen hat, sehr neugierig auf dieses Buch gemacht hat. Das Ansprechen dieser Vielzahl an relevanter Themen auf die von dir beschriebene Weise klingt sehr interessant, und gerade den Aspekt der Entromantisierung fasziniert mich sehr. Danke also für diese Vorstellung! :)

    Liebe Grüße,
    Dana

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    1. Hallo Dana,

      danke dir! Mich hat an dem Buch auch am meisten angesprochen, dass es ein realistischer Blick auf LA ist. Ich habe schon so viele Bücher gelesen, in denen reiche Teenager in Kalifornien in der Sonne abhängen, Geld ausgeben und kaum Sorgen haben, dass ich es einfach sehr spannend fand, mal darüber zu lesen, wie es wirklich aussieht.

      Alles Liebe,

      Kat

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