Ich bin umgezogen! Ihr findet mich und mein Blog ab jetzt unter Stürmische Seiten. Ich hoffe, wir sehen uns dort!

"Land ohne Lilien: Geraubt" von Lauren DeStefano

Geraubt | Land ohne Lilien #1 | cbt, 2013 | 978-3-641-12892-0 | 400 Seiten | deutsch | Amerikanische OA: The Chemical Garden: Wither, 2011 | Nach ca. 50% abgebrochen

Rhine ist sechzehn Jahre alt – und wird in vier Jahren sterben. Ein missratenes Genexperiment hat katastrophale Folgen für die Menschheit: Frauen leben nur bis zum zwanzigsten, Männer bis zum fünfundzwanzigsten Lebensjahr. In dieser Welt ist nicht ungewöhnlich, was Rhine passiert: Sie wird entführt und mit dem reichen »Hauswalter« Linden in eine polygame Ehe gezwungen, um möglichst schnell Nachkommen zu zeugen. Rhine präsentiert sich eine glitzernde Welt voller Luxus und Reichtum – eine Welt ohne Freiheit. Gemeinsam mit dem Diener Gabriel plant Rhine ihre Flucht, bevor es zu spät ist…

MEINE GEDANKEN

Ich habe mit Jugendbuchdystopien immer wieder dieselben Probleme: Tolle, durchaus auch gesellschaftskritische Ideen, die dann aber abgeschwächt und ohne ihr Potential zu nutzen in kaum ausgearbeiteten Welten angesiedelt werden. Leider ist das bei diesem Roman auch so. Der Klappentext klingt ein bisschen nach Margaret Atwoods "Report der Magd" und schneidet ein Thema an, das 2011 aktuell war und heute noch mehr: Frauen, die in die Rolle von bloßen Gebärmaschinen und Besitztümern gedrängt und nicht mehr als richtige Menschen angesehen werden. Wenn man an die Abtreibungsdebatte denkt, die in den letzten Monaten in den USA und auch in Deutschland Wellen geschlagen hat, und die Argumente, in denen Frauen ihre Entscheidungsmacht über den eigenen Körper abgesprochen wird, könnte man meinen, das es nicht genug Bücher geben kann, die diese Thematik aufgreifen und weiterdenken. Das ist es auch, was mich an "Geraubt" so gereizt hatte - und wieso der Roman am Ende für mich einfach enttäuschend war. Ich habe ihn nicht fertig gelesen und werde ihn daher auch nicht bewerten, aber hier sind meine Gründe für den Abbruch.

ACH, ICH BIN JA NUR ENTFÜHRT WORDEN!

Der Anfang ist spannend: Rhine wird von Mädchenhändlern verschleppt, verkauft und muss mit ansehen, wie die Mädchen, die nicht ausgesucht wurden, erschossen werden. Dann wird sie gegen ihren Willen an den Hauswalter Linden verheiratet, als "Schwesterfrau" seiner drei anderen Frauen: Cecily, die erst dreizehn ist, Jenna, und Rose, zwanzig Jahre alt und bereits todkrank. Dieser gesamte Setup wirft direkt Fragen auf, ist interessant und furchtbar zugleich. In meinen Augen ist das ein richtiges Horrorszenario und ich möchte vor allem eins wissen: Wie wird Rhine mit dieser Situation umgehen? Die Antwort ist: Erstmal gar nicht. Denn das Haus der Ashbys bietet jeden Luxus, den man sich vorstellen kann und während Rhine zwar ständig an Flucht denkt, unternimmt sie erstmal nullkommagarnix um ihrer Situation wirklich zu entkommen. Was mich daran am meisten gestört - und teilweise auch verstört - hat, ist, dass die ganze Sache irgendwie runtergespielt wirkte: Minderjährige Mädchen werden von der Straße weggefangen und zwangsverheiratet um schön viele Babys von fremden Männern zu bekommen, aber irgendwie scheint das außer Rhine niemand so wirklich schlimm zu finden. Dass Cecily erst dreizehn Jahre alt ist und von ihr erwartet wird, sich von einem einundzwanzigjährigen Mann schwängern zu lassen, wird auch nicht groß angesprochen. Ganz im Gegenteil, Cecily findet es voll super ausgesucht zu werden und kann es gar nicht erwarten, dass Linden endlich mal nachts in ihr Zimmer kommt. Liegt's an mir oder ist es leicht eklig, dass niemand mal anmerkt, wie falsch das ist?

Es ist jetzt nicht so als würde Lauren DeStefano die Situation als paradiesisch darstellen. Rhine will fliehen, zurück zu ihrem geliebten Bruder Rowan, und ihre Wut auf Linden und ihre Gesellschaft war gut und nachvollziehbar dargestellt. Aber es wirkte einfach alles so... schwach. Halt einfach verharmlosend. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass "Land ohne Lilien" ein Jugendbuch ist, aber ich hatte immer wieder das Gefühl, dass DeStefano sich nicht getraut hat, zu zeigen, wie hart diese Sache eigentlich ist. Linden stellt sich dann nämlich als eigentlich voll nett heraus und würde keiner seiner Frauen jemals wehtun, nein, nein, und das Haus im malerisch sommerlichen Florida ist luxuriös eingerichtet und, wenn man Zugriff auf allerlei virtuelle Spiele, Romane und dergleichen hat, merkt man ja beinahe gar nicht, dass man trotzdem eingesperrt ist... Ich meine, hallo? Ein Lieferwagen kommt, klaut dutzende Mädchen von der Straße weg und fährt sie wie Vieh von New York nach Florida. Drei werden ausgesucht und der Rest brutal ermordet. Dann werden die drei Mädchen eingesperrt und sollen schön viele Kinder bekommen, ob sie wollen oder nicht. Das ist hammerhart. Das ist abartig. Aber in Lauren DeStefanos Welt ist es halt einfach passiert und ja, schon bisschen schlimm, aber hey, es gibt hier echte Erdbeeren und lustige Bonbons und bunte Badebomben! Ja, okay. 

Ich fand es jedenfalls ziemlich widerlich, dass man an manchen Stellen tatsächlich mit Linden Mitleid haben sollte, der ja nun wirklich ganz oben in der Nahrungskette dieser Gesellschaft steht: Reich, schön, kann sich vier Ehefrauen kaufen, schwängert eine Dreizehnjährige (!!!), aber ja, total arm dran, der Typ, und ja auch gar nicht so schlimm! Eigentlich ist der echt nett und missverstanden. Ey, bitte. Wie Rhine langsam beginnt, sich tatsächlich mit Linden anzufreunden und immer mehr suggeriert wurde, dass er ja auch nur ein Opfer des Systems ist, hat mich richtig gestört - und auch wütend gemacht. Denn Linden tut nichts, um dieses System zu ändern, oder? Er lässt sich die Mädchen vorsetzen und schläft auch mit ihnen, nimmt einfach alles hin, aber klar, er will das ja auch nicht und ist auch eigentlich voll das arme Schäfchen. Also... nee. Wenn man sich so ein hartes Thema aussucht, dann muss man damit doch auch ein bisschen kritischer umgehen, auch - oder vielleicht sogar besonders - im Jugendbuch. Also nein, ich hatte kein Mitleid mit Linden und ich konnte auch nicht nachvollziehen, weshalb Rhine so nett zu ihm war, anstatt endlich einen Plan zu entwickeln, aus dem Haus zu fliehen, bevor es zu spät ist. 

POLKAPPEN WEG, FLORIDIANISCHE ORANGENHAINE NOCH DA?

Mein größtes Problem mit dem Roman war aber, dass er einfach keinen Sinn ergibt. Durch genetische Experimente, die schief gegangen sind, sterben jetzt alle Männer mit genau fünfundzwanzig Jahren und Frauen mit zwanzig. Aber warum? Keine Ahnung, das wird einfach nicht erläutert. Irgendwie wurde im dritten Weltkrieg die gesamte Welt zerstört, bis auf Nordamerika, angeblich, weil sie die beste Technik hatten. Mooooment. Erstmal: Haha, und zweitens: Was zum Teufel hilft super Technik gegen einen Krieg, in dem die Polkappen verdampft und die Wasserspiegel angestiegen sind? Wenn Japan, Europa und Afrika zerstört sind und nur winzige Inseln nicht überspült wurden, wie ergibt es dann Sinn, dass Nordamerika ganz geblieben ist? Wieso spürt man nicht mal in Florida an der Küste, wo Rhine jetzt im Herrenhaus der Ashbys sitzt, Auswirkungen dieser Klimakatastrophe? Wie überlebt dieses einsame Nordamerika jetzt als Insel ohne internationale Wirtschaft? Ja, irgendwo wird erwähnt, dass alles, was vorher importiert wurde, jetzt in schnell hochgezogenen Fabriken innerhalb der USA hergestellt wird, aber das ist doch mal totaler Quatsch, das kann doch gar nicht den globalen Markt ersetzen. Dass hier niemand mal hinterfragt, wie das alles überhaupt funktionieren soll... okay.

Und ich habe mich auch die ganze Zeit gefragt, wer genau dieses Inselamerika regiert und wieso niemand etwas gegen diesen Mädchenhandel unternimmt. Und wieso alle nicht ausgewählten Mädchen erschossen werden, wenn es doch so wichtig ist, dass alle so schnell wie möglich dutzende Kinder bekommen, damit die Menschheit überlebt. Frauen sind in diesem Roman ein so wertvolles Gut, dass Sammler sogar in Häuser einbrechen, um sie zu entführen (was allein schon fragwürdig ist, weil wieso ist das nötig, wenn es so viele Waisen wie Cecily gibt, die darauf brennen ausgesucht zu werden, um der Armut zu entgehen?), aber dann sind sie gleichzeitig wieder so wenig wert, dass man sie einfach regelrecht entsorgen kann, wenn ein Hauswalter sie nicht will? "Ach, die war dem einen Hauswalter nicht hübsch genug, anstatt sie den anderen anzubieten oder sie einfach wieder gehen zu lassen, schießen wir sie besser gleich tot." Es ergibt halt einfach keinen Sinn. Der Verdacht, dass hier auch einfach gar nichts recherchiert wurde, erhärtet sich dann noch, als Rhine schlau tut und behauptet, Christoph Kolumbus sei mit seiner Flotte als erster überhaupt um die Welt gesegelt... Ähm, nein. Ist er halt einfach nicht. Der Gesuchte ist Magellan. Und das lernt man in der achten Klasse oder so. Und ich frage mich einfach, wieso weder Autorin noch jemandem beim Verlag mal aufgefallen ist, dass das falsch ist. Rhine behauptet auch ständig, sie wüsste nichts von der mittlerweile zerstörten restlichen Welt, erkennt dann aber die Form des Eiffelturms. Solche Späße häufen sich und machen das Buch einfach komplett ungenießbar.

Also ja, deshalb habe ich "Land ohne Lilien" abgebrochen. Hier steckt irgendwo eine gute, durchaus auch kritische Dystopie drin, aber da hätte noch so viel mehr Arbeit reingesteckt werden müssen, vor allem einfach mal ein bisschen Recherche und Weltenbau. Wenn man mir in einer Dystopie vorsetzt, dass alle Menschen jetzt jung sterben und die ganze Welt bis auf Nordamerika kaputt ist, dann möchte ich einfach wissen, warum. "Ist halt so, weil" funktioniert vielleicht in Fantasy bis zu einem gewissen Grad, aber nicht in einer Dystopie. Dass ich dann noch Mitleid mit Linden haben sollte und die ganze Sache mit der Zwangsheirat und den auferzwungenen Schwangerschaften so verharmlost wurde, war dann das Tüpfelchen auf dem i und ich habe das Buch weggelegt. Ich habe jetzt noch "Perfect Ruin" von Lauren DeStefano hier stehen und hoffe, dass mir diese Geschichte besser gefallen wird. Aber die "Land ohne Lilien"-Reihe war wirklich nicht meins. Ich denke, ich werde um das Genre erstmal einen Bogen machen, denn ich habe das Gefühl, dass das einfach nichts für mich sein könnte. Wertung entfällt wie gesagt, da ich das Buch nicht zu Ende gelesen habe.

Keine Kommentare