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"Feuerprobe" von Josephine Angelini

Feuerprobe | Everflame #1 | Dressler, 2014 | 978-3-7915-2630-0 | 480 Seiten | deutsch | Amerikanische OA: Trial by Fire, 2014

Feuerrote Locken, unglücklich verliebt und so ziemlich gegen alles allergisch, was es gibt: Lily Proctor ist 17 und die Außenseiterin an der Highschool von Salem. Lily wünscht sich nichts mehr, als von hier zu verschwinden - und findet sich in einem furchterregenden anderen Salem wieder, in dem mächtige Frauen herrschen. Die stärkste und grausamste dieser »Crucible« ist Lillian - und Lily wie aus dem Gesicht geschnitten. Sind Lilys Allergien und Fieberschübe tatsächlich magische Kräfte und ist sie selbst eine Hexe? In einem Strudel aus gefährlichen Machtkämpfen und innerer Zerrissenheit, begegnet Lily sich selbst - und einer unerwarteten Liebe.

MEINE GEDANKEN

"Feuerprobe" ist so ungefähr das Paradebeispiel dafür, was in der YA-Fantasy im Moment nicht stimmt. Während mir Angelinis "Göttlich"-Reihe noch einigermaßen gut gefallen hat, konnte mich "Everflame" überhaupt nicht überzeugen und das hat so viele Gründe. So viele... An sich klang das Buch einfach wunderbar anders: Die Protagonistin ist eine Außenseiterin mit einer rätselhaften Krankheit, die sich in einer Parallelwelt wiederfindet, in der sie ihrer eigenen Doppelgängerin gegenübersteht - einer grausamen Hexe und Herrscherin. Worauf ich mich gefreut habe, und was ich in "Feuerprobe" auch wirklich gut umgesetzt fand, waren Lilys Überlegungen dazu, wie sie und Lillian ein und dieselbe Person sein können und ob Lillians Grausamkeit auch in ihr existiert. Das war überraschend nachdenklich und interessant für Jugendfantasy und bleibt eine Thematik, die ich richtig spannend finde. Leider hat das aber nicht gereicht, um "Feuerprobe" in meinen Augen lesenswert zu machen, denn hier passiert so viel, das ich einfach unmöglich fand, dass ich alle paar Seiten die Augen verdreht habe. Aber von vorn, denn den Anfang fand ich noch sehr vielversprechend: Lilys Status an ihrer High-School, ihre schwierige Beziehung zu ihrem besten Freund Tristan und auch ihre Allergien fand ich interessant und nachvollziehbar beschrieben. Das war es dann aber leider auch wirklich schon.

MEINE HAARE SIND EINFACH ZU ROT!

Ganz zu Beginn hat mich einfach nur genervt, wie Lily beschrieben wird. Es wird immer wieder betont, dass Lily total hässlich ist und sie deshalb niemand mag. Zeitgleich setzt Josephine Angelini aber alles daran, dass der Leser bemerkt, dass der Erzähler zwar sagt, Lily sei nicht hübsch, sie aber trotzdem als Naturschönheit beschreibt. Lily hat zu rote Haare, zu lockige Haare, ist zu bleich und zu dünn, aber ihr Gesicht ist ganz okay, heißt es im Buch. Und ich komme mir da echt veralbert vor. Lily ist also schlank und blass mit langen roten Locken und einem hübschen Gesicht. Sie ist also eine totale Schönheit. Was soll denn der Mist? Entweder AutorInnen fangen mal an sich zu trauen, wirklich durchschnittliche oder sogar nicht hübsche Figuren zu schreiben, oder sie stehen einfach dazu, dass ihre Heldinnen umwerfend hübsch sind, ohne zu versuchen dem Leser vorzumachen, dass es anders wäre. Es gibt einiges an Lily, das ich einfach nur merkwürdig oder sogar blöd fand: Sie ist Veganerin, was ich an sich toll fand, aber Lily ist die Art Veganerin, wie sie eigentlich nur von Nichtveganern beschrieben werden: Ein Ökohippie, der alle um sich herum belehren will. Ihr Essen wird dann auch als Grünzeug und Zweige (ZWEIGE) beschrieben, als gäbe es nicht richtig tolle vegane Optionen. Zweige, ey... 

Nachdem Lily dann ein paar Zweige gegessen und ihr furchtbares Leben geschildert hat, kommt es, wie es kommen muss: Ihr bester Freund, Tristan, in den sie genau wie jedes andere Mädchen an ihrer Schule verliebt ist, küsst sie, nur um sie kurz darauf mit einer anderen zu betrügen und für Lily bricht eine Welt zusammen. Das fand ich ehrlich gesagt gar nicht schlecht gemacht, denn es kommt für Lily zu einem Zeitpunkt, zu dem außerdem ihre Familie auseinanderbricht und ihr klar wird, dass ihre Krankheit immer schlimmer wird, sodass sie bald vielleicht nicht einmal mehr zur Schule gehen kann. Lily ist also wirklich am Ende und bis zu diesem Zeitpunkt fand ich "Feuerprobe" gar nicht schlecht, trotz der komischen Beschreibungen von Lily. Sobald sie dann jedoch in dem anderen Salem ankommt, ist das alles gegessen und so viel Spaß ich am Anfang auch mit dem Roman hatte, ab diesem Moment schlug das eher ins Gegensätzliche um, denn der Weltenbau ist sowas von nicht ausgereift. In einer Fantasywelt kann man machen, was man will, klar, aber es muss doch schon in sich selbst irgendwie Sinn ergeben? Und dieses andere Salem wirkt eher so, als hätte Angelini alles, was ihr halbwegs interessant vorkam, in einen großen Topf geschmissen, kräftig umgerührt und das Ergebnis dann über diese Geschichte gegossen. Da passt einfach nichts zusammen. 

Es gibt eine mittelalterliche Festung, in der die Herrscherin Lillian lebt, und die Menschen tragen (pseudo)mittelalterliche Kleidung. Es gibt aber auch super hohe Hochhäuser, die mit Moos und anderem Grünzeug bewachsen sind (???) und Straßencafés und dergleichen und ich konnte mir diese Welt einfach überhaupt nicht vorstellen. Es ergibt halt keinen Sinn. Als Lily erkennt, dass sie in einer Parallelwelt gelandet ist, in der es auch eine grausame, machthungrige Version von ihr selbst gibt, rennt sie erstmal weg und trifft auf Rowan und die alternative Version von Tristan und natürlich gibt es ein Love Triangle und eine unnötig ausschweifende Liebesgeschichte, die so viel Raum einnimmt, dass für den eigentlichen Plot - die böse Lillian muss ja schließlich besiegt werden, um das alternative Salem zu retten - kaum Platz übrig bleibt. Hätte Angelini den Fokus mehr auf die wirklich interessanten Dinge gelegt - zum Beispiel den Zusammenspiel von Magie und Wissenschaft im alternativen Salem oder die bereits erwähnte Thematik rund um Lily und Lillian und wie dieselbe Person sich so unterschiedlich entwickeln kann, wenn die äußeren Umstände andere sind - hätte das hier wirklich was werden können. Stattdessen gibt es aber leider viel zu viel halbwegs romantisches Hin und Her zwischen Lily, Rowan und Tristan und viel zu wenig Auseinandersetzung mit der eigentlichen Handlung.

KOPF EINZIEHEN, DIE KLISCHEES FLIEGEN TIEF

Ein paar weitere Jugendbuchklischees, die mich unendlich abgetörnt haben: Während alle anderen Hexen jahrelang trainieren und lernen müssen, um ihre Kräfte auszubauen, ist Lily natürlich etwas ganz Besonderes und wird innerhalb weniger Wochen die mächtigste Hexe der Welt. Zwei schwule Figuren werden vorgestellt, ein glückliches Paar übrigens, nur, damit Angelini den einen von ihnen in einem der ersten Kämpfe brutal töten lassen kann, sodass der andere als gebrochener Mann zurückbleibt. Da wollte wohl jemand die Bonuspunkte fürs queere Figuren einbauen absahnen, ohne diese wirklich in der Geschichte mitspielen zu lassen oder, ich weiß ja nicht, sie positiv darzustellen. Ich hätte dem Buch trotz allem beinahe drei Punkte gegeben, aber dafür gibt's Abzug, denn das geht gar nicht. Die ganze Welt dreht sich um Lily, obwohl sie behauptet eine Außenseiterin zu sein: Heimlich wollen sie natürlich trotzdem alle Jungs der Schule daten. Deshalb habe ich am Anfang auch gesagt, dass "Feuerprobe" alles vereint, was im Jugendbuch im Moment schief läuft, denn hier wird wirklich so gut wie jedes Klischee mitgenommen und zelebriert und das ist anstrengend zu lesen und macht zumindest mir einfach keinen Spaß. 

Und wer das Geschichtsgenerde in meinen letzten Rezensionen vermisst haben sollte, der kommt hier jetzt auch noch auf seine Kosten, denn was mich auch ziemlich gestört hat, ist der fehlende Bezug zu den Hexenprozessen von Salem. Dieses Buch spielt in Salem - einmal im echten Salem und einmal in einem alternativen. Dieses Buch handelt von Hexen. Lilys Nachname ist Proctor. Elizabeth Proctor war eine der berühmtesten als Hexe angeklagten Frauen von Salem. Auch der Name der "Crucibles" ist eine Anspielung auf die Hexenprozesse. Aber die Hexenprozesse von Salem werden so gut wie überhaupt nicht erwähnt und das ist so merkwürdig. Es wird darauf eingegangen, dass im alternativen Salem Wissenschaftler verfolgt werden, weil es die Hexenprozesse gab, aber da endet auch das direkt wieder. Warum Lily denselben Nachnamen trägt wie eine der Angeklagten, kommt gar nicht auf den Tisch, genauso wie man keine einzige Information zum Ablauf der Hexenprozesse von Salem im Jahr 1692 bekommt. Das ist so durch und durch inkonsequent wie das alternative Salem an sich und deshalb wirkt das alles irgendwie nicht gut durchdacht. Dieser Punkt, genau wie der Weltenbau, hätte noch einiges an Arbeit gebraucht, um zu überzeugen.

Am Ende bleibt "Feuerprobe" deshalb für mich eher ein Fehlgriff. Der Anfang ist interessant und Lily ist interessant: Ihre Allergien, ihr schwerer Stand in der Schule, ihr kaputtes Familienleben - das alles fand ich durchaus spannend. Auch die Idee eines zweiten Salems, in dem die Geschichte anders verlaufen ist, hat mir gefallen, genauso wie der Konflikt zwischen Magie und Wissenschaft und Lily und Lillian, die dieselbe Person sind, aber durch äußere Einflüsse, Erziehung und Erlebnisse vollkommen verschieden. Wäre das alles besser ausgebaut gewesen, hätte das Buch mir wirklich gefallen können, weshalb ich bereit gewesen wäre, dem Buch drei Punkte zu geben, wären da nicht die ganzen Jugendbuchklischees gewesen, die "Feuerprobe" trotz des angenehmen Stils beinahe unlesbar gemacht haben: Die "hässliche" Heldin, die eigentlich ja doch total schön ist, sofort alles kann, was andere jahrelang trainieren müssen, und der alle Jungs hinterherhecheln zum Beispiel. Die schwulen Figuren, die nur mitspielen dürfen, um sofort zu sterben. Der Weltenbau und die eigentliche Geschichte rund um Hexen, Magie und ein alternatives Salem, die hinten angestellt werden, damit seitenlang ein Love Triangle ausgewalzt werden kann. Danke, aber nein danke. Von mir bekommt "Feuerprobe" deshalb zwei Tassen: Für den Schreibstil, das Konzept und den netten Anfang. Mehr ist leider nicht drin und ich werde die Reihe auch nicht weiter verfolgen.

Kommentare

  1. "Aber die Hexenprozesse von Salem werden so gut wie überhaupt nicht erwähnt und das ist so merkwürdig. …" – Ich möchte fast sagen: Gott sei Dank. Denn wenn ich den Rest deiner Rezension lese (Fantasywelt, "mittelalterlich" angehaucht, rothaarige Hexen, die zaubern und sich bekriegen usw.), dann wäre auch mit Link zu den echten Hexenprozessen nicht gutes bei rausgekommen, sondern nur wieder eine Verknüpfung mit den üblichen falschen Klischees. Die tatsächlichen Opfer verdienen m.E. angemessenere Beachtung.

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    1. Guter Punkt, absolut! Verwirrend fand ich nur, dass sie eine Verbindung herstellt, über den Nachnamen und das Setting, aber die dann nicht erklärt. Aber da sie sonst ja auch nichts erklärt... Naja. Danke für deinen Kommentar!

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  2. Hi Kat,

    ich könnte mir tatsächlich noch vorstellen, dass die Namen einfach als Anspielung auf diese Hexenprozesse gedacht waren und nicht als Teil der Handlung.

    Mich schreckt an diesem Buch ja allein schon die Dreiecksgeschichte ab, und deine Rezension machts jetzt nicht besser. xD Haufenweise ernsthaft durchgezoegen Jugendbuchklischees - nein, danke.
    Tatsächlich habe ich die "Göttlich"-Trilogie von der Autorin vor sehr langer Zeit gelesen und fand die auch nur so lala. Die Idee fand ich unheimlich cool, aber ähnlich wie hier kam ich mit der Umsetzung nicht zurecht. Einige Charaktere waren mir schlichtweg unsympathisch (was dann fatal ist, wenn sie sympathisch sein sollen) und einige Entwicklungen fand ich ziemlich unlogisch und nervig. Ganz zu schweigen von der Dreiecksgeschichte. ^^

    Liebe Grüße,
    Dana

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