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"Children of Blood and Bone" von Tomi Adeyemi

Children of Blood and Bone | Legacy of Orïsha #1 | Henry Holt Books, 2018 | 9781250170972 | 448 Seiten | Englisch 

Zélie Adebola remembers when the soil of Orïsha hummed with magic. Burners ignited flames, Tiders beckoned waves, and Zelie’s Reaper mother summoned forth souls. But everything changed the night magic disappeared. Under the orders of a ruthless king, maji were targeted and killed, leaving Zélie without a mother and her people without hope. Now, Zélie has one chance to bring back magic and strike against the monarchy. With the help of a rogue princess, Zélie must outwit and outrun the crown prince, who is hell-bent on eradicating magic for good. Danger lurks in Orïsha, where snow leoponaires prowl and vengeful spirits wait in the waters. Yet the greatest danger may be Zélie herself as she struggles to control her powers—and her growing feelings for the enemy.

MEINE GEDANKEN

Diesen Roman habe ich im März gemeinsam mit Elena von All meine Träume im Buddy Read gelesen. Heute folgt meine Rezension zu dem Roman, der mich auf der einen Seite durchaus fesseln konnte - und auf der anderen irgendwie schwer enttäuscht hat. Aber die Erwartungen waren auch wirklich hoch. "Children of Blood and Bone" kommt mit einer bemerkenswerten Vorgeschichte: Die Autorin ist erst dreiundzwanzig Jahre alt und ihr Debüt ging für einen der höchsten Beträge über den Tisch, den ein Jugendroman je eingebracht hat. Die Verfilmung steht bereits in den Startlöchern und der Hype ist groß. Einerseits ist er auch berechtigt: "Children of Blood and Bone" entführt in eine westafrikanisch inspirierte Welt, die auf dem Papier regelrecht lebendig wird. Der Roman wartet mit tollen Figuren auf, die man ins Herz schließen kann, und ist rasant erzählt, sodass auf circa 450 Seiten keine Längen entstehen. Trotzdem hatte ich einige Probleme mit dem Roman und das größte davon ist, dass Figuren, Weltenbau und viele Details zwar einmalig sind, originell und interessant - die eigentliche Geschichte aber nicht. Und während ich mich darüber freue, dass es ein Fantasyroman, der einmal nicht europäisch inspiriert ist und Parallelen zur "Black Lives Matter"-Bewegung zieht, auf die Bestsellerlisten geschafft hat und solche Wellen schlägt, kann ich den Hype um den Roman doch nicht nachvollziehen.

SCHRIFTROLLEN, PROPHEZEIUNGEN, MAGIE... KENNT MAN HALT

Die Geschichte selbst ist nämlich einfach nicht wirklich kreativ: Orïsha wird von einem bösen König regiert, der alle Magier hat töten lassen. Einige Jahre später taucht eine magische Schriftrolle auf, die die Magie zurück ins Land bringen kann. Nach einer Prophezeiung ziehen die Heldinnen Zélie und Amari los, um die Magie auferstehen zu lassen, verfolgt von den Truppen des Königs... Kennt man irgendwie schon und das fand ich schade. "Children of Blood and Bone" ist da eigentlich eine ganz gewöhnliche Heldenreise: Zélie und Amari treibt es hierhin und dorthin, immer wieder werden ihnen Hindernisse in den Weg gelegt und immer wieder werden sie von den Truppen des Königs konfrontiert, angeführt von keinem geringeren als Amaris Bruder Inan, der genau wie sein Vater die Magie auslöschen möchte. Dieses Schema findet man in fast jedem High-Fantasy-Roman und von einem so hoch gelobten Roman hätte ich mir einfach mehr Originalität erwartet. Es ist jetzt nicht so, als gäbe es überhaupt keine interessanten Twists. Gleich zu Beginn des Romans erfährt man etwas über Inan, womit ich nicht gerechnet hätte, und generell passieren viele spannende Dinge, die ich gern gelesen habe und die ich so nicht erwartet habe. Doch die eigentliche Story bleibt eben sehr 0815 und hält wenig bereit, das Fans von High Fantasy noch nicht kennen und das finde ich sehr, sehr schade.

Auch schade finde ich, dass der Weltenbau zwar für Kopfkino sorgen kann, aber je weiter man liest, immer löchriger erscheint. Man erfährt sehr wenig über die zehn Majiclans, die es vor der Auslöschung der Magie in Orïsha gab, und auch die Fähigkeiten der einzelnen Maji bleiben leider eher schwammig. Da hätte ich mir mehr erwartet. Was den Weltenbau angeht, ist "Children of Blood and Bone" absolut ein wichtiges Buch, denn es gibt hier keine weißen Figuren, die Geschichte wird zu 100% von schwarzen Figuren gelenkt, und sie spielt in einer Welt, die auf der Geschichte Nigerias basiert. Darüber hinaus finde ich es um so unglücklicher, dass der Weltenbau zwar auf den ersten Blick gut durchdacht wirkt, aber hin und wieder auch einfach flach fällt: Lagos und Ilorin sind zum Beispiel echte Städte in Nigeria, deren Namen Tomi Adeyemi einfach in ihre Fantasywelt übertragen hat. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich das nicht wusste und dachte, es wäre wirklich alles fiktiv. Das ist es aber nicht und das finde ich bei High Fantasy einfach nicht sehr gelungen. Einen High-Fantasy-Roman mit pseudomittelalterlichem Setting, in dem es London und Reading gibt, würden wir ja auch etwas belächeln und eigentlich ist das wirklich nichts anderes. 

Leider hatte ich auch ein wenig das Gefühl durch den Roman gehetzt zu werden. Auf 450 Seiten passiert eigentlich immer was, viele Verschnaufpausen gibt es nicht. Die hätte ich allerdings nach epischen Kämpfen, Fluchten und Aufeinandertreffen der Prota- und Antagonisten wirklich gebraucht, sodass ich zwischen den Kapiteln oft längere Lesepausen einlegen musste, um erstmal zu verdauen, was ich gerade gelesen hatte. Das hat leider zum einen dazu geführt, dass ich beim Buddy Read bald ziemlich hinterher hing (sorry, Elena), aber vor allem dazu, dass immer neue Ereignisse und Informationen auf mich eingeregnet sind, von denen mir viele leider gar nicht im Kopf geblieben sind, weil es zu viel auf einmal war. Das Pacing war mir einfach zu rasant, ein paar ruhigere Szenen hätten der Geschichte in meinen Augen gut getan. Der Roman liest sich irgendwie, als wäre er von Anfang an darauf angelegt gewesen, ein großes Actionspektakel auf der Leinwand zu sein. Und ich glaube, als Film wird die Geschichte auch sehr viel besser funktionieren. Dass die Arbeit am Film praktisch schon begonnen hat, bevor der Roman überhaupt erschienen ist, zeigt ja auch, dass das auch andere bereits erkannt haben und auf den Film freue ich mich tatsächlich. Diese Schauplätze, die Kleidung, die Action, die Tomi Adeyemi beschreibt, das alles wird als Film wahrscheinlich unglaublich gut wirken. In Romanform aber wirkt es etwas gehetzt, wenn auch sehr gut geschrieben.

DER ARME, ARME ANTAGONIST

Die Figuren sind für sich betrachtet beinahe alle interessant und rund gezeichnet, besonders Amari hat mir richtig gut gefallen. Amari ist von Anfang an stark und ausdauernd, obwohl sie sich von Zélie oft als die verwöhnte Prinzessin belächeln lassen muss, doch ihre Intelligenz und ihre Anpassungsfähigkeit an neue Situationen fand ich von Anfang an bewunderswert. Auch Zélie, die am Anfang sehr stur und selbstsüchtig wirkt, ist mir immer mehr ans Herz gewachsen und es hat Spaß gemacht, ihr dabei zuzusehen, wie sie an ihren Aufgaben wächst. Mein großes Problem jedoch war die Liebeschichte, denn mit der merkwürdigen Beziehung, die sich zwischen Inan und Zélie entwickelt, hatte ich ziemliche Probleme, denn sie besteht aus einer Mischung aus Anziehung und Hass und was war das eigentlich? Von Anfang an findet Inan Zélie anziehend, will sie aber trotzdem um jeden Preis töten und ohne zu spoilern kann ich sagen, dass ich die Entwicklung, die diese Sache im Verlauf des Romans nimmt, absolut nicht gut fand, sondern beinahe schon verstörend. Ich fand es auch einfach sehr unangenehm zu lesen, wie sich Zélie, die ihr Leben lang dafür unterdrückt wurde, dass sie von den Maji abstammt, sich ausgerechnet in ihren Unterdrücker verliebt. Gerade in Bezug darauf, dass "Children of Blood and Bone" eine Allegorie für die Unterdrückung schwarzer Menschen in den USA ist, fand ich das sehr zweifelhaft und unnötig.

Generell war Inan für mich ein großes Problem. Dass auch der Antagonist eine eigene Perspektive bekommt, finde ich eine richtig gute Idee, denn so bekommt man einen Einblick in die Denkweise der Gegenseite. Jedenfalls theoretisch, denn Inan ist diese Marke von Antagonist, die zwar ständig sehr schlimme Sachen tut oder zumindest geschehen lässt, von dem man aber glauben soll, dass er ein gutes Herz hat und das ja eigentlich alles gar nicht will und das hat mir gar nicht gefallen. Ich habe mir von Inan einen knallharten Kriegerprinzen erwartet, der durch Zélie und seine Schwester Amari vielleicht umzudenken beginnt. Stattdessen ist er eigentlich ein schwacher kleiner Junge, der weiß, dass sein Vater ein böser Mann ist, aber dessen Spiel mitspielt, weil er nicht stark genug ist, sich gegen ihn zu stellen. Besonders im Kontrast zu seiner Schwester, die ganz am Anfang beinahe ohne zu überlegen ihr privilegiertes Leben aufgibt, um das Richtige zu tun, wirkt Inan einfach schwach und ignorant. Denn wenn Amari, die von ihrer Mutter noch stärker gegängelt wird als Inan, sofort durchschauen konnte, was im Palast falsch läuft und die Möglichkeit hatte, auszubrechen, um ihrer eigenen Überzeugung zu folgen, dann hätte Inan das auch gekonnt. Er tut es aber nicht. Wäre er ein überzeugter Bösewicht gewesen, hätte mir Inan sehr viel besser gefallen. Das ist er aber nicht, sondern einfach ein schwacher Charakter, mit dem ich auch noch Mitleid haben soll und das hat mich sehr gestört.

PROBLEM? GEWALT!

Zuletzt möchte ich noch darauf eingehen, dass der Roman mir in seiner Darstellung von Gewalt einfach zu heftig war. Ständig wird gekämpft, sich gegenseitig verletzt und auch getötet und mir persönlich war das einfach zu viel, da ich auch immer wieder das Gefühl bekam, Gewalt würde verherrlicht werden. Amaris Entwicklung ist die der "schwachen" Prinzessin zur stolzen Kriegerin, die auch töten kann und das gefiel mir gar nicht, da hier Stärke damit gleichgesetzt wird, Gewalt anzuwenden und zu töten, als wäre Amari nicht von vorn herein allein durch ihre Überzeugung und Intelligenz stark gewesen.

Inans Gewalt wird zwar durchaus als schlimm beschrieben, aber nicht schlimm genug, dass Zélie sich nicht trotzdem in ihn verlieben könnte. Der Body Count in diesem Roman ist sehr hoch und, wenn es nicht gerade um Menschen geht, die Zélie und Amari wichtig waren, denken sie kaum zweimal darüber nach, wie viele Todesopfer ihre Mission fordert. Mein größtes Problem ist hier jedoch, dass die traumatischen Folgen - körperlich und seelisch - von so viel Gewalt auf der Strecke bleiben und die Figuren beinahe gar nicht beeinflussen. Die Kultur Orïshas wird tatsächlich so dargestellt, als gehörte Gewalt zum Alltag, was ich eigentlich interessant fand. Nicht nur hat Zélie als Kind mit Ansehen müssen, wie ihre Mutter und die anderen Maji getötet wurden, sie zweifelt auch gar nicht an, dass ihre Stockkampflehrerin, die sie sehr zu mögen scheint, ihre Schülerinnen schlägt, wenn diese ihre Regeln nicht befolgen. Dass das kaum reflektiert wurde fand ich einfach sehr zweifelhaft. "Children of Blood and Bone" ist ein blutiger Roman und das ist bei einem Buch rund um Unterdrückung, Krieg und Aufstand ja auch zu erwarten. Gestört hat mich aber die unreflektierte Darstellung dieser inflationär eingesetzten Gewalt, die zu Teilen auch bedenkenlos von den Helden ausgeübt und als etwas Gutes betrachtet wird. Das ist einfach gar nicht meins.

Am Ende bin ich von "Children of Blood and Bone" eher enttäuscht und kann den Hype auch nicht komplett nachvollziehen. Tomi Adeyemi kann wunderbar schreiben. Ihre Welt erwacht vor dem inneren Auge zum Leben, ihre Figuren sind größtenteils rund und interessant und besonders die kleinen Details, wie die großen Reitkatzen oder die Beschreibungen von Orten, haben mir sehr gefallen. Es hapert für mich jedoch an der eigentlichen Geschichte, die sehr 0815-Fantasy ist, am nicht immer konsistenten Weltenbau, der beinahe schon verstörenden Liebesgeschichte zwischen einer Unterdrückten und ihrem Unterdrücker und der Gewalt, die beinahe schon als Allzwecklösung betrachtet wird und kaum Konsequenzen hat. Das Ende, das einen gewaltigen Cliffhanger mitbringt, war dann der letzte Punkt, der mich eher enttäuscht zurückgelassen hat. Von mir bekommt "Children of Blood and Bone" daher 2.5 Punkte für den tollen Schreibstil, die Figuren und die gekonnt eingebauten Parallelen zu Polizeigewalt und Unterdrückung von PoC in den USA. Obwohl es für mich für mehr leider nicht gereicht hat, hoffe ich, dass der Erfolg von "Children of Blood and Bone" anderen Romanen, die von PoC handeln und in Welten abseits von Amerika und Westeuropa spielen, Türen öffnen kann.


Weitere Meinungen:

All meine Träume | Eingeschränkte Empfehlung, kritische Rezension

Isabella auf Goodreads | 3 Sterne

Ojo auf Goodreads | 2 Sterne, nigerianischer Blick auf den Weltenbau

Kommentare

  1. Hallo Kat,

    danke für die gelungene Rezension.
    Ich habe in letzter Zeit weniger YA gelesen als früher, aber dies Buch klang so gut, dass ich überlegte es zu lesen. Nach deiner, Elenas und Isabelles Rezension habe ich erstmal davon Abstand genommen. Es klingt einfach so, als würde mir nicht gefallen. Gerade unlogisches und lückenhaftes Worldbuilding ist etwas über das ich mich in der Vergangenheit leider bei einigen YA-Romanen ärgern müsste. Hinzu kommt, dass die Liebesgeschichte so klingt als würde sie mich nur aufregen.

    Was das Thema Gewalt angeht bin ich so eingestellt, dass ich (fast) alles lesen und gucken kann, ABER ich bin dennoch der Ansicht das Autor_innen mit sowas verantwortungsvoll umgehen sollten. Bei Romanen, die sich an Jugendliche richten ist dies noch wichtiger. Ich finde es z.B okay wenn Adultromane explizite Gewaltdarstellungen haben (wobei dar auch viel von der Umsetzung abhängt), aber bei YA Romanen ist da ein "Fade to Black" besser. Hinzu kommt, dass zu viel Gewaltdarstellung auch bei Adultromanen schlecht ist. Gerade die von dir beschreibende unreflektierte Gewaltdarstellung finde ich erschreckend. Selbst viele Erwachsenenromane, die ich gelesen habe, bemühen sich deutlich zu machen, dass Gewalt schlecht ist, auch wenn sie von den Guten ausgeübt wird und häufig wird auch auf die Folgen eingegangen. Ein YA Buch müsste das meiner Meinung nach noch deutlicher tun als ein Erwachsenenbuch.

    LG
    Elisa

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    1. Hallo Elisa! Danke für den Kommentar. Ja, ich sehe das auch so, dass Jugendbücher einfach eine stärkere Verantwortung gegenüber jungen LeserInnen haben. Dafür sind es ja schließlich Jugendbücher. Zu viel Gewalt, besonders welche ohne Konsequenzen, ist dabei ein richtiges pet peeve von mir und in diesem Buch ist mir einfach zu viel Blut geflossen.

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  2. Hallo Kat,

    ich habe die Rezension jetzt nur mal überflogen, da ich das Buch selbst gerne noch lesen möchte, finde es aber sehr interessant, auch einmal eine nicht so positiv ausfallende Rezension dazu zu lesen.

    Bei einigen Punkten jedoch, die du angesprochen hast, bin ich mir sicher, dass auch ich da einige Probleme mit haben werde.

    Dennoch bin ich gespannt auf das Buch und jetzt nur noch umso neugieriger auf die Geschichte =) Mal sehen, ob ich mich am Ende dann dem ganzen Hype anschließen kann, oder eher doch nicht!

    Liebste Grüße
    Ivy

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    1. Hallo Ivy! Danke für deinen Kommentar. Ich hoffe, dass dir das Buch besser gefallen wird, als mir!

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